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Leben mit Mindestsicherung: Tag 31 – Das Ende vom Anfang

Der österreichische Journalist Michael Wögerer hat in Wien freiwillig 31 Tage von Mindestsicherung gelebt. Es war der Versuch einer Annährung, denn was es wirklich bedeutet in Österreich arm oder armutsgefährdet zu sein, kann nur jemand nachvollziehen, den es tatsächlich betrifft. Michael Wögerer zieht Bilanz.

Geschafft! In diesen Minuten ist mein Selbstversuch 31 Tage Mindestsicherung zu Ende gegangen.

Zum Abendessen gab es heute Spaghetti mit geschälten Tomaten aus der Dose (0,33 Euro). Ich weiß, es klingt ein wenig irreal, aber es waren wirklich zum Schluss noch exakt diese 33 Cent übrig, nachdem ich heute für Tabak (5,40 Euro) und Getränke (2,05 Euro) insgesamt 7,45 Euro ausgegeben hatte.

Clever geschälte Tomaten sind wohl – abgesehen von Mineralwasser – das billigste Produkt, das ich beim “Billa” gefunden hatte und mit Gewürzen verfeinert, lässt sich daraus ein passables Sugo fabrizieren.

Somit bin ich 31 Tage lang mit durchschnittlich 7,50 Euro pro Tag für Lebensmittel, Freizeit, Tabak und Dinge des persönlichen Bedarfs ausgekommen – in Summe 232,50 Euro im Monat.

Gesammelte Rechnungen und eine Dose geschälte Tomaten. Michael Wögerer selbstversuch.
Gesammelte Rechnungen und eine Dose geschälte Tomaten. Nach 31 Tagen blieben von der Mindestsicherung noch 33 Cent übrig. (Foto: Michael Wögerer)

Das ist jener Betrag, der BezieherInnen von Mindestsicherung durchschnittlich abzüglich der Fixkosten zur Verfügung steht. Manchen mehr, vielen weniger!

Privileg

Es war mir von Beginn an ein großes Anliegen, klar zu machen, dass es sich bei diesem “Experiment” lediglich um eine Annäherung handelt. Denn was es bedeutet in Österreich arm oder armutsgefährdet zu sein, kann nur jemand nachvollziehen, den es tatsächlich betrifft.

Ich habe das große Privileg, dass ich nach diesen 31 Tagen wieder in mein “normales Leben” zurückkehren kann. Trotzdem war das Ganze für mich kein Spiel, ich wollte Öffentlichkeit schaffen für die Lebensrealitäten in diesem Land.

Ich wollte jenen einen Stimme geben, die sich nicht (mehr) darüber reden trauen oder längst aufgegeben haben, weil sie an dieser Konsumgesellschaft zerbrechen. Und ich wollte klar machen, dass es Alternativen gibt, dass ALLES veränderbar ist. Doch nur dann, wenn wir helfen und reden, unsere Netzwerke ausbauen, Freundschaften pflegen, uns organisieren und die Welt nachhaltig verändern.

Kritiker und Mutmacher

In diesem Monat gab es für mich viele besondere Begegnungen, aber auch die Erkenntnis, dass man es nicht jedem recht machen kann. Schon im Vorfeld meines “Experiments” gab es kritische Stimmen, was denn das Ganze soll. Ich hoffe, dass ich ein paar von der Sinnhaftigkeit meines “Probemonats” überzeugen konnte.

Zum Glück gab es von Beginn an auch sehr viele positive Reaktionen, die mir Mut gemacht und die Kraft gegeben haben, dieses Projekt durchzuziehen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die meinen Selbstversuch begleitet haben, wie auch immer sie letztendlich dazu stehen.

Ein großes Dankeschön an Gunther Sosna von Neue Debatte, der jede meiner Tagesnotizen auf neue-debatte.com veröffentlicht und diese einem größeren Kreis an LeserInnen zur Verfügung gestellt hat.

Danke auch den vielen FreundInnen, die mich unterstützt haben, obwohl ich manche Hilfe bewusst ausgeschlagen habe. Ihr könnt euch sicher sein, dass ich mir sehr gut merke, wer in diesem Monat an mich gedacht hat.

Wie weiter?

Es wird ein wenig Zeit brauchen, bis ich alles richtig einordnen kann, was ich in diesen 31 Tagen erlebt habe, denn so großspurig das jetzt auch klingen mag: Es hat mein Leben verändert.

“Das Sein prägt das Bewusstsein” hat ein besonderer Philosoph einmal gesagt, der durchaus selbstkritisch auch zur Erkenntnis gelangt ist, dass es darauf ankommt, die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

Für mich steht fest, dass ich mich auch in Zukunft verstärkt jenen Themen widmen möchte, die ich im Laufe dieses Monats versucht habe auf die eine oder andere Weise zu behandeln. Das bedeutet konkret, dass ich das Projekt Mit wenig Geld in Wien nicht aus den Augen verlieren werde, aber ganz besonders auch, dass es uns gemeinsam gelingen muss, die Meinungs- und Medienlandschaft in diesem Land zu verändern.

Aufgrund meines nun zu Ende gehenden Experiments musste ich die Arbeit für Unsere Zeitung ein wenig zurückstellen, doch heute ist mir noch viel stärker bewusst, wie wichtig es ist, eine Zeitung zu entwickeln, die ganz bewusst nicht jenen dient, die es sich sowieso selbst richten können, sondern all jenen zur Seite steht, die von einer besseren Welt träumen.

Sí, se puede! (Ja, wir schaffen das!)

Alles Liebe!
Michael


Alle Tagesnotizen:

31 Tage Mindestsicherung – Eine Annäherung (30.4.)

Tag 1 – Kein Spiel! (1.5.)

Tag 2 – Konsumgesellschaft (2.5.)

Tag 3 – Öffentlichkeit schaffen! (3.5.)

Tag 4 – Lebensrealitäten (4.5.)

Tag 5 – Freundschaft (5.5.)

Tag 6 – Netzwerke (6.5.)

Tag 7 – Kein Märchen (7.5.)

Tag 8 – Befreiung (8.5.)

Tag 9 – Nachhaltigkeit (9.5.)

Tag 10 – Durchatmen (10.5.)

Tag 11 – Lebenserwartung (11.5.)

Tag 12 – Exklusiv (12.5.)

Tag 13 – Soziale Hängematte (13.5.)

Tag 14 – Sigi, du fehlst! (14.5.)

Tag 15 – Halbzeit (15.5.)

Tag 16 – Beim Frisör (16.5.)

Tag 17 – Für Lisa (17.5.)

Tag 18 – Hunger auf Kultur (18.5.)

Tag 19 – Gratis-Essen für alle (19.5.)

Tag 20 – Wenn ich Sozialminister wäre (20.5.)

Tag 21 – Grundbedürfnisse (21.5.)

Tag 22 – Planung (22.5.)

Tag 23 – Helfen und reden (23.5.)

Tag 24 – Mobilität (24.5.)

Tag 25 – Hotel Mama (25.5.)

Tag 26 – Wien, Stadt der Gegensätze (26.5.)

Tag 27 – Selbstüberschätzung (27.5.)

Tag 28 – Gefährliche Drohung (28.5.)

Tag 29 – Armut ist relativ (29.5.)

Tag 30 – Euer Wort (30.5.)


Foto: StockSnap (Titelbild); pixabay.com; Creative Commons CC0 und Michael Wögerer.

5 Kommentare

  1. passend, dass sie das tagebuch mit einem merkel-zitat beenden …
    hat sie big brother oder doch das dschungelcamp mehr dazu inspiriert, die perversionen, die für viele alltag sind in den „alternativen journalismus“ einzubringen?
    vielleicht schreiben sie auch mal darüber, wie toll unbezahlte ehrenamtliche arbeit ist, wie toll es ist, dass es „tafeln“ gibt und wie man doch eigentlich ganz brav und rechtsstaatlich sich einrichten kann … so dass man dies sogar ganz freiwillig und auch noch mit „geistigem gewinn“ macht … etwas blöd ist nur, dass es mit der realität der wirklich betroffen nix zu tun hat … aber genau das ist es, was noch von allen zu schaffen sein muß … die neue-debatte widmet sich da einem uralten thema “ sei fromm, brav und bescheiden … im jenseits wird es dir gelohnt …“ und scheint den begriff von „NEU“ leider nur mit neuauflage zu assoziieren … hmmm ….

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      1. dachte ich mir schon, dass merkel in der tradition von streikenden landarbeitern argumentiert^^

        du wirst bestimmt ein sehr erfolgreicher journalist, wenn du so flexibel mit deutung/interpretation umgehst … für politik scheinst du auch sehr geeignet … ich schreib das nur, weil du ja genug fans zu haben scheinst … und sich keiner wundern muß, wenn NIX besser wird

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  2. tztztz … ich sehe gerade, dass du den text nachträglich geändert hast >>> sagte ich doch: immer schön flexibel bleiben:-))

    übrigens ist es für mich SEHR fraglich, ob und welche fans ihr in berlin finden werdet … sich mit INHALTEN kritisch auseinandersetzen wäre doch auch mal ein „expriemnt“ wert

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  3. Hallo Mike,
    mit Spannung habe ich auf den letzten Beitrag von dir gewartet. Im Grunde kann ich meiner Vorrednerin Marie nur beipflichten. Zudem habe ich nicht den Eindruck, dass dir dein Experiment wirklich gelungen ist.
    „…war kein Spiel für mich…öffentlichkeit für die Lebensrealitäten in diesem Land schaffen.“
    Ich denke nach wie vor, dass es „Spiel“ oder „Urlaub“ für dich war. Mit der „Lebensrealität“ hat das Experiment nichts zu tun. Warum das dein Leben verändert haben soll, will sich mir nicht erschließen.
    „…aufgegeben haben, weil sie an der Konsumgesellschafft zerbrechen“
    So kann man es auch ausdrücken. Aber auch so: „An eine kranke Gesellschafft gut angepasst zu sein, ist kein Zeichen für geistige Gesundheit.“ Eine Erkenntnis, die man auch erst mal gewinnen muss. Vergiss nicht, „Das sein prägt das Bewusstsein“, und du bist „priveliegierter“.
    „…gemeisam gelingen muss, die Meinungs- und Medienlandschafft zu verändern.“ Mit „gemeinsam“ sprichst du ja hoffentlich deine Kollegen an, die für den Ist-Zustand und eine Veränderung der Meinungs- und Medienlanschafft verantwortlich sind. Du versuchst es bei diesem Thema und das finde ich sehr löblich. Wenn du dann allerdings sagst, „…Zeitung entwickeln, die ganz bewusst nicht jenen dient, die eh priveliegiert sind.“ frage ich mich, für wenn denn dann. Das ist das Klientel, welches ein falsches Bild von den nicht previlegierten haben, dank der Medien. Es wäre genau deren Solidarität und Verständnis, die für Veränderungen nötig wären. Die wirklich langfristig nötigen Veränderungen sind allerdings derart gewalltig, dass man es lieber als zu utopisch einstuft. Es könnte einem ja um ein paar Euros schlechter gehen als vorher. Angst ist der Inovationskiller schlecht hin. Und genau deshalb ist der Spruch „Si, se puede!“ nicht nur unpassend und plakativ, sondern auch unnötig optimistisch und beinhahe utopisch.
    Eine Zeitung/Tv hat/haben jedenfalls theoretisch die Macht, gewaltige Veränderungen herbei zu führen, wenn die Bosse es denn wollen. Hier ist des „Pudels Kern“ zu suchen.
    Ich denke, du bist ambitioniert und auf der richtigen Spur, lass dir keine Angst machen und alles wird gut auf deinem Lebensweg. Viel Glück!

    Plus est en vous! – In euch steckt mehr!“

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