Gesellschaft Rainer Kahni

Deutsche und Franzosen – Das Missverständnis einer Freundschaft

Der Höhepunkt im Leben eines jeden Franzosen ist es, wenn er sich ein deutsches Auto leisten kann. Eine deutsch-französische Freundschaft gibt es nicht, allenfalls einen respektvollen Abstand.

Deutsche Politiker führen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die hohle Phrase von der «deutsch–französischen Freundschaft» im Munde. Das ist ein Missverständnis.

Die Franzosen fühlen sich absolut nicht als Freund von irgendeiner anderen Nation. Was die Franzosen mit Deutschland verbindet, ist großer Respekt vor den Tugenden und Leistungen der deutschen Bürger.

Dabei verklären die Franzosen geradezu die angebliche Seriosität, die Pünktlichkeit und die Sauberkeit der Deutschen. Sie erkennen, seit der Achse der beiden Staatsmänner Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, dass man gemeinsam ein starkes Gewicht in Europa haben könnte.

Wenn man einen Franzosen aber darauf hinweist, dass die deutschen Eigenschaften alles Tugenden längst vergangener Zeiten sind, so stößt man auf Unverständnis und Ablehnung. Nein, der Franzose bleibt unbeirrbar bei seinem freundlich gesinnten Deutschlandbild.

Er weiss einfach zu wenig über Deutschland, sieht kaum Nachrichten über deutsche Ereignisse und Politik, versteht die Sprache nicht und ist nach wie vor voller unkritischer Bewunderung für alles Deutsche.

Der Höhepunkt im Leben eines jeden Franzosen ist es, wenn er sich ein deutsches Auto leisten kann. Das steigert automatisch sein Ansehen bei seinen Freunden und Verwandten.

Wollen wir einmal an ein paar Beispielen verdeutlichen, was die gravierendsten Unterschiede zwischen Franzosen und Deutsche ausmachen:

Was der Franzose liebt und achtet:

Seine Familie, seine Nachbarn, seine Freunde, seine Maîtresse und seine geschiedene Frau, seine Kommune, sein Baguette, seine Meeresfrüchte wie Lachs, Austern, Crevetten, seinen Wein, seine Gänseleber, den quatorze Juillet (Nationalfeiertag), seine Marseillaise, den Champagner, freundlichen Service, Sauberkeit in den Raststätten der Autobahnen, die Tricolore, seine Sapeurs–Pompiers (Feuerwehr und Krankenwagen), die Soldaten der Grande Nation und die Nutten an ihren Stammplätzen sowie das Kreuz der Ehrenlegion. Bricolage (Heimwerker), Feste aller Art wie Barbecues, außerdem Katzen und Hunde, Traditionen und Brauchtum, Pflege seiner Kulturgüter, die Jagd, seine Kriegsveteranen und deren Feiertage wie den 8. Mai, Chansons von Edith Piaf, Yannick Noah, Johnny Hallyday, Henri Leconte, Harley Davidson, Gitanes maïs und Gauloise, die Tour de France, Streiks und Demonstrationen gegen alles, was von oben kommt. Kastanienfeste im Parc Mercantour.

Was der Franzose verachtet :

Alle Politiker (egal welcher Parteizugehörigkeit), Absolventen von Elite-Universitäten wie der ENA, der Science Po, der Ecole Polytechnique, alle Polizeiabteilungen wie Police Nationale, die Schnauzenpolierer von der CRS, Gendarmerie Nationale, Police Judiciaire, Renseingement Generaux (Geheimdienst), Justiz, Richter, Staatsanwälte, die gesetzlichen Krankenkassen und Rentenkassen, alle Funktionäre (Beamte), die France Telecom, die Général des Eaux (Wasserversorger), die EDF (Stromversorger), die Amerikaner, die Engländer sowieso, die Russen auf jeden Fall, die Staatskasse (Tresor Public), die Banken (besonders den Crédit Lyonnais), Rechthaberei und Arroganz der Pariser, schlechtes Essen, unfreundlichen Service, die Hotlines von staatlichen Versorgern, Advokaten, Streit und Disharmonie, schlechte Manieren, Intoleranz und natürlich einen schwarzlackierten BMW (Frankreichs Zuhälter- und Gangster-Karre Nr. Eins), alle Anglizismen (englische Ausdrücke in der französischen Sprache), Respektlosigkeit, Unhöflichkeit, seinen Peugeot und seinen Renault, Denunzianten, Obrigkeitshörigkeit.

Das lässt sich im Einzelnen gut begründen. Danach kann der geneigte Leser leicht vergleichen, wie fremd sich die Franzosen und die Deutschen im Grunde sind und wie wenig sie miteinander gemein haben. Eine deutsch-französische Freundschaft gibt es nicht, allenfalls einen respektvollen Abstand.

Was die Politiker über das deutsch-französische Verhältnis in ihren Sonntagsreden daherschwafeln, ist ausgemachter Blödsinn. Der vom Volk direkt gewählte Präsident einer Atom- und Überseemacht fühlt sich schon rein protokollarisch einer deutschen Bundeskanzlerin überlegen. Dass Deutschland ebenfalls einen Präsidenten hat, ist dem Franzosen völlig unbekannt.

Fangen wir einmal mit den Politikern in Frankreich an. Jeder Durchschnittsfranzose hält alle Politiker, egal welcher Couleur, a priori für Lügner, Betrüger und Diebe. Daher ist er auch überhaupt nicht überrascht, wenn täglich neue Skandale, Histörchen und neue Korruptionsaffairen über die Medien gemeldet werden. So etwas tut der Franzose mit einem Achselzucken ab und kommentiert: » Ce ne sont que des voyous. » (Das sind ohnehin alles Gauner.). Er macht sich also keinerlei Illusionen über seine Politiker.

Die Richter verknacken die Einbrecher zu Strafen, dass die Knäste überlaufen. Wo Sie stehen und gehen, Polizisten, Polizisten, Polizisten! Den männlichen Polizisten nennt man Flic, die Weiblichen Flicette. Ausländer, die nicht parieren, werden ohne langes Federlesen einfach abgeschoben. Sogar ein besonderes Gesetz wurde erlassen, wonach man an Zebrastreifen als Autofahrer anzuhalten hat, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, nicht so in Frankreich.

Die Richter sind sehr einfallsreich bei der Kreation von Strafen. Zunächst wird darauf geachtet, dass niemand seine Arbeit verliert wegen eines Gerichtsurteils.

Vermögensschäden werden prinzipiell nur mit Geldstrafen geahndet. Bei Vorbestraften gibt es schon einmal Gefängnis mit Bewährung, verbunden mit hohen Geldstrafen. Die Trunkenheitsfahrt eines Berufskraftfahrers wird zum Beispiel so geahndet: Er muss seinen Führerschein abgeben, bekommt eine besonders gekennzeichnete Fahrerlaubnis für den Berufsverkehr und nach Feierabend fährt er Fahrrad. Täglich muss er zur Polizei, um einen Alkoholtest zu machen. So kann er weiterarbeiten, verliert nicht seinen Arbeitsplatz und ist doch bestraft.

Schäden gegen die Unversehrtheit des Körpers, des Geistes oder der Seele eines Anderen werden unnachgiebig mit hohen Gefängnisstrafen geahndet. Fährt eine Hausfrau ein Kind an, weil sie im Auto mit dem Handy telefoniert hat, so gibt es bis zu sieben Jahre Knast.

Pädophile, Kinderschänder, Vergewaltiger und Totschläger brauchen die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre keine eigene Wohnung mehr zu suchen, sie wird vom Staat in den zahlreichen Knästen gestellt.

Advokaten kommen in Frankreich in der Rangliste der angesehenen Berufe kurz vor dem Berufsgauner, dem Falschspieler oder Dauerbescheißer.

Wenn der Begriff noch nicht erfunden worden wäre, hier in Frankreich passt der Winkeladvokat genau in das Klischee vom verlogenen, geldgierigen und völlig inkompetenten Rechtsverdreher. Er wird in der Bevölkerung deshalb auch herzlich verachtet.

Hat ein Franzose ein juristisches Wehwehchen, so geht er lieber zu seinem Notar, der besser ausgebildet ist und jeden Rechtsstreit gerne vermeidet. Der Advokat dagegen ist auf Prozesse aus, dann kann er willkürlich jedes Honorar fordern, da es eine einheitliche Gebührenordnung für Anwälte nicht gibt.

In seine Verachtung schließt der Franzose alles ein, was irgendwie staatlich, halbstaatlich, nach Beamten, Justiz oder Ähnlichem riecht. Er will mit der Obrigkeit möglichst nichts zu tun haben.

Deshalb käme er auch im Traum nicht auf die Idee, jemanden zu verklagen, zu denunzieren oder bei der Polizei anzuzeigen. Das würde auch schon an den Zuständen in der französischen Justiz scheitern. Für die Zivilklage in erster Instanz benötigt man circa fünf Jahre, die zweite Instanz dauert circa acht Jahre, bis dahin hat jeder das Interesse an dem Verfahren verloren.

Zeigt der Franzose tatsächlich einmal einen anderen Franzosen an, so wird der zu gleicher Zeit laufende Zivilprozess so lange unterbrochen, bis das Strafverfahren abgeschlossen ist. Außerdem muss er die Kosten des Strafverfahrens bezahlen, sollte der Angezeigte nicht verurteilt werden. Das Ganze dauert dann circa zehn Jahre.

Deshalb werden Streitigkeiten unter Franzosen in Frankreich ganz anders geregelt: Will jemand etwas Illegales auf seinem Grundstück bauen, wie zum Beispiel ein Barbecue, ein Poolhaus oder einen Geräteschuppen, oder will er etwa gar sein Wohnzimmer erweitern, dann nimmt er ein Stück Papier, einen Bleistift und eine Flasche Rotwein und geht zu den Nachbarn.

Hat man sich nach langem Palaver und ausführlichem Genuss von Rotwein arrangiert, dann wird gebaut. Die Behörden interessiert das nicht, solange kein Nachbar sich beschwert. Sie halten sich raus.

Jetzt beginnt die monatelange Bauphase. Natürlich alles Marke Eigenbau (Bricolage). Samstags wird das Anhängerchen von Opa geliehen und es geht zu Castorama, um Baumaterial zu kaufen. Dabei beobachtet man ganz genau die gegenwärtigen staatlichen Baumaßnahmen und hält schon einmal an einem Sandhaufen oder bei Steinpaletten an. Castorama hat auch sonntags geöffnet, wie fast alle Läden in Frankreich. Also, es wird monatelang gebastelt, gehämmert und gesägt, morgens, mittags und abends. Wird’s dem Nachbar zu dumm, fängt alles wieder von vorne an und es regnet wieder Rotwein.

Wird eines der vielen Feste gefeiert, Hochzeiten, Geburtstage, quatorze Juillet oder auch Partys der ganz Jungen, dann liegt eine Woche vor dem beabsichtigten Fest ein Brief im Briefkasten aller Nachbarn, in dem darauf hingewiesen wird, dass es verdammt laut wird und man sich heute schon dafür entschuldigt. Aus. Das kann bis morgens um fünf Uhr dauern, ohne dass irgendjemand auf die Idee käme, die Polizei zu rufen. Sie käme wohl auch nicht. Der Staat hält sich sehr gerne raus und überlässt das Regeln von Problemen seinen Bürgern.

Zu den Festen werden alle Verwandte, Opa und Oma, alle Kinder, Neffen, Nichten und deren Freunde und natürlich die geschiedene Ex mit ihrem neuen Ami eingeladen. Deine Kinder, meine Kinder, unsere Kinder, alles durcheinander. Man versteht sich prächtig und laut. Da kommt ganz schön etwas zusammen und man darf als Nachbar nicht lärmempfindlich sein. Urlaub macht der Franzose fast immer im eigenen Land. Er fährt mit Sack und Pack an das Meer. Höchstens wird noch die Nordküste der Costa Brava heimgesucht, da dort fast jeder Spanier französisch spricht. Ganz vornehme Franzosen reisen nach Martinique, da sie auch dort noch auf eigenem Territorium sind und man nur Französisch spricht.

Am 14. Juli, dem höchsten französischen Nationalfeiertag, wird morgens im Kreise der Familie auf allen Kanälen des französischen Fernsehens die Militärparade in Paris verfolgt.

Es ist die höchste Ehre für jeden Franzosen, wenigstens einmal im Leben während seiner Militärzeit, an der Parade auf den Champs Élysées teilgenommen zu haben. Davon schwärmt er noch seinen Enkeln vor. Auch seine Kriegserlebnisse werden dabei immer wieder gerne erzählt, obwohl bis ins Detail allen schon hinreichend bekannt. Dann geht es zum Dejeuner.

Anschließend wird traditionell das Interview mit dem Präsidenten der Republik im Fernsehen angeschaut und kräftig gelästert. « n’importe quoi !! », ruft der Franzose immer wieder, was sich ungefähr mit: « was der wieder für einen Mist erzählt » übersetzen lässt.

Abends wird sich fein gemacht, man geht zu Freunden zur Soirée, um 22 Uhr steht alles auf und singt ergriffen die Marseillaise. Danach wird das Spektakel eines monströsen Feuerwerkes genossen und anschließend wird gezecht bis in die Puppen. Wer die Marseillaise oder die Tricolore verspottet oder sich ungebührlich verhält, wird in Frankreich mit Gefängnis bestraft! (Kommt aber selten vor). Kein Franzose käme auf die Idee, seine Soldaten zu beleidigen. Das wäre unpatriotisch!

In jedem Franzosen steckt ein kleiner Revoluzzer. Wenn in Frankreich gestreikt wird, so solidarisiert sich der Franzose quasi automatisch mit den Streikenden, egal welcher Blödsinn diesem Streik gerade wieder einmal zugrunde liegt.

Im Herbst streiken traditionell die Lkw-Fahrer. Das ist abzusehen und man kann sich gut darauf vorbereiten. Man kauft den Supermarkt leer, tankt das Auto noch einmal auf und besorgt sich noch genügend Baumaterial zum Heimwerkern. Dann beginnen die sogenannten «Herbstferien». Wegen höherer Gewalt kann man ja nicht zur Arbeit.

Toll wird es, wenn die Gefängniswärter streiken, sie schmeißen die Schlüssel der Knäste weg, führen keinen Angeklagten mehr bei Gericht vor und prügeln sich mit den Kollegen der Bereitschaftspolizei (CRS) in leidenschaftlichen Straßenkämpfen. Ein unverzichtbares Ritual – muss man einfach gesehen haben, selten so gelacht.

Die Schafhirten im Parc national du Mercantour demonstrieren gegen die Naturschützer, die die Wölfe nicht abschießen lassen wollen. Also treiben die Hirten Zehntausende von Schafen in die Straßen von Nizza und bringen den Verkehr zum Erliegen. Ganz Nizza stinkt dann tagelang nach Schafsmist. Aber die Bevölkerung lacht sich halb tot vor Vergnügen.

Dass die Post, die Bahn, die Polizei, die Ärzte, die France Telecom oder gar die EDF regelmäßig streiken, ist völlig normal. Mal bekommt man keine Briefe, mal fährt tagelang kein Zug, die Polizei schließt einfach ihre Reviere und die Feuerwehr kommt nicht mehr zum Löschen. Wenn die France Telecom oder die Electricité de France streiken, gibt es stundenlang kein Telefon und keinen Strom. Deshalb hält sich der Franzose immer viele Kerzen auf Vorrat im Haus und telefoniert fast ausschließlich mit dem Handy.

Dabei heisst das gar nicht Handy in Frankreich. Wenn er etwas verabscheut, so sind dies Anglizismen in der französischen Sprache.

In Frankreich gibt es sogar ein Gesetz (Anm. d. R.: Loi relative à l’emploi de la langue française), das englische Ausdrücke verbietet. Das Handy ist ein Portable, Computer heißt Ordinateur, das Weiße Haus wird zum Maison blanche und Pool heißt Piscine. Carwash heißt Lave voiture. Mailbox ist der boîte au lettre, Messagebox wird messagerie vocale genannt und Milchshake bestellt man in Frankreich als Lait frappé. Nur für das Weekend hat der Franzose noch keinen französischen Begriff gefunden, deshalb wünscht er «bon wiekende» in der fälschlichen Annahme, dass dies Französisch sei. Fragt mich doch kürzlich so eine aufgetakelte Schicki-Micki-Touristin aus Düsseldorf ganz pikiert in der Bar des Hotel Martinez in Cannes: «Warum spricht denn hier kein Mensch Englisch?» Meine Antwort: «“C’est tres simple, Madame, nous sommes en France!»

Das Sozialsystem funktioniert völlig anders als in Deutschland. Jeder arbeitende Franzose, egal ob selbstständig, Arbeiter, Angestellter, Beamter, Abgeordneter, Minister oder Unternehmer, zahlt, seinen Pflichtbeitrag bei allen gesetzlichen Kranken-, Renten- und Arbeitslosenkassen. Darüber hinaus kann er sich privat für höheren Leistungsumfang versichern.

Geht er zu einem Arzt, so zahlt er diesen Besuch zunächst selbst, ebenso das Labor und die Arzneimittel. Danach reicht er die Rechnungen zur Rückerstattung bei seinen Kassen ein. Der französische Arzt ist ein hervorragender Diagnostiker, das muss er auch sein, denn er hat außer einem Rezeptblock und einem Stethoskop praktisch keine technischen Hilfsmittel. Kommt es ganz schlimm, so überweist er den Patienten an einen Spezialisten oder in ein Krankenhaus.

Das Essen und Trinken nimmt beim Franzosen einen zentralen Stellenwert ein. Selten wird er richtig giftig, da er sehr auf Harmonie bedacht ist, doch wenn das Essen nicht köstlich ist, so kann er ausgesprochen ungeduldig werden. Bei der Auswahl seiner Lebensmittel ist er sehr pedantisch. Er kauft nur frische Ware und kostet vor jeder Auswahl die Qualität des Obstes, des Käses oder des Weines.

In jedem Supermarkt in Frankreich werden pfundweise Kirschen, Bananen, Äpfel, Crevetten, Austern, Schinken und natürlich der Käse probiert, bevor man sich entscheidet. Am besten, man stellt sich hinter eine dicke Araber–Mama mit Tschador, da diese Klientel am kritischsten ist. Dort wo sie zugreift, kann man getrost kaufen, denn sie hat ein feines Gespür für gute Ware und fängt gleich an zu kreischen, wenn ihr etwas nicht passt. Ansonsten ist das Einkaufen ein Genuss. Es gibt keinen Stress, die Leute sind höflich und rücksichtsvoll, das Personal ist überfreundlich und hilfsbereit. Es macht richtig Freude, in Frankreich einzukaufen.

Das Auto ist dem Franzosen eher gleichgültig. Ob es Schrammen oder Beulen vom Einparken hat, ist dem Franzosen rechtschaffen egal. Steht am Berg und jault, ein Renault! Peugeot wird spöttisch als Pigot verlacht, was so viel heißt wie Pisser. Ein deutsches Auto aus Stuttgart zu erwerben, ist der Höhepunkt im Leben eines Autofans.

Die Damen des horizontalen Gewerbes (Les fleurs de Bitumes; Blumen des Asphalts) gehören zum Straßenbild, wie der Bäcker, der Metzger, der Flic und die tratschenden Omas. Ist es kalt im Winter, bringt die alte Oma der frierenden «Madame» auch schon mal eine Kanne heißen Tee auf die Straße.

Das sollte alles schon einmal verboten werden. Nicolas Sarkozy, von 2007 bis 2012 Staatspräsident der Französischen Republik, machte Jagd auf die Huren. Da hatte er die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht. Die Damen demonstrierten vor dem Élysée-Palast und drohten, ihre kleinen Adressbüchlein zu veröffentlichen, wenn die Schikanen nicht aufhören. Ganz Frankreich war natürlich sofort solidarisch und siehe da, seither lässt man die «Damen» in Ruhe. Da die Politiker alle ihre kleinen Affairen haben, war weiteres Geschrei zu vermeiden.

Kraftausdrücke kennt insbesondere der Südfranzose in allen Variationen, wobei «merde» noch einer der harmlosesten Ausdrücke ist. «C’est un con», oder weiblich, «une conne», ist auch sehr beliebt, womit er den Blödmann meint. Wenn er seinen Gesprächspartner für schlicht verrückt hält, heißt das bei ihm «il est fou, ce mec», oder weiblich «tu est folle?«.

Am liebsten arrangiert er sich aber in seiner grenzenlosen Harmoniesucht, «on va s’ arranger», oder es regelt sich alles irgendwie von selbst, «on se débrouille». Wenn ihm allerdings etwas völlig wurscht ist, dann betont er dies durch einen kecken Handwurf über seine Schulter, bläst die Backen dazu auf und brummelt «Je m’en fous». Auf bayerisch in etwa: Des geht mir am Oarsch vorbei!

Sein Auto nennt der Franzose wahlweise, je nach Zustand: «voiture, vehicule, bagnole, chariot oder poubelle mobile». Die Begriffe stehen für «Automobil, Kraftfahrzeug, Karre, Einkaufskiste oder fahrender Mülleimer».

Die französische Form des klassischen Zitates des Götz von Berlichingen geht so: «Va te faire foutre!» Und schliesslich, wenn es dem Franzosen gar zu viel wird, wünscht er seinen Gesprächspartner schlicht zum Teufel: « … que le diable t’emporte».

Wenn er dann nach einem langen, glücklichen Leben schließlich stirbt, sagen die Verwandten: «Il avez cassé la pipe». Die Erklärung dieses Begriffes geht so: Wenn früher der Bauer im Sterben lag und man wußte nicht so genau, ist er schon tot oder lebt der alte Mann noch, so schob man ihm eine dampfende Tabakpfeife in den Mund. Wenn er nicht mehr daran zog und sie herunterfiel, war der gute Mann tot. Daher: «Il s’ casse la pipe».

Dialekte werden in Frankreich gepflegt und haften lebenslänglich im Idiom eines Franzosen. Den Südfranzosen erkennt man zum Beispiel ganz leicht, er spricht nämlich keine Nasallaute.

So heisst «bien» bei ihm «bieng», «matin» heißt «mateng» und «Provence» heißt «provenze». Wenn ein Tier lebhaft ist, sagt man «il bouche bieng» und geboren ist man nicht in «Perpignan» sondern in «Perpignanne». Die größten Geizhälse kommen aus Clermont-Ferrand in der Auvergne, deshalb nennt man einen gierigen Franzosen (also einen «radin» oder weiblich «radine») einen «Auvergniat».

Der Pariser quatscht wie ein Maschinengewehr und ist oft hektisch, arrogant und daher sehr unbeliebt in Frankreich. Doch ein Viertel aller Franzosen leben in Paris, daneben gibt es noch die Großstädte Lyon, Marseille und Nizza, der Rest ist dünn besiedeltes Land. Je nach Département ist die Mentalität sehr unterschiedlich, die Dialekte unterscheiden sich enorm.

Monsieur Rainer

Paris/Biot


Rainer Kahni ist ein deutscher Journalist und Autor. Er lebt in Frankreich.Über den Autor: Rainer Kahni wuchs am Bodensee auf und lebte viele Jahre in Paris. Er ist Autor von zahlreichen Romanen, Polit- und Justizthrillern. Seine Sachbücher, Romane und Kolumnen erreichen eine breite internationale Leserschaft.

Er ist Mitglied von Reporters sans frontières, berichtete als Journalist aus Krisengebieten und veröffentlichte Reportagen und zeitgeschichtliche Dokumentationen.

Rainer Kahni, auch bekannt als  Monsieur Rainer, lebt heute in Südfrankreich und publiziert immer wieder kritische Artikel zur Entwicklung der Demokratie und der Politik in Deutschland und Europa.


Foto: Alexandra/München (pixabay.com) – Creative Commons CC0

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