Pakistan: Erzwungenes Verschwinden von Menschen geht weiter

In den letzten Wochen verschwanden politische Aktivisten in den Provinzen Sindh und Baluchistan. Am Freitag erklärte das permanente Komitee für Menschenrechte des Senats, Polizei und lokale Behörden hätten keine Hinweise zu Aufenthaltsort und Umständen der verschwundenen Personen.

Pakistanische Regierungsvertreter mussten der UN Kommission für Menschenrechte im Bezug auf erzwungene Entführungen, die von Militär und Geheimdiensten ausgeführt wurden, Rede und Antwort stehen.

Es ist des erste Mal, dass die Vereinten Nationen Pakistans Politik im Bezug auf Menschenrechte und Bürgerrechte überprüften. In den letzten Jahren erreichten solche Entführungen ein alarmierendes Ausmaß.

Der bekannte soziale Aktivist Samar Abbas wurde am 7. Januar 2017 als vermisst gemeldet. Er war einer der Gründer der Civil Progressive Alliance, einer Aufklärungskampagne für die Öffentlichkeit nach dem Peshawar Army Public School Anschlag im Dezember 2014, bei dem sechs Bewaffnete, die mit Tehrik-i-Taliban in Verbindung stehen, 141 Menschen, darunter 132 Schulkinder, töteten.

Brad Adams, Direktor von Human Rights Watch Asia, sagte:

Die Art und Weise dieser scheinbaren Entführungen stellen die Regierung von Nawaz Sharif vor die Wahl, entweder Teil der Lösung zu sein oder für ihre Rolle in diesem Problem verantwortlich gemacht zu werden.

Er fügte hinzu, dass „die Regierung Maßnahmen gegen die Unsicherheit, der sich Journalisten und Aktivisten ausgesetzt sehen, ergreifen muss, da sie einen ernsthaft abschreckenden Effekt auf ihre Arbeit hat“.

In den letzten Wochen verschwanden politische Aktivisten in den Provinzen Sindh und Baluchistan. Am Freitag erklärte das permanente Komitee für Menschenrechte des Senats, Polizei und lokale Behörden hätten keine Hinweise zu Aufenthaltsort und Umständen der verschwundenen Personen.

Am Tag von Eid, dem Fest des Fastenbrechens – dem Feiertag, der das Ende des Ramadan kennzeichnet und während dem muslimische Familien mit ihren Angehörigen feiern – organisierten die Familien der Verschwundenen ein Sitzstreik vor den Karachi Press Club, um Gerechtigkeit für ihre Angehörigen und deren Kameraden zu fordern. Verschiedene soziale und politische Aktivistengruppen nahmen ebenfalls an den Protesten teil, Regierungsvertreter hingegen waren keine zu sehen.

Nach dem Sitzstreik marschierten die Protestierenden von Sindh aus in Richtung Karachi. Am Freitag, nach 10 Tagen Protestmarsch, kamen die Familien der Opfer in Karachi an und wurden von der Zivilbevölkerung warm empfangen.

Der aus der Provinz Sind stammende nationalistische und politische Aktivist Dodo Chandio verschwand am 11. Juli zusammen mit seinen Kameraden Mehran Chandio, Asif Buldei, Nadeem Kolachi und Saif Jatoi. Fast alle sind Mitglieder von Jiye Sindh Qoumi Mahaz (JSQM) und Jiye Sindh Muthahida Mahaz (JSMM), den berühmten nationalen Parteien der Provinz Sindh, die viele Anhänger sowohl in den Städten, als auch in ländlichen Gegenden haben.

Zudem verschwanden auch der Präsident der Partei, Qambar Shahdadkot, Parteimitglied Ejaz Tunio, Mitglied des zentralen Komitees Sabir Chandio sowie die Unterstützer Murtaza Junejo, Hidayat Lohar, Suhbat Khoso, Khadim Hussain Arijo und Mohammad Ayub Kandhro aus verschiedenen Teilen der Provinz. Nach Angaben mehrerer Quellen wird Subghat Khoso seit 2011 vermisst.

Shabir Azad Buledi von der Menschenrechtsorganisation der Provinz Sindh und Sekretär der Abteilung Karachi, wurde am Samstag morgen von Sicherheitskräften entführt. Er hatte sich sehr für den langen Marsch für die in Sindh Verschwundenen engagiert und ist nun selber Teil von ihnen.

Das Thema des erzwungenen Verschwindens (synonym: „des Verschwindenlassens“; Anm. d. Übers.) wurde nie von den Mainstream-Medien behandelt.

Der Journalist Malik Asad berichtete dem Daily Dawn, dass die Untersuchungskommission für Erzwungenes Verschwinden während der letzten sechs Jahre 3.740 Beschwerden aus verschiedenen Teilen des Landes erhielt.

Davon wurden 121 Fälle aus der Landeshauptstadt Islamabad gemeldet, 752 Fälle aus der größten Provinz Punjab, 1.010 Fälle aus der Provinz Sindh, in der sich der größte Hafen des Landes in Karachi befindet, 276 Fälle aus Baluchistan und 112 Fälle aus dem föderativ regierten Stammesgebiet (Federally Administrated Tribal Area; kurz FATA). 296 dieser Fälle wurden eingestellt, da die Opfer zur Erpressung von Lösegeld entführt worden waren. Nach dem Bericht der Kommission beläuft sich die Gesamtanzahl der Fälle, die bis 31. März 2017 bearbeitet wurden, auf 2.652.

Der Nationalen Kommission für Menschenrechte (National Commission for Human Rights; kurz: NCHR), einer unabhängigen Kommission, die von der pakistanischen Regierung eingesetzt wurde, um mit der Zivilgesellschaft zum Thema des erzwungenen Verschwindens zusammenzuarbeiten, ist es gelungen, Wahid Baloch zurückzubringen, der aus der Vorstadt Karachis entführt worden war.

Die Regierung von Pakistan sollte die Sicherheitskräfte (die sogenannten „Law Enforcement Agencies“, zu denen auch die Polizei gehört; Anm. d. Übers.) zu diesen Fällen von Verschwindenlassens befragen. Menschen, die verschwunden waren, sollten Rechtsbeihilfe bekommen und es sollte ihnen ermöglicht werden, ihre Fälle vor Gericht in einem freien Gerichtsverfahren aufzuarbeiten. Diese gesetzeswidrigen Aktivitäten der Sicherheitskräfte sind in niemands Interesse, noch nicht einmal im Interesse derer, die sie ausführen.


Der Beitrag erschien unter der Überschrift „Erzwungenes Verschwinden von Menschen in Pakistan geht weiter“ erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza. Dort ist der Artikel auch auf Englisch, Italienisch, Griechisch verfügbar. Mit Dank an Evelyn Rottengatter für die Übersetzung aus dem Englischen.


Foto: Pressenza/Samar Abbas

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