Gewalt und Gewissen – Eine kleine Philosophie des Krieges

Unternimmt man den Versuch, über den Begriff „Gewalt“ nachzudenken, kommt man nicht umhin, zwei Arten von Gewalt zu unterscheiden: Da sind …

(1) die physische Gewalt.
(2) die psychische Gewalt.

Unter physischer Gewalt kann verstanden werden körperliche und Waffengewalt bis hin zu Gewalt durch Sprache[1], zu der das Anschreien, das Benutzen von Kraftausdrücken und der sogenannten Totschlagargumente gehört.

Unter psychischer Gewalt kann verstanden werden aggressives Anschweigen (beispielsweise bei auszutragenden Konflikten), das Unterbinden von Wortbeiträgen bzw. Äußerungen und Erzählungen, also eine Verweigerung von Kommunikation überhaupt.

Hierbei ist die physische Gewalt leichter auszumachen, während psychische Gewalt eher unterschwellig angewandt wird.

Ein Gewissen kann nur derjenige entwickeln, der ein Bewusstsein seiner Taten erlangt hat. Ist dies nicht der Fall, und sind Gewalthandlungen (jeglicher Couleur) fest im Handlungsspektrum der jeweiligen Person, einer Kultur oder eines Staates verankert, so kann von gewissenhafter Gewalt gar nicht die Rede sein.

Mein Gegenüber versteht keine andere Sprache, als die der Gewalt. Wie ist – ethisch – auf diese Sprache der Gewalt zu antworten? Ist Gewalt eine Antwort? Ist es gangbar, eine Sprache zu sprechen, die mein Gegenüber nicht versteht? Vor diesem Hintergrund stellen sich beispielsweise Kriegshandlungen in einem ganz anderen Licht dar: Hier kann – überspitzt – von einer Antwort in der gleichen Sprache gesprochen werden.

Hinzu kommt, dass verschiedene Kulturen Konflikte anders lösen: Während es in der einen Kultur Sitte sein kann, Konflikte gewaltlos oder durch ruhige Diskussionen zu lösen, sprechen in der anderen Kultur doch recht schnell Fäuste oder Waffen …

Einen wichtigen Hinweis zum Thema liefert der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno mit seinem Begriff einer „Ideologie“:

Er versteht darunter, ein eigenes Interesse als allgemeines Interesse bzw. Interesse am Gemeinwohl zu „verkaufen“.

Dies kann ebenso für Pazifismus wie Militarismus gelten: Jeder Überzeugte möchte, dass sein Gegenüber gefälligst die gleiche Sprache spricht, wie er selbst, er möchte ihn von seiner Überzeugung und seiner bevorzugten Art der Auseinandersetzung überzeugen …


Quellen und Anmerkungen

[1] Siehe dazu auch das gleichnamige Buch „Gewalt durch Sprache“, herausgegeben von Senta Trömel-Plötz. In dieser Aufsatzsammlung von 1984 wird plausibel beleuchtet, inwiefern Unterdrückung, Gewalt oder gar Vergewaltigung durch Sprache und Kommunikation möglich ist.


Foto: Pawel Janiak (Unsplash.com).

Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Christian Ferch veröffentlicht zahlreiche philosophische Texte auf seiner Homepage. Im Podcast Philosophie Heros reflektiert er auf gesellschaftliche Aspekte aus dem Blickwinkel der Philosophie und der Kommunikation.

2 Gedanken zu “Gewalt und Gewissen – Eine kleine Philosophie des Krieges”

  1. du stellst in deinem artikel pazifismus und militarismus gegenüber – das klingt überzeugend – jedoch ist auch das „ergebnis“ dieser gegenüberstellung eindeutig klar: ein nackter mensch hat gegen einen militaristen KEINE chance

    nun ist es ja im alltag/der gesellschaft meist nicht so eindeutig … und wesentlich mit-entscheidend ist ja auch, was in den köpfen los ist – wieviel gewaltbereitschaft dort vorhanden ist, wieviel+welche gelegenheiten es gibt, diese in die tat umzusetzen … wenn keine distanz und keine diskussion möglich ist (so wie es bei einem boxkampf – zwar nach regeln – praktiziert wird) – aber was ist bei einer versuchten vergewaltigung?? gewaltlose hingabe??? oder taugen die simplen regeln von schwarz-weiß auch hier nicht???

    ich persönlich lebe SITUATIONGEMÄSS und verweigere mich irgendwelchen theoretischen kopfgeburten und findes sie in der von dir beschriebenen form simpel und auch gefährlich

    ES GIBT gewalt – ich meine nicht die naturgewalten, welche menschleben fordern, aber ich fange schon bei den toten auf der autobahn und im straßenverkehr an >>> es wäre ja das NORMALSTE der welt, sich vor gewalt zu schützen – sei die „waffe“ nun ein auto oder eine pistole oder eine faust – oder in anderen gegenden der welt ein wildes tier …

    vielleicht solltest du über dieses thema noch mal gründlich nachdenken – und auch die systemische gewalt von hartz4/asylgesetzen in deine gedanken mit einbeziehen … und zwar gern zusammen mit adorno

    ps. mir sind gewalttäter UND pazifisten suspekt … es geht – wie du in deinem paralellartikel schreibst um demut, verzeihen, analyse, trauer jedes einzelnen und dem schaffen einer gesellschaft durch diese vorbilder – die geschützt und gefördert werden sollen … und dies NATÜRLICH!!! auch selbst tun dürfen und müssen … sei es mit gewaltsamer verteidigung – und nicht mit rache und hass-gedanken, weil sie opfer sind … wir brauchen TÄTER!!! besonders WOHLtärer!!! und jedes tun hat ein maß an gewalt – wie das pflücken einer blume und das schlachtes eines tieres … wir sind noch zuallererst ein teil der natur … DARÜBER könnte man philosophieren – OHNE dies in „göttliche dimensionen“ zu verschieben … welche ich bei dir herauslese – aber auch in der redaktionslinie der „neuen debatte“

  2. Der Kapitalismus ist sein eigener Totengräber, der in seine selbst ausgegrabene Grube geworfen wird, wenn die Obrigkeit nicht mehr so weitermachen kann und die Unterdrückten nicht mehr so weiter machen wollen wie bisher. Dazu muss es aber erst kommen, jegliches hat seine Zeit. Veränderungen in den gesellschaftlichen Verhältnissen lassen sich nicht willkürlich herbeiführen.

    Ob dieser Kampf im Bewahren der Wirklichkeit oder in deren Beenden mündet hängt im wesentlichen davon ab, wie weit sich dabei das menschliche Selbstbewusstsein entwickeln kann, so dass es Konfrontation in konstruktives Miteinander wandelt, Nützlichkeit statt Profitmaximierung als Triebkraft erkennt, verantwortungsbewusste Eigentümer zu gewinnbringendem Wettbewerb motiviert. Wir alle müssen uns notwendiger Weise in unsere Wirklichkeit integrieren und uns gleichzeitig von naturgesetzmäßig bedingten Zwängen und von Zumutungen emanzipieren. Die aus zunächst meist notwendigen, jedoch ständig erneuerungsbedürftigen und dadurch oft ungerecht werdenden Ordnungsprinzipien, in die hinein ein jeder von uns zufallsnotwendig geboren wird, müssen immer wieder erneuert werden. Nach den Möglichkeiten, das jeweilig Notwendige tun zu können, muss immer wieder aufs Neue gesucht werden. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Vernunft immer zwischen Zufall und Notwendigkeiten liegt.
    Das Problem von uns Menschen, den Weg in eine bessere Zukunft zu finden, liegt darin, dass wir zu ständigem handeln und zu ständig veränderndem Wirken existenziell gezwungen sind, aber oft lediglich spontan agierend und dabei vermutend, in wachsendem Maße auch zielorientiert gestaltend und dennoch nur näherungsweise wissend sind, ob unser Handeln der gewollten Richtung entspricht. Gleichgültig ob sich die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft evolutionär behäbig oder sprunghaft revolutionär vollzieht, sie ist immer dann fortschrittlich wenn sich jeder Einzelne im Rahmen der gegebenen Lebensverhältnisse als selbstbewusst konkrete Persönlichkeit emanzipieren kann und wenn sich eben diese Verhältnisse in Richtung einer Gesellschaft bewegen, in der durch eigenwilliges Wirken der Einzelnen das dauerhafte Bewahren des Mensch-Seins ermöglicht wird. Wir Menschen können uns entscheiden, ob wir bewahrend oder beendend wirken und entsprechend dieser grundlegenden moralischen Orientierung unser Leben sinnvoll oder sinnlos gestalten wollen. Durch unser menschliches Selbstbewusstsein sind wir in der Lage unser eigenes Ich einer umfassenderen Bestimmung zuzuordnen und daraus sinnvolles Handeln für uns selbst herzuleiten.

    „Das Gewebe dieser Welt ist aus Zufall und Notwendigkeit gebildet“, stellt Johann Wolfgang von Goethe fest. Und es sei eine von uns Menschen „zu erlernende Kunst“, uns mit Vernunft zwischen beide zu stellen, um sowohl den Zufall, als auch die Notwendigkeit beherrschen zu können. Denn unsere Vernunft wisse, dass das Notwendige der Grund unseres Daseins ist, und dass man mit Vernunft das Zufällige lenken und leiten kann.

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