Neue Debate - Philosophie - Gewalt und Sprache - pawel-janiak-197471 unsplash CC0
Während es in der einen Kultur Sitte sein kann, Konflikte gewaltlos oder durch Diskussionen zu lösen, sprechen in der anderen Kultur schnell Fäuste oder Waffen.

Unternimmt man den Versuch, über den Begriff „Gewalt“ nachzudenken, kommt man nicht umhin, zwei Arten von Gewalt zu unterscheiden: Da sind …

(1) die physische Gewalt.
(2) die psychische Gewalt.

Unter physischer Gewalt kann verstanden werden körperliche und Waffengewalt bis hin zu Gewalt durch Sprache[1], zu der das Anschreien, das Benutzen von Kraftausdrücken und der sogenannten Totschlagargumente gehört.

Unter psychischer Gewalt kann verstanden werden aggressives Anschweigen (beispielsweise bei auszutragenden Konflikten), das Unterbinden von Wortbeiträgen bzw. Äußerungen und Erzählungen, also eine Verweigerung von Kommunikation überhaupt.

Hierbei ist die physische Gewalt leichter auszumachen, während psychische Gewalt eher unterschwellig angewandt wird.

Ein Gewissen kann nur derjenige entwickeln, der ein Bewusstsein seiner Taten erlangt hat. Ist dies nicht der Fall, und sind Gewalthandlungen (jeglicher Couleur) fest im Handlungsspektrum der jeweiligen Person, einer Kultur oder eines Staates verankert, so kann von gewissenhafter Gewalt gar nicht die Rede sein.

Mein Gegenüber versteht keine andere Sprache, als die der Gewalt. Wie ist – ethisch – auf diese Sprache der Gewalt zu antworten? Ist Gewalt eine Antwort? Ist es gangbar, eine Sprache zu sprechen, die mein Gegenüber nicht versteht? Vor diesem Hintergrund stellen sich beispielsweise Kriegshandlungen in einem ganz anderen Licht dar: Hier kann – überspitzt – von einer Antwort in der gleichen Sprache gesprochen werden.

Hinzu kommt, dass verschiedene Kulturen Konflikte anders lösen: Während es in der einen Kultur Sitte sein kann, Konflikte gewaltlos oder durch ruhige Diskussionen zu lösen, sprechen in der anderen Kultur doch recht schnell Fäuste oder Waffen …

Einen wichtigen Hinweis zum Thema liefert der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno mit seinem Begriff einer „Ideologie“:

Er versteht darunter, ein eigenes Interesse als allgemeines Interesse bzw. Interesse am Gemeinwohl zu „verkaufen“.

Dies kann ebenso für Pazifismus wie Militarismus gelten: Jeder Überzeugte möchte, dass sein Gegenüber gefälligst die gleiche Sprache spricht, wie er selbst, er möchte ihn von seiner Überzeugung und seiner bevorzugten Art der Auseinandersetzung überzeugen …


Quellen und Anmerkungen

[1] Siehe dazu auch das gleichnamige Buch „Gewalt durch Sprache“, herausgegeben von Senta Trömel-Plötz. In dieser Aufsatzsammlung von 1984 wird plausibel beleuchtet, inwiefern Unterdrückung, Gewalt oder gar Vergewaltigung durch Sprache und Kommunikation möglich ist.


Foto: Pawel Janiak (Unsplash.com).

Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin. Christian Ferch veröffentlicht zahlreiche philosophische Texte auf seiner Homepage. Im Podcast Philosophie Heros reflektiert er auf gesellschaftliche Aspekte aus dem Blickwinkel der Philosophie und der Kommunikation.