Die Medien und G20: eine Nachricht aus Deutschland an den Rest der Welt

Vorab das Wichtigste: Gewaltfreiheit ist das oberste Prinzip. Nichts rechtfertigt Gewalt, sei sie von rechts, von links, seitens des Staates, der Polizei oder von Individuen, organisiert oder nicht organisiert, religiös oder säkular, physisch oder psychisch, ökonomisch oder idealistisch, vom Militär oder von Privatpersonen verübt. Gewalt generiert nur mehr Gewalt und sonst nichts. Sie ist niemals eine Lösung.

Glaubt man der Berichterstattung der Medien während der Gipfel-Tage und danach, so entsteht der Eindruck, dass pure Gewalt die Straßen von Hamburg beherrschte und alle Demonstrationen in Krawallen und Straßenschlachten endeten.

Selbst zwei Wochen nach dem Gipfel ergibt eine kurze Bildersuche auf Google zum Thema, egal in welcher Sprache, vor allem zwei Arten von Motiven: einerseits die altbekannten Gesichter der Politiker der sogenannten „mächtigen“ G20 Staaten und andererseits viele schwarze vermummte Personen, bei denen man nur bei genauerem Hinsehen erkennen kann, wer nun „linksautonom“ und wer „staatliche Ordnungskraft“ ist. Im Hintergrund immer Barrikaden, Feuer, Rauch, Blaulicht, Chaos.

Dass aber auch viele zehntausende Menschen quer durch die Gesellschaft friedlichst und gewaltfrei demonstrierten, mit bunten Fahnen, Bannern und offenen, freundlichen Gesichtern, davon wurde weitaus weniger berichtet. Das weckt Erinnerungen an G8 Genua: auch damals konzentrierte sich die gesamte internationale Presse auf die physischen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und den wenigen, die sich von ihr provozieren ließen oder umgekehrt. Und wie wir inzwischen von unabhängigen Untersuchungen wissen, waren unter den sogenannten Randalierern von damals auch V-Männer, was die Vermutung nahelegt, dass dies auch in Hamburg der Fall gewesen sein könnten. Ob dem so war, wird erst die Aufarbeitung dessen, was da geschehen ist, zeigen.

Aber zurück zu dem, was wirklich zählt. In Wahrheit waren viele zehntausende Menschen über mehrere Tage hinweg friedlich auf den Straßen Hamburgs unterwegs, es gab Alternativ-Gipfel mit Workshops, zahlreiche Nebenveranstaltungen und Kundgebungen, einen Women’s March, eine Tanzdemo, und zählt man alle Teilnehmer über diese gesamte Zeit in der Woche bis zum Gipfel zusammen, kommt man locker auf gut 100.000 Menschen. Und der Großteil davon völlig gewaltfrei.

Bereits am 2. Juli, dem Sonntag eine Woche vor dem Gipfel, versammelten sich unter dem Motto „G20 Protestwelle – Eine andere Politik ist nötig“ in Hamburg 25.000 Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus, um gemeinsam und friedlich ihre Stimmen kund zu tun. Es waren Menschen wie du und ich, Familien, Singles, Rentner, Studenten, Angestellte, Selbständige, Teenager, Arbeitslose, Akademiker und Landwirte mit ihren Traktoren, mit anderen Worten ganz normale Bürger. Was sie forderten entspricht dem, was inzwischen ein Großteil der zivilen Gesellschaft in Europa und dem Rest der Welt verstanden hat:

Erzwungener und hemmungsloser globaler Freihandel geht auf Kosten der Umwelt, schafft Armut, Konflikte und Flüchtlingsströme und nützt letztendlich nur den multinationalen Unternehmen und ihren Aktionären.

Die Großveranstaltung war von einem breiten Bündnis von Vereinen und NGO’s organisiert worden, die inzwischen ein nicht unbeträchtliches Segment der Gesellschaft repräsentieren und aber trotzdem von den großen Tageszeitungen, TV-Kanälen und Magazinen immer noch ignoriert werden. Warum wurde niemand von Mehr Demokratie!, Campact, Bund Naturschutz, Friends of the Earth Germany, Gewerkschaften wie IG Metall und DGB, Oxfam, Bündnis Stop-TTIP, Greenpeace, WWF und den vielen anderen sozialen und Umweltbewegungen interviewt? Warum niemand der 25.000 friedlichen Demonstranten? Und wo blieben die Bilder dazu?

Ist es vielleicht deshalb, weil eine der fundamentalen und gemeinsamen Forderungen lautet: „Echte Demokratie weltweit kann nicht von den Regierungen der 20 reichsten Staaten gewährleistest werden, wenn die anderen 176 Länder nicht mit am Tisch sitzen“?

Zumal darunter keines der Länder ist, in denen zur Zeit Millionen von Menschen hungern, keines der Länder, aus denen mehr als 65 Millionen Menschen die Flucht ergriffen haben und nur zwei der zehn Länder, die die meisten Flüchtlinge beherbergen?

Diesen Gedanken weiterzudenken, lohnt sich und es führt unweigerlich zu dem, was die G20 wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten scheinen: die Forderung nach einem Weltparlament oder nach einem G196, bei dem alle Länder der Welt mit dabei sind. Denn wenn es um die Zukunft des Planeten geht, leuchtet das in der Tat jedem vernünftig denkenden Menschen ein.

Ist es vielleicht die Angst, dass dieser Gedanken sich zu einer gewaltigen Kraft entwickelt könnte, die einen wahrhaftigen Wandel in Gang bringen könnte? Spricht deshalb fast niemand davon, dass am 5. und 6. Juli zeitgleich der alternative Gipfel „Gobal Solidarty Summit“ in Hamburg stattfand, an dem über 2.000 Menschen teilnahmen, darunter renommierte Wissenschaftler wie Dr. Vandana Shiva, Politiker und Aktivisten aus aller Welt, und der wiederum in Kooperation mit zahlreichen sozialen Organisationen, Gewerkschaften und Netzwerken der Zivilgesellschaft organisiert worden war?

Wurde deshalb vielleicht am 7. Juli der falsche Feueralarm im Audimax der Universität Hamburg während der Veranstaltung „DiEM25@G20: Constructive Disobedience“ ausgelöst, just bevor Julian Assange per Videostream dazugeschaltet werden konnte? Und wieso berichteten die großen Medien darüber nicht, stürzen sie sich doch sonst auf alles, was mit dem Gründer der Enthüllungsplattform zu tun hat.

Und dann war da natürlich noch der Gipfelsonntag selber, der 8. Juli, an dem nach Schätzungen der Veranstalter 76.000 Menschen unter dem Motto „Grenzenlose Solidarität statt G20“ friedlich durch Hamburg zogen. Besonders beeindruckend gibt ein selbstgedrehtes Zeitraffer-Video den stundenlangen Straßenzug ohne jegliche Krawalle oder Randale wieder; zu finden auf der G20-demo.de Webseite, die in vielen Sprachen verfügbar ist, und die weitere positive Eindrücke gelebter Solidarität und gewaltfreien Protestes für soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Zerstörung des Planeten zeigt.

Ja, es war kritischer Protest. Ja, man forderte – zu Recht – das, was uns die Demokratie verspricht, aber keiner unserer führenden Politiker liefert. Aber der überwältigende Großteil war friedlich und fern jeglicher Gewalt. Im Gegenteil, fast alle, die mit dabei waren, wünschen sich Frieden überall auf der Welt und gehen dafür auch auf die Straße.

Die Nachricht an die Welt (und an uns selber) lautet also: Glaubt nicht alles, was Euch die großen Medien präsentieren. Es ist nur ein kleiner Teil der großen Realität. Hinterfragt, recherchiert, informiert Euch. Je kleiner ein Medium ist, desto größer die Chance, dass dabei unabhängiger, nicht politisch-ökonomisch beeinflusster Journalismus entsteht.

Hamburg war weit mehr als das, was Euch gezeigt wird. Informiert Euch durch Newsletter von nicht-gewinnorientierten Organisationen und Vereinen, schaut in die sozialen Netzwerke, die selbstgedrehte Videos von Privatpersonen zeigen: sie sind nicht geschickt geschnitten, mit emotionaler Musik unterlegt und auf Manipulation in eine bestimmte Richtung ausgelegt.

Aber vor allem: nutzt Euren gesunden Menschenverstand, hört auch auf das, was Eurer Gefühl Euch sagt und wisst, dass es in Hamburg, in Deutschland und auf der ganzen Welt eine wachsende Anzahl von Menschen gibt, die eine friedliche, gewaltfreie und demokratische Zukunft für alle wollen und die verstanden haben, dass wir dazu einen echten und wahrhaftigen Richtungswechsel brauchen.

Die Berichterstattung der großen Medien im Bezug auf G20 hat hierzu einmal mehr kläglichst versagt.

Fotostrecken und Videos von der G20 Protestwelle vom 2. Juli

Fotostrecke vom 2. Juli von Mehr Demokratie!

Fotos und Videos der Vorträge beim Global Solidarity Summit am 5. und 6. Juli

Fotostrecke vom 8. Juli von Pressenza Berlin


Über die Autorin:  ist Jahrgang 1971. Sie ist in der Nähe von München aufgewachsen und hat ein Diplom in Fremdsprachenkorrespondenz (Englisch, Französisch, Italienisch). Sie hat lange in den Medien gearbeitet (Kino, Fernsehen, Print) und unterrichtet seit einigen Jahren Kindern in Sprachen. Evelyn Rottengatter schreibt und übersetzt für unseren Kooperationspartner Pressenza, wo ihr Beitrag erstmals erschien.


Foto: Carl Geisler (Lizenz: CC BY-SA 2.0) – Mehr Demokratie e.V.

One thought

  1. hmm – also ich kann eine polizeikampfuniform von einem schwarzen kapuzenshirt sehr gut unterscheiden und habe auch nicht gesehen, dass menschen mit kapuzenshirt die buntgekleideten menschen verprügelt haben – einige schwarze kampfroboter dagegen schon

    natürlich weiß ich nicht, wie ein mensch denkt, der ein schwarzes shirt trägt, denn da gibt es ja keinerlei zusammenhang

    weiterhin sehe ich auch die g20-teilnehmer nicht als undifferenzierten block, da ich merkel, erdogan, putin, trump und die Afrikanische Union (AU), vertreten durch Guinea, die durch Vietnam vertretene Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) und die Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (NEPAD), vertreten durch Senegal einfach als unterschiedliche interessenvertreter von unterschiedlichen plänen und inhalten wahrnehme …

    innenpolitisch – speziell für die hamburger bevölkerung (die sich zwar gegen olympia bei der befragung wehren konnte – hier jedoch frau merkel in ihre straßen und häuser eingeladen hatte ohne zu fragen) waren jedoch schon tage VOR dem gipfel die straßen schwarz oder gesperrt – wurden ihre taschen kontrolliert und die hamburger luft war aufgeladen von etwas anderen, dass man vorfreude nennen kann … eher feindliche übernahme des alltags durch den sicherheitspaarates der regierung, welche sich auch nicht scheute, schnell noch ein paar panzer durch die stadt fahren zu lassen (weil diese unbedingt gerade zu diesem zeitpunkt ihren standort wechseln mußten – also GANZ DOLL normal alles^^) … und die medien? diese braven sprachrohre der innenpolitik? >>> the show must go on … die schwarzen blocks aus europa hatten sich schon lange vorbereitet – ebenso die polizeikräfte in deutschland … wen interessiert es da noch, wenn da der überblick verloren geht und sich eine kampagne gegen pauschale „linksextreme gewalt“ lostreten läßt – die das sommerloch vor der bundestagswahl gut füllt und auch noch von nsu-prozeß ablenken kann. kein wort in den medien von:

    „Vor allem Strukturen aus dem Umfeld der „Autonomen Nationalisten“ und der NPD zielten darauf ab, die Inhalte des globalisierungskritischen Protestes zu beeinflussen. Entsprechende Aufrufe gab es von:

    • der militanten Bewegung „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa), die mehrfach durch extreme Gewalt auf der Straße aufgefallen sind;
    • der Gruppierung Antikapitalistisches Kollektiv (AKK), deren Stärke von staatlichen Stellen auf rund 200 Personen geschätzt wird und die versucht, die Autonomen Nationalisten wiederzubeleben;
    • den Jungen Nationaldemokraten, die Jugendorganisation der neofaschistischen NPD;
    • der rechtsextremen „Identitäre Bewegung“.

    … rechter gewalt und polizeigewalt … das geschriebene drehbuch der gewalt war pure propaganda, die auch vor linken hausprojekten nicht halt machte, selbst volltrunkene randalierer wurden zu linken sympathiesanten erklärt (obwohl die gar nicht schwarz gekleidet waren)

    was bleibt hängen: die gefahr ist links!!! entsolidarisiert euch von diesen „gewalttätern und spinnern“ – schließt euch den „helden“ des staatspaarates an – und wenn sie euch einen schlag versetzt haben sollten – es war ein bedauerlicher zufall … und wenn ihr das etwa anders sehen solltet, dann seit ihr denunzianten oder gewaltverherrlicher …

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