Es lebe die Zombieapokalypse

Am 16. Juli 2017 verstarb George A. Romero im kanadischen Toronto. Romero war nicht nur einer der bedeutendsten Filmemacher des Horrorgenres, sondern er hat sein eigenes Subgenre, dem sein Hauptinteresse galt, quasi selbst erfunden, allenfalls maßgeblich definiert und geprägt – den Zombiefilm. Ein Beitrag von Tibor Zenker.

Sein Erstlingswerk „Night of the Living Dead“ (1968), das Romero im Alter von gerade 28 Jahren als Drehbuchautor, Regisseur und Cutter vorlegte, war nicht nur stilbildend, sondern gesetzgebend.

Der Zombie als Horrorfilmmonster, wie wir es seither durch Höhen und Tiefen und bis heute kennen, hat hier seinen Ursprung: Von den Toten auferstanden, je nach Zeithorizont blutverschmiert oder in Verwesung befindlich, auf wackeligen Beinen langsam dahingondelnd, unklare Stöhnlaute jammernd, die Arme ggf. nach vorne gestreckt (als Ausdruck des ungestillten Verlangens), nur ein Gefühl kennend: den Hunger nach Menschenfleisch.

Die allgemeingültigen Regeln: Der Zombiebiss erschafft neue Zombies; der Zombie kann nur unschädlich gemacht werden, indem man seinen Kopf zerstört bzw. diesen vom Körper trennt; das Z-Wort kommt im Zombiefilm selbst nicht vor, darf nicht ausgesprochen werden.

Hunger nach Menschenfleisch

George A. Romero, 2010, 66ème Festival du Cinéma de Venise, Nicolas Genin, Lizenz CC BY-SA 2.0
George A. Romero 2010, 66ème Festival du Cinéma de Venise. (Foto: Nicolas Genin, CC BY-SA 2.0).

Zombies im Film gab es freilich schon zuvor, jedoch waren diese der haitianischen Voodoo-Mythologie entlehnt, hatten magischen Ursprung und sollten willenlose Befehlsempfänger sein – damit übrigens auch ohne eigenständige Mordlust oder Menschenfleischhunger (z.B. „White Zombie“ mit Bela Lugosi, 1932). Ob nun aus rein praktischen Erwägungen oder aus aufklärerischer Überzeugung sei dahingestellt – spätestens mit Romero wurde die metaphysische Zombie-Idee jedenfalls überwunden.

Zwar heißt es noch – aber immerhin schon mit mehr Christentum als Voodoo – die Toten würden auf die Erde zurückkehren, weil in der Hölle kein Platz mehr sei, doch wird eine wissenschaftliche Erklärung für die Zombieapokalypse angeboten: Im Falle von „Night of the Living Dead“ ist eine aus dem Weltraum stammende, besonders intensive radioaktive Strahlung für die Verwandlung von Menschen in Zombies bzw. von Toten in Untote verantwortlich, ironischerweise von einer zurückkehrenden Raumsonde terrestrischen Ursprungs von der Venus auf die Erde mitgebracht – man möge das nicht weiter astrophysikalisch hinterfragen.

Gänzlich neu war die Vorstellung des wissenschaftlichen Backgrounds allerdings nicht, auch Romero dürfte diesbezüglich von Richard Matheson inspiriert worden sein. Dessen Roman „I Am Legend“ erschien 1954 und lieferte als Grundlage eine Seuche, die den Großteil der Menschheit in vampirartige Wesen verwandelt, wobei deren Charakter sich im Zuge der drei Verfilmungen des Stoffes („The Last Man on Earth“ mit Vincent Price, 1964, „Der Omega-Mann“ mit Charlton Heston, 1971, sowie „I Am Legend“ mit Will Smith, 2007) über undefinierte Mutanten hin zu postmodernen, d.h. schnellen und beweglichen Zombies entwickelte (die mitunter doch etwas unernst wirken).

Gleichzeitig entstammt hieraus die folgerichtige Überlegung, es müsse dann ja auch ein Medikament, ein Gegenmittel oder eine Impfung gegen den Zombievirus geben – dies sollte später etwa in „World War Z“ mit Brad Pitt (2013) im Mittelpunkt der Handlung stehen. Aber zurück zu Romero.

George A. Romero war höchst politisch

Wer abgesehen davon denkt, Romeros Werk erschöpfe sich in Splatter- und Gore-Elementen sowie ausufernder Gewalt – ist eh auch viel –, sollte genauer hinschauen. Seine sechs expliziten Zombiefilme sind höchst politisch, sozial- und gesellschaftskritisch. Besonders deutlich wird dies im zweiten und vierten Teil der Reihe.

Aus dem Jahr 1978 stammt sein Film „Dawn of the Dead“, DER Klassiker des Genres – und einem jüngeren Publikum vielleicht durch Zack Snyders bedingt dringliche Neuverfilmung von 2004 zumindest namentlich ein Begriff. Hier verbarrikadiert sich eine Gruppe überlebender Menschen angesichts der draußen wütenden Zombieapokalypse in einem Einkaufszentrum.

Was strategisch zweifellos gut überlegt ist – es gibt Lebensmittel, Waffen und alles, was man zum (Über-)Leben braucht –, erweist sich als Allegorie des längst begonnenen Untergangs der Menschheit: Die Menschen im Einkaufszentrum schwelgen in sinn- und ziellosem Luxus, der ihnen als höchste erstrebenswerte Form des konsumorientierten Lebens beigebracht wurde – und sie sind doch Gefangene, die ums nackte Überleben kämpfen.

Des Schlaraffenlandes werden sie zwar rasch überdrüssig, doch ist es ihr Festhalten am Materiellen, das sie als ihren Besitz sehen, das die Gemeinschaft im Einkaufszentrum zerstört. Nicht die Zombiebedrohung bringt die Festung zu Fall, sondern der egoistische Kampf der Menschen untereinander, die nicht einmal in dieser Lage fähig sind, sich als Kollektiv zu verstehen – übrigens im Gegensatz zu den Zombies, deren Erfolg gerade im kollektiven Wirken als Masse liegt.

Land of the Dead und die Klassengesellschaft

Diesen Gedanken treibt Romero in „Land of the Dead“ (2005) schließlich auf die Spitze. Nach einigen Jahren der aus den vorherigen drei Filmen bekannten Zombieapokalypse hat sich eine neue Klassengesellschaft gebildet: In einem schwer bewachten Hochhaus lebt die neue, korrupte Elite der Menschengesellschaft im Luxus (mit Dennis Hopper als Anführer). In den umgebenden Ruinen und Baracken – einem Ghetto – vegetieren die einfachen Menschen, die diesen Luxus durch gefährliche Außeneinsätze herbeischaffen müssen – mit der trügerischen Hoffnung, dadurch selbst irgendwann in die Elite aufsteigen zu können. Einstweilen werden sie mit Drogen, Glücksspiel und Prostitution bei Laune gehalten.

Durch eine hohe Mauer ist die Stadt von der Außenwelt, die von den Zombies bevölkert ist, abgetrennt. Doch nicht nur innerhalb der Stadtmauern der Menschengemeinschaft brodelt es, auch die Zombies machen eine Entwicklung durch: Bei einzelnen entsteht Bewusstsein, Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und Kooperation, aber auch Trauer und Rachegefühle angesichts der Angriffe durch die menschlichen Militärexpeditionen. Einige stellen sogar strategische Überlegungen an, um die Zombies zu organisieren und in die Festung zu gelangen, schließlich erlernt der erste Zombie – ein afroamerikanischer Automechaniker – den Waffengebrauch. Die Zombies, offenbar evolutionär langsam bevorteilt, werden zum revolutionären Element, erobern die Stadt und stürmen das Hochhaus.

Für Romero waren all das folgerichtige Entwicklungen in seinen Filmen. Die Menschheit der US-amerikanischen Gesellschaft, die ohnedies mit Problemen wie Ungleichheit, Profitgier, Rassismus und Krieg zu tun hat, schafft sich ihre eigenen Totengräber – und hat diesen aufgrund der eigenen Unfähigkeit zu nachhaltiger Zusammenarbeit, Respekt und Zurückhaltung nichts entgegenzusetzen. Auf diese Weise wird die Spezies Mensch ausgerottet – eine düstere Aussicht, die von Romero aber durchaus mit Witz skizziert wird. Jeder kann sich selbst ausmalen, was damit über die reale Gesellschaft des amerikanischen und globalen Kapitalismus und Imperialismus gesagt ist.

Trittbrettfahrer, Romanzen und Parodien

Heute, nachdem schon in den späten 1970er und in den 80er Jahren eine Welle an Romero-Trittbrettfahrern tätig waren, gibt es wieder eine Fülle an Zombiefilmen und -serien. Während „Walking Dead“ (seit 2010) zumindest psychologisch von Interesse ist, scheint mit „iZombie“ (seit 2015) die Grenze des Sinnvollen erreicht bzw. überschritten. Die verträgliche Anzahl der „Resident Evil“-Filme (2002-2016) wäre wohl bei null gelegen. Hingegen eine wichtige Anleitung zum Handeln, die im Ernstfall den Unterschied zwischen Leben und Tod (und Untod) machen kann, ist „Zombieland“ (2009 – zu spät für Bill Murray).

Die Aussöhnung zwischen Mensch und Zombie bis hin zur Tennie-Romanze („Warm Bodies“, 2013) ist eine humoristisch wertvolle Abzweigung, aber auch eine Sackgasse, während Danny Boyle mit „28 Days Later“ (2002) eher eine klassische Richtung erfolgreich modernisierte.

Empfehlenswert sind indessen insbesondere noch zwei Parodien: „Shaun of the Dead“ von Edgar Wright und Simon Pegg, wo die Apokalypse very britisch verläuft und demgemäß im Pub endet. „Juan of the Dead“ (2011) spielt auf Kuba und die Zombies werden zunächst irrtümlich für Yankee-Imperialisten und bezahlte Dissidenten gehalten – aber zum Glück sind es nur untote Menschenfresser.

Ohne George Andrew Romero hätte es wohl (fast) alle diese Filme nie gegeben. Nun, da Romero verstorben ist, darf man getrost davon ausgehen, dass das von ihm begründete Genre des Zombiefilms als sein Hauptvermächtnis weiterhin lebendig bleiben wird. Oder zumindest untot.


Der Beitrag von Tibor Zenker erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Unsere Zeitung – Die Demokratische.


Fotos: Walking dead (pixabay.com/public domain) und George Romero, 2010 (66ème Festival du Cinéma de Venise/Nicolas Genin; Lizenz: CC BY-SA 2.0)

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