Yuriko Yushimata – Alles Viren

Viren, überall Viren! In ihrer Kurzgeschichte reflektiert Yuriko Yushimata auf die Mensch-Virus-Beziehung, die Anstrengungen einer Freundschaft und die Gefährlichkeit von Seife.

Albert saß an ihrem Küchentisch und blickte sich immer wieder um, als stünde da irgendwo jemand hinter ihm, unsichtbar, unter dem Küchenschrank, hinter dem Kühlschrank oder im Abfluss. Katrin sah ihn beruhigend an.

„Möchtest Du einen Kaffee?“

Misstrauisch betrachtete er ihre Kaffeekanne. Sie lachte. „Ich koche ihn in der Espressokanne, da ist dann alles tot.“Ein bitterer Zug breitete sich um seine Mundwinkel aus. „Du nimmst mich nicht ernst. SIE sind hier. Überall. Wir bilden uns nur ein, wir hätten einen freien Willen. Dabei bestimmen SIE alles. SIE benutzen uns wie Fleischkühe für ihre Fortpflanzung und Verbreitung. Jetzt sind SIE auch schon auf dem Mond und dem Mars – dank uns.

Sie sind in uns, in dicken Klumpen, und übernehmen von dort aus Stück für Stück die Kontrolle über alles. SIE sind in unserem Inneren, steuern uns und fressen uns von innen her auf. SIE steuern unsere Gefühle mit ihrer Chemie. Die Menschen lassen sich naiv von IHNEN manipulieren. VIREN sind die ältesten lebenden Organismen auf der Erde. SIE sind uns in ihrer Entwicklung Millionen von Jahren voraus. Und Du denkst, alles wäre normal.

Du bist auch nur eine IHRER Marionetten.“

Er sah nun auch sie misstrauisch an. „Vielleicht haben SIE auch Dich schon übernommen und ich rede mit einem Haufen Viren?“

Seine Stimme klang aggressiv. Katrin stellte ihm den Kaffee hin. „Zumindest kochen Dir dann die Viren Kaffee. Was willst Du mehr?“

Er kicherte in sich hinein. „Du wirst noch sehen. Ich habe nämlich IHREN Schwachpunkt entdeckt. Ich werde SIE vernichten. Aber Du darfst niemanden etwas erzähle. Warte nur ab.“

Dann wurde sein Gesicht seltsam ernst und er schien auf einen fernen Punkt zu starren. „Aber SIE versuchen mich auszuschalten. SIE haben bemerkt, dass ich gefährlich für SIE bin.“

Katrin versuchte das Thema zu wechseln. „Dann solltest Du nicht weiter darüber sprechen, wer weiß, ob SIE nicht mithören. Wie geht es Deiner Katze?“

Er sah sie aus hohlen Augen an. „SIE haben sie getötet.“

Katrin nahm ihn in die Arme. „Das tut mir leid.“

Plötzlich ergriff er ihren Arm und zwang sie, sich zu ihm herabzubeugen. Um seinen Mundwinkel herum hatte sich Speichel gebildet. Er flüsterte, und doch klang seine Stimme dabei so durchdringend wie ein abgebrochenes Stück Kreide auf der Tafel. „Falls SIE mich erwischen. Du bist die einzige, die Bescheid weiß. Du musst es dann beenden. Der Karton oben auf meinem Nachtschrank, hinten links, da findest Du meine Aufzeichnungen. Aber pass auf, SIE werden dann auch Dich verfolgen.“

Damit sprang er plötzlich auf. Er lachte verlegen. „Ich muss los. Ich wollte Dir keine Angst machen.“

Sie umarmte ihn noch einmal kurz, dann war er schon bei der Tür und draußen. Die Treffen wurden langsam immer anstrengender. Früher war es mit Albert anders gewesen. Sie seufzte und wischte mit dem Schwammtuch über den Küchenschrank.

Zwei Tage später stand die Polizei vor ihrer Tür. Albert, Albert war tot. Ihre Adresse hatten die Beamten an verschiedenen Stellen in der Wohnung gefunden. Sie begleitete sie.

Die Beamten hatten einige Fragen und Albert hatte sie als Erbin eingesetzt.

Die Todesursache stand noch nicht fest. Sie hatten den Toten in der Badewanne gefunden. Er war am Abend des Tages gestorben, an dem er sie besucht hatte. Sie musste weinen. Die Beamten versprachen, sich zu melden, sobald Genaueres feststand. Aber es gab keinen Hinweis auf Fremdverschulden.

Alberts Wohnung war schon wieder freigegeben. Einen Schlüssel hatte sie noch.

Und der Vermieter wollte wissen, was mit den Sachen geschehen sollte.

Noch am selben Nachmittag ging sie zur Wohnung, um zu schauen, was zu tun war. Sie hatte Albert lange nicht mehr besucht. Sie erinnerte sich an das letzte Treffen.
Viren, überall Viren.

Ein trauriges Lächeln huschte über ihr Gesicht. In der Wohnung herrschte Chaos. Hier war kaum etwas von Wert. Sie suchte zwei, drei Platten aus der Plattensammlung heraus, Platten, die sie beide zusammen gehört hatten.

Dann setzte sie sich ans Fenster, rauchte und schaute hinaus. Sie dachte an die gemeinsamen Gespräche und das letzte Treffen. Viren. Sie sah sich im Zimmer um. Ihr Blick streifte fast gezwungen die Kartons oben auf dem großen Schrank. Schnell hatte sie den besagten Karton gefunden. Zeitungsartikel fielen ihr entgegen. Alles Texte über Viren. Sie las nur die Titel.

‚Sie kommen aus einer anderen Dimension.‘
‚Gefahr aus dem Inneren.‘
‚Die geheimen Herrscher der Welt.‘
‚Der verlorene Krieg.‘

Darunter lag eine kopierte Dissertation aus den 70er-Jahren – ‚Virencluster als autopoietische Systeme. Systemtheoretische Überlegungen zur Mensch-Virus-Beziehung‘ – noch mit Schreibmaschine geschrieben. Die Typografie entlockte ihr ein Lächeln. Sie überflog die Zusammenfassung. Die Autorin warf dort in einer Nebenbemerkung die Frage auf, ob Virencluster Intelligenz entwickeln könnten. Sie argumentierte offensichtlich mit der biologischen Systemtheorie von Maturana dafür.

Die Bemerkung war fett unterstrichen.

Unter der Dissertation lagen einige kürzere Texte über Computerviren und Künstliche Intelligenz. Ein Text über Cluster von Computerviren, genetische Algorithmen und die Fähigkeit künstlichen Lebens, Intelligenz zu entwickeln, war mit Dutzenden von kaum lesbaren Kommentaren versehen.

Unter allen Texten lag eine Mappe aus schwarzer Pappe, in der krakeligen Schrift Alberts stand auf der Außenseite mit Bleistift kaum lesbar geschrieben ‚Der Tag, an dem wir zurückschlagen‘.

Vorsichtig nahm sie die Mappe aus dem Karton und öffnete sie. Aber da war nichts, nichts, nur leere Seiten. Sie schüttelte den Kopf und musste ein Weinen unterdrücken.

Noch einmal ging sie durch die Wohnung, überall lagen Desinfektionsmittel, viele waren umgekippt und ausgelaufen, als hätte ein Kampf mit einem unsichtbaren Gegner stattgefunden. Im Bad lag überall Seife. Und an der Wand hing ein riesiges Poster über die richtige Art, sich die Hände zu waschen, vom Bundesgesundheitsministerium.
Dann sah sie den Spiegel und die rote Schrift – ‚Sie kommen. Sie greifen an‘.
Langsam sah sie selbst überall unsichtbare Gegner. Fluchtartig verließ sie die Wohnung.

Nachts hatte sie einen Alptraum. Ein fetter lachender Virus wälzte sich auf ihren Bauch und drohte sie zu zerquetschen. Schweißgebadet wachte sie auf. Vielleicht hatte Albert doch Recht gehabt. Sie konnte nicht mehr schlafen und kochte sich Kaffee.
Woran war Albert eigentlich gestorben?

Am Morgen rief die Polizei an. Die Untersuchungen waren abgeschlossen. Die Todesursache stand nun fest.

Sie schluckte trocken. „Was?“

„Herr Albert Barnim ist auf einem Stück Seife ausgerutscht und hat sich dabei am Badewannenrand das Genick gebrochen.“

Sie fing an zu lachen, erst leise, dann immer lauter. Der Beamte am Telefon musste denken, sie sei verrückt geworden. Aber ihr war so leicht zumute. Keine Viren, die Seife war schuld.

Noch am selben Tag ließ sie sich in einem kleinen Laden um die Ecke ein etwa 15 mal 10 Zentimeter großes Schild anfertigen – ‚SEIFE ist gefährlich!‘ – und hängte es über ihrem Waschbecken auf.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Etienne BoulangerUnsplash; Lizenz CC0

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