Autonome Agenten – Kann Politik noch mit der Komplexität mithalten?

Smarte Systeme dringen in alle Bereiche des Lebens ein und autonome Agenten übernehmen die Welt. Der Mathematiker Herbert Exner schreibt über die Komplexität des 21. Jahrhunderts, in dem sich Ökonomie und Gesellschaften zunehmend verflüssigen und die Politik die Fähigkeit verliert, plausible Entscheidungen zu treffen.

Wird uns die letzte Dekade in Erinnerung bleiben als die Zeit der Revolte der „Unterschichten“? Mit starkem politischem Biss, aber tief gehender Unsicherheit. Mit einem Schrei nach Änderung. Aber welcher?

Haben wir Antworten? Können wir das geopolitische, sozio-ökonomische System erklären, ohne die darunterliegende, neue Physik (und seine Ökologie) zu verstehen?

Das Jahrhundert der Komplexität

Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer.
Herbert Exner setzt sich mit der Komplexitätsökonomie und ihren Auswirkungen auf die Sozialsysteme auseinander. (Foto: Karl Artmann, Blickicht)

Internationale Beziehungen sind kompliziert, aber die globale Zivilisation ist komplex. In komplexen Systemen sind Krisen nicht einfach Zyklen, sondern Betriebsunfälle mit oft katastrophalen Folgen.

„Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Komplexität“, sagt der Astrophysiker Stephen Hawking. Tatsächlich, die Physik der Geopolitik, Ökonomie, der Sozialsysteme des 20. Jahrhunderts, mit ihrem Gleichgewichtsstreben, wird abgelöst durch eine Physik der Komplexität.

Nie vorher hatten wir smarte verbundene Dinge und Prozesse. Nie vorher wurde so viel von dem, was „uns“ gehört von „ihnen“ gemacht. Nie vorher erwarben wir so viele Dinge beim Provider – und nicht mehr beim Spezialisten. Das heißt, nie vorher hatten wir so viele smarte verbundene Konzerne, welche übernational in Netzwerken von Marktteilnehmern, Partnern und Firmengeflechten denken und die Welt durch die Linse von Angebot und Nachfrage sehen. Ihre Physik ist die der Flüssigkeitsdynamik: Ressourcen, Güter, Kapital und Arbeit müssen ohne Reibungsverluste fließen.

Der größte Systemwandel wird durch die Verschiebung staatszentrierter Ordnungen in eine Arena von Multiagenten verursacht.

Autonome Agenten

Die Forschung über künstliche Intelligenz definiert eine Software als Agenten über den Grad ihrer Autonomie. Dazu gehört die unabhängig von Eingriffen des Benutzers, die Fähigkeit aus vorangegangenen Erfahrungen und Beobachtungen zu lernen, auf die Umgebung zu reagieren, Parameter und Strukturen zu verändern und anzupassen, Störungen zu kompensieren, eigeninitiativ zu handeln und mit anderen Agenten zu kommunizieren.

Um Komplexität zu verstehen, müssen wir positive Rückkopplung verstehen. Vor allem, wie autonome Agenten komplexe Formationen bilden. Wie sie (eventuell) als Schwärme, wenn sie in Panik geraten, zu Lawinen werden.

Brautjungfern möchten den Brautstrauß fangen. Eine wird ihn zufällig bekommen? Nein! Wenn sich eine der Brautjungfern deutlich gestikulierend in Richtung der Stelle bewegt, in welcher sie den Strauß fangen möchte, wird die Braut ihn unbewusst zum Schnittpunkt des Fluges und des Laufweges werfen. Das beschreibt eine einfache Interaktion von autonomen Agenten.

In einem sozio-ökonomischen System sind interagierende Agenten zum Beispiel Produzenten, Investoren, Konsumenten. Sie ändern ihre Strategien und Aktionen ständig in Reaktion auf das Ergebnis, welches sie wechselseitig hervorbringen.

Produzenten möchten frühzeitig den Bedarf kennen, Konsumenten möchten ihren Bedarf nicht hochspielen und Investoren möchten in diesem Wechselspiel die Renditen ihrer Investition maximieren.

Wenn plötzlich alle Immobilien zum Wiederverkauf wollen, entsteht eine Phase, in welcher die statistische Verteilung der Renditen eine ausgeprägte Spitze bildet. Ein Zeichen für eine Blase, die bald platzen wird.

Zukunft nicht vorhersagen, sondern schreiben!

"Unser - Was die evolutionäre Linke unterscheidet" ist ein Magazinbuch des Mathematikers Herbert Exner.Komplexes Verhalten von autonomen Agenten kann durch Computersysteme zunehmend aussagekräftig simuliert werden. Wenn es um das Dilemma von Gemeinschaften geht, individuelle und kollektive Ziele gleichzeitig zu erreichen, kann eine mathematische Analyse der Schwarm-Dynamik helfen. Etwa, zur Früherkennung von Blasenbildung im Finanzhandel.

Komplexitätspolitik erfordert allerdings ein anderes Denken über Politik selbst: als eine Politik, die sich stetig neu konstruiert und berechnet. Eine Politik, die weniger in konkreten Zielen und Struktur-Prinzipien, sondern in deren Mustern denkt.

Die üblichen politischen Ausdrucksformen (Geopolitik, Soziales, Ökonomie usw.) treten hinter Machen, Reagieren und Erneuern zurück: Zukunft schreiben, nicht vorhersagen.

Auf der Grundlage von Modellen, Simulation und Adaption kann vor allem linke Politik die positive Wirkung sozialer Intelligenz in ihre Programme schreiben und häufig nachschärfen. Aber ohne das Verständnis der Komplexität werden auch linke Politiker die Fähigkeit verlieren, plausible Entscheidungen zu treffen.


Fotos: Karl Artmann (www.blickicht.com) und Titelbild von Andrew Neel (Unsplash).

Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer. Er arbeitete über 40 Jahre an der Erschließung internationaler Märkte mit sowie an der Automatisierung von Hand- und Kopfarbeit. Heute setzt er sich mit der Komplexitätsökonomie und ihren Auswirkungen auf die Sozialsysteme und die Politik des 21. Jahrhunderts auseinander. 2016 veröffentlichte er das Magazinbuch "Unser - Was die evolutionäre Linke unterscheidet".

3 Gedanken zu “Autonome Agenten – Kann Politik noch mit der Komplexität mithalten?”

  1. «Ihre Physik ist die der Flüssigkeitsdynamik: Ressourcen, Güter, Kapital und Arbeit müssen ohne Reibungsverluste fließen.»
    Das geht nur beim Kapital im Form von Giralgeld, weil es substanzlos ist. Alle substanziellen Ressourcen haben notwendigerweise Reibungsverluste. Z.B. die Güter werden von prekär Beschäftigten ausgeliefert.
    Die Staatsverwaltung kann mit den Netzwerken der Unternehmen NICHT mithalten, weil sie alle eine hierarchische Kommandostruktur aus dem 19. Jahrhundert haben und auch gar nicht daran denken, dieses Gewalt-Monopol abzugeben.

  2. Herbert Exner stellt in seinem Beitrag in der „Neuen Debatte“ die Frage „Autonome Agenten – Kann Politik noch mit der Komplexität mithalten?“
    Und weiter: „Smarte Systeme dringen in alle Bereiche des Lebens ein und autonome Agenten übernehmen die Welt. Der Mathematiker Herbert Exner schreibt über die Komplexität des 21. Jahrhunderts, in dem sich Ökonomie und Gesellschaften zunehmend verflüssigen und die Politik die Fähigkeit verliert, plausible Entscheidungen zu treffen.
    Wird uns die letzte Dekade in Erinnerung bleiben als die Zeit der Revolte der „Unterschichten“? Mit starkem politischem Biss, aber tief gehender Unsicherheit. Mit einem Schrei nach Änderung. Aber welcher? Haben wir Antworten? Können wir das geopolitische, sozio-ökonomische System erklären, ohne die darunterliegende, neue Physik (und seine Ökologie) zu verstehen?“
    Hier meine Gedanken dazu:
    Bildung, Wirtschaft und Kultur sind die Dimensionen menschlichen Handelns. Es gilt für ein schönes Heute und Morgen intensiv am Bau der Humanität und besonders an dessen Fundament zu arbeiten.

    Unsere Welt befindet sich in einem unser gesamtes Mensch-Sein umfassenden Umwälzung-Prozess. Mit Weisheit können wir das Sinnvolle und das Nützliche einleiten. Bildung und Wissenschaft hat seit je her mehrere Funktionen erfüllt. Sie wird zur Produktivkraft, wenn sie die Effektivität menschlicher Tätigkeit erhöht. Wissenschaftsfortschritt als Kulturfortschritt bedeutet Erweiterung des Erklärungs-, Vorhersage- und Gestaltungspotentials der Wissenschaft, das durch Bildung weiter gegeben werden kann und muss. Zur Human-Kraft wird Wissenschaft, wenn sie die Grundlagen für die Gestaltung und Erhaltung solcher Daseinsbedingungen liefert, die der Weiterexistenz und Weiterentwicklung der Menschheit dienen. Überaus viele Inhalte im Sinne gesellschafts- und naturwirklicher Notwendigkeiten gilt es zu durchdenken, zu diskutieren und zu bearbeiten, um das produktive Potential der Gesellschaft zu erschließen. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass das produktive Potential sowohl zum bewahren als auch zum beenden eingesetzt werden kann:
    – Mathematisch kann zum Beispiel berechnet und bemessen werden, wie lange ein Herzschrittmacher funktioniert, aber auch dass eine Mittelstreckenrakete pünktlich ihr Ziel erreicht.
    – Die Astronomie lässt uns erkennen, dass das Universum sowohl unendlich groß als auch unendlich klein ist. Und das bedeutet, dass die Menschen zwar immer tiefer in das jeweils bisherige Sein vordringen, aber niemals alles erkennen und benutzen können.
    – Physikerinnen und Physiker weisen nach, dass sich alles Materielle ununterbrochen durch Stoff- und Energiewechsel bewegt und dabei ständig Information überträgt. Darum müssen wir Menschen beachten, dass das was gestern war und was heute ist, sich morgen verändert.
    – Chemisch lassen sich Stoffe analysieren und neu synthetisieren, die sowohl nützlich aber auch gefährlich sein können.
    – In der Biologie wird nachgewiesen, dass die Menschen aus materiellen Strukturen bestehen und nur mittels deren Funktionalität leben können.
    – In der Psychologie wird dem nach gegangen, was Wahrnehmung und Erfahrung sowohl die Empfindung als auch den Verstand eines Menschen bestimmen. Wahrnehmungen und Erfahrungen können sowohl Freude machen als auch Leid bringen.
    – Soziologie untersucht warum das Zusammenleben der Menschen einerseits füreinander und andererseits gegeneinander verläuft. Und die Soziologinnen und Soziologen versuchen zwischen dem jeweiligen Minimum beziehungsweise Maximum das Optimum aufzuzeigen.
    – Das alles zeigt auf, dass alles zwei Seiten hat und es zeigt auch auf, dass man sein Leben mit Schaffensfreude und Wahrheitsliebe pflichtbewusst, umsichtlich und auf der Suche nach Gerechtigkeit gestalten sollten.
    – Im konstruktiven Miteinander finden wir die Stärke, um das Sinnvolle und das Nützliche erarbeiten zu können. Unser menschliches Mit- und Füreinander fordert wahrhaftig demokratische Verhältnisse, die es allen ermöglicht ihr Leben selbst zu gestalten und ihre eigenen Lebensentwürfe verwirklichen zu können. Nur so werden die schöpferischen Potenzen aller auch allen Nutzen bringen.
    – Humane Daseinsbedingungen sind in zunehmendem Maße nur durch das aktive Wirken, durch die organisierte und koordinierte Teilhabe vieler, wenn nicht aller Menschen zu realisieren. Darum müssen sich die demokratischen Verhältnisse auf den Ebenen der Grundwerte, der kulturvollen Lebensweise, der politischen Lenkung und Leitung und der Erwirtschaftung der materiellen Grundlagen weiterentwickeln.
    – Staatliche Institutionen müssen dienstleistende Verwaltungsorgane werden. Steuern und Abgaben müssen dort, wo man sie erarbeitet, für das Nützliche investiert, für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und für kulturelle Bedürfnisse der Einzahlenden ausgegeben werden.
    – Bildung sollte in ihren Zielstellungen darauf gerichtet sein, dass jeder Mensch seine Begabungen und Talente erkennen und den auf deren Grundlage entstehenden Neigungen im Lernprozess nachgehen kann.
    – Sowohl in der Natur als auch in unserem kreativen Wirken entdecken wir die Schönheit des Sinnvollem und des Nützlichem. Unbedingt muss in unserem Tun und Handeln beachtet werden, dass die menschliche Gesellschaft ein Teil des Ökosystems Erde ist. Leben kann ein Mensch nur, wenn er die Vielzahl der von ihm lebensnotwendiger Weise zu erbringenden Leistungen unter Verwendung seines Bewusstseins in menschlicher Gemeinschaft erarbeitet, austauscht, verteilt und nutzt.
    – In Ökosystemen geschieht Gleichwertiges durch Interaktionen zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Rückgewinnern, wobei jedes in die ökologischen Kreisläufe integrierte Lebewesen sowohl den Produzenten, als auch den Konsumenten und den Reduzenten zugeordnet werden kann.
    – In diesen Systemen und selbstverständlich auch im gesamten Ökosystem Erde in dem auch wir Menschen leben, werden Stoffe, Energie und Informationen produziert, verteilt, ausgetauscht und verbraucht, wodurch die momentane Existenz und die künftige Entwicklung sowohl der einzelnen als auch aller Beteiligten in ihrer Gesamtheit ermöglicht wird.
    – Von Menschen nicht genutzte Ökosysteme passen sich spontan an die sie bestimmenden äußeren Bedingungen im Rahmen der sie bewirkenden und durch sie selbst mitverursachten Auf- und Abbauprozesse an und bewegen sich erhebend, verkomplizierend und ihre Existenz bewahrend, solange es eben die vorhandenen äußeren und inneren Bedingungen zulassen.

    – Erst das zu Bewusstsein befähigte und zu Kreativität begabte Wesen Mensch kann die Spontaneität natürlicher Entwicklungslinien in der Kultur seines Willens aufheben und sich mit harmonisch verlaufenden Wirtschaftskreisläufen in das Ökosystem Erde bewusst und zielorientiert eingliedern.

  3. Ein anregender Beitrag, der wichtige Fragen der alten Arbeiterbewegung, etwa zur Hand/Kopfarbeit, antippt und jenseits des hyperopportunistischen Zeitgeists zum mehrdimensionalen Nachdenken herausfordert. Dazu wären statt den alten scheinkomplex-aktuellen Pfad modernistischer Ideologen à la Luhmann und dessen lehrstuhlprofessoralen Adepten wie Nasseri usw. zu betrampeln alternativ-kreative Wege in mögliche Zukünfte zu skizzieren. Wozu bisher auch hochkomplexe Simulationen wegen ihrer letztendlichen Eindimensionalität etwa in Feldern wie Armuts- und Krankheitsüberwindungen oder auch aktuelle Wetterprognostik nichts Relevantes beitragen (konnten). H. Heine

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