Yuriko Yushimata – Das Mädchen mit dem Springseil

Viren sind der Anfang allen Lebens, schreibt Yuriko Yushimata in ihrer Kurzgeschichte und fragt: Was sind wir dagegen? Die Menschen bilden sich ein, die Krone der Schöpfung zu sein und sind dabei das zerstörerischste Lebewesen auf der Erde.

Die ersten Aufkleber mit dem Aufruf – ‚Freiheit für A/H1N5‘ – hatte Nina für einen schlechten Scherz gehalten. Wer konnte Freiheit für einen gefährlichen Grippevirus fordern?

Doch dann hatten die Medien angefangen zu berichten. Die Virusbefreiungsbewegung hatte zwei Hochsicherheitslabore gestürmt, um den Viren ihre Freiheit zurückzugeben. Im Internet wurde ein Video verbreitet, in dem eine maskierte Frau sich als Sprecherin der Täter bezeichnete.

Sie verlas ein Bekennerschreiben. Ihre Augen erschienen dabei zwischendurch in Großaufnahme, sie waren gleichzeitig voll Angst und Hass. „Viren sind der Anfang allen Lebens. Was sind wir dagegen? Die Menschen bilden sich ein, die Krone der Schöpfung zu sein und sind dabei das zerstörerischste Lebewesen auf der Erde. Menschen sind eine Krankheit und virale Mutationen sind die Antwort der Natur.“

Nina versuchte dies auszublenden und nicht an früher zu denken, an das kleine Kind, das Seil hüpfte. Ihr Springseil war noch irgendwo.

Aber das lag 20 Jahre zurück, A/H1N5, die Deutsche Grippe, die Toten. Aber immer wieder sah sie sich als Mädchen mit dem Springseil. Das Mädchen mit dem Springseil.

Es war Dienstag. Am Abend schrien die Medien ihre Botschaft aus allen Löchern, auf den TV-Schirmen in der S-Bahn, auf ihrem Handy, im Supermarkt, überall die Berichte über die Virusbefreiungsfront.

Auf dem Rückweg nach Hause musste sie am Robert-Karl-Institut für Mikrobiologie vorbei.
Die Zeitungen hatten groß berichtet, dass hier in den Hochsicherheitslaboren die wirklich gefährlichen Erreger verwahrt wurden. Als wollten sie, dass ein Anschlag stattfindet.

Überall stand Polizei, die Straße war für Autos gesperrt. Ihr Ausweis wurde kontrolliert, aber ein anderer Weg hätte für sie einen 15 Minuten längeren Fußweg bedeutet.

Als sie den Haupteingang erreichte, ging alles ganz schnell.

Zwei Polizisten zogen Schnellfeuergewehre und schossen wahllos auf ihre Kollegen. Sie war wie gelähmt. Dann griff sie einer der Schießenden und zog sie als Schutzschild mit sich.

Aus dem Institut waren Explosionen zu hören, Rauch drang aus zersplitternden Fenstern, dann liefen ein Mann und eine Frau, beide als Ärzte gekleidet, die Treppen vom Haupteingang hinunter und schlossen sich ihnen an.

Bevor die Polizei die Situation überblickte, waren die Vier mit ihr bereits in dem Teil des Hafens, der in der Nähe des Instituts lag. Handlungsunfähig ließ sie alles über sich ergehen.

Die als Ärztin verkleidete Frau wurde angeschossen. Einer der als Polizisten verkleideten Männer warf Rauchgranaten und schoss wahllos um sich. Dann nahm er eine am Boden kauernde Frau als weitere Geisel.

Im Hafenbecken lag ein Schnellboot. Irgendwer drückte ihr einen Lappen auf das Gesicht. Es roch nach …

Als sie wieder zu sich kam, sah sie die beiden Männer, die als Polizisten verkleidet gewesen waren, an einem Holztisch sitzen und essen. Nun trugen sie unauffällige Alltagskleidung. Sie hörte ein Wimmern. Die andere Geisel saß mit Handschellen an Händen und Füßen auf dem Boden in einer Ecke. Das Zimmer wirkte wie ein Teil eines Ferienhauses, draußen sah sie im Dunkel nur Bäume und Schnee.

Aus einem anderen Teil des Hauses hörte sie Schmerzensschreie, das musste die angeschossene Frau sein. Der Mann, der als Arzt gekleidet gewesen war, war auch nirgends zu sehen.

Nina merkte, wie sie wieder wegsackte, dann verschwand die Welt.

Als sie wieder aufwachte, war von den beiden Männern nichts mehr zu sehen. Auch die zweite Geisel war verschwunden. Am Fenster saß der Mann, der als Arzt gekleidet gewesen war. Als sie sich bewegte, sah er zu ihr herüber. Nur ihre Hände waren mit Handschellen gefesselt. Er wies mit dem Kopf nach draußen.

Aus dem Fenster war nur Schnee und Wald zu sehen. „Der Schnee liegt inzwischen zwei Meter hoch, die Temperatur liegt bei 17 Grad minus, der nächste Ort ist 60 Kilometer entfernt. Versuchen Sie gar nicht erst zu fliehen.“

Nina sah ihn an: „Wo sind wir?“
„Das ist nicht wichtig.“
„Wieso tun Sie das?“

Der Mann schien einen Augenblick an ihr vorbeizuschauen: „Haben Sie sich schon mal überlegt, wie es kommt, dass diese Gesellschaft immer korrupter und egoistischer wird? Die Menschen denken nur noch an das nächste große Auto, PC-Spiele, Sex und alles käuflich. Wir zerstören die Lebensgrundlage für kommende Generationen. Die Abwehrsysteme der Natur funktionieren nicht mehr. Wir helfen nur, damit alles wieder ins Gleichgewicht kommt. Irgendwer muss die Verantwortung übernehmen. Das ist wie im Krieg. Wenn Sie das Richtige tun, machen Sie sich damit nicht unbedingt beliebt. Die Demokratie verhindert heute, dass das Notwendige getan wird. Wir tun es.“

Nina zitterte: „Was haben Sie vor?“
„Wir werden weltweit drei bis vier Virusepidemien auslösen. Danach wird die Welt anders aussehen. Vielleicht überleben 10 Prozent, vielleicht 20 Prozent, aber die Menschen werden wieder gelernt haben, die Natur zu respektieren.“
Der Mann kam auf sie zu: „Sie werden uns dabei helfen.“
Sie spuckte ihm ins Gesicht. Er wischte die Spucke ab, er blieb ruhig: „Sie haben keine Wahl.“

Ihr wurde untersagt, den Raum, in dem sie sich befand, zu verlassen. Aber wo sollte sie auch hin?

Einige Tage vergingen eintönig, sie waren hier offensichtlich isoliert vom Rest der Welt. Am Samstag, es musste Samstag sein, wenn sie sich nicht verzählt hatte, hörte sie Türen schlagen und Streit.

„Wir müssen das Virus testen vor der massenhaften Freisetzung.“
Das war die Stimme der Frau, die angeschossen worden war. Sie schien sich erholt zu haben. Die anderen Stimmen konnte sie nicht verstehen. Sie hörte nur noch die Worte „… die Geiseln …“
Dann nach einer Weile hörte sie das Schreien der anderen Geisel.
Dann war es wieder ruhig.

Vier Tage später hörte sie Schüsse. Dann sah sie die andere Geisel durch den Schnee kriechen, und sie sah die blaue aufgesprungene Haut, das Blut aus den Mundwinkeln, A/H1N5, die Deutsche Pest.

In ihr kamen alle Erinnerungen hoch, die Leichen überall, ihre tote Mutter zusammengekrümmt auf dem Küchenboden, die Maden in älteren Leichen. Sie konzentrierte sich ganz auf das Bild ihres Springseils, ihr Springseil, und atmete langsam ein und aus. Draußen schienen die beiden Männer, die sie zuerst als Polizisten verkleidet gesehen hatte, Spaß an der Jagd zu finden. Sie hörte weitere Schüsse und Lachen.

Später brannte es etwas abseits des Hauses, was brannte, konnte sie nicht sehen.
Die Frau und der Mann, die als Ärzte verkleidet gewesen waren, schienen zufrieden.

In der Nacht schneite es. Am nächsten Tag lag der Schnee so hoch, dass an ein Verlassen des Hauses für die nächsten Tage nicht zu denken war. Nina wusste jetzt, was zu tun war.

Sie wartete auf die Nacht. Zwar schlossen die Entführer sie an ein Heizungsrohr, doch sie waren nicht mehr achtsam, es gelang ihr, ihre Hand aus der Handfessel zu lösen. Leise schlich sie durch das Haus. Sie musste nicht lange suchen. Die Kühlbox mit den Viren war nicht einmal versteckt. Sie nahm die Ampulle heraus, A/H1N5, und strich sich damit ein, dann die Türklinken und die Handtücher im Bad.
Ihr liefen Tränen über das Gesicht.
Dann legte sie sich wieder hin.

Als am nächsten Morgen ihre Hand nicht gefesselt war, schrie der Mann, der als Arzt verkleidet gewesen war, rum, aber sonst passierte nichts.

Am nächsten Tag, es war der zweite Samstag, den sie nun hier war, bekamen sie alle Fieber. Zuerst wollten die Entführer es nicht wahrhaben. Dann, nach einem weiteren Tag, fingen die Halluzinationen an und nach weiteren 14 Stunden gab es den ersten Toten. Dienstag waren alle tot.

Nina betrachtete die Toten: „Seid doch froh, jetzt habt Ihr Euren Lieblingen zur Speise gedient.“

Sie schaffte die Toten in einen abseits gelegenen Schuppen, sie deponierte dort auch die Kühlbox und zündete dann den Schuppen an. Dann desinfizierte sie das Haus gründlich. Die Entführer hatten große Kanister mit Desinfektionsmittel im Anbau gelagert. Sie badete fast darin. Sie durfte niemanden gefährden.

Aber im Haus konnten die Viren ohne Wirt sowieso nur ein paar Tage überleben.

Sie dachte zurück an ihre Kindheit, an die Schlagzeilen über den einzigen Menschen, der die Virusepidemie vor 20 Jahren trotz Infektion unbeschadet überlebt hatte, an das kleine Mädchen mit dem Springseil.

Die Zeitungen hatten damals alle ihr Bild abgedruckt. Das Springseil hatte sie damals vor dem Verrücktwerden bewahrt zwischen all den Toten. Als die Seuchenkommandos in ihren Anzügen kamen und das kleine Mädchen mit dem Springseil trafen, mussten sie einen Moment an ihrem Verstand gezweifelt haben.

Später wurde sie untersucht und wieder untersucht. Alle anderen waren tot. Sie hatte als einzige Infizierte überlebt. Das war jetzt 20 Jahre her.

Sie war immun, zu essen war ausreichend da und der Schnee würde schmelzen.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Etienne BoulangerUnsplash; Lizenz CC0

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