Yuriko Yushimata – Varus der Virus

„Heute spielen wir Varus der Virus und Armin der Antikörper.“ Das schmale Lächeln der Betreuerin im Kinderhort traf Ayumi nicht mehr unvorbereitet. Inzwischen hatte sie gelernt, dass dieses Lächeln immer eine Kampfansage bedeutete. Wir werden Dich schon zurechtbiegen.

„Die kleine Ayumi spielt Varus den Virus. Und außer unserer kleinen Chinesin spielt auch noch Michael Varus.“

Die Betreuerin schubste einen etwas unbeholfenen ängstlichen Jungen in die Ecke, in der Ayumi stand.
„Ich bin keine Chinesin, ich bin Japanerin.“
Die Betreuerin lächelte Ayumi erneut an.
„Aber Ayumi, das ist doch egal.“

Dann wandte sie sich an alle Kinder. „Varus war ein böser römischer Feldherr, der versucht hat, Deutschland zu erobern. Armin, ein germanischer Fürst, hat Deutschland verteidigt, Varus besiegt und die Römer vertrieben.“

Ein kleiner Junge meldete sich: „Was ist germanisch?“
„Germanisch ist ein alter Ausdruck für deutsch. Genauso wie damals unsere Vorfahren sich dagegen gewehrt haben, dass die Römer, dass Fremde, in Deutschland eindringen und die Macht übernehmen, genauso wehrt sich unser Immunsystem mit Hilfe von Antikörpern gegen Viren. Über Viren haben wir ja schon geredet.

Was macht man gegen Viren?“
Die Kinder brüllten im Chor: „Hände waschen!“
Nur Ayumi sagte nichts.

Die Betreuerin lachte: „Das habt Ihr aber gut gelernt. Die anderen, außer Ayumi und Michael, spielen also alle Armin den Antikörper. Eure Aufgabe ist es, Varus den Virus, also Ayumi und Michael, zu vertreiben. Das Spiel ist zu Ende, wenn Ayumi und Michael draußen im Hof stehen. Viren müssen ausgeschlossen werden.
Ich klatsche jetzt einmal in die Hände und dann geht es los.“

Michael fing an zu heulen und ließ sich von der Gruppe Kinder willenlos hinausschubsen. Ayumi nutzte den kurzen Moment, um sich auf der höher gelegenen Spielebene zu verschanzen.
Doch auf einmal spürte sie den harten Griff der Betreuerin von hinten.
„Ayumi, das ist unfair. Das giltet nicht.“

Sie hob Ayumi hoch und stellte sie direkt vor die Gruppe der anderen Kinder. Die Kinder stürmten johlend auf Ayumi zu und schubsten sie nach draußen.
Die Betreuerin steckte kurz ihren Kopf durch die Tür.
„Ihr bleibt erst mal hier draußen.“
Drinnen sangen die Kinder Spottgesänge auf Varus den Virus. Und krakeelten: „Armin, Armin!“

Der Junge mit Namen Michael saß auf dem staubigen Steinboden und schlug verheult seinen Kopf gegen einen Baum. Ayumi tanzte über den Hof und achtete darauf, dass die Betreuerin sie nicht sehen konnte.
Zwischendurch versuchte sie, Michael dazu zu bewegen, mit ihr zu spielen. Aber der sah sie nur böse an. Ayumi setzte sich auf einen Steinpfosten und sah träumend in den Himmel. Sie träumte, sie wäre in Japan, sie war noch nie in Japan gewesen.
Plötzlich hatte sie den Eindruck, ihr würde schlecht. Der Boden schien zu schwanken. In der Ferne tanzte schwerfällig ein Wolkenkratzer und fiel dann in sich zusammen.

Auf einmal war der Lärm überall. Sie sah Michael wie gebannt auf den Kinderhort in ihrem Rücken starren. Dann kam der Staub von überall her, roter Staub. Rot wie der Klinkerbau des Kinderhortes. Als sie sich umdrehte, stand dort kein Gebäude mehr. Nur Schutt und Trümmer lagen überall verstreut. Niemand sang mehr Spottgesänge. Nach dem Lärm war es auf einmal seltsam still.
Kurz darauf hörte sie Sirenen.
Sie saß einfach da und wartete, bis spät am Nachmittag ihr Vater mit dem Fahrrad kam. Heulend schloss er sie in die Arme.

So viele Tote, es hatte so viele Tote gegeben. Erdbeben waren hier selten.
Auch ihre Mutter war überglücklich, die kleine Ayumi wiederzusehen.

Abends durfte Ayumi noch einmal nach draußen, aber nur kurz und in Sichtweite.
Im Sandkasten baute sie einen Grabhügel, für Armin. Armin der Antikörper war gestorben und Varus hatte überlebt. Sie hüpfte auf einem Bein und sang.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Etienne BoulangerUnsplash; Lizenz CC0

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