… oder einfach nur ängstlich.

Wenn wir zu Gott sprechen, nennt man das Gebet. Spricht er zu uns, nennt man das irre. Eine Prosa über die Befreiung des Geistes.

Wenn wir zu Gott sprechen, nennt man das Gebet. Spricht er zu uns, nennt man das irre. Eine Prosa von Lars Kochinky über das Warten auf die Befreiung des Geistes.

Berlin.

Eine Klinik.

Station 5b.

18 Patienten, einige rennen mit dem Kopf gegen die Wand.

Einige schreien die Luft an …

Luft, die ich zum Atmen brauche.

Klopf, klopf, macht es an der Zimmertür. Es wird keine Antwort abgewartet, die Tür geht auf. Die Pillen vor meinem Gesicht. Willkommen in der Geschlossenen.

In dieser Einrichtung werden Krankheiten geheilt.

Ich bin so allein.

Nervenheilanstalt … Heilanstalt!

Ich vermisse mein Kind.

Die Pfleger. Machtausübung. Unterdrückung der Insassen. Kalte, weiße Wände.

Ich hasse es hier.

Ich will mich nicht anpassen, will nicht zu all den Irren gehören.

Ich schüttele mein Haupt, um den Stimmen in meinem Kopf die Verneinung zu verdeutlichen. Und wieder Pillen.

In den Büchern stehen die Regeln, doch nicht im Menschen.

Im Raucherraum sitzt neben mir eine Richterin, manchmal ist sie auch Gärtnerin oder Polizistin … oder einfach nur ängstlich.

Ich schmeiße den Teller, auf dem eine aufgewärmte Fünf-Minuten-Terrine serviert ist, gegen das vergitterte Fenster.

Und wieder werde ich zu Boden gedrückt.

Notausgang? Fehlanzeige. Es gibt nur Not … keinen Ausgang.

Meine Tochter fehlt mir so sehr. »Hast Du mich lieb?«, fragen die Stimmen.

Ich antworte mit »Ja«, obwohl ich nicht weiß, wer fragt. Bist vielleicht Du es?

Wenn wir zu Gott sprechen, nennt man das Gebet. Spricht er zu uns, nennt man das irre.

Kurz vor dem Abendessen beginnt die Malstunde. Endlich kann ich schweigend reden. Die Farbe Rot fehlt … meine Arme haben schon zu viel davon gegeben, drum tauche ich den Pinsel ins Gelb.

Ich liebe die Sonnenstrahlen, wenn sie morgens um sieben Uhr durch die Gitter an meinem Fenster blinzeln.

Meine Tochter wird nächste Woche fünfzehn. Ich werde ihr eine Karte schicken, ihr alles Gute wünschen … – so wie das halt gesunde Menschen machen.

Gewidmet allen Menschen, die in einer Klinik auf die Befreiung ihres Geistes warten.


Foto: Olenka Kotykunsplash.com

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