Kataloniens Kampf um die Unabhängigkeit

Spanien steht vor der Zerreißprobe. Katalonien streben nach Unabhängigkeit. Aber das ist nur ein Aspekt. Ein seit Jahrhunderten anhaltender Konflikt tritt offen zutage.

Am 1. Oktober will die Regierung von Katalonien, die Generalitat, ein Referendum abhalten, bei dem die Bevölkerung befragt werden soll, ob die autonome Region unabhängig vom spanischen Staat werden soll oder nicht.

Die Zentralregierung in Madrid um Ministerpräsident Mariano Rajoy will das verhindern, notfalls durch Einsatz des Militärs. Das Verfassungsgericht hält das Referendum für illegal. Die Katalanen zeigen sich bisher unbeeindruckt.

Um ein besseres Verständnis über die Entstehung des Konflikts zu bekommen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte Spaniens.

Die Herrschaft Roms

In der Antike war das Gebiet des heutigen Katalonien im Nordosten eine Art Pufferzone zwischen den damaligen Supermächten Rom und Karthago. Roms Einfluss reichte bis weit in den nördlichen Teil der Iberischen Halbinsel, Karthago beherrschte den südlichen. Der Fluss Ebro trennte als natürliche Grenze die beiden Rivalen.

Karthago und das Römische Imperium kämpften um die Vormachtstellung im Mittelmeerraum.
Karthago und das Römische Imperium kämpften um die Vormachtstellung im Mittelmeerraum.

Das Überschreiten des Ebro durch die Truppen des karthagischen Feldherrn Hannibal 218 v. Chr. löste den 2. Punischen Krieg aus, der Rom zwar ins Wanken brachte, aber dennoch mit einer Niederlage Karthagos endete.

Das Römische Imperium konnte sich die Iberische Halbinsel einverleiben und sicherte sich die Vorherrschaft im Mittelraum. Karthago blieb lediglich die Rolle einer marginalisierten Regionalmacht, die im 3. Punischen Krieg (149 bis 146 v. Chr.) von Rom endgültig zerstört wurde.

Rom legte das Fundament für die Kultur und die Sprachen, die im heutigen Spanien gesprochen werden. So unterschiedlich sie auch sind, bis auf die baskische Sprache entstammen alle der romanischen (lateinischen) Sprachfamilie.

Die Geburt Kataloniens

Nach dem Zerfall des Römischen Imperiums wurde die Iberische Halbinsel von den Westgoten für ca. 200 Jahre beherrscht. 711 n. Chr. setzte ein maurisches Heer über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien über und eroberte innerhalb von zwei Jahren den größten Teil der Halbinsel.

Um die häufigen Raubzüge der Mauren auf fränkisches Gebiet jenseits der Pyrenäen zu verhindern, wurde von den Franken die „Spanische Mark“ gegründet. Dabei handelte es sich um eine Reihe von Grafschaften im Nordosten, also zwischen der Mittelmeerküste und den Pyrenäen, die den Ursprung des heutigen Katalonien bilden.

Die Grafschaften bemühten sich um stärkere Unabhängigkeit vom Fränkischen Reich. Dessen Einfluss nahm langsam ab und es konnten sich politische Einheiten herausbilden. Dem Graf von Urgell und Cerdanya, Wilfried dem Haarigen, gelang es, eine Reihe von Grafschaften unter seiner Herrschaft zu vereinen und von Barcelona aus als Wilfried I. zu verwalten.

Nach dem Tod Wilfried I. zerfiel die Einheit, aber der Kern aus den Grafschaften Barcelona, Girona und Vic blieb ungeteilt. Aus ihm bildete sich das spätere Katalonien.

Im 12. Jahrhundert vereinten sich das Königreich Aragón und die Grafschaft Katalonien. Die Grundlage für ein gesamtspanisches Königreich wurde 1469 durch die Heirat von Ferdinand von Aragón-Katalonien und Isabella von Kastilien gelegt. 1492 fiel Granada, die letzte maurische Bastion auf spanischen Boden.

Ab diesem Zeitpunkt wurde die gesamte Iberische Halbinsel von nur einer Krone beherrscht.

Erbfolgekrieg und der Fall Barcelonas

Katalonien hatte eine Blütezeit erlebt und den Handel im westlichen Mittelmeer dominiert. Das änderte sich mit der Entdeckung Amerikas und der sich anschließenden Eroberung und Ausbeutung des Kontinents.

Portrait von Karl II. von Spanien des Malers Juan Carreño de Miranda
Porträt von Karl II. von Spanien des Malers Juan Carreño de Miranda. (Foto: Gemeinfrei)

Die Zentren des Handels und der wirtschaftlichen Macht verlagerten sich an die Atlantikküste Spaniens. Der Handel im Mittelmeer verfiel zusehends.

Karl II., der letzte Habsburger König in Spanien, starb im November 1700 kinderlos und hinterließ ein Machtvakuum. Das führte 1701 zum Spanischen Erbfolgekrieg zwischen Frankreich und der sogenannten Haager Große Allianz um den österreichisch-habsburgischen Kaiser, England, die Niederlande und das Heilige Römische Reich. Die Katalanen schlugen sich auf die Seite Österreichs.

1713 endete der Erbfolgekrieg mit dem Frieden von Utrecht. In Spanien wurde mit Philipp V. von Anjou ein Monarch aus dem Geschlecht der Bourbonen eingesetzt. Der neue Herrscher ging mithilfe französischer Truppen gegen die Katalanen vor, weil diese ihn nicht anerkannten.

Der Widerstand beschränkte sich hauptsächlich auf Barcelona. Nach mehrmonatiger Belagerung wurde die Stadt gestürmt. Sie fiel am 11. September 1714. Der Tag der Kapitulation wurde zwar zum Nationalfeiertag: Der Diada Nacional de Catalunya gilt heute aber bei vielen Katalanen als Trauertag wegen des Verlustes der regionalen Eigenständigkeit.

Philipp V. führte sein Land nach französischem Vorbild zentralistisch. Nach der Eroberung Barcelonas wurde Katalonien in den Zentralstaat eingegliedert.

Die katalanische Sprache wurde verboten, Universitäten geschlossen, die politischen Institutionen aufgehoben. Damit war die Selbstverwaltung abgeschafft.

Napoleon und der Absolutismus

Französische Truppen marschierte Anfang 1808 in Spanien ein. In der Folge wurde Joseph Bonaparte, der Bruder des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte, auf dem spanischen Thron installiert.

Im Mai des gleichen Jahres erhoben sich in Madrid die Menschen gegen die Fremdherrschaft. Die Franzosen ließen gefangene Aufständische erschießen. Daraufhin brach in ganz Spanien der bewaffnete Widerstand aus.

Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808, Gemälde von Francisco de Goya, Museo del Prado, Madrid
Der spanische Maler Francisco de Goya hielt die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 und die Gräueltaten in seiner Bilderserie „Desastres de la Guerra“ (dt.: Schrecken des Krieges) fest. (Foto: Gemenfrei)

Durch den Guerillakrieg, der besonders verbissen in Navarra, den Bergen Kastiliens, dem Baskenland und in Katalonien geführt wurde, konnten die Franzosen ihr Besatzungsregime nicht festigen.

Besonders Mönche und andere Geistliche stachelten die Aufständischen auf, sodass es zu einer ideologischen Vermischung des Widerstands gegen einen weltlichen Eroberer und religiösen Motiven kam.

1814 waren die Franzosen vertrieben, aber Spanien wirtschaftlich fast ruiniert. Zahlreiche Kolonien in Übersee hatten sich von der einstigen Kolonialmacht losgesagt, die Einnahmen blieben aus. Bis 1820 wurde Spanien absolutistisch geführt.

Der Druck der Straße – das Militär hatte sich geweigert mit Gewalt gegen die Menschen vorzugehen – zwang Ferdinand VII. auf die Verfassung von Cádiz zu schwören. Dabei zeigte Ferdinand VII. politisches Geschick. Er rief die Nation auf, den Weg der Verfassung zu beschreiten, um sozialen Frieden zu schaffen.

Eine militärische Intervention der Franzosen beendete 1823 die als Spanische Revolution bekannte liberale Phase. Der Absolutismus wurde wieder eingeführt.

Kampf der Kulturen

Nach dem Tod Ferdinands 1833 entbrannte in den sogenannten Carlistenkriegen eine gewaltsame Auseinandersetzung um die Gestaltung Spaniens – ein Ringen um Staat und Kirche, ein Kampf der Kulturen.

Zentralistische Liberale und ihre Abneigung gegen den Klerus und die kirchlichen Institutionen auf der einen Seite, Carlisten auf der anderen. Deren Weltanschauung fußte auf einem Gemisch aus reaktionär-absolutistischen, streng katholischen und traditionellen Sonderrechten der spanischen Einzelreiche und Regionen.

Katalonien forderte seine alten Rechte zur Eigenständigkeit ein, die nach dem Spanischen Erbfolgekrieg genommen wurden. Allerdings fühlten sich nicht nur die Bauern, sondern auch die Arbeiterschaft immer weniger konfessionell gebunden. Sie wendeten sich dem Sozialismus und dem Anarcho-Syndikalismus zu.

Der wirtschaftliche Aufschwung brachte zudem ein Unternehmertum hervor, das einen westlichen, marktwirtschaftlichen Lebensstil und die dazugehörigen wirtschaftlichen und politischen Freiheiten anstrebte.

1931, während der 2. spanischen Republik, erlangte Katalonien seine Autonomie für kurze Zeit zurück. Von 1934 bis 1936 wurde sie suspendiert.

Bürgerkrieg, Franco-Ära und Demokratie

Die extremen sozialpolitischen und kulturellen Verwerfungen in der spanischen Gesellschaft, sowie die regionalen Autonomiebestrebungen, führten in den Bürgerkrieg (1936 – 1939).

Nach dem Sieg Francos wurde die Autonomie von Katalonien komplett aufgehoben. Erneut wurde die katalanische Sprache in der Öffentlichkeit verboten.

Die Generalitat floh und existierte im französischen Exil weiter bis zum Tod von General Franco im November 1975. In der Verfassung von 1978 wurde die Autonomie dann erneut festgeschrieben.

Spaniens Diktator Francisco Franco 1969 in Argentinien.
Spaniens Diktator Francisco Franco 1969 in Argentinien. (Foto: Gemeinfrei)

Während die faschistischen Regime in Deutschland und Italien im 2. Weltkrieg zerschlagen wurden oder durch Revolutionen wie in Griechenland und Portugal ihre Macht verloren, etablierte sich in Spanien nach dem Bürgerkrieg ein faschistisches Regime für fast 40 Jahre. Eine Revolution gegen die Diktatur blieb aus und von außen wurde auch nicht eingegriffen.

Die Diktatur Francos endete offiziell mit dem Tod des Staatsoberhaupts. Durch das Amnestiegesetz von 1977 wurden die während der Franco-Ära begangenen Verbrechen der juristischen Aufarbeitung entzogen und die Täter durch den Verzicht auf Strafverfolgung reingewaschen. Der alte Staats- und Machtapparat blieb somit intakt und voll funktionsfähig.

Angehörige der alten Machtstrukturen wechselten nicht nur unbehelligt vom Faschismus in die Demokratie, sondern formten sie auch. Die Väter der Verfassung waren zum größten Teil Minister und Rechtswissenschaftler in der Diktatur gewesen.

Das Spiel mit Worten

Ende der 1970er-Jahre bestand sowohl bei den ultrakonservativen Kräften als auch beim Militär die große Befürchtung, Spanien könne bei einer Demokratisierung durch die Unabhängigkeitsbestrebungen insbesondere der Basken, Galicier und Katalanen auseinanderfallen. Entsprechend wurde die Verfassung formuliert.

In Artikel 2 der spanischen Verfassung steht:

Die Verfassung gründet sich auf die unauflösliche Einheit der spanischen Nation, gemeinsames und unteilbares Vaterland aller Spanier; sie anerkennt und gewährleistet das Recht auf Autonomie der Nationalitäten und Regionen, aus denen sie sich zusammensetzt, und auf die Solidarität zwischen ihnen.

Die Zentralmacht in Madrid erkennt in dieser Formulierung zwar an, dass es in den Regionen „Nationalitäten“ gibt, und gesteht ihnen auch eine gewisse Autonomie zu, sieht aber einzig und allein die Gesamtheit aller Spanier als „Nation“.

Der Anspruch der Katalanen, eine eigene Nation zu sein und einen unabhängigen Staat gründen zu können, wird dadurch abgeschmettert.

Bestärkt wird die Sichtweise Madrids durch die starke nationale Migrationsbewegung im 20. Jahrhundert, als Menschen aus den ärmsten Gebieten Spaniens – vor allem aus Extremadura, Andalusien und Galicien – in die Industriezentren des Baskenlandes und Kataloniens zogen, um Arbeit zu finden.

Die sich ergebende Durchmischung der Bevölkerung rechtfertigt aus dem Blickwinkel Madrids nicht den Anspruch der Katalanen, eine eigene Nation zu sein. Folgt man dieser Linie, wäre das Referendum illegal.

Das Bild eines großen und einheitlichen Spaniens, welches über Jahrhunderte propagandistisch aufrechterhalten wurde, wäre sofort zerstört, würde Katalonien infolge des angestrebten Referendums seine Unabhängigkeit erkläre.

Carles Puigdemont und Mariano Rajoy

Carles Puigdemont will Katalonien in die Unabhängigkeit führen.
Carles Puigdemont will Katalonien in die Unabhängigkeit führen. (Foto: Generalitat de Catalunya; CC BY-SA 3.0)

Carles Puigdemont, Mitglied der Partit Demòcrata Europeu Català und seit Januar 2016 Präsident der Generalitat de Catalunya, treibt von Barcelona aus die Vorbereitungen für das Unabhängigkeitsreferendum voran. Unterstützt wird er von Nationalisten und der Convergència Democràtica de Catalunya (CDC).

Ministerpräsident Mariano Rajoy, der der rechtskonservativen Regierungspartei PP (Partido Popular) vorsteht und von der rechtsliberalen Partei Ciudadanos (Staatsbürger) und anderen ultrakonservativen Kräften unterstützt wird, will das verhindern.

Die Sozialistische Arbeiter Partei Spaniens (PSOE) und ihr Vorsitzender Pedro Sánchez haben sich ebenfalls gegen eine Loslösung Kataloniens ausgesprochen.

Doch im Gegensatz zu den konservativen und ultrarechten Kräften sucht Sánchez den Dialog. Er will die Katalanen durch Verhandlungen dazu bringen, ihre Bestrebungen nach Unabhängigkeit aufzugeben. Damit ist nicht zu rechnen.

Die harte Linie Madrids

Madrid will die harte Linie fahren. Das Referendum soll notfalls mit Gewalt unterbunden werden. Darauf wird sich vorbereitet.

Die Regierung hat mehr als 200 Versetzungsgesuche von Angehörigen der Guardia Civil, die Katalonien verlassen wollten, abgelehnt. Dagegen wurden schon rund 900 Bereitschaftspolizisten der Guardia Civil und der Nationalpolizei zusammengezogen.

Die Generalstaatsanwaltschaft kündigte an, katalanische Bürgermeister nötigenfalls verhaften lassen, sollten sie am 1. Oktober das Referendum aktiv unterstützen.

Carles Puigdemont hat reagiert. Er droht mit dem Einsatz der Mossos d’Esquadra – der Polizei von Katalonien. Die etwa 14.000 Mitglieder der Mossos, die wegen ihrer Brutalität immer wieder für negative Schlagzeilen sorgen, sollen die Abstimmung schützen. Die Situation ist explosiv.


Fotos: Generalitat de Catalunya (Carles Puigdemont); CC BY-SA 3.0 und von William Robert Shepherd (derivative work); der westliche Mittelmeerraum vor dem 2. Punischen Krieg; CC BY-SA 3.0.

 

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