Technische Evolution: Verteilung der Erträge als Antwort auf Komplexität

Künstliche Intelligenz, Robotik und autonome Agenten beschleunigen die Polarisierung der Arbeit. Die Evolution der Technik dringt daher tiefer in die Politik ein, als uns vielleicht lieb sein mag. Sie muss Antworten auf die neue Komplexität finden. Die Verteilung der Erträge, entkoppelt von der menschlichen Arbeitsproduktivität, ist eine Lösung. Ein Beitrag von Herbert Exner.

In der Industriellen Revolution begann eine neue Koevolution von Arbeit und Wirtschaft. Nicht zuletzt durch den evolutionären Entwicklungsfluss der Dinge. Zuerst mechanisiert sind sie heute smart und vernetzt.

Inmitten der Entwicklung steht der Mensch. Er ist Produzent der Waren und Dienstleistungen, und auch Konsument. Was passiert mit ihm, wenn seine angestammte Rolle als Produzent zunehmend auf die Technik übergeht?

Menschliche Arbeit in der postindustriellen Zeit

Ökonomische Spreizung im Zusammenspiel mit Technologien mündet unweigerlich in einer Spreizung von Arbeit, hier verstanden im Sinne der Erwerbsarbeit. Smarte, vernetzte Prozesse und Verfahren lassen diese Arbeit schmelzen wie Eis in der Sonne.

Die Pole spiegeln sich in einem großen Bild von (Erwerbs-)Arbeit als „Sklavenarbeit“ und Laborarbeit wider. Dazwischen liegen Hobby und ehrenamtliche Tätigkeit ohne Einkommen – und die Fabriksarbeit ohne menschliche Arbeit.

Das große Bild von Arbeit von Herbert Exner

Die Evolution der Dinge dringt daher tiefer in die Politik ein, als uns vielleicht lieb ist. Es irritiert mich deshalb, wenn insbesondere die politische Linke die Probleme der postindustriellen Zeit immer noch mit Methoden gegen die Auswüchse der Industriellen Revolution bekämpfen will.

Will Politik dem unvermeidlichen Auseinanderbrechen der Gesellschaft entgegenwirken, muss sie Bedingungen für neue Arbeitstypen und eine Verteilung der Erträge finden, die von der individuellen, menschlichen Arbeitsproduktivität entkoppelt wird. Der Mensch muss einen Wert als Mitglied der Gemeinschaft selbst erhalten.

Der erste radikale Umbruch

Zum besseren Verständnis zeichne ich den Wandel von Produkten und Produktion aus technischer Sicht nach und welchen Einfluss dieser auf die Politik hat.

Vor der Industrialisierung wurde meist im Heim oder in kleinen Werkstätten gefertigt. Handwerker stellten mit einfachen Handwerkzeugen und Vorrichtungen individualisierte Produkte her.

Die Industrialisierung veränderte alles radikal. Maschinen produzierten in Fabriken Massenware. Sie brachte neue Regime von Transport, Kommunikation und ein Bankwesen hervor.

In dieser Zeit des gewaltigen Umbruchs wurden neue technisierte Gepflogenheiten einerseits als fortschrittlich gefeiert, andererseits aber als unmenschlich entlarvt. Die Bewegung zur Emanzipation der Menschen von der Knechtschaft schöpfte neue Hoffnung. Sie kam aber auch immer wieder ins Wanken.

Arbeit und Wirtschaft wurden zunehmend politisch. Die Dinge, Prozesse und Arbeitsweisen eilten aufgrund ihrer inneren und äußeren Eigenschaften der sozio-ökonomischen Entwicklung immer weiter voraus.

Der evolutionäre Entwicklungsfluss der Dinge

MECHANISIERT – Seit der Industrielle Revolution bilden Mechanismen die Kraftquellen und erhöhen den Komfort der Dinge. Im Auto zum Beispiel bestimmen sie die Funktion von Motor und Getriebe – seine Leistung. Als Fensterheber den Komfort.

ELEKTRIFIZIERT – Magneten, Dynamos und Generatoren bestimmten die historische Entwicklung der Elektrifizierung. Elektrizität kann Mechanismen ersetzen. Elektromotoren ersetzen mechanische Fensterheber. Aber sie ersetzen auch das Herz der Autos: Motoren und Getriebe.

COMPUTERISIERT – Computer sind universelle Maschinen und deshalb programmierbar. Produkte und Fabriken werden zunehmend von Computerprogrammen gesteuert. Es sind nicht mehr Hände, die an Rädern drehen, nicht mehr Knöpfe, die Aktionen auslösen. Es sind abstrakte Befehlsfolgen – Programme. Computer bilden die Grundlage der Technologie der flexiblen Automation.

KOGNITIV – Maschinen werden denken können. Aber nicht wie Menschen. Schon bei der Computerisierung wurde fälschlich geglaubt, Systeme müssten wie Menschen werden. Deshalb mussten Menschen denken wie Maschinen, damit Maschinen denken können wie sie. Cognitizing ist die Technologie der autonomen Systeme. Das selbst fahrende Auto und autonome Roboter sind Objekte ihrer Begierde.

VERNETZT – Computerisierte Produkte wie zum Beispiel Autos werden heute mit Sensoren vollgestopft und mit Millionen Zeilen Programmcode ausgeliefert. Lokale Intelligenz ermöglichte es, komplexe Sensorinformation intelligent zu verarbeiten.

Selbstfahrende Autos werden aber darüber hinaus zu intelligenten Schwärmen, die den Verkehr und die eigene Fahrt technisch und ökonomisch optimieren.

Mensch-Maschine-Interaktion und neue Risiken

Es gehört zum allgemeinen Verständnis, dass Computer großartig darin sind, wenn es darum geht, Routinearbeit schneller und billiger zu verrichten. Aber Computer können viel mehr.

Sie lösen extrem schwierige Probleme in kürzester Zeit. Es könnte deshalb klug sein, die Mensch-Maschine-Interaktion teilweise umzukehren: lassen wir Computer übernehmen, wenn Aufgaben wirklich schwierig werden, ungewöhnliches Verhalten verlangen. Und helfen wir ihnen, Routinearbeit menschenfreundlicher zu gestalten.

Aber wie smart soll nun ein mechanisiertes, elektrifiziertes, computerisiertes, intelligentes, verbundenes Ding sein? Wie wird es mit seinem menschlichen Umfeld interagieren?

Würden Ameisen so gute kollektive Entscheidungen treffen, wenn jede einzelne Ameise Menschenintelligenz hätte? Und umgekehrt: Wie sehr schränkt ein sehr eng verbundenes System die lokale Intelligenz ein?

Entscheidend ist der Komplexitätsgrad. Ein eng verbundenes, komplexes System intelligenter Dinge kann zum Monster werden. Warum? Aufgrund von Komplexität werden unvorhersehbare Ereignisse eintreten und aufgrund enger Kopplung steht den Menschen nicht genügend Zeit für die angemessene Reaktion zur Verfügung.

Eng gekoppelte Mensch-Maschinen-Systeme mit der Komplexität einer Gemeinschaft tragen deshalb unterschätzte Risiken.

Neue Geschäfte und neue Politik

Bleiben wir zuerst beim Auto. Smarte, verbundene Autos sind in naher Zukunft Knoten in einem Netz. Sie werden deshalb nicht mehr bei Autohändlern, sondern bei Providern gekauft werden.

Smarte, verbundene Bürohäuser, Fabriken, Operationssäle, Handelssysteme usw. arbeiten ebenfalls wie Schwärme in einem Netz. Sie werden deshalb auch von Systemprovidern gemanagt werden.

In smarten, verbundenen Systemen leben die Dinge in Koexistenz und entwickeln sich nach dem Prinzip von Koevolution. In solchen Regimen verschwimmen Begriffe wie Herkunft, Verwendung, Geben, Nehmen, Erzeugen, Nutzen. Die neue Koevolution von Arbeit und Wirtschaft verändert Wert, Preis, Eigentum, Austausch, Nutzung, Markt, Geld … und Risiko.

Dies alles verlangt eine völlig neue „Physik von Politik“, die sich der Frage stellen muss, welche Rolle der Mensch in der neuen Komplexität einnehmen soll.


Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer.
Herbert Exner (Foto: Karl Artmann, Blickicht)

Über den Autor: Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer. Er arbeitete über 40 Jahre an der Erschließung internationaler Märkte mit sowie an der Automatisierung von Hand- und Kopfarbeit. Heute setzt er sich mit der Komplexitätsökonomie und ihren Auswirkungen auf die Sozialsysteme und die Politik des 21. Jahrhunderts auseinander. 2016 veröffentlichte er das Magazinbuch „Unser – Was die evolutionäre Linke unterscheidet„.


Fotos: Karl Artmann (www.blickicht.com) und Titelbild von Billetto Editorial (Unsplash).

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