Yuriko Yushimata – Virus-Hilfe

Yuriko Yushimata beschreibt in ihrer Science Fiction Short Story „Virus-Hilfe“ den Weg einer Journalistin, die ungeeignet für die Verwertungsgesellschaft ist und beim Optimierungsbeauftragten landet.

Yuriko Yushimata beschreibt in ihrer Science Fiction Short Story „Virus-Hilfe“ den Weg einer freien Journalistin, die ungeeignet für die Verwertungsgesellschaft ist und beim Optimierungsbeauftragten landet.

‚Freie Journalistin‘ – die Karte mit ihrem Namen, die Mira sich von ihrem letzten Verdienst hatte machen lassen, sah eindrucksvoll aus. Das war nun schon wieder drei Monate her.

Sie hatte eine Geschichte über die Kampfabstimmung in der Kleingartensiedlung verkauft, mit Foto. Am meisten Geld brachten die Bilder, aber auch das war nicht viel. Unabhängiger Journalismus war nur noch ein Hobby, das sich Reiche leisten konnten.
Sie war nicht reich.
Nur als PR-Managerinnen lohnte es sich noch zu arbeiten. Aber sie war einfach nicht gut genug im Lügen. Selbst als sie die Visitenkarte erstellen ließ, hatte sie ein ungutes Gefühl. Ehrlicher hätte auf der Karte stehen müssen, Sozialhilfeempfängerin, arbeitslos seit vier Jahren. Arbeitslose mit überdurchschnittlichem Studienabschluss, fehlqualifiziert, schwer vermittelbar.
Die Beraterin der Individualoptimierung bot ihr eine Umschulung zur Sekretärin an. „Sie können doch schreiben.“

Das Konzept der Individualoptimierung hatte vor einem Jahrzehnt die alten Arbeitsvermittlungen abgelöst – nun stand der Mensch im Mittelpunkt, laut Selbstdarstellung des Optimierungsmanagements.
Ihre Großtante meinte nur: „Hübscher neuer Name.“

Da sie die Umschulung zur Sekretärin nicht wollte, musste sie freiwillig zustimmen, an einer Individualqualifizierungsmaßnahme teilzunehmen. Früher hieß das mal 1-Euro-Job. Bei Nichteinhaltung der Eingliederungsvereinbarung würden ihr alle Mittel entzogen.
Besser als ein unbezahltes einjähriges Weiterbildungspraktikum beim gemeinnützigen Zweig der Lidl-Schlecker-Gruppe.

Sie hatte schon vorher an Individualqualifizierungsmaßnahmen teilgenommen. Bei den meisten kam es nur darauf an, pünktlich anwesend zu sein und dann die Zeit totzuschlagen.
Mit etwas Glück hatte sie Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie tratschen konnte.

Sie wurde der Virus-Hilfe zugewiesen. Natürlich hatte sie schon von der Virus-Hilfe gehört. Der allgegenwärtigen Reklame konnte niemand entgehen – ‚Gib keinem Virus eine Chance!‘
Vielleicht würde sie als Journalistin dort einen Skandal entdecken. Sie hatte bei jedem Aushilfsjob diese Phantasie. Eine Freundin, Sozialwissenschaftlerin und arbeitslos wie sie, phantasierte bei jedem Job davon, eine wissenschaftliche Studie über dieses Arbeitsverhältnis zu verfassen. Bisher hatte das nie geklappt.
Und auch Skandale schien es keine mehr zu geben, außer dem großen Skandal dieser Art der Gesellschaftsorganisation.

Ihr erster Arbeitstag bei der Virus-Hilfe begann um 8.00 Uhr. Das war eine sehr moderate Zeit. Viele Individualqualifizierungen wurden auf möglichst frühe Zeiten verlegt ab 6.00, um die Arbeitsdisziplin der Teilnehmerinnen zu testen.
Im Flur hing das allseits bekannte Plakat ‚Küssen ist schön, aber niemals ohne!‘ – eine Reklame für die hauchdünnen Kussfolien aus desinfiziertem Plastik in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Auf Toilettensitzen waren diese Einmalfolienbezüge schon lange Standard. Trotzdem gab es in bestimmten Unterschichtvierteln immer noch alte lackierte Holzklodeckel.

Auch ihr Klo war noch ein solches Museumsstück. Aber nur wenige gute Freunde und Freundinnen besuchten sie ab und an.
Ihrem neuen Chef würde sie das mit Sicherheit nicht erzählen.

Sie wurde im Büro freundlich begrüßt und schnell durchgeschleust und an einen Optimierungsbeauftragten weitergereicht, der ihr Team leitete. Er war bis vor zwei Monaten noch selbst Teilnehmer einer Individualqualifizierung gewesen, und war nun eine Stelle höher im System gerutscht.
„Sie sind Journalistin, da sind Sie hier genau richtig. Wir brauchen Leute, die andere Leute überzeugen können.“

Ihre Aufgabe war, in ‚Problemvierteln‘ im Team Klingeln putzen zu gehen, Aufklärungsmaterial zu verteilen und das Gespräch mit den Leuten zu suchen. Die Kampagne wurde in den Armutsvierteln aber nicht gut angenommen. Die Sekretärin hatte das gleich angemerkt, auch sie hatte sich von der Individualqualifizierung auf diese Stelle hochgearbeitet.
„Da muss man sich ja nicht wundern über die Verelendung, wenn Leute die elementarsten Hygieneregeln missachten und ungeschützt küssen. Aber das können Sie denen einfach nicht beibringen.
Da muss ganz anderes passieren.“

Im Büro bekam sie noch eine Broschüre des Innenministeriums mit Empfehlungen für den Aufenthalt in virologischen Risikogebieten. Damit waren die Stadtviertel gemeint, in denen sie die Broschüren verteilen sollte. In einem davon lebte sie.
– ‚Halten Sie sich nie länger als unbedingt nötig in Risikogebieten auf.‘ – ‚Meiden Sie die Nahrungsaufnahme.‘ – ‚Nutzen Sie in Risikogebieten keine sanitären Anlagen, außer an den als sicher ausgewiesenen Orten.‘ –
Die Virus-Hilfe übernahm keine Haftung für die Folgen von Ansteckungen bei der Arbeit in Risikogebieten für die Teilnehmerinnen von Maßnahmen der Individualqualifizierung.

Sie wurden mit einem alten VW-Transporter vor Ort gebracht. Und bekamen Straßen zugewiesen. Schnell bekam sie mit, dass die meisten aus ihrem Team die Broschüren zwar verteilten, aber sich selbst über den Inhalt lustig machten.
– ‚Dein erster Kuss, mit Folie, aus Liebe!‘ – Es gab inzwischen Folien speziell für das erste Mal, in Herzform und parfümiert. Statt ein Mädchen anzusprechen, konnte ein Junge ihr auch einfach eine Folie schenken. Dann war schon alles klar.
Sie hatte noch nie Folien benutzt, natürlich hatte sie auch das nicht im Büro erzählt, sondern immer nur genickt. Sie kannte die Statistiken, die besagten, dass die oberen Einkommensgruppen praktisch immer Folie verwendeten, während ‚Küssen ohne‘ ein Unterschichtshabitus war. Sie fand, ohne machte einfach mehr Spaß.

Sie ersparte sich das Klingeln und stopfte die Broschüren einfach in die Briefkästen. Die gewonnene Zeit nutzte sie für eine empfehlungswidrige Nahrungsaufnahme an einer Würstchenbude im Risikogebiet.
Eine ältere Frau erhaschte einen Blick auf die Broschüren, die sie unachtsam auf den Bürgersteig gelegt hatte. Die Frau nahm sich eine der Broschüren und schüttelte den Kopf, dann gab sie die Broschüre zurück: „Kind, ich habe keine Lust an diesen Plastikteilen zu ersticken.“
Mira zog verschämt den Kopf ein und nuschelte: „Das ist eine Individualqualifizierungsmaßnahme, an der ich teilnehme, ich muss das machen.“
Die Frau tätschelte ihr freundlich die Schulter und nickte verständnisvoll: „Ach so, das kann jeder passieren.“

Abends in der Straßenbahn las sie die Schlagzeile der Bildzeitung – ‚Virussexparties im Obdachlosenasyl‘ –. Die Neue Kirche forderte psychiatrische Behandlungen für Verweigerer von Hygienemaßnahmen. Außerdem wurde in einem Artikel erwähnt, dass die Zentrale Infektionskommission auf Grund der Gefahr von Kreuzinfektionen beim Küssen von Madonnenfiguren von der katholischen Kirche forderte, unentgeltlich Kussfolien bei öffentlich zugänglichen Reliquien zur Verfügung zu stellen. Und es gab diverse weitere Verfügungen bzgl. der Desinfektion von Weihwasser.

Zum Glück war sie den Job bald wieder los, da aufgrund einer Sparmaßnahme des Optimierungsmanagements die Virus-Hilfe die Hälfte aller Stellen streichen musste.

Aber nun war ihr Interesse als Journalistin geweckt. Und sie hatte jetzt ja wieder Zeit. Sie begann zu recherchieren. Sie wollte wissen, wie sich die Lebenserwartung durch den Kussschutz verändert hatte.

Zuerst fand sie nur lauter nicht vergleichbare Statistiken, da alle Basiswerte voneinander abwichen. Doch irgendwann gelang es ihr, durch geschickte Kombination zu Ergebnissen zu kommen. Sie musste sich bei der Zusammenführung der Statistiken verrechnet haben.
Sie rechnete nach.
Doch das Ergebnis war mathematisch korrekt. Die Lebenserwartung der Mittel- und Oberschicht sank gerade im letzten statistisch erfassten Zeitraum auffällig.

Um neuere Daten zu bekommen, musste sie eine Bekannte in der Universität überzeugen, ihr einen Zugriff auf einige Datenbanken zu ermöglichen. Das Ergebnis war erschreckend. Die Todesrate hatte sich im letzten Jahr massiv erhöht. Die Besserverdienenden starben massenweise an unspezifischen Gehirnerkrankungen. Inzwischen lag die Lebenserwartung der Mittel- und Oberschicht sogar leicht unterhalb der Armutsbevölkerung.
Sie recherchierte weiter.
Es dauerte fast einen Monat, bis sie im Internet auf eine ältere Forschungsarbeit aus den USA stieß, die sich mit Toxinen in ultradünnen Plastikfolien befasste. Kussfolien waren ultradünne Plastikfolien.

Ein Fachmann, den sie darauf schriftlich hinwies, wiegelte ab und widersprach schlichtweg ihren Daten. Sie bot ihre Rechercheergebnisse als Artikel einer größeren Zeitung an.
Am Tag darauf kam die Sondereinheit des BKA zur Bekämpfung des Bioterrorismus, durchsuchte ihre Wohnung, beschlagnahmte alle Akten und verhörte sie 42 Stunden lang.
Dann wurde ihr die Hilfe zum Lebensunterhalt gestrichen. Sie wusste nicht, wovon sie die nächste Miete bezahlen sollte.
Außerdem hatte sie den Eindruck, dass sie beschattet wurde, aber das war vielleicht auch nur Einbildung.
Es gelang ihr zumindest, die scheinbaren Verfolger abzuschütteln. Dann verließ sie die Stadt.

Sie tauchte bei einer Freundin aus uralten Tagen unter. Barbara wohnte auf einem kleinem Selbstversorgerhof auf dem Land. Niemand wusste, dass Barbara und Mira sich kannten.
Zumindest hoffte Mira das.
Hier war sie vorerst sicher.

Matthias, Barbaras Mann, war, bevor er entlassen wurde, Toxikologe gewesen. Sie erzählte ihm ihre Rechercheergebnisse. Er schlug weitere Recherchen vor. Aber sie schüttelte nur traurig den Kopf, im Internet konnten sie nicht recherchieren, ohne aufzufallen.
Matthias lachte und führte sie in die Scheune. Dort lagen stapelweise Bücher und Zeitschriften, eine vollständige biochemische Fachbibliothek. Nur etwas schlecht sortiert. Er hatte sie praktisch umsonst bekommen.
Wer benutzte noch bedrucktes Papier.
Es brauchte eine Weile, bis sie die passende Fachliteratur gefunden hatten.

Das beschriebene Toxin reicherte sich an und wirkte dann mit Verzögerung tödlich. Alle, die häufiger Kussfolien benutzten, würden früher oder später sterben.
Wahrscheinlich sogar bald.
Sie versuchte noch, über Mails aus Internetcafés, die Menschen zu warnen. Und das war für sie schon risikoreich. Einmal konnte sie sich gerade noch dem Zugriff der Polizei bei einer Routinekontrolle der Internetcafés entziehen. Doch niemand nahm sie ernst.

Sechs Monate später waren die Bankenviertel leer bis auf die chinesischen Imbissbudenmitarbeiter und Putzkolonnen, die sich in Chefsesseln lümmelten und vom Recycling der Möbel und der Technikausstattung der Banken lebten. Von den Einkommensgruppen über 2000 Euro im Monat hatten weniger als 5 Prozent überlebt. In der Unterschicht hatte es kaum Tote gegeben.

Da die Unterschicht keine Kussfolien verwandte, hatte sie sich auch nicht vergiftet.
Freundinnen von Mira hatten gemeinschaftlich eine Villa am Fluss besetzt. Sie überlegte, dort einzuziehen. Alle wesentlichen Arbeiten der basalen Versorgung funktionierten weiter, da die Arbeiten jetzt in Selbstorganisation erledigt wurden. Sie arbeitete jetzt 20 Stunden in der Woche im E-Werk.

Sie setzte sich in eins der geplünderten Nobelcafés probierte eine Kaffeemaschine, improvisierte sich einen Espresso und genoss die Frühlings-Sonne.

 


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Kristopher RollerUnsplash

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