Labor, Fabrik und Sklaverei: Über die Polarisierung der Arbeit

Aufgrund des Entwicklungsflusses der Dinge, zunehmend smart und vernetzt, wird die von Menschen in der Produktion unbedingt zu erledigende und somit von der Wirtschaft bezahlte Arbeit weniger werden – und sie wird auch noch polarisiert.

Die Pole spiegeln sich in einem großen Bild von Arbeit als „Sklavenarbeit“ (Hungerlohn und Monotonie) und „Laborarbeit“ (fairer Lohn und Erfüllung) wider. Dazwischen liegen Hobby und Fabrikarbeit.

Will Politik das Auseinanderbrechen der Gesellschaften verhindern, muss sie Bedingungen für eine bessere Verteilung der Erträge finden. Sie darf dabei aber nicht vergessen, für die verbleibende menschliche Arbeit neue Arbeitstypen in einer neuen Arbeitswelt zu fördern, in der Faktoren der ökonomischen Hygiene (Einkommen, Langfristigkeit) und der sozialen und psychischen Komponenten (Motiv, Motivation und Erfüllung) stimmig sind. Dazu zeichne ich ein Bild von den Säulen der Erwerbsarbeit: Fabrik oder Labor.

Auf der Suche nach Perfektion hilft Industrialisierung. Fabriken erzeugen heute Produkte von gestern besser und billiger. Im Labor wird das Neue für morgen entwickelt, aber auch der Menschen aus dem Arbeitsprozess verdrängt.

Innovation könnte durch ein positives Zusammenspiel von hochwertiger Arbeit und hohen Erträgen dazu beitragen, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt. Aber wie kann diese Innovation errungen werden?

Innovation

Innovation organisiert einen Wandel. Sie möchte jene Systeme verändern, die in unserem Leben und in unserer Zeit die meisten Probleme bereiten. Und zwar auf den Ebenen von Gesellschaften, Sektoren, Institutionen und Individuen.

Bei Systemen radikaler Innovation leisten Wissen und Verstehen häufig weniger Beitrag zum Wandel als Experimente. Deshalb empfehlen zum Beispiel Hirnforscher, Psychologen und Evolutionsbiologen zur Rettung von Innovation einige Idole zu killen. Wettbewerb bzw. Wettbewerbsfähigkeit steht in dieser Liste ganz oben – Perfektion und Effizienz sind Kategorien für Fabriken, aber nicht für Menschen.

Innovation erblüht in der Kooperation der Menschen: Im Unbekannten, Unvollkommenen, im Menschen selbst. Innovation benötigt Experimente. Ihr ideales Arbeitsfeld ist das Labor.

Das Grenzkostenregime

Ein Auswuchs pointierten, industriellen Denkens ist die Meinung, dass Wirtschaft eine Art Ausscheidungswettlauf sei. Es starten viele und Runde für Runde werden Nachzügler aus dem Rennen geworfen. Das mündet unweigerlich in einem Preiskampf, hinunter bis zu den Grenzkosten.

In der Grenzkostenrechnung werden die vergangenen Kosten, etwa zur Entwicklung eines Dings, eines Produktes, des Aufbaus der für die Produktion nötigen Fabrik usw. einfach „vergessen“ und nur direkte Kosten für das „nächste Ding“ berücksichtigt.

Bei einem elektronischen Buch, einmal erstellt und beliebig klonierbar, wären das zum Beispiel die Kosten für den Download, also beinahe Null.

Dieses Regime birgt beträchtliche systemische Risiken – die Rückzahlung von Schulden verzögert sich bei den Überlebenden des Ausscheidungswettlaufs und wird beinahe unmöglich bei den Ausgefallenen. Es entstehen Effekte, die wir von spekulativen Investitionen in bestehende Vermögenswerte kennen: Die Preislogik dreht sich um – teurer wird attraktiv. Blasen entstehen und platzen. Außerdem werden Entwicklungen für künftige Produkte blockiert.

In einem wettbewerbsorientierten Markt mit kaum differenzierbaren Produkten, so wie es sich bei digitalen Produkten zeigt, geschehen genau diese Effekte. Gewinn- und Verlustchance bei der Preisfestsetzung sind asymmetrisch. Nicht verkauft bedeutet mehr Verlust, als zu kostengünstig verkauft.

King of the Hills

In so einem Markt sind für die Überlebenden des Ausscheidungswettlaufs Fixkosten unerwünscht. Arbeit darf deshalb nicht unter Fixkosten aufscheinen. Sie wird eliminiert. Damit sterben langfristige Arbeitsverträge, die ein sehr gutes Gehalt für Spitzenkräfte, mindestens aber ein existenzsicherndes Gehalt beinhalten, aus, und jene Vertragskonstruktionen bleiben zurück, die zu Hungerlöhnen abgeschlossen werden. So kommt die Sklavenarbeit ins große Bild. Die Abwärtsspirale dreht sich weiter. Am Ende steht das „Nullgrenzkosten Regime“.

Industrien von Produkten, die zu Grenzkosten angeboten werden, sind so lange fragil, bis sich ein einsamer „King of the Hills“ etabliert hat, der die Preise bestimmen kann. Wenn das passiert, stirbt die Markteffizienz völlig.

Sind die Grenzkosten niedrig und der Preis hoch, weil das Produkt differenziert, innovativ, wenn nicht sogar einzigartig ist, bleibt die Welt in Ordnung.

Für die Gesamtökonomie sind Preiskämpfe aber fatal. Setzt sie dagegen auf Innovation, kann sie auf ein positives Zusammenspiel von qualitätsvoller Arbeit mit höheren Erträgen hoffen. Und es entsteht weniger Arbeit, die polarisiert.

Arbeitstypen

Eine grundlegende Diskussion der Arbeitstypen selbst muss sich aber anschließen. Denn Arbeitstypen sind heute mit einer Berufsbezeichnung nicht mehr ausreichend beleuchtet. Ein Bäcker ist in schon lange kein Bäcker mehr und ein Schlosser auch kein Schlosser. Die Einzelfähigkeit mag dominieren, aber zahlreiche weitere Fähigkeiten, der Umgang mit Maschinen, Computern, Software, Tools und vernetzten Systemen sind und werden gefordert, um eine bestimmte Rolle in den Produktionsabläufen ausfüllen zu können. Es liegt daher im Interesse der arbeitenden Bevölkerung selbst, die Arbeitstypen besser zu verstehen.

Im Hinblick auf künftige Arbeit empfehle ich eine fünfteilige Typisierung von Jobs:

  • Der ZEITTYP – Er sagt etwas aus über die Länge der Arbeitspakete und damit die Arbeitsbindung.
  • Der REALITÄTSTYP – Er gibt Auskunft darüber, wie sehr ein Job ein Umfeld beeinflusst. Ist er faktual, real, ideal oder fantastisch?
  • Der STILTYP – Er beschreibt, wie das Umfeld einen Job wahrnimmt. Vermittelt er sich durch Handgriffe, Dokumente, interaktive Systeme oder Multimedian?
  • Der STRUKTURTYP – Er beschreibt, wie der Jobinhaber in der Organisation lebt. Ist der Job eher linear, parallelisiert oder von Agilität bestimmt?
  • Der INHALTSTYP – Er leitet sich vom klassischen Berufsbild ab. Seine Titel beziehen sich auf Sektoren, Wissensgebiete oder Hierarchiestufen.

Jobs in „Labors“ beschreiben meist einen idealistischen, prozessorientierten Job mit mittelfristigen Aufgaben, in multilateralen Projekten, die meist durch kritische Pfade bestimmt werden. Das macht ziemlich deutlich, dass diese Jobs selbstständig und unselbstständig (oder als Hybrid) organisiert werden können.

Natürlich reicht die Typisierung zur Beurteilung der Zukunft von Arbeit allein nicht aus. Aber in Verbindung mit der Analyse von Fabrikarbeit versus Laborarbeit hilft sie, das größere Bild von Arbeit zu verstehen. Aufgespannt von Einkommen und Erfüllung.

Semi-Eigentum

Politik muss einen völlig neuen Umgang mit Hygienefaktoren (Einkommen) und Motivationsfaktoren (Erfüllung) finden und Instrumentarien entwerfen, die als Netz und Sprungbrett gleichzeitig wirken. Dazu gehört:

Kooperation über Wettbewerb stellen.

Hard- und Softinfrastruktur ausbauen, die es ermöglicht neue Fähigkeiten entdeckend zu erlernen.

Semi-Eigentum zur Risiko-informierten-Umsetzung dieser Fähigkeiten anbieten.

Ich nenne Semi-Eigentum etwas, was zwar jemandem gehört, aber gleichzeitig garantiert wird, dass vielen die Verfügungsrechte angeboten werden. Aber auch das Recht, die Ergebnisse für sich und zur ökonomischen Wiederverwertung zu nutzen. Optimal wäre, würde mit Semieigentum auch noch ein Know-how-Transfer verbunden sein.


Semi-Eigentum als neuer Teil der Eigentumstypen. Grafik: Herbert Exner
Semi-Eigentum als (neuer) Teil der Eigentumstypen. (Grafik: Herbert Exner)

Semi-Eigentum könnte eine Organisationsform für einen Stadtgarten zur Produktion seltener Biogemüsesorten sein. Oder eine flexible Produktionsstätte für komplizierte Dinge oder eben ein Labor zur Entwicklung neuer Dinge, Prozesse und Arbeitswesen – also neuer Roboter.

Ausblick

Aus meiner Sicht wäre Semi-Eigentum eines der Instrumente, das freie Marktbeziehungen befördert. Es gewährt Zugriff auf Lösungen, deren Wert selbst erst durch Bildung und Kooperation der Menschen und ihrer Fähigkeiten zur nützlichen Entfaltung gelangt. Die Rolle der Gesellschaft als kooperierende Gemeinschaft würde gestärkt, auch gegenüber dem wettbewerbsorientierten Markt.

Übernähme die Öffentlichkeit flächendeckend die Aufgabe, Semi-Eigentum vorzuhalten, würde sie wie ein Provider agieren, der aber nicht einsamer „King of the Hills“ ist, sondern viele Kings hervorbringt.

Gibt sie das Eigentum aber durch Privatisierung aus der Hand, wird sie so oder so Teil des Ausscheidungswettlaufs – und wird nicht zu den Überlebenden gehören.


Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer.
Herbert Exner (Foto: Karl Artmann, Blickicht)

Über den Autor: Herbert Exner ist ein österreichischer Mathematiker und Unternehmer. Er arbeitete über 40 Jahre an der Erschließung internationaler Märkte mit sowie an der Automatisierung von Hand- und Kopfarbeit. Heute setzt er sich mit der Komplexitätsökonomie und ihren Auswirkungen auf die Sozialsysteme und die Politik des 21. Jahrhunderts auseinander. 2016 veröffentlichte er das Magazinbuch „Unser – Was die evolutionäre Linke unterscheidet„.


Foto/Grafik: Hanny Naibaho (unsplash.com) und Herbert Exner.

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