Yuriko Yushimata – Der absolute Impfstoff

Ein Impfstoff löscht fast alles Leben in Europa aus. Für die Überlebenden bleibt nur ein Ausweg: Die Flucht nach Afrika.

In ihrer Science Fiction Kurzgeschichte „Der absolute Impfstoff“ greift Yuriko Yushimata einen Traum der Menschheit auf: Das Ende aller Viruserkrankungen. Nie wieder Grippe, nie wieder AIDS. Und das alles mit einem Impfstoff, ersonnen von einem Life-Science-Konzern. Aber der Einsatz hat in Europa fatale Folgen. Als letzter Ausweg bleibt die Flucht nach Afrika.

Sie waren fast einen Monat auf der Alm gewesen, zu zweit, alleine, nur einmal vor drei Wochen hatten sie einen Bergwanderer getroffen. Nora sah zu Uwe hinüber. Der hockte an einem Bachlauf und wusch sich. Sie kannte nun den Geruch seiner Haut genau. Sie spürte fast seine Hände auf ihrem Körper.

Es war eine gute Zeit gewesen, obwohl sie sich vorher noch nicht lange gekannt hatten. Auch das Wetter war wunderbar gewesen, in ihrem Hochtal. An sich war sie keine Romantikerin, aber als Auszeit vom Job war dies genau das, was sie gebraucht hatte. Aber jetzt war sie froh, zurückzukommen. Sie würden sich verabschieden und vielleicht irgendwann mal wiedersehen. So war es abgesprochen. Und ihm war dies wohl auch ganz recht.

Die Sonne schien auch heute auf sie herab, trotzdem war es nicht heiß. Obwohl sie jetzt schon in der Nähe des kleinen Dorfes waren, war ihnen immer noch niemand begegnet. Dann sahen sie die ersten Kadaver. Tote Rinder, die toten Tiere waren schon in Verwesung übergegangen. Aber irgendetwas stimmte nicht. Dann begriff sie. Da waren keine Würmer, nur ein stinkender Schleim. Die Tiere hatten vor ihrem Tod den Zaun niedergetrampelt und lagen mitten auf dem Weg. Sie machten vorsichtshalber einen kleinen Umweg. Sie würden es der Bäuerin erzählen, der Bäuerin. Wieso hatte sie es noch nicht bemerkt?

Uwe ärgerte sie mit einem Grashalm. Sie wollte gerade selbst einen langen Halm ausreißen, als ihr Blick auf die Leiche fiel. Aufgedunsen lag ein junger Mann im Graben am Wegesrand. Sie spürte, dass ihr schlecht wurde und übergab sich. Uwe sah auch bleich aus. Er nahm sie beim Arm. Sie hatte den Eindruck, er wollte sich selbst festhalten. Trotz des nur kurzen Blickes hatte sie die fehlenden Würmer auch bei diesem Leichnam bemerkt.
„Was ist passiert?“
„Lass uns zum Ort gehen, schnell.“

Auf dem Weg ins Dorf sprachen sie kein Wort, sie sahen sich nur ab und an misstrauisch um und sahen sich dann fragend an. Uwe zuckte mit den Schultern. Aus irgendeinem Grund war ihnen ab diesem Moment klar, dass irgendwas ganz und gar nicht stimmte, dass irgendwas passiert war, was nicht nur diesen einen jungen Mann betraf, nicht nur diese Tiere. Jetzt sahen sie auch, dass tote Vögel am Boden lagen.

Im Dorf fanden sie weitere tote Tiere und sie fanden weitere menschliche Leichen.
Doch nirgends sah sie Würmer.
Sie liefen von Haus zu Haus und riefen, aber niemand reagierte, kein Mensch lebte mehr in diesem Ort, nur verwesende Tote.
Sie ging in ein Badezimmer in irgendeinem Bauernhaus, um sich frisch zu machen. Aber es kam kein Wasser aus dem Hahn. Nur die Handpumpe im Hof funktionierte noch. Uwe probierte das Licht aus, doch auch die Elektrizität war ausgefallen.
Sie erinnerte sich an das Café, an dem sie vorbeigekommen waren – überall die verwesenden Leichen. Dort war ein Radio. Auf einmal war Uwe weg. Sie konnte ihn nirgends mehr sehen, sie rief ihn. Doch keine Antwort kam. Panisch brüllte sie. Dann kam er aus dem Keller.
„Was ist?“
„Nichts, ich dachte nur, Du bist auch weg.“
„Nein, ich habe Konserven gefunden und Saft und Kaffee.“
„Im Café war ein Radio.“
„Es gibt keinen Strom. Das Handynetz funktioniert auch nicht, und das Festnetz ist auch tot.“
„Batterien, im Laden an der Hauptstraße gab es Batterien. Und irgendwo werden wir auch ein Radio finden, das mit Batterien funktioniert.
Aber wir bleiben jetzt zusammen.“
Uwe nickte.

Sie gingen zurück zur Hauptstraße. Sie sah dabei möglichst starr geradeaus. Die Leichen, sie wollte die Leichen nicht noch mal sehen und auch nicht die Tierkadaver. Jetzt merkte sie, dass sie auch noch keine Insekten gesehen hatte.

Im Laden fanden sie nicht nur Batterien, sondern auch ein passendes Radio. Auf UKW war gar nichts zu hören, nichts. Auf Mittelwelle auch nicht. Doch dann auf Kurzwelle war etwas. Uwe mit seinen Wurstfingern verstellte den Sender immer wieder. Sie riss ihm das Radio aus der Hand. Er sah sie nur hilflos an. Dann hatte sie den Sender eingestellt. Französisch, sie verstanden nichts von dem, was gesagt wurde.

Dann kam die Senderkennung, das einzige, was sie zuordnen konnte, war der Name Djibouti. Djibouti, ein Sender aus Afrika, sonst nichts.
Sie schüttelte den Kopf. Das konnte doch nicht sein. Wie wild drehte sie an den Knöpfen. Nichts. Sie setzte sich in die Ladentür und ihr Kopf war leer.
Uwe probierte inzwischen weitere Radios aus, immer noch eins.
Nichts.

Das Hotel. Sie erinnerte sich an ihre Ankunft. Im Vorraum des Hotels lagen immer die Tageszeitungen der letzten sieben Tage.
„Wir müssen ins Hotel.“
„Wieso?“
„Die Tageszeitungen.“
Einen Moment sah Uwe sie stumpf an, dann begriff er.

Im Hotel roch es muffig. Sie sperrte die Tür auf, um zu lüften. Tatsächlich, dort lagen die Tageszeitungen. Sie blätterte und las, Uwe stand wie erstarrt neben ihr. Sie erinnerte sich. Kurz bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie noch darüber gelesen. Der neue Impfstoff, der absolute Impfstoff.

Sinori, der neue europäische Life-Science-Konzern, hatte ihn entwickelt, einen Impfstoff, der jedes Virus tötet. Das Ende aller Viruserkrankungen, nie wieder Grippe, nie wieder AIDS, sie erinnerte sich an die überschwänglichen Kommentare in der Presse, die schon vor der Freisetzung den Konzern feierten.
Sie hatte das nicht weiter beachtet, die Wissenschaftsseiten interessierten sie nicht und das bisschen Schnupfen hatte ihr nie viel ausgemacht.

Die Freisetzung des Impfstoffes erfolgte zwei Tage, nachdem sie auf die Alm aufgebrochen waren. Sie hatten ihn weltweit über die Luft verbreitet, um wirklich alle Viren gleichzeitig auszulöschen. Die erste Woche verlief alles nach Plan. Doch dann traten die ersten Probleme auf. Menschen und Tiere kollabierten aus unerfindlichen Gründen, selbst Insekten blieben einfach sitzen und starben. Sie las in der Zeitung über die ausbrechende Panik, dann wurden die Zeitungen dünner, Notausgaben.

Eine Wissenschaftlerin, die schon vorher vor der Freisetzung gewarnt hatte, bewies, dass es gerade die Fähigkeit des Impfstoffes war, alle Viren zu töten, die tödlich war für alles tierische Leben. Sie hatte schon vorher darauf hingewiesen, dass Leben ein komplexes symbiotisches Zusammenspiel ist, nur hatte niemand ernst genommen, was sie schrieb.
Alle Tiere, auch Menschen, bildeten eine Einheit mit einer Vielzahl Viren, die überlebenswichtige Funktionen wahrnahmen. Ohne diese Viren brachen lebenswichtige Funktionen zusammen.

Alle Versuche, Gegenmittel zu entwickeln, kamen zu spät. Nur in Afrika waren in einigen Regionen die Menschen und Tiere nicht betroffen, aufgrund der Korruption in einem Teilbereich des Life-Science-Konzerns Sinori war die Impfung der Atmosphäre mit dem Impfstoff dort nicht richtig durchgeführt worden.

Die Zeitung, in der dies stand, war die letzte Ausgabe, die im Hotel lag.
Sie war 15 Tage alt.

Sie packten sich einige Konserven ein und verließen den Ort. Sie hatten WIRKLICH Glück gehabt mit dem Wetter, der Impfstoff hatte sie nicht erreicht. Die Bäume bewegten sich im Wind. Die Alm war vom Impfstoff verschont geblieben, wieso auch immer. Nichts lebte hier in Europa mehr, nur in Afrika. Aber wie sollten sie nach Afrika kommen und – ob sie da willkommen waren?

Sie sah über die einsamen Bergtäler hinweg. Hier waren sie alleine, weit und breit die einzigen Menschen. Auf der Alm waren auch noch ein paar Tiere, sicher hatten auch an anderen Stellen einzelne Tiere überlebt und würden sich wieder ausbreiten.

Sie sah ihn an, was er wohl dachte, es war ja ganz nett gewesen mit ihm, aber für den Rest des Lebens?


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Lucas Favre; Unsplash.com

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