Menschlicher Einfluss führt zu Massensterben in der Natur

Das größte Artensterben seit den Zeiten der Dinosaurier hat offenbar begonnen: Die Insekten verschwinden und auch die Vögel.

Viele Tierarten können mit den Veränderungen der Ökosysteme durch Klima-, Umwelt- und Landschaftswandel kaum noch Schritt halten. Die Vielfalt geht verloren. Robert Manoutschehri schreibt über das Massensterben von Insekten und Vögeln.

Neuere Studien belegen, wie dramatisch der Einfluss menschlicher Industrialisierung auf die Umwelt tatsächlich ist. Die Erde erlebt offenbar das größte Artensterben seit den Zeiten der Dinosaurier.

Auf den Rückgang heimischer Insekten wurde schon vor mehreren Jahren durch Krefelder Entomologen hingewiesen. 2013 ging das Team um den Biologen Dr. Martin Sorg mit einer Bestandserhebung erstmals an die Öffentlichkeit. Man hatte beobachtet, dass die Insektenmasse dramatisch sank.

Die Gesamtbiomasse der fliegenden Insekten hat seit 1989 um mehr als 75 % abgenommen, berichtet die niederländische Radboud-Universität Nijmegen. Analysiert wurden 63 Standorte aus Naturschutzgebieten in Deutschland.

Ein Forschungsteam, zu dem auch die Krefelder gehören, stellte einen durchschnittlichen Rückgang der Insektenmasse von 76 % fest. Mitten im Sommer, wenn viele Insekten ihren Höhepunkt erreichen, war ein Rückgang von 82 % in den untersuchten Gebieten zu verzeichnen. Der Rückgang fiel somit deutlich höher aus, als erwartet.

„Alle diese Gebiete sind geschützt, oft sind es Naturschutzgebiete, die auch gepflegt werden. Trotzdem ist der Rückgang überall wahrnehmbar“, sagt Caspar Hallmann, der die statistische Analyse durchführte. Er sieht die Ergebnisse für weite Teile Europas und andere Teile der Welt als repräsentativ an.

Projektleiter Hans de Kroon spricht offen von alarmierenden Zahlen. „Es ist kaum auszumalen, was geschehen wird, wenn sich diese Entwicklung unvermindert fortsetzt.“

Die Ergebnisse wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift PLoS ONE veröffentlicht. Sie belegen das Vorliegen von einem „größerflächiges Phänomen“, kommentierte Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle.

Drastischer ausgedrückt: Das Insektensterben ist jetzt nicht mehr nur ein vages Gefühl, sondern wissenschaftlich belegte Realität.

Klar scheint zu sein, dass keine spezielle Ursache auszumachen ist, sondern eine Kombination aus Klimawandel, Umweltzerstörung und der Nutzung landschaftlicher Fläche ein Massensterben hervorruft.

Vögel finden keine Insekten mehr

Der Naturschutzbund (NABU) beklagt den Verlust von 12,7 Millionen Brutpaaren in den letzten 12 Jahren. „Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein“, sagt NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Die Vögel fänden in der Agrarlandschaft keine Überlebensmöglichkeiten mehr.

„Ein direkter Zusammenhang mit dem Vogelrückgang ist sehr wahrscheinlich, denn fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten“, sagt Lars Lachmann, Vogelexperte beim Naturschutzbund.

Als Hauptursachen für den Rückgang der Vogelbestände werden der Landschaftswandel, industrielle Landwirtschaft, Insektizide und Pestidize (darunter besonders die Gruppe der Neonicotinoide, welche das Nervensystem der Tiere angreifen) und Stickstoffverbindungen, die zum Teil aus Düngemitteln stammen, vermutet. Aber auch Abgase von Autos und Fabriken.

Teile dieser Substanzen werden mit den Luftströmungen verbreitet. Als saurer Regen dringen sie in die Böden ein, verändern die Bodenchemie und in der Folge verändert sich der Pflanzen- und Tierbestand.

Umweltveränderungen begünstigen Artensterben

Interaktionen zwischen Arten spielen eine Schlüsselrolle für die Biodiversität. Ein Team von Evolutionsbiologen der Universität Santa Cruz und der Universität Zürich zeigte erstmals, dass die Koevolution von Arten innerhalb komplexer öko-biologischer Netzwerke nicht nur direkt durch ihre Partner, sondern auch indirekt durch weitere Arten beeinflusst wird.

Dies verlangsamt die Anpassungsfähigkeit artenreicher Ökosysteme an sich verändernde Umweltbedingungen. Die raschen Klimaveränderungen dürften daher das Risiko des Artensterbens erhöhen.

Ausgehend von 75 mutualistischen Netzwerken – in denen Wechselbeziehungen zwischen artverschiedenen Organismen bestehen, bei denen im Gegensatz zur Konkurrenz, also zum Räuber-Beute-Verhältnis oder zum Parasitismus, alle Partner Nutzen ziehen – entwickelte das Team ein mathematisches Modell. Sie konnten damit simulieren, wie die Koevolution die Eigenschaften der Arten innerhalb dieser biologischen Gemeinschaften beeinflusst.

Langsame Anpassung biologischer Netzwerke

Dabei zeigte sich, dass in kleinen Gemeinschaften mit wenigen engen Beziehungen der Einfluss indirekter Effekte schwächer ist als in artenreichen Netzwerken, in denen die Lebewesen über Partnerschaften zu mehreren anderen Arten verfügen.

In großen biologischen Netzwerken, in denen viele Arten miteinander interagieren, lösen Umweltveränderungen also ganze Kaskaden von evolutionären Veränderungen aus, die sich über das Netzwerk ausbreiten. Komplexe Ökosysteme passen sich daher nur sehr langsam an Umweltveränderungen an.

Verändern sich die Umweltbedingungen langsam, helfen indirekte Effekte, dass mutualistische Artengemeinschaften über lange Zeiträume erhalten bleiben. Verändern sich diese jedoch rasch, führt die durch indirekte Effekte verlangsamte Anpassung des Netzwerks dazu, dass die Arten anfälliger werden.

Im Fachmagazin Nature skizzierten die Evolutionsbiologen von der Uni Zürich die möglichen Folgen: Die raschen, durch Menschen bedingten Klimaveränderungen bergen das Risiko, dass viele Arten in großen Netzwerken aussterben.


Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Wien.Über den Autor: Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Österreicher. Er engagiert sich ehrenamtlich für zahlreiche Bürgerinitiativen und NGO’s und berichtet regelmäßig über die Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent und die weltweiten Auswirkungen des Klimawandels. Er lebt in Wien.


Foto: Nathan Dumlao; Unsplash.com

  1. Falsches wird durch Wiederholung nicht richtiger.

    Wer nachplappert ohne das Gelesene zuvor auf Korrektheit zu überprüfen, macht sich schuldig.
    Bitte lesen: https://sciencefiles.org/2017/10/19/das-grose-insektensterben-oder-doch-nicht/

    [ADMIN: Vielen Dank für den Kommentar und die Kritik, die Sie auf einen Artikel stützen, der auf die Betrachtung und Interpretation des Datenbestandes reduziert, den Gesamtzusammenhang, so wie er vom Autor im Beitrag von Neue Debatte dargestellt wurde, allerdings ausklammert. Nämlich vor allem durch die Auslassung des parallel zu beobachtenden Rückgangs der Vogelbestände. Die Aussage von Lars Lachmann (NABU) sei nochmals hervorgehoben: „Ein direkter Zusammenhang mit dem Vogelrückgang ist sehr wahrscheinlich, denn fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten.“ Ignoriert wird der Aspekt der Koevolution, die von unserem Autor wegen ihrer Wichtigkeit entsprechend angeführt wird. Dass in der von Ihnen genannten Quelle der wirtschaftsnahe Verein RWI als Kritiker der von Hallmann et al. genutzten Daten genannt wird und dessen Zahlen kritisiert, überrascht in der Sache nicht, da die Interessen von Wirtschaft und Naturschutz kaum unterschiedlicher sein könnten. Insofern ist es ebenfalls nicht überraschend, dass in der von Ihnen genannten Quelle die Art des Wirtschaftschaftens keiner Kritik unterzogen wird.]

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  2. Wenn die Grundlagen falsch sind, können die Schlüsse nicht richtiger werden.
    Die Grundlage, die Insektenbestände seien um 75% zurückgegangen, ist nicht belegbar aus der Studie von Hallmann et.al. Die Daten geben keine solche Schlußfolgerung her. Möglich, dass die Insektenbestände zurückgegangen sind. Dies auf Klimaänderungen zurückzuführen, ist nicht wissenschaftlich belegt. Möglich, dass die Vogelbestände zurückgegangen sind. Ich nehme seit Jahren an der Vogelzählung des Nabu teil. Für diesen Winter werde ich mit einiger Sicherheit eine starke Zunahme der Grünfinken ( in meinem Garten ) gegenüber den letzten Zählungen feststellen. Hat beides nichts mit dem Klima zu tun, sondern mit einer spezifischen Erkrankung dieses Vogels, von der er sich in diesem Sommer – zumindest hier – erholt hat.

    [ADMIN: Bitte lesen Sie den Beitrag genau. Dort steht „[…] Ein Forschungsteam, zu dem auch die Krefelder gehören, stellte einen durchschnittlichen Rückgang der Insektenmasse von 76 % fest. “ und weiter „Klar scheint zu sein, dass keine spezielle Ursache auszumachen ist, sondern eine Kombination aus Klimawandel, Umweltzerstörung und der Nutzung landschaftlicher Fläche ein Massensterben hervorruft.“]

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  3. Darf ich den Vorwurf, nicht richtig zu lesen, zurückgeben? „Die Krefelder“ waren Teil der 11 Co-Autoren der Hallmann et.al. Studie. Es geht genau um diese Studie.
    Bitte mal den Sciencefiles Artikel z.B. unter 3. genau lesen. Die Autoren sagen deutlich, dass man keine Ursache festmachen kann. Von einer Kombination aus Klimawandel, Umweltzerstörung und der Nutzung landschaftlicher Fläche ist keine Rede. Dass ist Ihre (?) Erfindung.

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  4. Robert Manoutschehri 10. November 2017 um 15:55

    Grafiksammler, bitte beim Grafik sammeln bleiben. Wer Wissenschaft mit Politik verwechselt, weltweit anerkannte Fachmagazine als „Grüne“ Medien bezeichnet und sowohl Datenerhebung als auch Auslegung peer reviewter Studien durch faktenfreie „Meinungen“ entkräften und umdeuten möchte, outet sich nur als dümmlicher Wissenschafts-, bzw. hier als Klimawandelleugner. Auch wenn man solche Versuche als „ScienceFiles Blog“ tarnt, um den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken, ist ein (politisches) Weltbild oder eine unqualifizierte Privatmeinung kein taugliches Instrument, um Forschungsergebnisse zu entkräften, sondern es ist der wissenschaftliche Gegenbeweis zu erbringen und in ebendiesen Fachmagazinen zu publizieren, um diese Ergebnisse wiederum der wissenschaftichen Diskussion auszusetzen. Wer nicht einmal diese simplen Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens kennt, sollte sich also auch nicht anmaßen, diese kritisieren zu wollen.

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