Yuriko Yushimata – Die Virusverschwörung

An sich glaubte Yuka nicht an Verschwörungen, Illuminaten und andere derartige paranoide Theorien, aber dieser Ort erzeugte bei ihr Unbehagen, das tief unter ihre Haut kroch. Eine eisige Kälte schien sie von innen zu durchdringen.

Der Mann hatte sie in diesen leeren Betonraum in einem der Keller gebracht und war dann einfach verschwunden. Verschwunden, nicht gegangen. Der Raum, der eben noch eine Tür gehabt hatte, hatte jetzt keine mehr.

Dann gab der Boden nach. Sie fiel und fiel.

Sie landete in einem lila Ledersessel. Ihr gegenüber auf der Glasplatte eines Schreibtisches saß breit grinsend ein fettes Schwein und grunzte, dann verwandelte es sich vor ihren Augen in einen Anzugträger. Der Mann sah sie an.
„Hatten Sie eine gute Reise?“
Yuka wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Sie zwang sich ein Lächeln ab.
„Danke, ich kann nicht klagen.“
Nun verfinsterte sich das Gesicht des Anzugträgers. „Zum Klagen werden Sie noch früh genug Grund bekommen.
Sie wissen, warum Sie hier sind?
Es geht um die Viren. Und um all das, was Sie über sie lesen. Glauben Sie kein Wort.“
Yuka blickte ihm direkt in die Augen.
„Wieso?“
Er wich ihrem Blick aus.
„Ich darf es ihnen nicht sagen. SIE hört ALLES mit. SIE entscheidet. Ich kann nicht.“
Yuka rümpfte die Nase.
„Versuchen Sie es doch einfach mal.“
Der Anzugträger öffnete den Mund, aber nur um sich im nächsten Moment zusammenzukrümmen. Er fiel auf den Boden und schmolz im wahrsten Sinne des Wortes dahin. Seine Übereste flossen in einen Abfluss, den Yuka bis eben noch nicht bemerkt hatte.

Dann hoppelte ein Kaninchen durch den Raum und verlor ein blaues Kuvert. Yuka versuchte es aufzuheben, doch ihre Arme schienen immer kürzer zu werden. Sie las den Titel der Außenseite des Kuverts – Die Virusverschwörung –. Sie versuchte, zum Kuvert hinzulaufen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach. Also kroch sie auf allen Vieren weiter, bis sie das Kuvert erreichte.

Doch dann bemerkte sie, dass die Wände immer näher kamen und gleichzeitig verschwammen.

Alles um sie herum schien in Auflösung begriffen. Sie selbst schien zu verblassen. Sie atmete immer schneller und bekam trotzdem kaum Luft.
Ihre Lunge schnürte sich zu.
Mit letzter Kraft öffnete sie das Kuvert und begriff.

Es gab keine Hoffnung, nicht für sie, aber vielleicht gab es noch eine Chance für die auf der anderen Seite.
Yuka schrie so laut sie konnte, doch ihre Stimme versagte. Nur ein Flüstern brachte sie mit Schweiß auf der Stirn hervor. Sie kroch ganz nahe an die Innenseite des beschriebenen Blattes Papier heran, auf denen diese Worte standen, die Worte, deren Produkt sie war. Sie glaubte, eine Leserin auf der anderen Seite zu erkennen, aber vielleicht war es auch ein Mann.

Ihr Flüstern drang durch das Papier. „Ihr müsst Euch vorsehen. SIE ist es, SIE hat ALLES geplant, SIE hat sich ALLES ausgedacht. Die AUTORIN steht hinter ALLEM. Hütet Euch vor YURIKO YUSHIMATA. SIE will Euch … “

Weiter kam sie nicht. Ihre Lunge wurde zerquetscht von einer unbekannten Kraft. Ihr Flüstern erstarb in einem Röcheln, als Blut aus ihrem Mund auf die Innenseite des beschrieben Blattes Papier spritzte.
Das letzte, was sie sah, war eine spiegelverkehrte 29 – die Seitenzahl, schoss ihr ein letzter Gedanke durch den Kopf …


Foto: Julien Laurent (Unsplash.com).

Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die SoFies (Social Fiction) zeigen in der Zuspitzung zukünftiger fiktiver sozialer Welten die Fragwürdigkeiten der Religionen und Ersatzreligionen unserer Zeit. Teilweise sind die Texte aber auch einfach nur witzig. Sie befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche (www.irrliche.org). Spiegelung und Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht!

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