Yuriko Yushimata – Eine notwendige Entscheidung

Yuriko Yuskimata skizziert in ihrer Short Story eine von der Angst vor Viren getriebene Gesellschaft, die sich jedes Mitgefühls entledigt.

Desinfizieren Sie ihr Telefon? Handeln Sie verantwortungsbewusst und nutzen Einmalhörer? Oder sind Sie etwa ein Virusträger?! Yuriko Yuskimata skizziert in ihrer Science-Fiction Short Story eine von der Angst vor Viren getriebene Gesellschaft, die sich jedes Mitgefühls entledigt. Den Individuen werden als Alternative zur emotionalen Verrohung Antidepressiva mit Kiwigeschmack angeboten.

Miyuki hatte schon länger nicht mehr bei ihrer Freundin angerufen. Dabei hatte sie sich schon so lange vorgenommen, sich mal wieder bei Naoko zu melden. Aber mit jedem weiteren Monat fiel es ihr schwerer, ihr schlechtes Gewissen wuchs und wuchs. So konnte das nicht weitergehen.

Sie ging in den Flur und desinfizierte das Telefon, besonders sorgsam bearbeitete sie die Hörmuschel und die Sprechfläche.
Sie hatten sich bisher noch kein Telefon mit austauschbaren Einmalhörern geleistet. Die Kinder ekelten sich schon vor dem Telefonieren und versteckten das Telefon, wenn Freundinnen zu Besuch kamen.
Miyuki ging mit dem Hörer in die Küche, öffnete die infektionssichere Vakuumverpackung für die Einmalbecher und schenkte sich etwas Wasser mit einem Antidepressivum ein. Sie wählte Zitronengeschmack. Dann setzte sie sich an den Küchentisch. Die Telefonnummer von Naoko war gespeichert.

Als sie Naokos Gesicht auf dem Bildschirm sah, das leicht gezwungene Lächeln, wusste Miyuki sofort, dass die Gerüchte, die sie gehört hatte, einen wahren Kern haben mussten.

Naoko wirkte sehr unsicher. Ihre Begrüßung klang, als käme sie aus einer fernen Welt. Sie fing nach kurzer Zeit an zu weinen. Miyuki schaltete die Bildübertragung auf Weichzeichner und die Stimmmodulation auf beruhigend. Naoko hatte sich von ihrem Mann scheiden lassen. Die letzten Wochen waren trotzdem die Hölle gewesen.

„Die Nachbarn sind über uns hergefallen, in der Schule wurde den Kindern verboten, die Mensa zu nutzen. Plötzlich durften Freundinnen nicht mehr mit ihnen spielen. Sie durften auch nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen und mussten an einem Extratisch sitzen.
Inzwischen geht es wieder etwas besser.
Wir haben jetzt ein Attest vom Amt.“

Einen Augenblick schwieg Naoko. Miyuki sah auf dem Bildschirm, dass ihre Freundin die ganze Zeit eine Stelle des Tisches vor ihr mit Desinfektionsmittel bearbeitete. Miyuki wählte noch ein Antidepressivum mit Kiwigeschmack und blickte ihre Freundin aufmerksam durch den Bildschirm an. Dann redete Naoko weiter.

„Wie konnte er uns das nur antun? Ich meine, natürlich bin ich auch traurig. Und sicher ist es auch für ihn schwer. Aber er hat es sich doch selbst zuzuschreiben. Wir hatten doch gar keine Wahl. Als wir das Haus hier gekauft haben, wussten wir, dass dies ein virusfreies privatgesichertes Wohnviertel ist. Wir hätten ausziehen müssen.
Wie konnte er so etwas tun, sich anstecken lassen?
Das Gericht hat, als klar war, dass er wirklich Virusträger ist, die Scheidung sofort vollzogen. Ihm wurden alle Rechte mit sofortiger Wirkung abgesprochen und er durfte unser Haus nicht mehr betreten. Alle seine persönlichen Sachen wurden sicher entsorgt.
Das musste ich allein bezahlen.
Natürlich tut es mir auch für ihn leid, aber er hat es ja verursacht. Das ist so rücksichtslos von ihm, das den Kindern anzutun. Wir mussten alle vier Wochen in Quarantäne, und auch danach haben uns noch alle gemieden. Die Kleine hat die ganze Zeit geheult. Sie hasst jetzt ihren Vater.
Vielleicht ist das auch besser so.
Und ich kann die Nachbarn ja verstehen. Wie konnte er das zulassen, krank zu werden? Natürlich ist er auch sofort fristlos gekündigt worden.
Ich habe ihm jeglichen Versuch der Kontaktaufnahme untersagt. Auch seine eigenen Eltern haben mir Recht gegeben. Sein Vater meinte, das wäre nicht mehr sein Sohn. Ein Virusträger wäre nicht sein Sohn.“

Naoko heulte wieder. Miyuki versuchte, ihre Freundin zu beruhigen.
„Du hast doch alles richtig gemacht.“

Gleichzeitig überlegte sie in einer dunklen Ecke ihres Gehirns, ob sie den Kontakt zu ihrer Freundin nicht besser für eine Weile abbrechen sollte, sicher war sicher. Und man konnte nie wissen. Sie ließ Naoko noch eine Weile reden und beendete dann das Gespräch ohne eine Verabredung, obwohl sie bemerkt hatte, dass ihre Freundin darauf gehofft hatte.

Am Abend ging sie noch einmal nach draußen. Sie sog die kalte aber frische Nachtluft ein. Heute trug sie ihren kecken lilaweißen Mundschutz. Ein ihr entgegenkommender Mann lächelte.

Drüben, weit genug weg von den Gesunden, sah sie eine Arbeitskolonne der Virusträger bei der Reinigung der Kanalisation. In der leuchtend gelben Kleidung, die alle Virusträger tragen mussten, waren sie für alle Gesunden als Warnung deutlich sichtbar.

Früher hatten Virusträgerinnen auch ab und an Kinder bekommen. Die kleinen Dinger in der gelben Kleidung hatten Mitleid erweckt und waren zu einem erheblichen Gefahrenpotenzial geworden. Miyuki konnte diese Verantwortungslosigkeit nicht fassen. Aber heute wurden alle Virusträger sterilisiert.

Einen Moment glaubte sie, in einem der Virusträger Akio, den Mann von Naoko, zu erkennen. Doch es war zu weit weg.

Als sie in den Schutz der Glaskuppel des Einkaufszentrums trat, sah sie, wie der Mann sich etwas von der Gruppe entfernte. Sofort waren zwei Wachleute in ihrer Schutzkleidung da und stellten ihn mit ihren Elektroschockwaffen ruhig. Krampfartig zuckend fiel der Virusträger zu Boden, sein Schreien drang bis zum Einkaufszentrum. Die Wachleute schossen noch zweimal mit den Elektroschockwaffen, bis sich der Mann nicht mehr rührte. Miyuki sah, dass die Wachleute ihren Blick bemerkt hatten, schnell blickte sie weg. Es war ihr peinlich, es war ungehörig, das Wachpersonal bei der Arbeit zu stören.

Die Firma, die die Waffen herstellte, hatte Gott sei Dank erwirkt, dass Fehlberichterstattungen über tödliche Wirkungen von Elektroschockwaffen und ihre Nutzung als Folterwerkzeug untersagt wurden. Jedes Kind wusste heute, dass Elektroschockwaffen harmlos und die Todesfälle nur auf unglückliche Umstände zurückzuführen waren. Außerdem mussten die Virusträger unter Kontrolle gehalten werden.
Die Wachleute trugen bereits so ein hohes Risiko.

Niemand konnte sich schließlich die früheren Zeiten zurückwünschen, in denen Viruserkrankungen sich überall ausbreiteten und Grippewellen jedes Jahr Tausenden von Menschen das Leben kosteten.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Michał Grosicki; Unsplash.com

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