Yuriko Yushimata – Immun

Mensch ist nicht gleich Mensch. Yuriko Yuskimata schreibt in ihrer Science-Fiktion Short Story über den fiktiven Chef einer EU-Sicherheitsbehörde, der ein Mädchen totfährt. Kein Problem für ihn: Er ist immun … eigentlich.

Zwei Uhr nachts, langsam wurde er zu alt für solche Treffen. Aber das hatte er die jungen Barone nicht spüren lassen. Junge Barone, so nannten sie die nachsetzende Politikergeneration, die gerne auf ihre Stühle wollte. Sie hatten die jungen Barone systematisch abgefüllt und dann mit in den Puff genommen, als Test. Der junge Herr Staatsekretär hätte sich fast nass gemacht. Keine Souveränität, das würde er seinem Freund, dem Minister, morgen beim Mittagessen aufs Brot schmieren. Seine rechte Hand hatte Angst im Puff und benahm sich eher wie ein linkischer Trottel.

Er fuhr, wie immer, selber. Er hatte nie einen Fahrer genutzt, obwohl das sein Anrecht gewesen wäre. Er drehte das Radio leiser, nahm das Handy aus der Tasche und rief seinen persönlichen Mitarbeiter an. Der hörte sich auch schon ziemlich verschlafen an. Er ließ sich von ihm alle wesentlichen Anrufe des Abends durchgeben. Die jungen Leute konnten nichts vertragen. Und jetzt auch noch überall diese Frauen, aber einige davon waren wirklich professionell. Da musste man aufpassen, kein falsches Wort. Er blies die Luft durch die Nase. Ihm konnten sie nichts, als Chef der EU-Sicherheitsbehörde war er sakrosankt.

Er wusste alles und er war immun.

Das junge Mädchen war nur noch kurz mit dem Hund rausgegangen. Sie hatte den ganzen Tag Fieber gehabt und sich erbrochen. Aber jetzt konnte sie nicht schlafen. Also hatte sie sich etwas übergezogen und den Hund mitgenommen, vielleicht würde die frische Luft ihr helfen. Sie merkte erst spät, dass sie Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Als sie die Bundesstraße überquerte, hörte sie das Auto nicht. Der große schwere Wagen fuhr viel zu schnell und schnitt die Kurve. Sie sah nur kurz die Scheinwerfer, dann war alles vorbei. Ihr Körper flog durch die Luft. Der Hund jaulte.

Der Chef der EU-Sicherheitsbehörde wusste, dass er im Ort viel zu schnell gefahren war, außerdem hatte er etwas getrunken und telefoniert.
Aber sie konnten ihm nichts, er war immun.
Er hielt an und sah sich den Wagen an und sah sich um. Was für eine Sauerei. Alles war voll Blut.
Er ging zu dem leblosen Körper, das Mädchen war tot. Kein schöner Anblick, ein Bein und ein Arm waren halb abgerissen, das Gesicht unkenntlich. Er hatte es nur kurz im Scheinwerferlicht gesehen. Wie konnte jemand so wahnsinnig sein, und mitten in der Nacht hier auf die Straße laufen. Der Wagen selbst, ein sicherheitsverstärktes Fahrzeug, war kaum beschädigt.
Niemand konnte ihm etwas. Sie hatte selber Schuld, armes Ding. Er selbst hatte nur einen Kratzer an der Hand.

Aber Ordnung musste sein. Er rief die Streifenhörnchen. Ein Polizist und eine Polizistin kamen und dann der Krankenwagen. Zuerst wurden sie unverschämt, doch dann begriffen sie, wem sie da gegenüberstanden und wurden vorsichtig. Zu einer Blutprobe konnte ihn niemand zwingen.
Er war immun.
Sie nahmen den Unfall auf und seine Aussage, dann durfte er weiterfahren. Das würde morgen schlechte Schlagzeilen geben, er musste die Pressestelle wecken.

Er fuhr direkt ins Büro und legte sich in dem kleinen Privatraum, der ihm hier zur Verfügung stand, hin, damit er gleich morgen alle einweisen konnte. Die Nacht würde kurz werden. Es war wichtig, dass alle das Richtige sagten oder den Mund hielten. Er rief auch noch seine Sekretärin an, dass er sie morgen schon ab 6.00 Uhr brauchte. Als er sich gerade rasiert hatte und mit seiner Sekretärin die Termine des Morgens plante, kam ein Anruf, der Polizeipräsident. Er bat ihn noch einmal, möglichst gleich im Präsidium vorbeizuschauen. Es gab da noch eine Frage.

„Was für eine Frage?“
„Das kann ich Ihnen am Telefon nicht sagen.“
„Was?“
„Kommen Sie bitte, oder ich muss Sie holen lassen.“

Er schäumte vor Wut. Was bildete der sich ein? Scheinbar wollte da jemand den Unfall nutzen, um ihm ans Bein zu pinkeln. Aber wer deckte das? Der Polizeipräsident selbst war viel zu unwichtig, um sich so etwas zu trauen. Der Innenminister? Der BKA-Chef? Oder eine dieser Aufsteigerinnen?
Er würde es herausfinden. Er rief gleich einige Freunde im Kanzleramt an. Die würden sich noch wundern.
Dann ließ er sich diesmal ausnahmsweise fahren, zum Polizeipräsidium.

Er wurde nicht einmal vom Polizeipräsidenten empfangen, sondern nur über den Lautsprecher gleich in den Raum F 1078 bestellt. Nirgends war jemand auf den Fluren zu sehen. Was für eine Unverfrorenheit. Der Raum bestand aus einem Stuhl und einer Liege und einem kleinen Metallbeistelltisch. Im Zimmer erwartete ihn ein Arzt im weißen Kittel und mit Mundschutz.

„Würden Sie sich bitte hinlegen, ich muss eine Blutprobe von Ihnen nehmen.“
„Was fällt Ihnen ein? Sie haben keinerlei Befugnis dazu.“
„Falls Sie sich wehren, müssen wir leider Gewalt anwenden.“
Jetzt erst sah der Chef der EU-Sicherheitsbehörde die beiden kräftigen Männer in grünblauen Kitteln und mit Mundschutz. Er zitterte jetzt vor Wut.
„Das wird Sie Ihren Job kosten.“
„Machen Sie bitte den Arm frei.“

Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Prozedur über sich ergehen zu lassen. Das hatte er seinen Gegnern nicht zugetraut. Das war illegal. Der Arzt nahm eine Blutprobe und verließ dann mit den beiden Männern ohne ein weiteres Wort den Raum. Er wollte ihnen folgen, doch die Tür ließ sich von innen nicht öffnen. Langsam hatte er den Eindruck, unter Wahnsinnige geraten zu sein. Er war immun, dies war alles gesetzwidrig.

Das würde Konsequenzen haben.

Man ließ ihn geschlagene zwei Stunden in dem Raum warten. Sein Handy funktioniert hier nicht, kein Netz. Wer steckte dahinter? Er überlegte die ganze Zeit. Das mussten mehrere sein, um sich so etwas zu trauen. Er machte einen Plan, wen er alles anrufen würde, sobald diese Farce vorbei war. Er würde sich wehren, und wenn die Kanzlerin selbst dafür die Verantwortung trug. Sie würden es bereuen.
Aber er wusste nicht, wieso. Es gab hierfür einfach keinen Grund.
Das Ganze war verrückt.

Dann öffnete sich auf einmal die Tür. Der Staatsekretär, das Weichei, stand dort, rechts und links von ihm wieder die Männer mit den blauen Kitteln und Schutzhandschuhen. Auch der Staatssekretär trug einen Mundschutz.

Der Chef der EU-Sicherheitsbehörde polterte los: „Was fällt Ihnen ein, ich bin immun.“
Der Staatsekretär schüttelte den Kopf: „Nein, Sie haben sich angesteckt, die Tote hatte eine tödliche Viruserkrankung, die sich über das Blut überträgt. Es tut mir leid.“


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Mike Wilson; Unsplash.com

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