Yuriko Yushimata – Treiben Sie Vorsorge!

Yuriko Yuskimata schreibt in ihrer Science Fiktion Short Story über Vorsorge für ungeborenes Leben, Kinder, die sich aus Angst vor Viren Plastikhandschuhe überstreifen, bevor sie andere Kinder berühren und Prophylaxe bis zur Selbsttötung – sicher ist sicher.

Als ihre Mutter schwanger war, noch vor ihrer Geburt, bevor sie also in die Welt trat, hatte ihre Mutter bereits die ersten Vorsorgeuntersuchungen für ihre Tochter durchführen lassen. Zum Glück erwies sie sich aber als grundsätzlich gesund. Aber da der Großonkel väterlicherseits an Krebs verstorben war und die Urgroßmutter mütterlicherseits zuckerkrank war, wurde der Säugling auf Diät gesetzt und mit Spezialnahrung versorgt. Dadurch stieg ihre Lebenserwartung um 0,001 %.

Als kleines Kind setzte sich dies fort, Vorsorgeuntersuchungen wechselten sich mit Nachuntersuchungen ab, und mit Vorschriften über Bewegungsabläufe, das richtige Sitzen, das Essen und Trinken. Mit drei Jahren hatte sie ihre erste eigene Tablettendose mit diversen Ergänzungspräparaten zur Unterstützung des Knochenaufbaus und der Blutbildung. Anhand der Tabletten lernte sie auch das Zählen und die Grundrechenarten, noch bevor sie zur Schule kam.

Morgens 2 Tabletten von x, Abends 1 Tablette von y und von z, und 1/2 von x.

Den Freundinnen im Kindergarten erging es nicht anders.

Besonders intensiv wurde im Kindergarten mit ihnen das Zähneputzen und Händewaschen trainiert. Die Flüssigseife wurde von einer großen Firma gespendet, die auch kleine Buttons verteilte mit einem Smiley und dem Firmenlogo.

Da Viren so gefährlich sind, durften die Kleinen draußen nur aufrecht gehend oder stehend spielen. Kinder, die sich hinhockten, oder gar Dinge vom Erdboden aufhoben, wurden zu einer Sonderschulung im Händewaschen verurteilt und dann in das Krabbelzimmer für die Kleinsten verbannt.

In der Grundschule hatte bereits alle Kinder gelernt, Plastikhandschuhe überzustreifen, bevor sie andere Kinder oder gar Tiere berührten. Ein Kind, das die Plastikhandschuhe zur Produktion von Wasserbomben missbrauchte, wurde von der Schule verwiesen. Sie war eine Musterschülerin und ihr wurde die Aufgabe der Hygienekontrolle in der Klasse übertragen.

Zweimal sagte sie gegen Mitschülerinnen aus, die auf den Pausenhof gespuckt hatten. Außerdem war sie dafür zuständig zu kontrollieren, dass Mitschülerinnen korrekt in den Ärmel niesten und ihre Viren nicht überall verbreiteten. Auf ihren Vorschlag hin wurde der Unterricht für Schülerinnen mit Schnupfen in einen Extraraum verlegt, der Unterricht erfolgte dort über eine Videoübertragung. Sie erhielt für diese Idee eine Auszeichnung der Schulleitung.

Als sie auf die weiterführende Schule kam, ging sie alle zwei Monate zur Infektionsberatung und ließ sich untersuchen. Da ihre Großtante zwischenzeitlich an einer Virusgrippe verstorben war, wurde ihr geraten, zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Sie bestand darauf, zukünftig an einem Einzeltisch zu sitzen und verzichtete nun ganz auf Körperkontakt.

Ihre erwachenden sexuellen Bedürfnisse befriedigte sie mit einem Jungen, der ihr durch sein ausgezeichnetes Hygieneverhalten aufgefallen war, in den dafür eingerichteten sterilen Hygieneräumen im Gesundheitszentrum, die nur durch Desinfektionsschleusen betretbar waren. Der Besuch kostete sie allerdings fast ihre gesamten Ersparnisse.

Als Studentin verzichtete sie jeden zweiten Tag darauf, etwas zu essen, da sie sich die hypersterilisierte Gesundheitskost nicht jeden Tag leisten konnte. Als sie nach einem halben Jahr deshalb zusammenbrach, nahm sie einen Zusatzjob an bei einer Drogeriekette. Nun ging es etwas besser.

Inzwischen wurden aber auch die monatlichen Vorsorgeuntersuchungen immer teurer. Und die Nahrungsergänzungspräparate konnte sie sich nur leisten, weil sie sie von einer in der Apotheke arbeitenden Freundin unter der Hand kaufte.

Auf sexuelle Kohabitation mit anderen Menschen verzichtete sie inzwischen aus Kostengründen völlig, außerdem war ein gewisses Restrisiko für Infektionen bei derartigen Praxen nie auszuschließen.

Als die zweimonatlichen Impfzyklen aufkamen, musste sie das erste Mal einen Kredit aufnehmen. Nur die Impfauffrischung alle zwei Monate garantierte den sicheren Impfschutz. Dafür, fand sie, waren Schulden gerechtfertigt. Dann kam noch eine von ihrem Arzt zur Immunprophylaxe empfohlene Tomographie hinzu. Ihre Bank gab ihr keinen Kredit mehr, also belieh sie die Kasse des Drogeriemarktes, in dem sie aushilfsweise arbeitete. Zwei Tage später erfolgte ihre Entlassung.

Für ihre regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen erhielt sie bald keine Termine mehr, da sie mit den Zahlungen in Rückstand geriet. Ihre Freundin verkaufte die Nahrungsergänzungspräparate nun im Internet und selbst die prophylaktischen Impfungen konnte sie nicht mehr bezahlen. Alles war zwecklos geworden.

Zwei Tage später fand man ihre Leiche, sie hatte sich selbst getötet.

Sicher war sicher.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Nik MacMillan; Unsplash.com

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