Zivilcourage: Österreichische Studie über die Helfer in der Flüchtlingskrise

Die österreichische Zivilgesellschaft ist heterogen, vielfältig und ehrenamtlich engagiert. In Bereichen, in denen es um Hilfeleistungen und klassische Nachbarschaftshilfe geht, übernehmen vor allem Frauen Verantwortung. Ein Bericht von Robert Manoutschehri.

Wer ist eigentlich „die Zivilgesellschaft“ in Österreich, die in der sogenannten Flüchtlingskrise so viele Aufgaben übernahm und entscheidend dazu beitrug, die „Flüchtlingswelle“ des Jahres 2015 zu bewältigen?

Der erst kürzlich aus einer Publizistiklehrveranstaltung der Universität Wien heraus gegründete Verein Forschungsinstitut Zivilgesellschaft (FiZ), ging in einer Erhebung der Frage nach der Motivation von Freiwilligen und ihrem Engagement nach. Unter anderem auch mit einer nichtrepräsentativen Befragung von 1.500 freiwilligen Helfern in gesamt Österreich, die den starken Einfluss sozialer Medien auf die Selbstorganisation und die Struktur von kleinen zivilgesellschaftlichen Initiativen aufzeigt.

Bei der Frage nach dem Auslöser für aktives Engagement ist vor allem das „Gefühl etwas tun zu müssen“ für die meisten ausschlaggebend. Diese Antwort kam zu 83,6 Prozent von Frauen und zu 72,3 % von Männern.

Wichtig war ebenfalls das soziale Umfeld: Rund 40 % geben an, durch Diskussionen mit Freunden und Bekannten oder deren Engagement dazu ermutigt worden zu sein, mitzuhelfen. Vor allem für unter 35-Jährige war diese Interaktion ein wichtiger Auslöser für ihr Engagement.

Natürlich ist die Zivilgesellschaft sehr heterogen und vielfältig, doch in Bereichen, wo es um Hilfeleistungen und klassische Nachbarschaftshilfe geht, überwiegt demnach ein hoher Frauenanteil, was zuvor schon von einer Studie des Sozialministeriums (Anm.: 2. Freiwilligenbericht) festgestellt wurde.

Die Helfer sind mehrheitlich weiblich (72,4 %), überdurchschnittlich gebildet (58,9 % Akademiker, 29,3 % mit Matura/Abitur), soziale Aufsteiger und berufstätig (mehr als 40 %) mit mittlerem bis geringem Einkommen – mehr als ein Drittel hatte nur ein Nettoeinkommen von unter 1.500 Euro.

Mit 35,8 % engagiert sich die relative Mehrheit der Befragten mindestens einmal pro Woche ehrenamtlich. Vorurteile, dass sich nur „Studierende und Pensionisten oder Leute, die nichts zu tun haben“ engagieren, sind damit jedenfalls klar widerlegt.

Besonders interessant ist, dass mehr als die Hälfte der Befragten angeben, sie selbst oder ihnen nahestehende Menschen hätten Erfahrungen mit Krieg oder Flucht gemacht. Und knapp ein Drittel verfügt selbst über Migrationshintergrund.

Auch der informative und organisatorische Nutzen von Social Media zeigte sich deutlich: Rund 80 % der Befragten gaben an, diese im Zusammenhang mit den Flüchtlingsbewegungen der Jahre 2015/16 verwendet zu haben.

Dazu erklärten die Kommunikations- und Sozialwissenschaftler Andrea Schaffar und Anna Gerhardus von der Universität Wien:

„Das beste Beispiel war der Hauptbahnhof (Anm.: Wien), wo sich „Train of Hope“ bildete – damals noch ohne Namen und als loser Zusammenschluss, der über Twitter und Facebook organisiert war. Es brauchte hier keine rechtliche Konstruktion rundherum, weil die Menschen einfach online geschaut haben, wo wird was gebraucht, was kann ich machen und sich dort dann einfach eingeklinkt haben.“

Die Autoren, die auch mit den Volkshochschulen zusammenarbeiten, betonen, dass zum weiteren Ausbau zivilgesellschaftlichen Engagements Weiterbildungen zu Selbstorganisation und den dafür notwendigen medialen Kompetenzen sinnvoll wären, da so wesentlich zur Verbesserung des Gemeinwohls und der Allgemeinheit beigetragen werden kann.

Die ersten Studienergebnisse wurden am Internationalen Tag des Ehrenamts im Dachsaal der VHS Wiener Urania präsentiert. Sie sollen dabei helfen, den öffentlichen Diskurs über Zivilgesellschaft – auch im Zusammenhang mit Flüchtlingsbewegungen – von unbegründeten Zuschreibungen zu einer auf Fakten beruhenden Diskussion zu leiten. Im Jänner 2018 wird der Endbericht auf der Homepage fiz.ac.at veröffentlicht.

Weiterführende Informationen:

Info-Folder über die Studie zur Zivilgesellschaft (Link zu Ansicht auf Dropbox)

Link zur Aussendung des Vereins FiZ

Der 230 Seiten starke „2. Freiwilligenbericht“ des österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz ist über diesen Link zu erreichen.


Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Wien.Über den Autor: Robert Manoutschehri ist Fotograf, Journalist, Texter und Grafikdesigner aus Österreich. Er engagiert sich ehrenamtlich für zahlreiche Bürgerinitiativen und NGO’s. Robert Manoutschehri lebt in Wien.


Foto: Simon Magge; Unsplash.com

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