Vielleicht war die Freiheit hinter der Mauer eine schöne Illusion

Die weltweit größte Open Air Galerie und Touristenmagnet Nummer eins in Berlin, die East Side Gallery, wird erneut von Spekulationsinteressen bedroht. Im Interview mit Reto Thumiger erzählt die Künstlerin Sabine Kunz, warum es sich lohnt, für die Erhaltung des längsten Mauerstücks zu kämpfen.

Als 1990 Sabine Kunz, die junge Künstlerin aus Halle, die gerade vor ihrer Diplomarbeit stand, die Möglichkeit erhielt die Berliner Mauer zu bemalen, konnte sie es kaum fassen. 20 Jahre später wurde die unter Denkmalschutz stehende East Side Gallery (Anm.: Link zu einer Petition für den Erhalt) restauriert und sie reproduzierte ihr Werk „Die Tanzenden“ an gleicher Stelle.

Die Tanzenden, East Side Gallery 2010, Mauerbild. (Foto Sabine Kunz)

„Die Tanzenden“ – Das Mauerbild ist Teil der East Side Gallery in Berlin. (Foto: Sabine Kunz)

Reto Thumiger: Wie bist du dazu gekommen, ein Originalstück der Mauer zwischen der Oberbaumbrücke und dem Ostbahnhof zu bemalen?

Sabine Kunz: Meine Professorin an der Kunsthochschule Halle hat uns um Entwürfe gebeten. Nach zwei Wochen kam meine Professorin auf mich zu und erklärte mir, dass ich fahren dürfe. Ich stand zu dem Zeitpunkt im Diplomjahr und wusste gar nicht, wovon sie sprach.

Doch sie sagte, Sie dürfen fahren, nach Berlin, um das Bild in groß zu malen. Ich nahm also meinen Entwurf und schaute mir die Situation vor Ort an. Es war fast niemand an der Galerie. Irgendwann tauchte jemand auf, der mir erklärte, dass in der Öffnung ein Bauwagen stünde, in dem eine Menge Farben wären, aber ich solle vorher erst mal einen ordentlichen Grund für mein Bild herstellen. Die Fläche bekam ich zugeteilt. Nach einigen Tagen lernte ich meine Nachbarin kennen, die auch malte.

Ich wurde dann schon von einer merkwürdigen Herausforderung ergriffen, die diese kahle Straße, diese imaginäre Öffnung ausstrahlte, ohne dass ich etwas vom Westen gesehen hatte, außer die Pakete der Tante aus Hattingen/Ruhr – mit denen ich aufgewachsen war.

Ich glaube, ich arbeitete Tag und Nacht durch, ohne Pause … endlich frei, meine malerische Kraft unter Beweis stellen zu können. Ich arbeitete auch in dem Bewusstsein hier etwas Außergewöhnliches zu schaffen, das eng mit meiner eigenen Geschichte in Verbindung stand. Schaue ich zurück, können diese Figuren eine Art Lebensentwurf darstellen.

Was drückt dein Bild aus?

Ich arbeite künstlerisch, um die sichtbare Welt zu transformieren, um Entscheidungen zu verdichten und um den Betrachter mit Phänomenen, Farbigkeit, Klarheit und Prägnanz zu konfrontieren. Meine Kunst entsteht aus der Anschauung. Grundlage sind meine figürlichen Skizzen. Das Motiv ist nicht Vorsatz, eher ist es so, dass sich in meinen Skizzenbüchern Motive häufen: Große Mütter mit kleinen Kindern, Frauen, die sich unterhalten – jede ihr Kleinkind fest im Arm –, ins Wasser gehend und zurückkommend, Vater und Sohn, Gruppen, Erzählende, Sitzende, Schreitende, Badende in ursprünglichen kraftvollen Bewegungen. Wenn Menschen zueinander kommen, entstehen Konflikte, Trennungen und Nähe. Den Prozess zwischen Harmonie und Disharmonie suche ich in diesen Beziehungsgruppen.

Thematisch spielt in meiner Kunst das Verhältnis von Mythos und Gegenwart eine große Rolle. Rückgriffe auf Mythen, Kulte, Bewusstsein und Bewegungen geschehen in der konkreten künstlerischen Arbeit oft eher unbewusst. Doch sie sind angeregt von der vorausgehenden Beschäftigung mit kulturgeschichtlichen Phänomenen. So ist mein heutiger künstlerischer Ansatz.

Mein Bild „Die Tanzenden“ (Anm.: 3,85 x 8,95 m, 1990/2010) an einem Originalstück der Mauer als Denkmal für die Teilung Deutschlands sehe ich mit dem freiheitlichen humanistischen Gedanken verbunden. Damals war mein Entwurf von der Freude über die Öffnung der Mauer geprägt und er zeigt mehrere Figuren, die durch die Mauer hindurchgehen. Die Mauer ist friedlich aufgelöst von den „Tanzenden“.

Auf dem Bild ist die Mauer nicht da. Stattdessen gibt es sehr viel Sonnenlicht – verkörpert durch das Gelb im Bild. Die rechte dominante Frauenfigur stellte für mich damals die Bedrohung dar. Eine Bedrohung, die eine Richtung vorgibt. Deshalb hat sie ein Winkefähnchen. Diese Figur steht auch für Menschen, die sich manipulieren lassen und die ihre Positionen nach dem Winde ausrichten, sowie sie andere Menschen in den Hintergrund drängen. Sie marschiert ein. Sie geht auf die anderen Figuren im Bild zu. Für mich war es damals wichtig zu zeigen, dass es die Bedrohung gibt und dass sie auch in den Momenten der Freude, in den Sternstunden der Menschen, stets vorhanden ist. Mir war es bewusst, dass es Wachheit erfordert, um mit der Bedrohung umzugehen.

Die schlanke gelbe männliche Figur ist mit der Frauenfigur in Verbindung. Diese Frauenfigur stellt aus heutiger Sicht, meine inzwischen erwachsene Tochter dar.

Die zentrale Figur mit der Kugel, dem Tamburin, der Rassel oder dem Geldbeutel, bin ich in Begegnung mit der Tochter. Ansätze von dem Demeter-und-Kore-Konflikt spielen hier eine Rolle.

Diese zentrale Figur ist die Stärkste und Mächtigste.

Die zwei linken Figuren übernehmen den Ausdruck für den Tanz oder für die natürliche, ungezwungene, jugendliche, unbekümmerte, spielerische Bewegung, die nur in einem friedlichen Land entwickelt werden kann. Im Originalentwurf fehlen diese zwei Figuren. Mein mir zugeteiltes Stück Berliner Mauer war größer bemessen als die Angaben, die damals grob gemacht wurden. So hatte ich selbst damals beim Malprozess noch künstlerischen Spielraum und fügte sie der Gesamtkonzeption hinzu.

Sabine Kunz, Christine Maclean und Thomas Rojahn v.l.n.r vor dem Hearing über die Zukunft der East Side Gallery, Foto Reto Thumiger

Die Künstlerinnen Sabine Kunz und Christine MacLean und der Geigenbauer Thomas Rojahn (v.l.n.r) vor dem Hearing über die Zukunft der East Side Gallery. (Foto: Reto Thumiger)

Was bedeutet für dich Kunst? Was ist der Beitrag, den du mit deiner Kunst geben möchtest?

Kunst ist für mich die Sprache des Unterbewussten, der Intuition und sie fängt dort an, wo Worte aufhören. Deshalb male ich.

Kunst aufzunehmen erfordert andererseits auch eine hohe Intuition, Kreativität und einen Bildungsstand. Es soll Freude machen sich mit der Kunst einzulassen.

Mein Beitrag mit meinen Bildern ist die Darstellung der Dynamik, der Lebensfreude und die Rückführung auf ein einfaches Leben in Beziehung und Einheit mit der Natur.

Wie wirkt es sich deines Erachtens auf die East Side Gallery aus, wenn der Hotelneubau nicht zu verhindern ist und der Wohnturm stehen bleibt?

Vielleicht war es ja eine schöne Illusion, dass hinter der Mauer die Freiheit ist. Diese Freiheit – eben der Kommerz, rückt nun dicht an die Mauer heran. Berlin hat jahrelang davon profitiert.

Ich habe mehrere Collagen und Anmutungen gefertigt, die jetzt auf dem Bezirksamt Friedrichshain Kreuzberg liegen. In diesen Collagen/Fotos habe ich ein grobes Gesamtkonzept für das Gebiet hinter der Mauer und auch hinter meinem Mauerbild eingereicht. Das Konzept bildet eine inhaltliche Einheit mit der Geschichte der Berliner Mauer und es respektiert die Arbeit und das Urheberrecht der Künstler an der Berliner Mauer.

Es zeigt auch, wie wichtig Luft holen ist und wie bedeutend es ist, einen Platz für die Bevölkerung und die weiteren Generationen zu schaffen, der im Kontext mit dieser Galerie steht.

Wie empfindest du es als Künstlerin, hier in Deutschland künstlerisch zu arbeiten?

Ich habe nie woanders gelebt, so fehlen mir die Vergleiche. Allerdings scheinen die Probleme nahezu überall die gleichen zu sein, dass nur die wenigsten Künstlerinnen und Künstler, etwa 5 Prozent, alleine von ihrer Kunstausübung leben können. Schon die Material- und Atelierkosten bestreiten zu können, ist nicht selbstverständlich.

Für mich war es mit meinen drei Kindern, darunter Zwillinge oft sehr kompliziert.

Gesundheitliche Probleme, familiäre Dauerbelastungen und Schicksalsschläge forderten mein Einfallsreichtum, um die künstlerische Arbeit und die familiäre Lage zu verbinden. Entsprechende Einnahmen, um eine so große Familie angemessen zu ernähren waren mir unmöglich.

Wieso sind die Kultur und die Kunst sehr wichtig für diese Gesellschaft?

Die Menschen passen sich immer mehr dem Computer mit den entsprechenden Abhängigkeiten an. Die Folgen für uns und die folgenden Generationen müssen dann die Ärzte versuchen auszubügeln. Indem wir kreative Intuition und hohe Meisterschaft für die bildenden Künste fördern, schaffen wir mit Kunst und Kultur ein Gegengewicht.

Problemfelder sind akzeptable Ausstellungsvergütungen, Ausstellungshonorare ohne die Künstler zu reglementieren und zu instrumentalisieren.

Den Künstlern wird heute eingeredet, sie müssten sich besser vermarkten. Dabei ist es ein strukturelles gesellschaftliches Problem.

Wie geht die Gesellschaft mit dem kreativen Potenzial der professionellen Künstler um?

Das Problem zeigt sich am jahrelangen Tauziehen um Ausstellungshonorare. Das öffentliche Interesse konzentriert sich mehr auf Ausstellungen als auf privaten Ankauf und gesellschaftliche Aufträge als Rettungsanker sind zu rar.

Allgemein wird erwartet, dass die Künstler schon froh sind, wenn sie ausstellen können. Teilweise müssen die Kunstschaffenden dafür sogar noch zahlen. Ansätze sind zum Beispiel Projekte. Diese sind jedoch auch sporadisch mit bürokratischen und Kräfte verschleißenden Hürden verbunden. In diesem zähen Überlebenskampf haben die Künstler keine Lobby.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!


Über die Künstlerin: Sabine Kunz (Jahrgang 1962) wurde in Zwickau geboren. Nach dem Abitur war sie Praktikantin an der Textilmanufaktur Halle und studierte ab 1984 an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle bei Prof. Inge Götze in der Fachrichtung Bildteppich. 1990 war sie als Künstlerin an der East-Side-Gallery beteiligt, die Kunst im öffentlichen Raum abbildet. Zu ihren weiteren Kunstprojekten zählen beispielsweise die „Die dritte Dimension“, eine Intallation mit Druckstöcken in der Landschaft, und das Projekt „Weiblichkeit-Sinnlichkeit-Fruchtbarkeit“.

Mehr zum künstlerischen Wirken von Sabine Kunz:
www.kunz-art.de
www.east-side-gallery.kunz-art.de
sabinekunz.blogspot.com
sabinekunzmalerei.blogspot.com


Über den Autor: Seit über 25 Jahren ist der gebürtige Schweizer und gelernte Kaufmann Reto Thumiger Aktivist des Neuen Humanismus. Seine Anliegen, wie kulturelle Vielfalt, gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle Menschen sowie eine innere und äußere Revolution – basierend auf der aktiven Gewaltfreiheit führte ihn in Länder wie Ungarn, Spanien, Togo und Sierra Leone. Mit seiner freiwilligen Tätigkeit in Pressenza Berlin möchte er der neuen Sensibilität und dem neuen Bewusstsein ein Sprachrohr verleihen und mit seinem Engagement bei der Organisation Begegnung der Kulturen von einem multikulturellen Nebeneinander zu einer weltweiten menschlichen Nation gelangen. Sein Interview mit Sabine Kunz erschien erstmals bei unserem Kooperationspartner Pressenza.


Fotos: Sabine Kunz, Reto Thumiger und Onanymous (Titelbild; CC BY-SA 4.0)

  1. Hallo, Sabine,

    hier ain altes Gedicht von mir:

    Die Kunst ist wichtig

    Die Kunst ist wichtig,
    Manchmal flüchtig,
    Manchmal richtig,
    Den Einen macht sie manchmal süchtig,
    Dem Andren ist sie wirklich nichtig:
    „Realitäten, die sind wichtig!“
    Doch wer so spricht, der macht mich giftig.
    1996

    Erst einmal alles Gute!

    Dr. Christian Ferch

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    Antwort

  2. Vielen Dank für das tolle Interview.
    Gibt es allerdings die Petition auch auf einer anderen Plattfom? Bei Change.org habe ich Datenschutzbedenken, vgl. etwa , , . Fragwürdig ist auch, wozu Change.org nicht als Non-profit-, sondern als kommerzielles Unternehmen in den USA angemeldet ist.

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    1. Vielen Dank für das Lob. Wir fragen beim Autor nach, ob die Petition auch auf einer anderen Plattform verfügbar ist.
      [NACHTRAG: Change.org ist aktuell die einzige Plattform, auf der die Petition eingestellt wurde.]

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