Lehrer und Kinder beim Schulunterricht. (Foto: Neonbrand, Unsplash.com)
Die Globalisierung erhöht auch in der Bildung den Konkurrenzdruck. Nicht nur Schulen, Universitäten und weitere Bildungseinrichtungen konkurrieren gegeneinander. Schüler, Lehrer, Pädagogen - alle stehen im Wettbewerb. Es herrscht der eindimensionale Vergleich: Wer ist besser, wer ist schlechter? Muss das sein? Gerhard Kugler wirft einen kritischen Blick auf das bestehende Bildungssystem und stellt in seiner Beitragsserie „Schluss mit Pauken und Noten!“ die Grundzüge eines alternativen Bildungssystems vor.

Dass Bildung zu den wichtigsten Elementen individueller und gesellschaftlicher Ressourcen gehört, wird von allen Seiten anerkannt. Entsprechend durchgängig und richtungsunabhängig sind die politischen Forderungen, ihr noch mehr Gewicht zu geben, ihre Institutionen noch reicher auszustatten, personell und sachlich. Das Lehrer-Schüler bzw. -Studenten-Verhältnis soll verbessert werden. Die neuen Medien sollen besser integriert werden. Input und Output sollen mehr Kompetenz zeigen. In Vergleichen mit entsprechenden Institutionen anderswo soll man besser abschneiden, um von dieser wichtigen Voraussetzung her in der Welt besser mithalten zu können.

Die Kritik ist manchmal noch grundsätzlicher:

„Und da unsere gesamte Bildungspolitik nicht auf dem Interesse aufbaut, sondern auf der Vermittlung abstrakten Wissens, müssten wir hier umdenken, dass wir viel stärker interessebezogen lernen, weil damit wiederum Langzeit-Engramme [1] geschaffen werden, Gedächtnis-Engramme. (…)  Wir wissen heute durch die Neurowissenschaften, dass durch die Bewegung der Hand das Bewegungszentrum aktiviert wird und darüber allein erst Langzeit-Gedächtnis-Engramme entstehen.“ (Quelle: Deutschlandfunk)

Daran anknüpfend soll in der folgenden Artikelserie das Bildungssystem in einen größeren Zusammenhang gestellt und eine Alternative entwickelt werden.

Der Konkurrenzdruck, in dem sich Länder, Institutionen und Fachleute befinden oder wähnen, wird noch konsequenter vorangetrieben und weitergereicht, je mehr die Globalisierung von Waren und Menschen voranschreitet. Den Individuen hilft da nur Ehrgeiz und Selbstdisziplin, um mithalten zu können.

Zwischendurch erheben sich schüchterne Stimmen, die an alte humanistische Bildungsideale erinnern. Diese verkennen aber vermutlich die traditionelle Funktion von Bildung: den Unterricht, das Unter-Richten, das Untertanen-Zurechtrichten.

Entsprechend sind die staatlichen Bildungsinstitutionen traditionell mit verbeamtetem Personal ausgestattet und hierarchisch organisiert. Denn Herrschaft braucht schon Konsequenz, um wirksam zu sein.

Bildungseinrichtungen stehen also unter einer gewissen Spannung zwischen geforderter Flexibilität im Sinne des Mithaltens im weltweiten Markt und hierarchischer Starre. Von beiden möchten sich die in den nächsten Beiträgen folgenden konzeptuellen Vorschläge und Ausführungen distanzieren. Beides verhindert, ja blockiert Kooperation zu Gunsten von Wettbewerb und/oder Macht.

Vereinzelte Menschen – Gewinner und Verlierer

Der Kampf um immer bessere Kompetenz der Auszubildenden und die Disziplinierung in der Hierarchie einer Staatsmacht (Ministerialbürokratie), die weitgehend außerhalb des Zugriffs von Demokratie steht, erzeugt vorwiegend heranwachsende Menschen mit Rücksichtslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, vorübergehend triumphierende Sieger mit Noten von Eins Komma Null und möglichst zahlreichen Zertifikaten.

Sie erzeugt Heranwachsende mit ständiger Unsicherheit, ob sie mithalten können. Und sie erzeugt Verlierer, die irgendwann aufgeben, sich selbst für Ausschussware halten, entsprechend Motivation im Leistungsbereich abbauen und in der ausgesonderten Lage ihren gesellschaftlichen Beitrag verringern. Bei den Menschen, bei denen Bildung nicht zum Selbstläufer wird, verliert sich Lebendigkeit und Weiterentwicklung.

Durchgängig im heutigen Bildungssystem sind das Vergleichen und Verglichen werden. Sie überbetonen eine abstrakte Seite von Menschsein: ihre gesellschaftliche Stellung, abstrahiert vom Wirken und Zusammenwirken für Aufgaben.

Menschen können oder könnten ihre Beiträge zu gemeinsamen Aufgaben finden, sie immer wieder mal wechseln, sich von ihnen motivieren und begeistern lassen, an ihnen und mit wachsen. Sie könnten ihre unterschiedlichen Stärken und Besonderheiten entwickeln, sich außerhalb abstrakter Vergleiche und Messungen definieren (wenn sie das überhaupt brauchen).

Sie könnten. Doch die Leistungsgesellschaft setzt alles daran, Unvergleichbares zu vergleichen, die komplexen menschlichen Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten in möglichst eine Dimension zu pressen: „Wer ist besser?“

Noten als Ausdruck eindimensionaler Betrachtung

Gängiger Ausdruck und Stempel dafür sind in der (Aus-)Bildungszeit eines Lebenslaufs Noten. Leistungen und Menschen werden benotet. Vor allem schon in der Schule. Noten (oder auch „Punkte“) sind eigentlich ordinalskalierte Zahlen. Arithmetik (plus, minus, mal, geteilt) ist mit ihnen definitionsbedingt, also wissenschaftlich nicht erlaubt. Die Differenzen zwischen ihnen sind undefiniert, können und dürfen unterschiedlich sein. Trotzdem werden sie zusammengezählt, Durchschnitte berechnet. Und das noch über die Fächer hinweg. Als würde man Äpfel und Kirschen vergleichen, gleich behandeln.

Erlaubt wären bei Ordinalzahlen etwa Median oder auch Modalwerte. Letzteres, weil ordinale Skalen auch mit den noch einfacheren Nominalskalen-Werten beschrieben werden dürfen.

Was treibt die Gesellschaft und vor allem die Lehrenden dazu, täglich diese Zulässigkeiten zu übertreten, wissenschaftliche Grundlagen zu verletzen? Letztlich wohl die eindimensionale Betrachtung der Elemente der Gesellschaft: Wer ist besser oder schlechter? Wer ist noch besser oder gar am besten? Status, finanzieller Erfolg, Geltung und gewidmete Aufmerksamkeit (losgelöst von menschlicher Kooperation) lassen einfach nicht weitere Dimensionen und Komplexitäten zu.

Hierarchie, Macht, Anpassung und Gehorsam

Die andere Seite der Bildungseinrichtungen ist – wie schon angedeutet – die Hierarchie der dort beschäftigen Ausbilder oder Lehrer. Die Beamten sind dem Staat verpflichtet, aber auch mit staatlicher Autorität ausgestattet. Sie haben Macht, und dafür müssen sie zurechtgezurrt werden. Bis zu den Ministerien sind sie selbst wieder der Macht ausgeliefert. Sie leben meist die entsprechende Haltung, geben sie als Vorbilder weiter, meist wohl nicht bewusst.

Macht fordert von Untertanen einseitige Anpassung, Gehorsam, Verstellung oder wenigstens Unauffälligkeit nach oben. Wer hoch kommt, kehrt die Rollen um.

Es wäre erstaunlich, wenn das nicht auch an die Schüler weitergegeben würde. Die schlecht Benoteten müssen brav sein, um nicht ganz unterzugehen. Die gut Benoteten sind brav, weil sie noch weiter kommen wollen. Die so „Gebildeten“ sind gut in ein Marktsystem zu integrieren, das von Hierarchie durchzogen ist, obwohl es sich demokratisch nennt.

Die Sicht von außen als Chance

Nach so viel – sicher auch etwas vereinfachter – Kritik am bestehenden Bildungssystem drängt sich die Frage auf, wie man es denn sonst gestalten sollte oder könnte. Jede kritische Betrachtung bedarf einer Alternative, sonst kann man sie auch sein lassen.

Ich werde in den nächsten Beiträgen die Grundzüge eines alternativen Bildungssystems beschreiben. Ich bin kein Insider, sondern nur – natürlich – selbst Betroffener, durch den eigenen Weg und die Betrachtung des Weges von Angehörigen und Bekannten durch die Bildungsinstitutionen. Und ich bin als Psychologe und Psychotherapeut sozialwissenschaftlich geprägt.

Doch vielleicht braucht das System die Sicht von außen, auch wenn diese nicht alles berücksichtigt. Vielleicht hat eine solche Sicht von außen die Chance, sich nicht vom System „erschlagen“ oder blind machen zu lassen.


Weitere Teile der Serie „Schluss mit Pauken und Noten!“

Teil 2: Grundsätzliches zu einer Alternative

Teil 3: Äste statt (Schul-)Fächer

Teil 4: Kriteriumsorientierte Leistungsmessung

Teil 5: Aufgaben der Lehrer


Quellen und Anmerkungen

[1] Engramm (griechisch: en „hinein“ und gramma „Inschrift“) ist eine allgemeine Bezeichnung für eine physiologische Spur, die eine Reizeinwirkung als dauernde strukturelle Änderung im Gehirn hinterlässt. Die Gesamtheit aller Engramme ergibt das Gedächtnis. Engramme realisieren Funktion, da das Gehirn bei jeder Handlung und jeder Situation auf Engramme zurückgreift.


Fotos: NeONBRAND (Unsplash.com).

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.