Schluss mit Pauken und Noten! – Teil 2: Grundsätzliches zu einer Alternative

Im zweiten Teil seiner Beitragsserie „Schluss mit Pauken und Noten!“ geht Gerhard Kugler auf grundsätzliche Überlegungen für ein alternatives Bildungssystem ein. Der lernende Mensch, der an seinen Aufgaben wächst, und seine Fähigkeit zur Gestaltung stehen im Mittelpunkt.

Eine Alternative sollte das Erlernen menschlicher Fähigkeiten ins Zentrum rücken, nur am Rande im Wettstreit mit anderen, damit die Orientierung am eigenen geistigen Wachsen nicht frühzeitig durch das Schielen auf die Umgebung gestört wird.

Ein solches Wachsen an den Aufgaben, am Wirken und Bewirken könnte ganz natürlich zur Herausbildung eigener Werte führen, ganz anders, als es die verbale Vermittlung von Werten versucht. Dabei kann fast von selbst Eigenständigkeit und Kooperationsfähigkeit entwickelt und geübt werden.

Ein besseres Bildung- bzw. Schulsystem sollte folgende Werte umsetzen:

  • Bewertungen der Schüler bzw. ihrer Leistungen sollten multidimensional sein.

Sie sollten sie nicht in eine Rangreihe stellen, sondern die Profile ihrer Stärken und Schwächen kennzeichnen.

  • Das System sollte nur zweitrangig Kompetenzen durch Inhalte vermitteln, erstrangig über die Art der Vermittlung und Aneignung.

Lehrreicher sollte sein, wie vermittelt wird und wie sie lernen, weniger, was sie lernen.

  • In erster Linie sollten die Kompetenzen über intrinsische Motivation vermittelt werden, möglichst nur geringfügig über extrinsische (von außen gesetzte Belohnungen und Bestrafungen).

Das Lernen sollte fortwährend neugierig machen, sodass die Schüler möglichst wenig Druck benötigen, um weiterzumachen.

  • Das Erzeugen von Verlierern soll nur vorkommen, wo die Möglichkeiten fehlerhaft umgesetzt werden, nicht aufgrund von unterschiedlichen Schwerpunkten oder unterschiedlichem Tempo.

In jedem System werden Fehler gemacht. Sie sollten aber nicht am System selbst liegen. Unterschiedlichkeiten der Schüler sind erwünscht. Das System (und das Lehrpersonal) sollte ihnen diesbezüglich eher entgegenkommen, als sie zu bestrafen.

Die Alternative könnte auf folgenden Elementen aufbauen:

  • Fast ausschließlich projektorientiertes Lernen.
  • Vermittlung definierter Kompetenzen, die aufeinander aufbauen.
  • Förderung sowohl individueller wie auch kooperativer Kompetenzen.
  • Kriteriumsorientierte Leistungsmessungen.
  • Kompetenz-Profile, die bei Abgang aus der Schule bescheinigt werden und den Anforderungen nachfolgender qualifizierender Einrichtungen (Universität, Berufsausbildung usw.) genügen.

Davon unabhängig:

  • Basiskompetenzen für ein selbständiges Leben.

Projekte

Menschen können und wollen gestalten. Vom Konkreten zum Abstrakten. Gestaltetes soll dann für etwas gut sein, für etwas taugen. Dadurch und damit lernen sie; erwerben immer feinere Geschicklichkeiten und ein Selbstwertgefühl. Das ist intrinsische Motivation – verankert und stabil.

Schüler sollten von Anfang an gestalten. Im Gestalten lernen sie und nehmen Neues auf.

Die gestalteten Produkte sind bei jungen Menschen vorwiegend spielerisch nützlich, jedenfalls nicht für den Markt und Konkurrenzkampf gedacht. Entwickelte Gegenstände können gebraucht, sprachliche und mathematische Produkte können gezeigt und veröffentlicht werden, soziale Produkte können gelebt werden. Produkte können großenteils mit nach Hause genommen werden.

Intrinsische Motivation beim Lernen ist nur dadurch garantiert, dass bereits beim Lernen geschaffen wird. Die Schüler können selbst etwas schaffen oder erzeugen, indem sie je nach Stand bescheidene oder anspruchsvolle Ergebnisse versuchen. Das sollen nicht nur mündliche oder schriftliche Antworten auf Fragen sein, die der Lehrer stellt, sondern aus eigenen Fragen oder Fantasien Entwickeltes, das dem Stand ihrer Neugier entspricht.

Dazu eignen sich Projekte (s. John Dewey[1]). Wie auch im späteren Leben werden Projekte meist kooperativ entwickelt und zu Ende gebracht. Im Verlauf von Projekten gibt es auch individuelle Beiträge, doch letztlich gehen sie in gemeinsame Produkte ein.

Die Produkte können gegenständlich, ideell oder darstellend sein. Sie sollen zwar noch nicht notwendig, konkurrenzfähig oder ausgereift sein. Ihnen bleibt das Spielerische, der Versuch, der auch danebengehen kann, aber in Verlauf und Auswertung lehrreich ist. Wenn möglich, sollten die Ergebnisse nützlich sein, wenigstens für die Schüler, die sie geschaffen haben.

Projekte haben mehrere Phasen:

(1) (Gemeinsames) Suchen nach einem Projekt, das die Aneignung eines Astes verlangt oder provoziert

(2) Planen des Inhalts

(3) Planen der Aufgabenverteilung

(4) Durchführung

(5) Präsentation

(6) Bewertung

Je nach Stufe können Berechnungen, Beschreibungen damit verbunden werden, die Einblicke in die Zusammenhänge erfordern. Wenn die Produkte keine Gegenstände sind, können sie gefilmt oder auf andere Weise dokumentiert werden, sodass sie als eigener Besitz mitgenommen werden können.

Durch Abkehr von der Norm-Orientierung kann manches auch eher exemplarisch gelernt werden. Strategien sind bedeutsamer, Inhalte verlieren sich ohnehin bald wieder. Projekt-Produkte können einander ergänzen.

Projekte werden normalerweise in Gruppen, in besonderen Fällen auch von einzelnen Schülern durchgeführt. Oft ist es auch angebracht, dass sich im Rahmen von Projekten Aufgaben ergeben, die von einzelnen Teilnehmern in Zuarbeit „selbständig“ erfüllt werden. Im Nachvollziehen nehmen die anderen dann noch in der Vorstellung daran teil.

Beispiele von Projekten aus verschiedenen Feldern (Ästen):

Ein Theaterstück einstudieren, eine detaillierte Fahrradkarte erstellen, einen Teil klassischer Literatur übersetzen, einen Gebrauchsgegenstand reparieren, eine Teiggärung in Gang setzen und unter dem Mikroskop betrachten (filmen), eine Wanderung planen und durchführen, ein (Koch-)Rezept aus dem Mittelalter umsetzen, eine fremdsprachliche Brieffreundschaft aufbauen und pflegen, eine Fotoserie aus der Natur herstellen und kommentieren, verschiedene Tagesplanungen vergleichen, Computer-Anwender-Programme vergleichen, einen Bash-Programm-Code erstellen, Ideenaustausch mit einer Gruppe im Ausland (Übersee), Reparaturkreis.

Die Teilnehmer und Interessierte sollen von den Ergebnissen profitieren, sie benutzen, sie dokumentieren und veröffentlichen.

Neben der Gestaltung der Produkte sollten Projekte den Erwerb von Kompetenzen bestimmter „Äste“ enthalten. Äste entsprechen traditionellen „Fächern“ und werden in der nächsten Folge der Beitragsserie behandelt. Wenn in einem Projekt Kompetenzen erforderlich sind, die nicht Anliegen und Stufe der Teilnehmer entsprechen, holen sie sich externe Hilfe (Schüler einer anderen Stufe oder Lehrer).


Gerhard Kugler ist Psychologischer Psychotherapeut. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.Über den Autor: Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut (im Ruhestand). Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.


Weitere Teile der Serie „Schluss mit Pauken und Noten!“

Teil 1: Der gegenwärtige Zustand des Bildungssystems

Teil 3: Äste statt (Schul-)Fächer

Teil 4: Kriteriumsorientierte Leistungsmessung

Teil 5: Aufgaben der Lehrer


[1] John Dewey (1859 – 1952) war ein US-amerikanischer Philosoph und Pädagoge der sich für die Demokratisierung aller Lebensbereiche einsetzte. Nach seiner Auffassung sollte Demokratie immer im konkreten Zusammenleben verankert und gelebt werden. Die tätige Erfahrung solle so durchgängig und so intensiv wie möglich in der Familie, in der Schule und in der großen Gemeinschaft gesammelt werden. Kinder sollten nach der Auffassung von Dewey Demokratie als gesellschaftliche Lebensform auf individueller Ebene so früh wie möglich kennenlernen. Das Lernen muss seiner Meinung nach ganz und gar auf Erfahrung aufgebaut sein. Kinder sollten entsprechend experimentierend in einer Lernumwelt aus Materialien, Werkstätten, Bibliothek und Schulgarten die Realität und sich selbst entdecken und Kooperation kennenlernen.


Fotos: Yonghyun Lee (Unsplash.com) und Gerhard Kugler

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