Schluss mit Pauken und Noten! – Teil 5: Aufgaben der Lehrer

Im fünften Teil der Beitragsserie „Schluss mit Pauken und Noten!“, in der Gerhard Kugler dem aktuellen Bildungssystem eine Alternative gegenüberstellt, wird die „neue“ Rolle des Lehrers beschrieben. Außerdem wird verdeutlicht, warum der Mensch durch das Lernen in einem Projekt-Profil-System in der Zukunft mehr können wird als die Maschinen der 4.0-Technologie.

Die Betätigungsfelder und Aufgaben der Lehrer umfassen wenigstens:

  • Begleitung anvertrauter Schüler über die Jahre hinweg (Mentor)
  • Anregungen und Mitplanung von Projekten
  • Kurse zur Vermittlung von Wissen und exemplarischen Übungen
  • Wichtige Rolle bei der Durchführung der kriteriumsorientierten Leistungsmessungen

Als Begleiter (Mentoren) würden die Lehrer ihre Schüler regelmäßig individuell treffen bzw. zu sich bitten. Sie würden die Gesamtpersönlichkeit ihrer Schüler im Auge haben, nicht nur Leistungen und Schwächen in einem traditionellen „Fach“. Sie könnten ihre Stärken und Schwächen erkennen und sie mit diesem Hintergrund auf ihrem individuellen, besonderen Weg beraten und motivieren. Sie würden ihnen entsprechend verschiedene Möglichkeiten aufzeigen. Sie würden wohl Akten über die Entwicklung ihrer Schüler führen, den Verlauf dokumentieren. Mit den Eltern würden sie aktiv Kontakt halten. Die derzeitige Hierarchie der Lehrerschaft würde abgebaut werden. In regelmäßigen Abständen würden sie Abteilungsleiter und Schulleiter wählen.

Im Alltag hätten sie die Aufsicht (mindestens über Smartphone), dass ihre Schüler anwesend wären. Empfehlenswert wären vor allem für die Mentor-Aufgaben auch 2er-Teams.

Der pädagogische Teil ihres Berufsstands würde also gegenüber dem „fach“-lichen mehr an Bedeutung gewinnen.

Umsetzung und Übergang

Ich erinnere an den Beginn meiner Ausführungen. Es ist nicht tragbar, dass ein wissenschaftsmethodisch unzulässiges System weiter praktiziert wird. Und doch wird es das. Es muss erhebliche Hindernisse geben, es zu ändern.

Je größer und komplexer ein System (geworden) ist und je mehr es mit übergreifenden Systemen verflochten ist, desto starrer scheint es gegenüber menschengewollten Veränderungsversuchen zu werden. Am System und seinen Eigenschaften hängen Menschen mit ihren Ausbildungsvoraussetzungen, ihrer materiellen Existenz und ihren Positionen. Mit dem System sind Vereinbarungen, Verlässlichkeiten und Gesetze verknüpft. Und schließlich passt das derzeitige Bildungssystem in die Eindimensionalität des wirtschaftlichen Oben und Unten und den entsprechenden gesellschaftlichen Positionen der Menschen, die darin leben und damit aufgewachsen sind.

Doch gerade die Starrheit eines Systems kann in den Untergang führen oder mit dazu beitragen.

Systeme können meistens nur „angeknabbert“ und „durchlöchert“ werden, bevor die beteiligten Menschen das Zutrauen in die Neuerungen bekommen. Alternative Bildungseinrichtungen gibt es zwar schon lange. Sie werden am Rande geduldet, müssen sich ohnehin in den Abschüssen der Schüler am dominanten System orientieren, wenn die Schulabgänger konkurrenzfähig in die Erwerbsgesellschaft eintreten wollen.

Und das scheint der Knackpunkt an der Vereinbarkeit des hier vorgestellten Konzepts mit dem herrschenden System zu sein. Kinder können noch nicht beurteilen, ob sie sich einmal anpassen oder am Rande des Systems überleben wollen.

Die in der Artikelfolge dargelegte Alternative ist nicht in einem Kompromiss mit dem bestehenden Bildungssystem zu verwirklichen, da es um die Beurteilung geht: Noten oder Profile. Überlegen – unterlegen oder anders. Wir stehen hier an einem Scheideweg.

Und doch ist ein Kompromiss bzw. Übergang vorstellbar: die von beiden Seiten tolerierte Koexistenz. Es müsste also staatlich geduldet werden und von den bestehenden Institutionen vorangebracht werden, dass Schüler zum Abschluss Noten (Punkte) oder Profile nachweisen. Und sie müssten dann vergleichbaren Zugang zu Berufsausbildungen oder weiteren Institutionen haben. Das könnte in mehrerlei Hinsicht ein Wettstreit der Konzepte sein.

Die Schüler, die in einer Schule des hier vorgeschlagenen Bildungssystems heranwachsen würden, könnten am Ende doch noch für Noten pauken oder sie könnten versuchen, über die Profile einen Platz in Beruf oder Universität zu bekommen. (Nebenbei: Auch Universitäten sollten sich entsprechend dem Projekt-Profil-System verändern lassen.)

Die gesellschaftliche Zukunft braucht Menschen, die mehr können als Maschinen der 4.0-Technologie. Menschen mit Initiative, Fantasie und Kooperationsfähigkeit. Das hier vorgestellte Konzept eines Bildungswesens sollte dem heute herrschenden Bildungssystem diesbezüglich deutlich überlegen sein. Ja, es darf sogar vermutet werden, dass das derzeitige System solche Fähigkeiten an der Entwicklung hindert, manchmal gemildert durch engagierte Lehrer.

Repetitive Arbeiten werden in absehbarer Zeit weitgehend durch Maschinen erledigt werden. Es werden aber genug Arbeiten bleiben, die nur initiative und kreative Menschen ausführen können. Darüber hinaus würde das hier vorgeschlagene Bildungssystem kreativere und kooperativere Menschen für die eigene Lebensgestaltung hervorbringen.


Gerhard Kugler ist Psychologischer Psychotherapeut. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.Über den Autor: Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut (im Ruhestand). Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.


Weitere Teile der Serie „Schluss mit Pauken und Noten!“

Teil 1: Der gegenwärtige Zustand des Bildungssystems

Teil 2: Grundsätzliches zu einer Alternative

Teil 3: Äste statt (Schul-)Fächer

Teil 4: Kriteriumsorientierte Leistungsmessung


Fotos/Grafiken: The Creative Exchange (Unsplash.com) und Gerhard Kugler

  1. Offenbar ist dem Autoren etwas wichtiges entgangen: Wir haben weder genügend Lehrer noch die notwendige Zeit, um auf jeden einzelnen Schüler einzugehen.
    An den hier vorgebrachten Ideen kann man deutlich erkennen, das ein Theoretiker sich zu etwas äußert, zu dem er selbst nicht in der Lage ist – oder möchte er behaupten den Lehrstoff, der mit geringem Zeitaufwand vermittelt werden muß, so unterzubringen?
    Wenn Schüler eine bestimmte Richtung einschlagen wollen, müssen Praktiker den Stoff vermitteln, denn nur die können tatsächlich Wissen vermitteln das sich in dieses bestimmte Feld eingliedern muß.
    Statt Gedichte und Bilder zu besprechen, sollten Grundlagen der Mathematik und Deutsch vermittelt werden. Auch diverse Fremdsprachen sind unnötig, denn schon alleine das Schulenglisch ist derart grausam, das man in Großbritanien schon mal nicht weiterkommt. Das Schulenglisch hat nämlich tatsächlich von der Aussprache her eher US Amerikanischen Charakter. Wer eine Fremdsprache lernen will, muß sich mal für 6-12 Monate ins Ausland begeben, denn das erst macht Sinn.
    Aber noch einmal zur wichtigsten Frage in diesem Zusammenhang: Wo will man die ganzen Lehrer herbekommen, die dann mehr Arbeit mit dem Führen von Schülerakten beschäftigt sind, als ihnen für die Unterrichtszeiten überhaupt zur Verfügung stehen?

    Auf dem Papier läßt sich vieles machen, doch in der Praxis sind Grenzen gesetzt, die man nicht wirklich überwinden kann.
    Wir sehen doch schon sehr deutlich, dass das System an den Gymnasien versagt hat – oder wie erklärt man das z.B. Architekten wie beim BER nicht in der Lage sind, ihre Arbeit sorgfältig zu machen – das kann auch kein neuer pädagogischer Ansatz ändern, sondern die konsequente Vorbereitung durch wirkliches lernen.
    Überall wird es gleich gemacht: es wird gelernt, bei Prüfungen abgerufen und wieder vergessen. Und meist liegt es daran, das es völlig unnötiges Wissen ist oder sogar Sachverhalte völlig falsch sind und ein wirkliches Mitdenken unerwünscht ist.

    Neue Medien sind sicherlich was feines, doch sollte man einem Schüler doch mal beibringen, wie man ohne Google und ähnlichess auskommt, um eine anständige Recherche zustande zu bringen. Das ist mit mehr Mühe und Zeitaufwand verbunden, doch macht es Sinn. In Handwerksberufen wird den Auszubildenden beigebracht, wie man in reiner Handarbeit ohne moderne Maschinen etwas bauen kann. Zimmerleute z.B. können auch ohne Maschinen eine komplizierte Treppe bauen, weil man ihnen so etwas beigebracht hat. Lernt man das nur mit Maschinen, ist derjenige ohne Maschinen vollkommen aufgeschmissen.
    So ist es eben auch beim lernen und geht dort weiter, wo ein Bewerber einen Lebenslauf schreiben soll – Handgeschrieben natürlich.
    Wer nun dem Irrglauben unterliegt, das man so etwas mit weiteren theoretischen Ansätzen in der Pädagogik ändern kann, würde sich fürchterlich wundern.

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    1. Nach wie vor ist meine Einschätzung, dass es nicht in erster Linie auf Quantität, auf Mengen ankommt. Deshalb bezweifle ich, ob das vorgeschlagene System mehr Lehrer benötigt. Nehmen wir an, ein Lehrer begleitet 25 Schüler, in Vertretung noch 25 Schüler eines Kollegen. Dann kann er im Durchschnitt täglich mit 5 Schülern im Einzelkontakt sein. So spricht er mit jedem seiner Schüler einmal pro Woche.10 bis 15 Minuten Kontakt ermöglicht schon ein nicht nur oberflächliches Gespräch. Natürlich hat er noch mehr zu tun, etwa mit den Projekten.
      Mein vorgeschlagenes System versucht ja, den Projektgruppen viel Freiheit zu lassen. Oft werden sie sich ohne Lehrer treffen bzw. kooperieren.
      Wenn Sie in die Richtung sprechen, dass man auch Praktiker (Berufstätige) mitten aus der Gesellschaft immer wieder in die Schulen bringen sollte, kann ich nur zustimmen.
      Auch Sie bemängeln Ergebnisse des derzeitigen Unterrichtens. Doch was schlagen Sie dagegen vor? Ich habe ja eingestanden, dass ich nicht aus dem pädagogischen Bereich komme. Aber ich sehe an den Ergebnissen der Schulen, was fehlt und was nötig wäre. Ausgereift ist das von mir Vorgeschlagene nicht, aber es versucht, mal Pflöcke einzuschlagen. Nicht nur die Insider sollten über die Zukunft der Bildung reden. Sofern sie das überhaupt tun.
      G.K.

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