Kreativität braucht keine Grenzen. (Foto: The Creative Exchange, Unsplash.com)
Im fünften Teil der Beitragsserie „Schluss mit Pauken und Noten!“, in der Gerhard Kugler dem aktuellen Bildungssystem eine Alternative gegenüberstellt, wird die „neue“ Rolle des Lehrers beschrieben. Außerdem wird verdeutlicht, warum der Mensch durch das Lernen in einem Projekt-Profil-System in der Zukunft mehr können wird als die Maschinen der 4.0-Technologie.

Die Betätigungsfelder und Aufgaben der Lehrer umfassen wenigstens:

  • Begleitung anvertrauter Schüler über die Jahre hinweg (Mentor)
  • Anregungen und Mitplanung von Projekten
  • Kurse zur Vermittlung von Wissen und exemplarischen Übungen
  • Wichtige Rolle bei der Durchführung der kriteriumsorientierten Leistungsmessungen

Als Begleiter (Mentoren) würden die Lehrer ihre Schüler regelmäßig individuell treffen bzw. zu sich bitten. Sie würden die Gesamtpersönlichkeit ihrer Schüler im Auge haben, nicht nur Leistungen und Schwächen in einem traditionellen „Fach“. Sie könnten ihre Stärken und Schwächen erkennen und sie mit diesem Hintergrund auf ihrem individuellen, besonderen Weg beraten und motivieren. Sie würden ihnen entsprechend verschiedene Möglichkeiten aufzeigen. Sie würden wohl Akten über die Entwicklung ihrer Schüler führen, den Verlauf dokumentieren. Mit den Eltern würden sie aktiv Kontakt halten. Die derzeitige Hierarchie der Lehrerschaft würde abgebaut werden. In regelmäßigen Abständen würden sie Abteilungsleiter und Schulleiter wählen.

Im Alltag hätten sie die Aufsicht (mindestens über Smartphone), dass ihre Schüler anwesend wären. Empfehlenswert wären vor allem für die Mentor-Aufgaben auch 2er-Teams.

Der pädagogische Teil ihres Berufsstands würde also gegenüber dem „fach“-lichen mehr an Bedeutung gewinnen.

Umsetzung und Übergang

Ich erinnere an den Beginn meiner Ausführungen. Es ist nicht tragbar, dass ein wissenschaftsmethodisch unzulässiges System weiter praktiziert wird. Und doch wird es das. Es muss erhebliche Hindernisse geben, es zu ändern.

Je größer und komplexer ein System (geworden) ist und je mehr es mit übergreifenden Systemen verflochten ist, desto starrer scheint es gegenüber menschengewollten Veränderungsversuchen zu werden. Am System und seinen Eigenschaften hängen Menschen mit ihren Ausbildungsvoraussetzungen, ihrer materiellen Existenz und ihren Positionen. Mit dem System sind Vereinbarungen, Verlässlichkeiten und Gesetze verknüpft. Und schließlich passt das derzeitige Bildungssystem in die Eindimensionalität des wirtschaftlichen Oben und Unten und den entsprechenden gesellschaftlichen Positionen der Menschen, die darin leben und damit aufgewachsen sind.

Doch gerade die Starrheit eines Systems kann in den Untergang führen oder mit dazu beitragen.

Systeme können meistens nur „angeknabbert“ und „durchlöchert“ werden, bevor die beteiligten Menschen das Zutrauen in die Neuerungen bekommen. Alternative Bildungseinrichtungen gibt es zwar schon lange. Sie werden am Rande geduldet, müssen sich ohnehin in den Abschüssen der Schüler am dominanten System orientieren, wenn die Schulabgänger konkurrenzfähig in die Erwerbsgesellschaft eintreten wollen.

Und das scheint der Knackpunkt an der Vereinbarkeit des hier vorgestellten Konzepts mit dem herrschenden System zu sein. Kinder können noch nicht beurteilen, ob sie sich einmal anpassen oder am Rande des Systems überleben wollen.

Die in der Artikelfolge dargelegte Alternative ist nicht in einem Kompromiss mit dem bestehenden Bildungssystem zu verwirklichen, da es um die Beurteilung geht: Noten oder Profile. Überlegen – unterlegen oder anders. Wir stehen hier an einem Scheideweg.

Und doch ist ein Kompromiss bzw. Übergang vorstellbar: die von beiden Seiten tolerierte Koexistenz. Es müsste also staatlich geduldet werden und von den bestehenden Institutionen vorangebracht werden, dass Schüler zum Abschluss Noten (Punkte) oder Profile nachweisen. Und sie müssten dann vergleichbaren Zugang zu Berufsausbildungen oder weiteren Institutionen haben. Das könnte in mehrerlei Hinsicht ein Wettstreit der Konzepte sein.

Die Schüler, die in einer Schule des hier vorgeschlagenen Bildungssystems heranwachsen würden, könnten am Ende doch noch für Noten pauken oder sie könnten versuchen, über die Profile einen Platz in Beruf oder Universität zu bekommen. (Nebenbei: Auch Universitäten sollten sich entsprechend dem Projekt-Profil-System verändern lassen.)

Die gesellschaftliche Zukunft braucht Menschen, die mehr können als Maschinen der 4.0-Technologie. Menschen mit Initiative, Fantasie und Kooperationsfähigkeit. Das hier vorgestellte Konzept eines Bildungswesens sollte dem heute herrschenden Bildungssystem diesbezüglich deutlich überlegen sein. Ja, es darf sogar vermutet werden, dass das derzeitige System solche Fähigkeiten an der Entwicklung hindert, manchmal gemildert durch engagierte Lehrer.

Repetitive Arbeiten werden in absehbarer Zeit weitgehend durch Maschinen erledigt werden. Es werden aber genug Arbeiten bleiben, die nur initiative und kreative Menschen ausführen können. Darüber hinaus würde das hier vorgeschlagene Bildungssystem kreativere und kooperativere Menschen für die eigene Lebensgestaltung hervorbringen.


Weitere Teile der Serie „Schluss mit Pauken und Noten!“

Teil 1: Der gegenwärtige Zustand des Bildungssystems

Teil 2: Grundsätzliches zu einer Alternative

Teil 3: Äste statt (Schul-)Fächer

Teil 4: Kriteriumsorientierte Leistungsmessung


Fotos/Grafiken: The Creative Exchange (Unsplash.com).

Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.