Nachdenkliches für Friedensfreunde

Durch Konditionierung würden Menschen in einer inneren Kriegshaltung festgehalten, meint Gastautor Christian Gräber. Selbst Friedensaktivisten würden diese nur selten erkennen, geschweige aus ihr heraustreten.

Wenn wir als kleine weltentdeckende Kinder etwas tun, was den uns betreuenden Erwachsenen nicht passt, werden wir (auch wenn sie es noch so gut meinen!) ihre Ablehnung spüren, und wenn wir nicht verstehen, warum wir abgelehnt werden, wird sich ein Teil in uns abspalten, der glaubt, ihm werde das Existenzrecht abgesprochen.

Dieses Gefühl, das Existenzrecht abgesprochen zu bekommen, versetzt diesen Teil automatisch in einen Kriegszustand. Da die frühe Ablehnung durch unsere betreuenden Erwachsenen (meist Eltern) von diesen Teilen als Absprechen des Existenzrechtes aufgefasst wird, kann jede Ablehnung und jeder Widerspruch Teile in uns in den Kriegszustand versetzen.

Ob ein kleines Kind sein Spielzeug nicht bekommt, ein Erwachsener seine Liebe von einem anderen nicht erwidert findet oder ein ganzes Volk seine Existenz als unerwünscht empfindet, spielt dabei keine Rolle.

Das kleine Kind wird in diesem Fall wohl zu Trotzanfällen neigen. Der Erwachsene zu Eifersucht oder gar Hass auf den einst geliebten Menschen. Ein ganzes Volk, das seine Existenz als unerwünscht empfindet, wie es das jüdische so lange ertragen musste, nicht nur unter dem traurigen Höhepunkt der Naziherrschaft, sondern schon im Mittelalter (Stichwort Diaspora), wird vielleicht eine jüdisch-nationalistische Bewegung (Zionismus) hervorbringen, die glaubt, nur in einem rein jüdischen Staat könnte sein Existenzrecht gesichert sein. Und dabei übersehen sie vollends, dass die in diesem Namen durchgeführten „Besiedlungen“ das Existenzrecht der Palästinenser infrage stellen …

Aber auch Soldaten und militärische Funktionäre sind Menschen, die ihr Existenzrecht als bedroht empfinden können, wenn ihre Position kritisiert wird. Die Friedensbewegung als solche muss aufpassen, dass ihre Mitglieder nicht in die innere Haltung „Krieg den Kriegstreibern“ verfallen.

Krieg ist zunächst eine innere Haltung, die es gilt zu überwinden. Dies gelingt aber nicht, indem man ihr den Kampf ansagt, sondern in dem man allen inneren Anteilen das bedingungslose Recht zugesteht, so existieren zu dürfen, wie sie gerade da sind. Denn nur durch diese Akzeptanz beginnen sie, ihre Erstarrung und Blockadehaltung zu lösen und sich weiter entwickeln zu können. Gerade für Friedensaktivisten ist es schwer anzuerkennen, dass auch menschen- oder allgemeiner lebensverachtende Persönlichkeitsanteile erlaubt werden müssen, damit sie aus diesem Zustand herauswachsen können.

Dies soll nicht missverstanden werden, dass man unrechtmäßige oder unmenschliche Handlungen zulassen soll, aber man muss auch den Menschen mit den miesesten Gedanken immer noch als Menschen sehen und anerkennen, dass er aufgrund seiner Erfahrungen Anteile in sich hat, die eben genau in diesen verachtenden Mustern feststecken, weil sie selbst Verachtung erfahren haben.

Wenn wir uns veranlasst fühlen, eine Seite eines Konfliktes zu unterstützen, statt den Konflikt selbst infrage zu stellen, dann haben wir selbst den Kriegszustand als innere Haltung angenommen. Wenn man uns auf friedlichen Veranstaltungen eine lautstarke Gruppe entgegenstellt, die wir übertönen müssen, um gehört zu werden, hat man uns bereits in die innere Kriegshaltung gezogen und wir werden diese Kräfte zunehmend als Gegner und später Feinde sehen, gegen die irgendwann jedes Mittel recht ist.

Wir haben alle so viel Konditionierung erlebt, die uns über so große Phasen unseres Lebens in innerer Kriegshaltung festgehalten hat, dass selbst die überzeugtesten Friedensaktivisten diese innere Kriegshaltung überhaupt nur selten erkennen können, geschweige denn aus ihr herauszutreten!


Christian Gräber (Foto: Privat)Über den Autor: Christian Gräber studierte Chemie an der Universität in Halle (Saale) und ist heute in der chemischen Industrie tätig. Seit 2014 nimmt er Veranstaltungen der Friedensbewegung teil und engagiert sich für Friedensprojekte.


Fotos: Jean-Philippe Delberghe (unsplash.com) und Christian Gräber (privat)

  1. Den Satz „…in dem man allen inneren Anteilen das bedingungslose Recht zugesteht, so existieren zu dürfen, wie sie gerade da sind“ möchte ich voll unterstreichen. Die Kunst besteht darin, diese inneren Anteile, Gedanken, Impulse, Gefühle nicht zu automatisch folgenden Handlungen werden zu lassen. Wenn mir jemand gerade schrecklich vorkommt, brauche ich ihn nicht einfach entsprechend behandeln. Oft sind wir aber so geprägt worden: Gib deinem Bauchgefühl nach!
    Manchmal können wir dem anderen unser Gefühl sagen. Aber meistens gibt es dann noch ein widerstreitendes Gefühl. Zum Beispiel: ihn zu respektieren, wie er gerade ist. Und das kann man auch ausdrücken. Wenn er uns als mit sich ringend wahrnehmen darf, ist schon viel am gegenseitigen Frieden gerettet.

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  2. Lasst die Löhne sinken! Der Klassenkampf ist intellektuell abgeschafft, weil dafür der innere Kriegszustand ausgerufen werden muss, aus dem jeder jetzt schnell herauszutreten hat. Hallelujah!!!

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