Wrestling. (Foto; Martin Knize, Unsplash.com)
Wer Frieden will, der muss für ihn kämpfen. Ein „Liebet eure Feinde“ ist die innere Kapitulation vor Kriegstreibern, Waffenexporteuren und Menschenschlächtern. Eine Replik auf den Gastbeitrag "Nachdenkliches für Friedensfreunde".

„Krieg ist zunächst eine innere Haltung, die es gilt zu überwinden“, schreibt Christian Gräber in seinem Beitrag „Nachdenkliches für Friedensfreunde“. Wer sind diese Freunde des Friedens, an die sich die Botschaft richtet?!

Die irakischen oder syrischen Zivilisten, denen aus machtpolitischen Gründen Bomben auf den Kopf geworfen werden? Oder sind es die Flüchtlingsmassen, die sich in den Kriegsflüchtlingslagern sammeln und dort auf bessere Zeiten hoffen müssen, weil ihnen nur das nackte Leben geblieben ist? Ist es der palästinensische Vater, der im Gazastreifen um seine Kinder zittert, wenn eine israelische Rakete einschlägt? Ja, sie alle haben wohl eine friedliche Haltung.

Es wäre toll, würden die Kommandanten von Kampfdrohnen, Kampfhubschraubern, Kampfpanzern und Kampfschiffen ihre innere Haltung ändern, bevor sie eine Bombe in eine Menschenmenge feuern. Und es wäre toll gewesen, hätten die Angehörigen der SS ihre innere Haltung geändert, bevor sie durch Europa zogen, um wehrlose Menschen in ihren Häusern und Kirchen zu verbrennen. Oder Guantanamo. Sollen doch dort alle ihre innere Haltung ändern, die Gefangenen genauso wie das Wachpersonal, und der Krieg des IS und der US-Feldzug gegen die arabischen Bevölkerungen könnte endlich aufhören zugunsten des Friedens.

Diese angebliche innere Haltung, die es zu überwinden gilt, ist ein ideologisches Possenspiel, dass die Menschen, und in diesem Fall die Friedensbewegung, zu entwaffnen sucht und ihr die letzten Reißzähne zieht. Das endet dann bei den Menschen- und Lichterketten, deren Teilnehmer ihre böse, aggressive Seite in sich abgelegt haben für den inneren Frieden, sich dabei sogar noch kühn vorkommen und tatsächlich meinen, sie würden für den Weltfrieden kämpfen.

Sie kämpfen nicht, sondern werden zu Wachs in den Händen ihrer Feinde. Denn der Grundfehler dieser gutmenschlichen bürgerlich-christlichen Haltung, der besteht darin, dass der einzelne Mensch verwechselt wird mit der Gesellschaft.

Gesellschaftlich finden knallharte Kämpfe zwischen Interessengruppen statt. Es gibt Klassen, Ausbeutung, auf Besitz basierende Herrschafts- und durch militärische Gewaltapparate gestützte Machtverhältnisse. Diese Klassengräben haben nichts mit dem Einzelmenschen zu tun.

Jeder Mensch gehört zu mindesten einer dieser Klassengruppierungen, die ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich entsprechende Ideologien und die dazugehörige Moral zurechtlegen. Auf deren Grundlage sehen sie sich dann im Recht und können jede Schweinerei gegen die anderen Bevölkerungsgruppen begründen. Und wie die Geschichte zeigte, beruhigen sie damit erfolgreich ihr Gewissen, selbst bei millionenfacher Vergasung von Juden.

Die Einzelmenschen mit ihrer inneren Zerrissenheit spielen in den gesellschaftlichen Macht- und Klassenkämpfen keine Rolle. Soldaten, Polizisten, Politiker, Unternehmer, et cetera, agieren nicht als treu sorgende Familienväter, nette, hilfsbereite Nachbarn oder gläubige Christen, wenn sie im Ernstfall alte Frauen zusammenschlagen, überall und immer wieder in die Menge schießen, den Menschen den Arbeitsplatz nehmen, und so weiter.

Ab und zu springt mal einer mit Skrupeln und Zivilcourage ab. Aber alle anderen spielen ihre Rolle als Soldaten, Polizisten, et cetera weiter. Sie handeln nicht als Individuen, sondern als Teil eines Gewaltapparates, der letztlich außer Gefecht gesetzt werden muss, will man Frieden vor ihm haben.

Es kann sein, dass er irgendwann am Verlieren ist und zusammenbricht, weil ihm die Soldaten, die Polizisten weg- oder überlaufen. Das passiert aber nicht, weil diese Leute ihre innere Haltung, ihre Aggressionsseite überwinden, sondern weil sie merken, dass sie auf der Verliererseite stehen und Angst vor den Folgen haben.

Es geht um die politische Macht. Sie kommt letztlich aus den Gewehrläufen, wie Mao Zedong sagte, und nicht durch die innere Wandlung aller Menschen vom Saulus zum Paulus.

Zu behaupten, wenn sich Menschen zum Widerstand erheben wie zum Beispiel in Rojava, wenn sie zurückschießen wie zum Beispiel in den mexikanischen Städten, wenn sich die Ausgebeuteten, Verdammten und Unterdrückten in der Geschichte immer wieder erhoben und zurückgekämpft haben, dass diese dann „bereits in diese innere Kriegshaltung gezogen“ worden seien und eigentlich keinen Schlag besser wären als ihre Peiniger, so eine Behauptung verdreht die realen Verhältnisse und wäscht en passant das Blut von den Händen der Menschenschlächter.

Man muss für den Frieden kämpfen, mit allen Mitteln, die jeweils angemessen und notwendig sind, zum Beispiel gegen die deutschen Rüstungskonzerne und ihre Waffenproduktion. Die Mittel kann man sich nicht immer aussuchen. Sie werden von den Friedensgegnern, dem Staat, den Propagandamedien, den Macht- und Schaltzentralen der herrschenden Ordnung mitbestimmt.

Angemessen und notwendig ist das, was den breiten Widerstand voranbringt, was konkrete Forderungen durchzusetzen hilft und den Menschen Mut zum Kämpfen macht.

Dieser Mut zum Widerstand, dieses Ankämpfen gegen üble Verhältnisse, dieses Durchsetzen von Forderungen, diese Zivilcourage wird als „innere Kriegshaltung“ beschimpft, aus der auch der überzeugteste Friedensaktivist heraustreten sollte.

Diese Forderung ist eine Untergrabung jeglicher Kampfmoral, das ist kirchlich-religiöse Entschärfung von Widerstand.

Ein „Liebet eure Feinde“ oder „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ ist die innere Kapitulation vor Kriegstreibern, Waffenexporteuren, der Rüstungsindustrie und ihren willfährigen Politikern und Krieg schürenden Geheimdiensten. Deshalb: Liebet eure Feinde nicht!


Foto: Martin Kníže (Unsplash.com).

Historiker

Reinhard Paulsen studierte in den Jahren 1967-1974 Geschichte an der Universität in Kiel und schloss das Studium mit dem Grad eines Magister Artium ab. Danach verließ er das akademische Intellektuellenmilieu und absolvierte eine Schlosserlehre.

Reinhard Paulsen arbeitete als Betriebsschlosser in einer Aluminiumhütte und wechselte 1977 zu einem weltweit tätigen Konzern der Chemischen Industrie, in dem er 35 Jahre bis zu seinem Ruhestand 2012 angestellt war. Seine Arbeit umfasste Schlosser-, Techniker- und Ingenieursarbeit und Tätigkeiten in der Qualitätssicherung und im Reklamationswesen. In all diesen Jahren war Paulsen basisgewerkschaftlich engagiert: sei es als Vertrauensmann, als Betriebsrat oder in der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung, wobei er persönlich kritische Distanz zum Gewerkschaftsmanagement hielt.

2002 kehrte er nach 28 Jahren und parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit an die Universität zurück. Er arbeitete ab 2006 an der Universität Hamburg (Fakultät für Geisteswissenschaften) an einem Promotionsprojekt zu hamburgischer und europäischer Schifffahrt im Mittelalter sowie deutscher Forschungsvergangenheit, das er 2014 mit dem Grad eines Dr. phil. in mittelalterlicher Geschichte abschloss. 2013 und 2014 nahm er Lehraufträge in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Hamburg wahr.