Yuriko Yushimata – Virale Stimulation

Die Medien überschlagen sich: Knutschende Machos bevölkern die Straßen. Homosexualität scheint die neue Mode zu sein. Zumindest in der Science-Fiction Short Story von Yuriko Yushimata wirkt die virale Stimulation mit der V-Formel.

Als sie ihre E-Mail abrief, wollten ihr wieder diverse ‚gute Freundinnen‘ virale Stimulanzien verkaufen.

‚Haben Sie Probleme, Lust zu empfinden in Ihrer Partnerschaft?‘
‚Erleben Sie einen Orgasmus, wie Sie ihn noch nie hatten.‘
‚Mit V, dem Virus mit der V-Formel zur natürlichen Luststeigerung.‘

Seit der Entdeckung der Möglichkeit viraler Stimulation der Sexualität hatte sich ein Multimillionen-Dollarmarkt entwickelt. Bisher hatte sie dies immer abgelehnt. Aber nachdem nun auch ihre Schwester Eva ihr von der Wirkung vorschwärmte, kam sie ins Grübeln. War sie zu altmodisch? Eva war überzeugt, dass die virale Stimulation ihre Ehe gerettet hatte.

Männer benutzten sie schon länger.

Matthias hatte ihr schon vor zwei Jahren davon vorgeschwärmt. Matthias, sie hatte eine Weile nichts mehr von ihm gehört. Matthias, der dauernd eine neue Freundin hatte und aus der Disco nie allein nach Hause ging. Manchmal fiel er ihr mit seiner Fixierung auf Sex und Frauen auf den Wecker. Und seine Angst vor Männern. Aus irgendeinem Grund war ihr Verhältnis zu ihm immer freundschaftlich geblieben. Er hatte bei ihr nie etwas versucht. Beste Freundin, sie prustete durch die Lippen.
Sie bestellte sich V, den Virus mit V-Formel.
Als das Päckchen kam, ließ sie es aber ungeöffnet liegen.

Die virale Stimulation wurde selbst in medizinischen Ratgebersendungen im Fernsehen empfohlen. Für Jugendliche gehörte sie zum Alltag, dabei war sie erst vor knapp zweieinhalb Jahren eingeführt worden. Vor allem die kleinen Machomänner pumpten sich damit auf. Die neuen Technologien verbreiteten sich immer schneller. Gesundheitliche Probleme wurden aber zu 100 Prozent ausgeschlossen.

Das Päckchen lag immer noch ungeöffnet in ihrem Schrank. Sie war einfach zu altmodisch und es gab Wichtigeres als Sex.

Sie rief Matthias an, sie hatte ihn länger nicht mehr gesehen. Ja, es ging ihm gut, wunderbar. Er hätte sich ganz neu entdeckt, aber das wolle er ihr lieber persönlich sagen und die virale Stimulation könne er nur empfehlen. Es würde ihr sicher gut tun. Sie zuckte mit den Schultern, obwohl Matthias das am Telefon nicht sehen konnte. Sie stellte die Kamera eigentlich immer ab. Matthias verabredete sich für Dienstag mit ihr.
Das Päckchen blieb ungeöffnet im Schrank.

Am Dienstagmorgen traf sie Matthias im kleinen Café am Markt. Er sah gut aus, wirkte aber etwas nervös. Ein junger Mann stand neben ihm und beide tuschelten, als sie hereinkam. Sie begrüßte Matthias.

„Hallo. Wie geht’s?“
Matthias lächelte etwas unsicher.
„Hallo, mhh – das ist Christian.“
„Hallo.“
Irgendetwas stimmte hier nicht. Matthias legte den Arm um Christian und küsste ihn.
„Äh, wir sind zusammen.“
Einen Moment fiel ihr die Kinnlade runter – Matthias schwul –, dann fasste sie sich und reichte Christian ihre Hand, ihr Lächeln war etwas unsicher.
Als sie wieder zu Hause in ihrer Küche saß, trank sie erst mal noch einen Kaffee.

Zwei Wochen später rief ihre Schwester Eva an, sie hatte sich von ihrem Mann getrennt und lebte jetzt mit ihrer Geliebten zusammen. Wieder hatte sie das Gefühl, irgendetwas Entscheidendes verpasst zu haben. Natürlich war das in Ordnung, nur Eva, da hätte sie das nie gedacht.
Sie kochte sich einen Kaffee.

Dann explodierte die Medienberichterstattung, Homosexualität schien die neue Mode zu sein. Knutschende kleine Machos bevölkerten die Straßen.

Zuerst fand sie dies irritierend, bald fiel es ihr aber nicht einmal mehr auf. Dann kamen die ersten Berichte über Zusammenhänge mit der viralen Stimulation. Und nach kurzer Zeit war der Zusammenhang klar. Aber kaum jemand regte sich wirklich auf, im Gegenteil der Absatz für virale Stimulanzien brach nur sehr kurzfristig ein, um dann sogar weiter anzusteigen.

Das Päckchen lag immer noch ungeöffnet im Schrank. Nachdenklich öffnete sie es. Sie dachte nach, an sich war das doch … Sie lächelte. Sie las sich die Gebrauchsanweisung durch und folgte Stück für Stück den Anweisungen.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Toa Heftiba; Unsplash.com

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