I Want To Ride My Bicycle …

Christian Ferch ist begeisterter Fahrradamateur. Die Faszination für das rollende Gefährt als Ablenkung von den wichtigen Dingen gibt noch heute Anlass zu philosophischen Reflexionen auf 28er-Rad, Kettenschaltung und Abus Granit.

Nicht nur dieser Titel von Queen gemahnt mich daran, einmal etwas über Fahrräder zu schreiben. Die Geschichte mit mir und den Fahrrädern beginnt in meiner Jugend: Einst stolzer Besitzer eines 28er-Rades mit 3-Gangschaltung, wünschte ich mir zu meiner Konfirmation ein Rennrad.
Das bekam ich dann auch, allerdings wollte ich keinen Rennlenker und keinen Rennsattel, und so ließ ich einen normalen Sattel und Lenker auf das Rennrad montieren. Heraus kam so etwas, was man heute ein »Trekking-bike« nennt, und so ein Modell fahre ich heute noch: Bequem zu fahren, und wenn man mal den Turbo einschalten möchte, macht es das – ob der etwas dünneren Bereifung und der Gangschaltung – auch noch mit. Nicht das Nonplusultra der Technik in irgendeiner Richtung, aber eben vielseitig.
Begeistert von der damals elitären Technik der Kettenschaltung, fuhr ich seinerzeit einen Feldweg entlang und schaute aus eben dieser Begeisterung beim Schalten immer nach unten auf die Kettenblätter und auf die Ritzel, um den spektakulären Schaltvorgang mitzuverfolgen.
Dabei radelte ich mittlerweile auf der Mitte besagten Feldweges und übersah so ein entgegenkommendes Auto, mit dem ich dann auch prompt – allerdings nach einigem Abbremsen beiderseits – zusammenstieß. Der Schaden war gering, jedoch der Schreck groß: Faszination als Ablenkung von den angeblich wichtigen Dingen?! Das kann noch heute Anlass geben zu philosophischen Reflexionen …
Etwa 10 Jahre später, in Berlin, erwarb ich dann – in weiser Voraussicht, denn mein kleiner Pkw hatte das Ende seiner Tage kurz vor sich – mein erstes richtiges »Trekking-bike« in einem Baumarkt. Eine Kettenschaltung, welche mich seinerzeit so zu faszinieren vermochte, war mittlerweile zum Standard avanciert.
Nach einigen Diebstählen und Neuerwerbungen entschloss ich mich – nach insistierendem Anraten meiner damaligen Lebensgefährtin – zu dem Erwerb eines teuren, aber jedenfalls sicheren Schlosses: Das Abus Granit für sage und schreibe 50 Euro! Immerhin ist mir nach dieser Anschaffung kein Fahrrad mehr entwendet worden.
Nun, diese ganzen Fahrräder trugen mich mit einem mittelgroßen sportlichen Enthusiasmus auch und immer wieder an die Uni. Wenn es mal regnete: Na ja, dann eben alte Schuhe und den Mantel angezogen, und ab an die Freie Universität Berlin. Zum Studieren und zur Bildung, vielleicht eben nicht zur Ausbildung. Eben „nur“ der Bildung eines »Charakters« oder einer »Persönlichkeit« wegen. Hat das noch etwas mit Fahrrädern zu tun? Na ja, vielleicht …
Der Rest ist in Kürze erzählt: Viel später holte ich mir mein instandgesetztes Fahrrad ab bei einem, den ich schon ein gutes Jahrzehnt nicht nur als Fahrradmechaniker, sondern auch als Mensch aus Szenekneipen kannte. Er nannte seine Fahrradwerkstatt einst »Preußische Fahrradmanufaktur« und trug damals noch ein Shirt mit der Rückenaufschrift »Preussen«. In adäquater Schrift, versteht sich. Das Unternehmen gibt es nicht mehr – es hat sich nicht gerechnet, was vielleicht weniger überrascht.
Jedenfalls hatte ich nun mein Fahrrad zurück, vieles war neu, zum Beispiel das Tretlager, die Kettenblatteinheit und das Ritzel, sodass ich erst recht loslegen konnte, als legendärer Fahrradamateur – ich bin es bis heute geblieben.
I Want To Ride My Bicycle … Nicht mehr in Eile, nicht mehr gehetzt, sondern auf Aufmerksamkeit für die wichtigen Dinge bedacht.


Christian FerchÜber den Autor: Dr. Christian Ferch studierte Linguistik, Philosophie und Religionswissenschaft mit den Schwerpunkten Semantik, Kommunikationstheorie und Religionskritik. Er war Chefredakteur der Studentenzeitung „Die Spitze“ und schrieb seine Dissertation unter dem Titel „Elemente einer allgemeinen Kommunikationstheorie“ an der Freien Universität Berlin.


Foto: Andhika Soreng; Unsplash.com

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