Yuriko Yushimata – Die Letzte ihrer Art

Eine Seuche rafft die Menschen dahin. Überall stinkt es nach Tod. Doch es besteht Hoffnung in der Science-Fiction Short Story von Yuriko Yushimata. Das Militär tötet die Infizierten, ein Impfstoff hilft und das Leben geht weiter. Wäre da nicht die viral induzierte Evolution.

Sie gehörte zu den wenigen Überlebenden der Seuche innerhalb der Zone A. Die internationale Gemeinschaft hatte die Zonen A und B vollständig mit Militär abgeriegelt, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu unterbinden. Die Krankheit hatte angefangen wie eine Grippe, doch dann hatten sich auf der Haut Geschwüre gebildet, die aufplatzten.

Überall der Gestank nach Tod.

Die Zone A war einmal eine Großstadt gewesen, ihre Stadt, die Stadt, in der sie aufgewachsen war.
War einmal, vor zwei Monaten.

Sie lag apathisch auf dem Bett. Seitdem war alles anders, für die Menschen in der Zone A. Das Militär hatte den Befehl, auf jede, die versuchte, die Zone zu verlassen, scharf zu schießen. Sie waren mit irgendeiner Art Spezialpanzer und Lautsprechern durch die Stadt gefahren. Die Ansage war das erste, was sie von der Welt draußen nach Ausbruch der Seuche, nachdem sie bereits eine Woche in ihrer Wohnung verbracht hatte, hörte. Und dann sah sie noch einmal eine Patrouille in Schutzanzügen, bewaffnet. Sie schossen auf alle Menschen, die sich ihnen näherten.

Sie hatte aus dem Dunkel ihres Fensters gesehen, wie sie einen kleinen Jungen erschossen. Die Leichen wurden verbrannt. Es gab nur noch wenige Menschen in der Stadt, keine ihrer Freundinnen lebte mehr.

Ein junges Mädchen hatte sich in der Wohnung unter ihr einquartiert. Das Mädchen hatte nur noch Angst. Sie hatte sie auf der Straße gefunden und mitgenommen.

Zu essen und zu trinken war genug vorhanden in den Supermärkten, Konservendosen und Plastikwasser, alles umsonst. Das einzige, was in den Supermärkten der Stadt noch herumlief, waren Kakerlaken, vielleicht auch Ratten. Der Strom funktionierte schon lange nicht mehr, aber inzwischen gab es nicht einmal Wasser. Sie ging nun systematisch auf die Klos in den Nachbarhäusern, ohne Wasser war jedes nur einmal benutzbar, aber da war ja niemand.
Das Mädchen benutzte einen Schuppen im Hinterhof als Klo.

Am Anfang hatte sie noch Angst gehabt, selbst zu erkranken, inzwischen wusste sie, dass sie an dieser Krankheit nicht sterben würde, nicht jetzt. Ein Batterieradio war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, dort wurden Menschen wie sie und das kleine Mädchen als Gefahr für die Menschheit bezeichnet. Sie waren latent erkrankte Virusträger.
Die meisten Menschen tötete der Virus innerhalb weniger Tage, aber einige erkrankten nur leicht und entwickelten eine chronische Infektion. Sie waren die Vektoren der Verbreitung des Virus, die Botinnen des Todes.

Dann traf sie ihn beim Zusammensuchen von Konservenbüchsen. Er war jünger als sie und wirklich süß. Sie nahm ihn mit. Er hieß Jean. Die Nächte ohne Fernsehen waren jetzt erträglicher. Die Einsamkeit hatte ihm zugesetzt, manchmal schreckte er mit Alpträumen nachts hoch, dann nahm sie ihn in die Arme, streichelte ihn.
Das Mädchen mochte ihn auch. Sie frühstückten jetzt oft lange und ausgiebig zusammen, nur Brötchen fehlten. Er organisierte einen Campinggasherd und einige Gasflaschen und Wein, Krabben und Kaviar, das Beste vom Besten. Leider alles aus der Dose.
Die Tage wurden wieder heller.

Doch dann kam der Tag, an dem sie die Schüsse hörten. Sie ging, um nachzusehen. Vorsichtig schlich sie über die Hinterhöfe, es war einige Kilometer entfernt.
Dann sah sie es.

Miltärpatrouillen in Schutzkleidung durchkämmten Haus für Haus, alle Überlebenden wurden erschossen. Die meisten waren zu apathisch, um sich zu wehren. Ein Kind saß zitternd und verängstigt hinter einer Schaukel. Sie konnte ihm nicht helfen, ohne selbst entdeckt zu werden. Die Soldatin zögerte keinen Moment und schoss dem Kind in den Kopf.

Die Frau zitterte und verkroch sich und lief dann über die Hinterhöfe zurück. Jetzt sah sie auch Überwachungsdrohnen in der Luft.

Bei dem Tempo würden die Patrouillen in zwei Tagen bei ihnen sein. Und sie hörte die Schüsse jetzt auch aus anderen Himmelsrichtungen, sie bildeten einen Ring.

Sie entschlossen sich, in der Nacht den Ausbruch zu versuchen. Sie wollten leben. Jean schlug vor, einen Truck zu benutzen. Benzin gab es noch an einigen Tankstellen.

Um 0.00 Uhr fuhren sie los. Sie hatten den Truck gepanzert. An der ersten Straßensperre lief alles glatt. Der Truck schob einfach alles zur Seite. Die Schüsse verfehlten sie. Doch dann gab es eine Explosion und der Truck wurde angehoben und zur Seite geschleudert, als wäre er ein Spielzeug, vielleicht eine Mine, vielleicht eine Rakete. Jean war sofort tot, das Mädchen war eingequetscht und atmete nur noch flach.
Sie konnte für die beiden nichts mehr tun.

Schnell verschwand sie in den Trümmern des Hauses, in das der Truck geschleudert worden war, und rannte dann im Dunkeln, immer in der Deckung der Häuser, immer bereit abzutauchen, so schnell und so weit sie konnte. Zweimal musste sie blitzschnell in einem Haus verschwinden, um Patrouillen zu entgehen. Sie wusste nicht genau, wo sie war.
Dann kam der Fluss.

Das Wasser war nicht sehr warm, aber im Dunkeln gelang es ihr, treibend an einem Stück Holz, weit weg von der Stelle, an der sie den Fluss erreicht hatte, das andere Ufer zu erreichen. Sie kroch mehr als dass sie lief noch drei Kilometer weiter und verkroch sich dann in einem dichten Gebüsch.

Dass die Patrouillen sie übersahen, war reines Glück. Die Zonen B und C zu durchqueren war wesentlich leichter. Sie stahl sich unterwegs Essen und Geld.

Die Behörden brauchten drei Wochen, um zu begreifen, dass ein Vektor entkommen war, da war es zu spät. Im ganzen Land überlebten nicht mehr als 10 000 Menschen.
Im Ausland konnte das Schlimmste vermieden werden, da nun ein Impfstoff zur Verfügung stand.

Die Frau zog sich auf einen verlassenen Bauernhof zurück, hier gab es Wasser mit einer Pumpe, reichlich Konserven und einen großen Gemüsegarten. Im Supermarkt im Dorf fand sie alles, was sie sonst brauchte.

Am Anfang hatte sie sterben wollen, doch dann hatte sie bemerkt, dass sie schwanger war. Jean hatte mehr als eine kurze Erinnerung hinterlassen. An die Möglichkeit, schwanger zu werden, hatte sie damals einfach gar nicht gedacht.

Es war absurd, aber aus irgendeinem Grund wollte sie das Kind haben.

Später tat sie sich mit anderen Überlebenden zusammen. Das angrenzende Ausland teilte das Land unter sich auf, die wenigen Überlebenden hatten nichts zu sagen, die Frau bekam die Staatsbürgerschaft eines dieser Länder.

Das Kind wuchs heran und bekam selbst Kinder.

Auch die Kinder des Kindes bekamen wieder Kinder und diese wieder.
Zuerst bemerkte niemand die Veränderung. Dann nach Hunderten von Jahren wurden die ersten Anomalien in Genomen festgestellt. Weitere 100 Jahre gingen ins Land, bis die Muster klar waren. Da war es bereits zu spät.
Der Virus hatte in den evolutionären Prozess eingegriffen. Die Gensequenzen, die der Virus transportiert hatte, hatten nicht nur Zellen umprogrammiert, um weitere Viren zu produzieren, sie hatten das menschliche Genom umgebaut.
Dieser Prozess war als viral induzierte Evolution lange bekannt, aber kaum beachtet worden.

Und nun war eine neue Art Mensch entstanden. Berechnungen sagten, dass der Homo sapiens innerhalb der nächsten 500 Jahre aussterben würde, abgelöst von seinem genetischen Nachfolger.

1000 Jahre später saß eine einsame alte Frau auf einem Felsen und schaute in die stürmische See.

Hier auf den Färöer-Inseln war das letzte Reservat des Homo sapiens angesiedelt worden. Man hatte sie nicht schlecht behandelt, trotzdem waren sie immer weniger geworden.

Nun war sie der letzte Mensch der Gattung Homo sapiens.
Sie spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht.

Das Leben ging weiter.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Timothy Paul Smith; Unsplash.com

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