Skelette als Puppen. (Foto: Valeria Almaraz, Unsplash.com)
Das Prinzip des sozialen Vergleichs greift nicht nur in nahezu allen Lebensbereichen, sondern funktioniert selbst im Schattenreich weiter. Wer nichts auf den ganzen Zirkus gibt, der geht unter wie der Betonsockel im sizilianischen Kanal.

Freunde der Verklausulierung nennen es den sozialen Vergleich. Es ist das Bedürfnis, die eigenen Verhältnisse mit denen der Mitmenschen zu vergleichen. Glaubt man Organisationspsychologen, so wirkt das Prinzip des sozialen Vergleichs nahezu überall. In der Familie, in der sozialen Klasse, bei der Arbeit und im Verein.

Die Frage, um die sich beim sozialen Vergleich alles dreht, ist die nach der eigenen Validität des Betrachtenden. Oder anders ausgedrückt: Wie geht es mir im Vergleich zu den anderen?

Das fängt in der Familie mit der Portionierung von Liebe und Zuneigung an, geht nahezu in dieselbe Richtung in den folgenden Bildungsinstitutionen, wobei dort noch der Status hinzukommt, der durch eigene Leistung erworben wird, und geht weiter ins Arbeitsleben.

Flaniert man über Friedhöfe, so wird selbst dort deutlich, dass der soziale Vergleich selbst im Schattenreich weiter funktioniert. Sowohl für die, die bereits mit dem Fährmann übergesetzt haben als auch für die, die noch ein paar Stunden im hiesigen Diesseits haben, um zu zeigen, was sie sind.

Der Ort, wo die Wettbewerber im sozialen Vergleich am besten beobachtet werden können, ist die Arbeit. Da gibt es genug davon, zu manchen hat man gar keine emotionale Beziehung und vieles betrifft einen selbst nicht. So kann munter studiert werden, was alles zählt im Kampf um die Bedeutung. Und da tut sich eine Welt auf, die so brutal schlicht und primitiv ist, dass man es kaum glauben mag. Da geht es um den Zugang zu Parkdecks, um monetäre Zulagen, um Essen mit dem Chef, um den Platz am Konferenztisch, um den Dienstwagen, um die Mitgliedschaft in einem Klub und den Zugang zu sozialen Einrichtungen.

Im Verhalten der einzelnen Konkurrenten tun sich Rezepturen auf, die nach frühkindlicher Phase schmecken und über deren Wirkungskraft angesichts der schulischen, technischen und akademischen Qualifizierungsgrade niemand im Traum auch nur nachzudenken wagte. Da regiert der Missmut in der Überdimension, da regieren der Futterneid, der Argwohn und die pure Zerstörungswut.

Kein Primat, dem das Zoodasein in den Hospitalismus getrieben hat, käme auf die Ideen, die sich identifizieren lassen, wenn es um die negativen Energien geht, die sich mit dem sozialen Vergleich in Verbindung bringen lassen. Und wehe dem, der nichts auf den ganzen Zirkus gibt, der geht unter wie der Betonsockel im sizilianischen Kanal.

Nein, selbst bei sehr genauer Analyse kommt man nicht zu dem Ergebnis, dass diese, nicht menschliche, aber den Menschen eigene Verhaltensweise nicht nur in bestimmten Formen der Organisation zu vermelden wäre. Nein, der soziale Vergleich wütet überall. In den Organisationen, die sich ihm besonders widmen wie in jenen, die sich darüber keine großen Gedanken machen.

Am schlimmsten wirkt die Feststellung vielleicht dort, wo der Zweck der Organisation das Gegenteil verkündet: sowohl in sozialen wie karitativen Organisationen als auch in denen, die sich die soziale Revolution auf das Banner geschrieben haben. Selbst dort, wo die klassenlose Gesellschaft propagiert wird, schaut man dem Nachbarn auf den Teller, um zu sehen und zu kommentieren, was er dort hat.

Die Freiheit vom Futterneid scheint nur denen beschieden zu sein, die sich auf das Gelingen und Gestalten konzentrieren und ihre Erfüllung genau dort suchen. Sie sind der Gegenentwurf zur Konkurrenz um des elenden Status willen.


Foto: Valeria Almaraz (Unsplash.com).

Gerhard Mersmann studierte Politologie und Literaturwissenschaften, war als Personalentwickler tätig und als Leiter von Changeprozessen in der Kommunalverwaltung. Außerdem als Regierungsberater in Indonesien nach dem Sturz von Haji Mohamed Suharto. Gerhard Mersmann ist Geschäftsführer eines Studieninstituts und Blogger. Auf Form7 schreibt er pointiert über das politische und gesellschaftliche Geschehen und wirft einen kritischen Blick auf das Handeln der Akteure.