Yuriko Yushimata – Und krank bedeutet frei zu sein

Die Protagonistin in der Science-Fiction Short Story von Yuriko Yushimata tut alles, um sich vor tödlichen Viren zu schützen – vergeblich. Als Virusträgerin hat sie nichts mehr zu verlieren. Die Angst ist weg, das Glück kommt.

Mit 13 Jahren begann die Angst, die Angst vor dem Virus. Dabei ging es nicht um einen speziellen Virus, sondern um den Virus, der überall lauern konnte, aber besonders gefährlich waren andere Menschen, die Nähe zu anderen Menschen.

In der Schule lernten sie, wie sie mit Plastikschutz und Desinfektionssalben und -sprays trotzdem erfüllte Beziehungen haben könnten. Bei ihrem ersten Kuss riss das Plastik, danach mied sie zwei Jahre jeden weiteren Kuss. Dann kaufte sie extrastarke Kussfolie. Nun spürte sie zwar nichts mehr, aber sie war sicher. Trotzdem blieb ein Stück Angst.

Das WC in ihrer ersten Wohnung rüstete sie mit einer automatischen Totaldesinfektion nach. Ihr zweiter fester Freund musste nach einer Fehlauslösung ins Krankenhaus. Er kam nie wieder. Aber mit jemandem, der nicht auf Desinfektion achtete, wollte sie sowieso keine Beziehung. Schließlich rasierte sie auch jedes Körperhaar ab.

Sie hatte inzwischen gefühlsechte Ganzkörperschutzanzüge gekauft, die nach jeder gemeinsamen Nacht durch den Beschuss mit Radionukliden gereinigt wurden. Aber auch jetzt hatte sie immer Angst. Außerdem hatte sie Schwierigkeiten, ihre Liebsten länger zu halten. Meist hatten ihre Liebhaber die absurde Erwartung, dass sie irgendwann auf den Schutz verzichten würde. Aber gerade Liebende sollten doch verantwortungsbewusst miteinander umgehen. Dann gingen sie und es kam ein neuer.

Dadurch wuchs ihre Angst immer mehr, schließlich waren häufig wechselnde Beziehungen ein hohes Risiko.

Dann gab es diesen Autounfall. Sie wurde verletzt, auf offener Straße, blutend, lag sie im Dreck. Seitdem war sie Virusträgerin.

Nun achtete sie erst recht auf Sicherheit, sie hatte Angst, andere anzustecken. Sie trug nun permanent Schutzhandschuhe und einen Mundschutz, auf Beziehungen verzichtete sie, ihre Arbeit erledigte sie als Telearbeit von zu Hause aus. Menschen berührte sie möglichst gar nicht mehr. Bei Gängen durch die Stadt wich sie allen anderen aus. Zur Not wechselte sie den Bürgersteig, um niemandem zu nahe zu kommen.

Es war ein Herbsttag, die Sonne schien, als es passierte. Sie stolperte und fiel zusammen mit einem Mann in ihrem Alter auf den Boden. Sie blutete und ihr Blut tropfte auf seine Haut. Schreckensbleich zog sie sich zusammen. Der Mann versuchte ihr aufzuhelfen. Sie stieß ihn von sich, schrie.

„Ich bin Virusträgerin!“

Der Mann sah sie an. „Ich auch.“

Sie hatten noch zwei Jahre. Es war das erste Mal, dass sie die Haut eines anderen Menschen auf ihrer Haut spürte. Sie hatten ja beide nichts zu verlieren. Sie liebten sich nicht nur nachts und ihr Begehren wuchs wie der Samen einer Wüstenpflanze nach dem ersten Regen seit dreißig Jahren.

Sie war das erste Mal glücklich.

Sie hatte das erste Mal keine Angst.

Als sie starb, sagte sie ihrer Freundin, dass es nicht schlimm sei, die Krankheit wäre das Beste gewesen, was ihr passieren konnte.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Céline Preher; Unsplash.com

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