Der innere Raum – Teil 5: „Der nächste Gongschlag“

Äußere Erlebnisse haben weitreichende Auswirkung auf unser Innenleben. Sie können ganz klein sein, wie ein Tropfen, der von einem Blatt am Birkenbaum herabfällt; in den See. Aber schnell wird das Ereignis weitreichende Kreise ziehen und zeigen, wie weit ein so kleiner Tropfen reichen kann. Bis dahin, das andere Ufer zu erreichen.

Wieder stehe ich vor der weiten Öffnung meines inneren Raumes. Vor einer Linie mit trennendem Charakter. Was sie trennt, weiß ich noch nicht genau. Ich sehe nur, dass ich auf der anderen Seite stehe und nur hinein blicken kann. Mein Blick, dort hinein gerichtet, ist zwar erfüllt von der Dunkelheit, aber drehe ich den Kopf, sehe ich die scharfe, schwarz-weiße Kante zwischen den Welten in den Augenwinkeln und erkenne, dass ich nicht in mir bin. Stehe auf der strahlend weißen Seite und nicht im dunklen Inneren meines Selbst. Ich stehe neben mir. Der innere Raum, er ist zwar in mir, aber ich selbst stehe, in mir, neben ihm.

Es hat mich hierher verschlagen, als du den nächsten Gongschlag gabst. Es katapultierte mich aber nicht. Es war kein plötzliches Heranreißen. Sondern zwar ein bestimmtes, aber nur ein Heranführen. Du gestandest mir das Ereignis, wovor du Angst hattest, dass es mich zerreißen würde, weil es nie zwischen uns möglich sein wird; nicht so. Deine sanfte Unsicherheit, mich scheinbar vielleicht verletzten zu müssen, war aber kein Verletzen. Dein Glück, in diesem Moment deines Erlebens, war eine erweiternde Erfahrung mit mir selbst. Du gabst mir eine Situation, in der ich mich dazu entscheiden konnte, selbst reflektiert beobachten zu können, was für Erfahrungen sich in dieser Gegebenheit befinden. Du gabst mir die Wahl zu lernen.

Ich wünsche dir dein Glück von ganzem Herzen und dieses Wünschen, dieses dich-nicht-für-mich-beanspruchen-sondern-teilen-Wollen, vervielfältigt die Liebe nur. Es teilt sie nicht!

Also beobachtete ich mich während deines Erzählens. Wusste im ersten Moment nicht, ob es sich wirklich um die Tatsache handelte, du hättest eine andere Person für dich lieb gewonnen. Oder ob du doch von etwas anderem sprachst. Aber je eindeutiger das Thema wurde, desto breiter wurde mein Lächeln und das Bild in mir immer klarer:

Ich stand also, mich, in der Ego-Perspektive in meinen inneren Raum blickend, innerlich beobachtend vor meinem inneren Raum und erlebte, was mit mir, durch deine Ereignisse deines Lebens, geschah. Es entstand ein weiterer goldener Ring; hinter mir. Floss durch mein außenstehendes Ich, hinein in meinen inneren Raum.

Flog hindurch mit zielstrebiger Genauigkeit, um mir das zu zeigen, was ich sehen sollte. Wieder durch dich, Katalysator, wäre ich allein nicht dazu fähig geworden: Ich sehe einen Bewohner dieses Raumes. Ich weiß den Titel, aber nicht den Namen. Ich weiß nicht, ob männlich/weiblich oder weiblich/männlich. Ich sehe nur die Größe: kleiner als ich und jung. Sehr jung. Keine zweistelligen Jahresringe lassen sich zählen. Es gibt keine aufrechte Haltung. Mich, mein älteres Ich, erinnert es an Golum zu seinen Anfangszeiten. Nach vorn gebeugt, gekrümmt und gestaucht. Noch nicht von der wahnwitzigen Manipulation gebeutelt, auf allen Vieren unterwegs, aber zielsicher unterwegs dorthin. Das Gesicht ist geteilt. Etwas, was mir immer wieder begegnet: Mein inneres Kind.

Stress und Niedergeschlagenheit. (Foto: Hailey Kean, Unsplash.com)

Es steht hinten, ganz hinten im Raum. In einer vermeintlichen Ecke an einer vermeintlichen Wand. Allein, in sich versunken, nur vor sich starrend. Keine Emotionen außer der Zweigeteiltheit des Gesichts zur plastischen Maske geworden. Das Vermeintliche deshalb, weil ich weiß, dass es dort hinter weiter geht. Diese Ecke ist nicht wirklich, nur vermeintlich. Die Wand ist nicht wirklich, nur vermeintlich. Der Raum ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende und meine Reise ebenso wenig.


Foto: Samuel Scrimshaw (Titelbild) und Hailey Kean (beide Unsplash.com)

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