Yuriko Yushimata – Das Meer in DIR

Vor dem Schlafengehen sollten keine wissenschaftstheoretischen Texte gelesen werden, sonst könnte man in der Nacht schweißgebadet aufwachen, so wie die Hauptfigur in der Science-Fiction Short Story von Yuriko Yushimata. Comics sind da schon besser.

Das große kreischend lachende Gesicht vor ihren Augen blähte sich immer weiter auf und verzerrte sich zu einer Fratze. Dann sah sie mit einem Mal, dass es aus lauter kleinen bewegten Punkten bestand, die grüngelb pulsierten. Auf einmal war das Gesicht wieder da, jetzt war es das Gesicht ihres widerlichen Chefs, dann das Gesicht des Mannes, der sie gestern angepöbelt hatte und dann ihr Gesicht. Die Punkte formierten sich laufend neu. Sie versuchte wegzulaufen, aber ihre Füße gehorchten dem Gesicht und nicht ihr.

Ein Priester kniete vor dem Gesicht im schwarzen Nichts.
„Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme …“
Er betete das Gesicht an. Doch plötzlich wandte er sich direkt an sie, nun war er das Gesicht.
Sein Atem betäubte sie, sie lag gefesselt auf einer Krankenliege. Er beugte sich über sie und schrie: „Das ist unsere Seele!“

Es gelang ihr, den Kopf zu schütteln, doch er lachte nur darüber.
Dann hielt er ein riesiges Plakat vor ihre Augen. Seine Stimme bekam jetzt den Klang eines Professors aus ihrer Studienzeit. „Zu 70 Prozent besteht der Mensch aus salziger Lösung. Darin sind zehnmal mehr Bakterienzellen, als der Mensch ansonsten an Zellen hat.“

Die Stimme schwoll an und wurde wieder zu der des Priesters.

„DIESE ZELLEN SIND NICHT IN DIR. DAS BIST DU.
Der Mensch ist ein autopoietisches System von Bakterien und Viren, die sich in der stofflichen Hülle, die wir Körper nennen, organisiert haben. Sie machen mehr als 90 Prozent des genetischen Materials in DIR aus.
SIE SIND DU!
SIE BESTIMMEN ÜBER DEINEN STOFFWECHSEL.
Sie bestimmen alle Abläufe, Denken und Fühlen, Du bist nur ein Effekt ihres Seins. Eine Simulation der Einheit des autopoietischen Systems.“

Es gelang ihr, einen Arm loszureißen und nach dem Priester zu schlagen. Doch jedes mal formierte sich das Gesicht neu aus kleinen beweglichen Einzelteilen. Und sein Lachen schwoll an.
„SIE SIND DEINE SEELE!“

Sie schrie: „NEIN!“

Schweißgebadet wachte sie auf. Sie sah auf die Uhr, es war 3.00 Uhr nachts.
Sie nahm sich vor, abends nicht mehr so schwer zu essen und vor dem Schlafengehen keine wissenschaftstheoretischen Texte mehr zu lesen.

Statt dessen waren Comics besser.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Sebastian Spindler; Unsplash.com

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