Der Bankrott der Linken

Linke begeistern heute niemanden mehr. Kein Wunder, übersehen sie doch in aller Regel, dass Konzernkapitalismus nicht reformierbar ist.

Eine mit Identitätsfragen beschäftigte Linke zielt nicht mehr auf die Wurzeln gegenwärtiger Probleme. Stattdessen begnügt sie sich mit Fragen des Respektes und der Anerkennung von Partikulargruppen. So spielt sie einzelne Gruppierungen gegeneinander aus und ignoriert den zentralen Antagonismus von Arbeit und Kapital. Der ist als Wurzel der neoliberalen Zerstörungen von Gemeinschaft und Umwelt anzusehen. Linke Bewegungen verkommen hierdurch zu Reparatureinrichtungen des Systems. Diese Diagnose von Chris Hedges zielt zwar primär auf die amerikanische, gilt jedoch gleichermaßen für die europäische und insbesondere deutsche Linke.

Die Linke in den USA hat das große Ganze aus dem Blick verloren: Den Klassenkampf. Stattdessen versucht sie, Nischenpolitik zu betreiben und innerhalb des kapitalistischen Systems kleine Verbesserungen für einzelne Untergruppen herauszuschlagen. Eine Strategie, die zum Scheitern verurteilt ist.

Innerhalb des globalen Konzernkapitalismus wird es keine wirtschaftliche oder politische Gerechtigkeit für die Armen, die Nicht-Weißen, für Frauen oder Arbeiter geben. Der Konzernkapitalismus, der Identitätspolitik, Multikulturalismus und Rassengerechtigkeit als Politik ausgibt, wird niemals der wachsenden sozialen Ungleichheit, dem ungebändigten Militarismus, dem Ausweiden von Bürgerrechten und der Allmacht der Sicherheits- und Überwachungsorgane Einhalt gebieten. Der Konzernkapitalismus kann nicht reformiert werden, und wenn er sich noch so oft ein neues Image verpasst. Je länger diejenigen, die sich selbst als Linke und als Liberale definieren, versuchen, innerhalb eines Systems zu arbeiten, das der politische Philosoph Sheldon Wolin als „umgekehrten Totalitarismus“ bezeichnet, desto enger zieht sich die Schlinge um unseren Hals. Wenn wir nicht aufstehen, um die Regierung und die Finanzsysteme unter öffentliche Kontrolle zu bringen – und dazu gehört die Verstaatlichung der Banken, der fossilen Brennstoff- und der Waffen-Industrie – werden wir immer Opfer bleiben.

Der Konzernkapitalismus ist überstaatlich. Er schuldet keinem Nationalstaat Loyalität. Er nutzt die US-Projektion militärischer Macht, um seine ökonomischen Interessen zu schützen und zu befördern. Gleichzeitig jedoch schlachtet er die Vereinigten Staaten aus, reißt ihre demokratischen Strukturen ein, gibt ihre Infrastruktur dem Verfall preis und deindustrialisiert ihre industriellen Zentren, um die Produktion ins Ausland zu verlagern, in Regionen, wo Arbeiter wie Sklaven behandelt werden.

Der Widerstand gegen diese globalen Kabale von unternehmerischen Oligarchen muss sich ebenfalls überstaatlich formieren. Er muss Bündnisse mit den Arbeitern auf der ganzen Welt eingehen. Er muss liberalen Institutionen die Stirn bieten, auch der Demokratischen Partei, die die Arbeiter verrät. In diesem Verrat liegt die Ursache für den Vormarsch faschistischer und protofaschistischer Bewegungen in Europa und Ländern anderswo. Donald Trump wäre nie gewählt worden, hätte es diesen Verrat nicht gegeben. Wir müssen eine weltweite Bewegung aufbauen, die stark genug ist, den Konzernkapitalismus in die Knie zu zwingen, oder wir werden Zeuge des Aufstiegs eines neuen, überstaatlichen Totalitarismus werden.

Die Linke, verführt von Kulturkämpfen und Identitätspolitik, ignoriert zu großen Teilen den Vorrang des Kampfes gegen den Kapitalismus und des Klassenkampfes. Solange der schrankenlose Kapitalismus die Alleinherrschaft hat, werden alle sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Veränderungen kosmetischer Natur sein. Der Kapitalismus legt es in seinem Kern darauf an, die Menschen und die Natur zur Ware zu machen, um sie auszubeuten und Profit daraus zu schlagen. Um die Gewinne zu steigern, strebt er fortwährend danach, die Arbeitskosten zu senken, Regulierungen und Gesetze niederzureißen, die das Allgemeingut schützen. Doch je mehr der Kapitalismus den sozialen Zusammenhalt zerschleißt, desto mehr schädigt er wie jeder Parasit seinen Wirtskörper, auf dessen Kosten er lebt. In der aufgebrachten Bevölkerung entfesselt er dunkles, unkontrollierbares Verlangen, das den Kapitalismus selbst bedroht.

“Diese Krise hat eine globale Dimension“, sagte mir David North, der Vorsitzende der Socialist Equality Party in den USA, als wir uns in New York unterhielten. „Es ist eine Krise, die jedes Element amerikanischer Politik dominiert. Das Echo, das wir bekommen, die erstaunlichen Veränderungen im Zustand der Regierung, im Verfall des politischen Lebens, das verblüffend niedrige Niveau des politischen und intellektuellen Diskurses, all dies ist in gewisser Weise Ausdruck der Verwirrung der herrschenden Elite angesichts dessen, was sie derzeit erlebt.“

“In den Vereinigten Staaten ist ein massiver Ausbruch des Klassenkampfes zu erwarten“, sagte er. „Ich halte dieses Land für ein soziales Pulverfass. Es herrscht Wut über die Arbeitsbedingungen und die soziale Ungleichheit. Die Arbeiter, so verwirrt sie auch in vielen Fragen sein mögen, glauben fest an demokratische Rechte. Das Narrativ von einer rassistischen Arbeiterklasse lehnen wir strikt ab. Meiner Ansicht nach wird dieses Narrativ von der Pseudo-Linken propagiert, von Leuten aus der Mittelklasse, die trunken sind von lauter Identitätspolitik, die ein Eigeninteresse daran haben, die Menschen von den grundlegenden Klassenunterschieden in der Gesellschaft abzulenken. Wenn man alle auf der Grundlage von Rasse, Geschlecht oder sexueller Ausrichtung auseinanderdividiert, geht man das Hauptproblem gar nicht an.“

Völlig zu Recht argumentiert North, dass der Kapitalismus seiner Anlage nach von einer Krise in die nächste stolpert. Deshalb ähnelt unsere aktuelle Notlage früheren Krisen.

“Alle unbeantworteten Fragen des 20. Jahrhunderts – das grundlegende Problem des Systems der Nationalstaaten, der reaktionäre Charakter des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Konzernmacht, all diese Probleme, die zum Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt haben – stellen sich uns heute wieder und tragen zu diesem Faschismus bei“, so seine Worte.

“Wir leben in einer globalen Ökonomie, alles hängt mit allem eng zusammen. Wir haben einen globalisierten Produktionsprozess, ein globalisiertes Finanzsystem. Die herrschende Klasse verfolgt eine internationale Politik. Sie organisiert sich auf internationaler Ebene. Die Arbeiterbewegung dagegen ist weiterhin auf rein nationaler Ebene organisiert. So war sie bislang vollkommen außerstande, der Politik der herrschenden Klasse etwas entgegenzusetzen. Und daher stellt sie sich hinter die ganzen nationalen protektionistischen Programme. Die Gewerkschaften unterstützen Trump.“

Dem stimmt der Soziologe Charles Derber zu, mit dem ich mich ebenfalls in New York unterhalten hatte:

„Wir haben eigentlich keine Linke, weil wir über den Kapitalismus gar keine Gespräche führen. Wie oft kommt es vor, dass man einen Mainstream-Nachrichtensender wie CNN anschaltet und dort dann eine Diskussion über den Begriff ‚Kapitalismus‘ zu hören bekommt? Bernie [Sanders] tat eines: Er bezeichnete sich als demokratischen Sozialisten, das bewirkte rein rhetorisch einen kleinen Wandel. Damit sagt er, es gibt da noch etwas anderes als den Kapitalismus, und darüber sollten wir sprechen.“

“Genauso wie das [kapitalistische] System allgemein Tritt fasst und zunehmend intersektional wird, brauchen wir intersektionalen Widerstand. Ende der 1960er, als ich meine politische Bildung erfuhr, löste sich der Anspruch der Linken auf Allgemeingültigkeit auf, der in den 60ern gewachsen war. Frauen hatten zunehmend den Eindruck, dass ihre Themen nicht angesprochen wurden. Sie wurden von weißen Männern, von Studentenführern schlecht behandelt. Schwarze, [Black] Panthers, bekamen das Gefühl, dass Weiße das Problem des Rassismus nicht thematisieren konnten. Sie gründeten also eigene Organisationen. Mit dem Ergebnis, dass die Linke ihren Blick aufs große Ganze und damit ihre universalisierende Rolle verlor. Sie befasste sich nicht mehr mit der Schnittmenge all dieser Problemfelder im Kontext eines militarisierten, kapitalistischen hegemonialen US-amerikanischen Imperiums. Sie behandelte Politik als voneinander isolierte Gruppenidentitätsprobleme. Frauen stießen an gläserne Decken. Ebenso Schwarze. Desgleichen Schwule.”

„Eine moderne Version davon“, so Derber, „verfolgt Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook, die den Weg des Feminismus der „Dritten Welle“ einschlug. Sie sagte: „lean in“. Diese Haltung ist der Inbegriff der Identitätspolitik, die bei der Linken so einen Schaden anrichtet. Was bedeutet „lean in“? Es bedeutet, dass sich Frauen in einem Konzern hocharbeiten sollen, soweit sie können. Sie sollen, wie es der Autorin selbst gelungen ist, wichtige, reiche Führungskräfte in führenden Unternehmen werden. Als man den Feminismus in diese Art des „Hineinlehnens“ verwandelte, hat er eine Identitätspolitik geschaffen, die genau das System legitimiert, das kritisiert werden muss. Die frühen Feministen waren ganz offen Sozialisten. Genauso wie [Martin Luther] King. Aber all das wurde ausgelöscht.

Die Linke ist zu einer Art Wundertüte separater, voneinander isolierter Identitätsbewegungen geworden. Das hängt eng mit dem Streben nach sittlicher Reinheit zusammen. Man ist besorgt um das eigene Fortkommen im bestehenden System. Man konkurriert mit anderen im bestehenden System. Jeder andere genießt Privilegien. Man selbst ist nur bedacht darauf, seinen angemessenen Teil abzubekommen.

Die Menschen in den Bewegungen sind Produkte des Systems, das sie bekämpfen. Wir alle sind in einer kapitalistischen, individualistischen, egoistischen Kultur aufgewachsen, insofern ist das nicht überraschend. Man muss es sich aber bewusst machen und diesem Trend den Kampf ansagen. Jedes Mitglied einer Bewegung ist in den Systemen aufgewachsen, die sie abstoßend finden. Daraus entstand eine strukturelle Umformung der Linken. Die Linke bietet keine groß angelegte Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus. Sie ist vor allem eine Partei der Identitätspolitik. Sie nimmt Reformen für Schwarze und Frauen, etc. in den Fokus. Sie bietet jedoch keine Kontextanalyse innerhalb des Kapitalismus.“

Wie North ist Derber der Auffassung, dass die kurzsichtige Politik mit ihren voneinander isolierten Politikfeldern den Weg für rechtsgerichtete, nativistische, protofaschistische Bewegungen weltweit, wie auch für den Aufstieg Trumps bereitet hat.

“Wenn man Politik darauf reduziert, lediglich der eigenen Gruppe ein Stück vom Kuchen zu sichern, verliert man die systemische Analyse. Man ist zersplittert. Man hat keine natürliche Beziehung oder Solidarität zu anderen Gruppen. Es entgeht einem der größere systemische Zusammenhang. Wenn ich als homosexueller Mensch sage, dass ich beim Militär kämpfen will, legitimiere ich auf eine seltsame Art das US-amerikanische Imperium. Lebte man in Nazi-Deutschland, würde man dann wohl auch sagen: Ich möchte, dass Schwule das Recht haben, zusammen mit den Nazi-Soldaten ins Gefecht zu ziehen?

Damit will ich nicht sagen, dass wir jedwede Identitätspolitik verbannen sollen. Doch jede Identitätspolitik muss innerhalb des Rahmens eines Verständnisses der größeren politischen Ökonomie stehen. Dieser Rahmen wurde weggerissen und ausgelöscht. Selbst in der Linken lässt sich kein tiefgehender Diskurs über den Kapitalismus und den militarisierten Kapitalismus finden. Das wurde einfach getilgt. Und darum ist Trump ins Spiel gekommen. Er verbindet eine sehr einflussreiche rechtsgerichtete Identitätspolitik, die rund um den Nationalismus aufgebaut ist, mit dem Exzeptionalismus des US-amerikanischen Imperiums.

Identitätspolitik ist zu einem hohen Grade ein rechter Diskurs. Im Mittelpunkt steht eine Art Stammessystem, welches in der Moderne mit dem Nationalismus verknüpft ist, der immer militaristisch ausgerichtet ist. Wenn man die Linke in diese separaten Identitätspolitiken unterteilt, die nicht in Zusammenhang gebracht werden, landet man leicht in diesem dogmatischen Fundamentalismus. Die Identitätspolitik der Linken reproduziert die schlimmsten soziopathischen Züge des Systems als Ganzem. Das macht Angst.

Wie viele von der Linken reproduzieren genau das, was wir in der Gesellschaft bekämpfen?“


Chris Hedges ist Journalist, Pulitzer-Preis-Gewinner und Autor der New York Times- Bestsellerliste. (Foto: Rubikon.news)Über den Autor: Chris Hedges ist Journalist, Pulitzer-Preis-Gewinner und Autor der New York Times-Bestsellerliste. Er war früher Professor an der Princeton Universität, Aktivist und ordinierter presbyterianischer Pastor. Unter seinen Büchern befinden sich Bestseller wie „Der Lohn des Aufstands: Der moralische Imperativ der Revolte“, „Das Reich der Illusion: Das Ende der Bildung und der Triumph des Spektakels“ und „Amerikanische Faschisten: Die christliche Rechte und der Krieg mit Amerika“. Sein Buch „Krieg ist eine Kraft, die uns Bedeutung verleiht“ wurde 40.000 Mal verkauft und war Finalist des Nationalen Preises des Buchkritiker-Verbandes für Sachliteratur. Er schreibt eine wöchentlich erscheinende Kolumne für das Internet-Magazin Truthdig und moderiert die Sendung „On Contact“ bei RT America.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „The Bankruptcy of the American Left „. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert. Das Werk erschien in deutscher Sprache auf Rubikon – Magazin für die kritische Masse und ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.


Foto: Paul Morris (Unsplash.com) und Rubikon.


Weitere lesenswerte Artikel

  • Crying smiley. (Illustration: Alexandra, Pixabay.com, Creative Commons CC0) Über das Phänomen der Bullshit Jobs: Ein Arbeitsgespräch 15. November 2018 - Hattest Du jemals das Gefühl, Dein Job wäre ausgedacht? Dass sich die Welt weiter drehen würde, auch wenn Du nicht 8 Stunden Deine Tätigkeit verrichten würdest? David Graeber, Professor für Anthropologie an der London School of Economics, erkundete das Phänomen der unsinnigen Jobs. Jeder, der berufstätig ist, sollte seinen Beitrag sorgfältig lesen.
  • Nachdenkliche Frau in Rot. (Illustration: JL G, Pixabay.com, Creative Commons CC0) Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus 9. November 2018 - Eine analytische Reflexion auf die Bedeutung des Anarchismus, seine Stärken und Schwächen und warum er politisch marginalisiert erscheint.
  • cfr-media-network-hdv-spr (Grafik: Swiss Propaganda Research) Die Propaganda-Matrix 6. November 2018 - Wie der Council on Foreign Relations (CFR) den geostrategischen Informationsfluss kontrolliert. Eine Zusammenfassung und ein Auszug aus einer Studie von Swiss Propaganda Research.
  1. Ich stimme dem Artikel zu. Was aber ist die tiefere Ursache für die Ignoranz „des zentralen Antagonismus von Arbeit und Kapital“?

    Werte werden durch Produktion geschaffen und der eigentliche Antagonismus von Arbeit und Kapital wird in der Produktion selbst am deutlichsten. Dieser Prozeß hat sich in den letzten 70 Jahren drastisch geändert und auch zu einer Änderung der ganz persönlichen Lebensbedingungen (nicht nur) der Arbeiter geführt.

    Zum einen ist da die immense Steigerung der Produktivkräfte. Die Anzahl der notwendigen lebendigen Arbeit im Gegensatz zur vergangenen Arbeit (die steckt in den Produktionsmitteln, vom Hammer bis zum Roboter) pro Produkt ist enorm gesunken. Diese Steigerung der Produktivkräfte hat breite Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Beispielsweise hat sich die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen in Deutschland von 2012 bis 2016 um 10% erhöht.(http://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=i&p_aid=81856192&nummer=96&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=71035019) Wie hoch mag die Steigerung nur in den letzten 70 Jahren gewesen sein? Die Ergebnisse jedoch lassen sich sehen, unsere Lebenserwartung ist enorm gestiegen und das wird zu Recht als sehr positiv empfunden. Beschäftigte im Gesundheitswesen sind aber nicht mehr produktiv im eigentlichen Sinne, genauso wie die Beamten, Mitarbeiter in den Medien etc.etc. Sie sind aber zum allergrößten Teil lohnabhängig, genau wie die Produktionsarbeiter.

    Zumindest in Deutschland gibt es eine tiefgehende Spaltung bei allen Lohnarbeitern. Eine Beamtenposition im mittleren Dienst ist ausreichend. Eine feste Anstellung bei den großen Konzernen bietet akzeptable Arbeit bei relativ gutem Gehalt. Man schaue sich nur die Boni bei den Autokonzernen an. Da hat es die junge Wissenschaftlergeneration viel schwerer, fast nur noch Zeitverträge und auch nur noch vollständig fachidiotisch auf die Interessen der Industrie ausgebildet. Wer als V/BWLer versteht heute noch den Unsinn der gepredigten drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital oder den Stuß des homo oeconomicus?

    Des weiteren ist da die Auslagerung der Produktion in Länder der 3. Welt. In China, Indien, Bangla Desh usw. findet man immer noch Verhältnisse wie im Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Die Masse der Bevölkerung kriegt davon, wenn überhaupt, nur etwas davon mit, wenn mal wieder bei einem Brand in einer Fabrik die Arbeiter elendig verbrennen. Aber das geht auch unter in der häufigen Berichterstattung über weltweit Katastrophen aller Art.

    Wenn Merkel behauptet: „Deutschland geht es gut“, so stimmt das ja auch in dem Sinne, daß die statistische Armut „erst“ ca. 20% in Deutschland betrifft. (https://de.statista.com/themen/120/armut-in-deutschland/) Also 80% geht es weniger schlecht! Und einigen wirklich gut, dabei rede ich nicht von den Superreichen. Wenn dieses „Gut gehen“ verbunden ist mit der Angst, diesen Status zu verlieren, dann hilft das bei der Erklärung der Wahlergebnisse.

    Diese ökonomische Situation hat die Identitätspolitik der Linken erst ermöglicht. Aus meiner Jugend kann ich mich noch an eine Gewerkschaftskampagne zur Wochenarbeitszeit erinnern: „Samstags gehört der Papa mir!“ Heute kämpft der alleinerziehende Elternteil mit den Kita-Öffnungszeiten und die kleinen Würmchen werden schnellstens entwöhnt und an die industriell produzierte Muttermilch angepaßt. Die Kleinen haben keine Lobby und Identitätspolitik können sie noch nicht formulieren. Das könnte die Linke tun. Darüberhinaus für ein Werbeverbot für Spielzeug, Süßwaren etc. eintreten. Sie hat es aber nur für ein Tabakwerbeverbot für Erwachsene geschafft. Ein Beweis dafür, wie weit heruntergekommen diese Linke ist.

    Es wird Zeit, daß wir über Ökonomie genauso häufig reden, wie über Ökologie. Das müssen wir immer mehr unter Einbeziehung der Arbeitssituation auf der ganzen Welt tun. Dazu gehört z.B. ein Einfuhrverbot für Produkte, die unter einem gewissen Mindeststandard produziert wurden. Und noch vieles mehr. Aber ich will ehrlich sein, ein umfassendes Patentrezept habe ich auch nicht. Wo könnte man das mit Gleichgesinnten diskutieren?

    Gefällt mir

    1. „Es wird Zeit, daß wir über Ökonomie genauso häufig reden, wie über Ökologie. Das müssen wir immer mehr unter Einbeziehung der Arbeitssituation auf der ganzen Welt tun.“ Zustimmung. Aber die Lösung kann nicht in Zöllen liegen, weil diese nur in nationalstaatlicher Ordnung realisiert werden könnte, die Staaten aber in der Europäischen Union aufgehen.

      Gefällt mir

  2. Heißer Sound,
    guter Beitrag. Links ist nicht gleich Links und Rechts ist nicht gleich Rechts, so würde ich behaupten. Im Kern des Beitrages von Chris Hedges könnte man jedoch fast alles unterschreiben.
    Das globale Problem ist aber nicht unisono. Wir scheitern sicherlich an dem Hauptproblem der gezielten Fehlinformationen, der kolossalen staatskonformen Verdummungsmedien und nicht zuletzt der arschkriecherischen Blödheit der breiten Masse, die einfach nicht mehr fähig scheint ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Wir opfern unsere Pseudozukunft zuallererst ehrenamtlich ganz privat. Alle, denen es vor allem hier in Dütscheland noch richtig gut geht, sehen so gut wie gar nicht über den vollen Tellerrand. Die afrikanische und amerikanische Welt steht Kopf – kollabiert beinahe – doch der gute deutsche Michel bügelt seine Zipfelmütze……Juhu- endlich Aschermittwoch…. Nur mit Fasten haben wir’s nicht so.

    Bleibt behütet und kämpft!!!!!!!!!!!!!!!!

    LG Uwe

    Gefällt mir

  3. 1. „Der Konzernkapitalismus kann nicht reformiert werden, und wenn er sich noch so oft ein neues Image verpasst…“

    Es herrscht (in D.) ein „Feudalsozialismus“, eine Mischwirtschaft, die mit dem Konzept des Kapitalismus nichts (mehr) zu tun hat.
    Bevor er reformiert werden k a n n , muss der Statismus reformiert, oder eher abgeschafft werden.

    2. „Der Konzernkapitalismus ist überstaatlich. Er schuldet keinem Nationalstaat Loyalität….“

    Der K. ist kein Golem, oder ein Naturereignis, sondern bewusst gestaltet durch fortwährende staatliche Eingriffe seit dem Kameralismus in Europa und seit der Wilson Regierung der USA (New Deal, „es ist besser 5 Ochsen vor einen Karren zu spannen als 5000 Katzen“).
    Es gibt kein ökonomisches System, das gegen den Willen einer Regierung bestehen kann!

    Die hier aufgewärmte und (längst auch praktisch) widerlegte Antikapitalismus-Polemik der 68er Jahre ist einer seriösen Betrachtung kaum würdig und dieser „Besuch an Marx‘ Gruft“ ist redundant.

    Was bleibt ist die Kritik an der Linken – und die ist seit dem Zusammenbruch sämtlicher sozialistischer Systeme (in allen Varianten) ebenso überflüssig, wie eine Kritik an dem republikanischen Konservatismus eines William F. Buckley, oder Ayn Rand. Kurz:
    You are barking up the wrong tree.

    Gefällt mir

  4. Feudalsozialismus,Statismus,Kameralismus, republikanischer Konservatismus und sogar alles redundant. Kannst du das auch so bringen, dass das ein Sterblicher versteht und erkennen kann, wie viel Luft hinter der Ausführung steckt, die es tatsächlich schafft durch den Satz „Es gibt kein ökonomisches System, das gegen den Willen einer Regierung bestehen kann!“ die Realitäten auf den Kopf zu stellen. Der Kern der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist der Klassenkampf, der von einem vereinten Oben gegen ein zersplittertes Unten geführt wird. Und zu Oben gehören die Regierungen,deren Mitglieder mit kapitalfreundlicher Politik und dem individuellen Streben nach Macht und persönlichen Vorteilen – Paradebeispiele in Deutschland: Fischer, Schröder, Merkel usw. – zeigen, auf welcher Seite sie stehen. Macron als vorläufiger Höhepunkt in Europa, ein Vertreter direkt aus dem Lager der Kapitalelite, die die Schnauze voll zu haben scheint von der Langsamkeit ihrer politischen Kettenhunde, den Marktfundamentalismus durchzusetzen, der sich auszeichnet durch Privatisierung, Abbau des Sozialstaates und letztlich komplette Anpassung der Gesellschaft an die Interessen des Kapitals und der Wirtschaft im Sinne der Konzernwirtschaft. Dieses tödliche Gemisch wird lecker verrührt mit der repräsentativen Demokratie, in der sogar eine parlamentarische Linke dabei sein und was sagen darf – sie stört überhaupt nicht, weil sie nicht antikapitalistisch ist. Aber als Feigenblatt vor dem geschwollenen Gemächt der gierigen Klasse eignet sie sich ausgezeichnet.

    Gefällt mir

    1. @VonSeiten,

      es ist das Privileg des Lesers ein Essay zu kritisieren, und die Pflicht des Autors seine Argumente zu untermauern. Ihrer Symptombeschreibung stimmen wir zu, nicht den Kausalitäten, das ist typisch Linke-Polemik, ein Gemisch aus Fakten, Sophismen und marxistischen Phrasen. Das Versagen der Linken ist kein Kompetenzmangel der Akteure, sondern ein Versagen ihrer prinzipiellen Lehre.

      „…Kannst du das auch so bringen, dass das ein Sterblicher versteht…“
      Potentiell könnte dies ein längerer Prozess werden. lol. Wir empfehlen Sie wühlen zunächst in der Geschichte der Nationalökonomie. EIne kleine Hilfestellung:

      Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftskonzept der Freiheit, des fairen Handels und der Vernunft. Er wurde über die Jahrzehnte pervertiert zu gunsten staatlischer Macht. Wenn der K. heute zum Schweinesystem verkommen ist, ist dies ein Zeichen, dass auch sein Wirtssystem, die Demokratie, verrottet ist. Diese braucht alle erdenklich machbaren Finanzprodukte, die sich die kranken Hirne der Finanzmogule erdenken können – die ihre Monopolstellungen von ihrem staatlichen Klientel zugeschanzt bekamen – gerade damit ihre Regierungen sich die sozialen Geschenke leisten können, die ihre nächste Wahlen sichern. Sie begehen sozusagen wirtschaftlichen Kannibalismus und deshalb setzt das Essay an den falschen Stellen an.

      In China und besonders in Hong Kong wird die Wirtschaft nahezu perfekt gesteuert (abgelenkt von dem Gejammer einiger westlich-gesteuerter Pseudodemokraten)

      Und: Klassenkampf? Lächerlich! Die westlichen Gesellschaften sind fragmentiert wie gesprengtes Sicherheitsglass. Zwischen BMW- und Merc-fahrern sind es schon 2. Da hatte schon Gudrun Ensslin mehr Durchblick!

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: