Sturz aus dem Paradies: Der Beginn des Herrschertums

Das Ende der Selbstbestimmung und der Schritt vom Wir zum Ich geschahen paradoxerweise gleichzeitig.

Die neolithische Revolution[1] brachte gewaltige geistige und kulturelle Fortschritte, löste uns aus der magischen Eingebundenheit in unsere Umwelt und machte uns zu Einzelwesen statt zu halb anonymen Gruppenmitgliedern. Es war einerseits ein Höhenflug, notwendiger Anstoß und Grundlage für alles, was wir an zivilisatorischen Errungenschaften hervorgebracht haben, andererseits aber auch ein kostspieliger Sturz aus dem Paradies.

Mehrere Entwicklungen bedingten und verstärkten einander:

Sesshaftwerdung und Besitzdenken

Nomaden belasten sich mit so wenig als möglich und können einen Großteil der Gegenstände des täglichen Gebrauchs jederzeit wieder herstellen. Insofern ist nichts unersetzbar und Neid um Besitztümer praktisch ausgeschlossen. Mit dem Verweilen gab es jedoch plötzlich die Möglichkeit, mehr Dinge anzuhäufen, als man unbedingt brauchte, Gebiete für sich abzustecken, Vorratskeller anzulegen.

Raubzüge

Diese Anhäufung von akkumulierter Arbeitszeit, die man einfach wegnehmen und selbst konsumieren oder anderswo gegen alles Beliebige eintauschen konnte, war freilich eine gewaltige Verlockung. Auch unter nomadischen Stämmen gibt es Fehden und kriegerische Handlungen, doch die Brutalität, mit der Menschen einander nun begegneten, war bis zu diesem Zeitpunkt beispiellos. Was man unter größter Mühe hergestellt hatte, wurde ebenso verbissen angegriffen wie verteidigt.

Ackerbau

Wer Ackerbau betreibt, muss vorausplanen. War die Vorstellung von Zeit davor nichts als ein zyklisch wiederkehrender Augenblick, so blieb der Mensch nun ständig mit einem Auge auf die Zukunft fokussiert, auf ein Ziel ausgerichtet, progressiv. Die vergangenen Leistungen und zukünftigen Belohnungen waren plötzlich das zentrale Thema.

Wir verloren die Sorglosigkeit, sahen den Tod über unsere Schulter blicken und entwickelten wohl auch das Gefühl, dass wir durch härtere Arbeit mehr Sicherheit erlangen könnten – ein Kontrollwahn, der den früheren Nomadenstämmen gänzlich fremd gewesen wäre.

Religion

Auch die Entstehung zahlreicher Kultstätten zeigt, dass die Welt und selbst die Götter durch Rituale kontrollierbar gemacht werden sollen. Und doch galt es paradoxerweise gleichzeitig, Demut zu zeigen, da der neue Mensch sich seiner Sterblichkeit ja schmerzhaft bewusst war.

Ob organisierte Massenrituale der erste Schritt waren, der Menschen an Orte band, und der Ackerbau vielleicht gar auf den Bedarf an psychoaktiven Pflanzen zurückgeht, oder ob es umgekehrt war, ist wahrscheinlich die falsche Frage. Viel eher geht beides auf denselben inneren Wandel zurück.

Ego

In diesen Zeitraum fällt nämlich die Entstehung der ersten Heldensagen, die Geburt der Idee, dass der Mensch seine Umwelt manipulieren und sein eigenes Schicksal schmieden kann. Das Ego gab uns überhaupt erst die Möglichkeit zu moralischer Verantwortung, aber auch die Allmachtsfantasien, mit denen wir bis heute zu kämpfen haben.

Waren wir der Natur zuvor ausgeliefert, so machten wir uns die Erde nun zum Untertanen, leiteten Flüsse um, holzten Wälder ab und bestimmten, was wo zu wachsen hatte. Auch das Recht, Tiere zu fangen, einzusperren und zur Arbeit zu zwingen, nahmen wir uns nun heraus, da wir den Herden zur Jagd ja nicht länger folgen konnten und die Bestellung des Ackers mit der Kraft eines Zugtieres so viel leichter war.

Hierarchie

Doch auch wenn wir alle unsere Rolle in der Welt nun anders zu sehen begannen, konnte nicht jeder Held sein, noch vollzogen alle die geistige Verwandlung im selben Tempo. Für die Begabten, die Klugen und die Künstler ergab sich durch die entstehenden größeren Gemeinschaften eine neue, fruchtbare Situation.

Die Überschüsse, die durch Erfindungen, Arbeitsteilung und Spezialisierung erarbeitet wurden, flossen (zunächst sicher freiwillig) als Opfergaben an die geistigen Zentren der Gesellschaft, wodurch es erstmals möglich wurde, Menschen von allen anderen Arbeiten zu entheben und sie ihre Zeit ganz auf das Erlangen und Vermehren von Wissen und Kunstfertigkeit konzentrieren zu lassen.

Grausamkeit

Freilich dauerte es nicht lange, bis aus der wachsenden geistigen Überlegenheit der Oberschicht ein neues Unheil entstand: Einfache Menschen wurden, wie davor schon das Vieh für uns alle, in den Augen der Herrscher zu Nutzwesen, zu Dienern und Arbeitern ohne Anspruch auf gleiche Würde oder Rechte.

Dem erhebenden Hofleben standen mit der zunehmenden Gier dieser Kaste zwangsläufig bald Heerscharen von Besitzlosen gegenüber, die – durch Armut oder tatsächliche Leibeigenschaft versklavt – die Basis für deren Reichtum erarbeiten mussten.

Dynastien

Waren die anfänglichen Könige noch Opfer für die blutrünstige, aber nährende Muttergottheit, die nur ein Jahr lang regieren durften und dann sterben mussten, so wurde daraus schnell ein lediglich symbolisches Opfer (oder ein Ersatzopfer), so dass der König nicht nur überlebte, sondern auch eine Erbfolge einführen konnte. Auch die Religion wurde entsprechend reformiert: Das neue Pantheon[2] war wie ein Hofstaat organisiert und sehr weltlich orientiert.

Geld

Mit mehr Gütern und dem Bedarf an seltenen Rohstoffen wurde das Handelsnetz immer weitläufiger und dichter. Die Notwendigkeit für ein universelles Tauschmittel war gegeben. Was zunächst ein geniales Konzept war und unsere Fähigkeit zum abstrakten Denken weiter vorantrieb, ermöglicht jedoch auch das Ansammeln von Ressourcen in nie dagewesener Größenordnung, ebenso wie bald darauf Zinswesen, Steuern und eine Militarisierung, wie es sie bis dato nicht geben konnte – was uns an den Beginn der Geschichtsschreibung bringt, denn die ersten datierten Niederschriften erzählen von Eroberungen und Schlachten.

Freilich geschahen all diese Dinge nicht überall gleichzeitig und zogen sich über Jahrhunderte bis Jahrtausende. Doch sie geschahen an vielen Orten annähernd gleichförmig und zeigen vielleicht, dass Rücksichtslosigkeit und Größenwahn ein notwendiges Vehikel auf dem Weg zu Kultur waren.

Die nächste geistige Revolution hinkt jedoch weit hinter unseren längst gegebenen Möglichkeiten nach.

Wir haben alles Wissen und alle Ressourcen, um unsere Rolle erneut umzugestalten – hin zu Frieden, Ruhe, Humor, Liebe, Großzügigkeit und Fürsorge füreinander und unseren Planeten. Doch wir wählen Aufruhr, Trotz und Habsucht, bis zum bitteren Ende.


Über die Autorin: Serena Nebo ist seit 2016 Autorin bei Idealism Prevails und schreibt über gesellschaftliche Zusammenhänge, Modelle des Zusammenlebens und die Notwendigkeit, eigene Überzeugungen stets zu hinterfragen. Ihr Beitrag erschien erstmals auf Idealism Prevails.


Idealism Prevails ist ein unabhängiges Medium aus Österreich.Über Idealism Prevails: Idealism Prevails ist eine unabhängige Medienplattform, die sich auch als Ort zur gesellschaftlichen Begegnung und Bewusstseinsbildung versteht. Herausgeber ist der in Wien beheimatete Verein „Idealism Prevails – Bewegung für mehr Eigenverantwortung, Mitmenschlichkeit, freisinniges Denken und bürgerliche Freiheiten“. Seit 2018 wird inhaltlich auf vier Human Challenges fokussiert: Digitaler Wandel, Zusammenhalt der Gesellschaft, Gesundheit und gesundes Leben und die Grund-, Freiheits-, Menschen- und Bürgerrechte. Idealism Prevails veröffentlicht auf seiner Website bilinguale Berichte und Veranstaltungsreports und verbreitet Inhalte wie zum Beispiel Blog-Artikel und Videogesprächsformate in den sozialen Medien Facebook, Youtube und Twitter. Selbstveranstaltete Events sollen den Dialog zwischen Experten und der Bevölkerung zu den Human Challenges intensivieren. Und warum? To make the world a better place!


[1] Die Neolithische Revolution bezeichnet in der Geschichte der Menschheit das erstmalige Aufkommen erzeugender beziehungsweise produzierender Wirtschaftsweisen wie Ackerbau und Viehzucht, von Vorratshaltung und Sesshaftigkeit. Mit der neolithischen Revolution endet die Lebensweise als reine Jäger und Sammler – die Epoche der Jungsteinzeit (das Neolithikum) beginnt.

[2] Pantheon setzt sich aus dem Altgriechischen pān (alles) und theós (Gott) zusammen und bezeichnete ursprünglich ein allen Göttern geweihtes antikes Heiligtum. Das in der römischen Antike errichtete Pantheon in Rom ist das bekannteste Gebäude dieser Art. Heute werden tempelähnliche Gedächtnis- und Begräbnisstätten nationaler Persönlichkeiten ebenfalls als Pantheon bezeichnet wie zum Beispiel das Pariser Panthéon, dessen Architektur an das Pantheon in Rom angelehnt ist. In der Religionswissenschaft wird der Begriff außerdem für die Gesamtheit der Gottheiten in einer polytheistischen Religion (die religiöse Verehrung einer Vielzahl von Göttern oder Geistern) verwendet.


Foto: Dane Deaner (Unsplash.com) und Idealism Prevails.

  1. Der Hauptfehler ist der ungesunde Egoismus und der falsche Freiheitsbegriff.Absolute Freiheit gibt es nicht. Die Grenze.ist die Freiheit des anderen. Wie die goldene Regel sagt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Oder der hl.Augustinus. Liebe, dann tue ,was du willst. Wobei mit Liebe hier nicht der Sex gemeint ist, sondern vorbehaltlose! Annahme des Anderen.
    Oder die Treue wie im Gedicht “ die Bürgschaft Diese Gesinnung ist nicht antiquiert bzw. überholt, sondern eigentlich Voraussetzung für ein Leben in Gemeinschaft, auch heute noch,.

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