Yuriko Yushimata – Der Virus der Konterrevolution

Die Science-Fiction Short Story von Yuriko Yushimata katapultiert den Leser in eine nachrevolutionäre Zeit. Der Virus der Konterrevolution breitet sich aus, das Immunsystem reagiert – und frisst seine Ideale.

Viele lebten im Elend, während Wenige immer mehr verdienten. Dann begannen sie, sich zu wehren, sich zu organisieren und sie überwanden die Wenigen.

Die Revolution fand statt und die Menschen tanzten auf den Straßen. Sie umarmten einander und träumten von einer besseren Welt.

Janus Mareik sah aus dem Fenster. Er hasste dieses Rumgehopse der Menschen. Am Tisch hinter ihm saßen die wichtigsten Organisatoren der Ereignisse. Er drehte sich zu ihnen um.

„Noch haben wir nicht gesiegt, der Virus der Konterrevolution ist noch aktiv. Diese Tagträumereien sind eine Gefahr. Wir müssen handeln, jetzt, oder die Geschichte wird uns strafen. Wir müssen jetzt den Virus ausrotten, jetzt wo er geschwächt ist, oder er wird sich wieder ausbreiten. Null Toleranz für die Anhänger des gestürzten Regimes.
Was ich fordere, ist nur eine gesunde Immunreaktion.“

Einige am Tisch widersprachen ihm, in seinem Kopf legte er eine Liste mit ihren Namen an. Doch er konnte Duran überzeugen. Und draußen schrien sie Duran, Duran, er war es, dem sie folgen würden.

Janus Mareik bekam freie Hand.

Die Säuberungen dauerten zwei Monate, eine Maßnahme der gesunden Abstoßung der konterrevolutionären Bestandteile der Gesellschaft.
Sie verhafteten vorsichtshalber die ganzen Familien: 22 000 wurden hingerichtet, 240 000 deportiert in die Lager.

Dann wurde die Maßnahme auf Druck von Janicz beendet. Janus Mareik setzte den Namen Janicz oben auf seine Liste.
Bald schon gab es die ersten Widerstände unter den Beschäftigten gegen die Umstrukturierung von Betrieben. Janus überzeugte Duran, Janicz mit den Verhandlungen zu betrauen.
Doch die Widerstände wuchsen.
Janicz‘ Stern begann zu sinken.
Janus hatte es gewusst, der Virus der Konterrevolution lebte noch und breitete sich wieder aus, die Revolution war in Gefahr.

Wieder gelang es ihm, Duran zu überzeugen.

Janus Mareik baute nun den Revolutionären Sicherheitsdienst auf, den RSD. Wo immer sich Widerstand zeigte, war der RSD zur Stelle, um den Virus der Konterrevolution zu bekämpfen. Der RSD war das Immunsystem der Revolution.

Bald waren die Lager überfüllt und der RSD wuchs auf eine Stärke von 80 000 Mitgliedern.

Der RSD begann mit den Massenhinrichtungen, die Ausbreitung der Konterrevolution musste gestoppt werden.
Janicz protestierte.
Janus nahm das zur Kenntnis.

Am Abend überreichte er Duran und einer ausgewählten Gruppe der Organisatoren die Dossiers über Janicz und die anderen, die auf der Liste standen.
Der konterrevolutionäre Virus hatte sich in den inneren Kreis gefressen. Sie mussten handeln, sofort.
Noch in der Nacht wurden alle, die auf der Liste standen, abgeholt und vor die geheimen Tribunale gestellt. Dort wurden weitere Namen notiert. 12 000 Aktive aus dem inneren Kreis hatte die konterrevolutionäre Seuche bereits erfasst.

Der RSD tat das Notwendige. Keiner überlebte die nächsten zwei Monate. Der RSD wuchs auf 120 000 Mitglieder.
Niemand widersprach nun mehr dem RSD und Janus.

Duran sah ihn manchmal auf den Sitzungen seltsam an.

Sieben Monate später lud Duran ihn zu einem überraschenden Treffen etwas außerhalb der Hauptstadt. Als die Tür ins Schloss fiel, richteten sich die Waffen auf Janus. Duran erhob sich.

„Der Virus der Konterrevolution hat unseren innersten Zirkel erreicht.“

Er wandte sich mit enttäuschtem Blick an Janus.

„Von Ihnen hätte ich das am wenigsten erwartet. Aber die Beweise sind unwiderlegbar.“

Janus Mareik wurde sofort hingerichtet. Dann wurde der RSD von allen gereinigt, die vom Virus der Konterrevolution befallen waren. Nur 20 000 Mitglieder blieben verschont.

Kurz darauf kam Duran durch ein Bombenattentat ums Leben.
Es kam zum offenen Kampf zwischen dem revolutionären Militär und den Resten des RSD. Beide beschuldigten einander, vom Virus der Konterrevolution befallen zu sein.

Die Wenigen, die ins Exil gegangen waren, nutzten die Wirren zum Einmarsch mit Hilfe des Auslands.
Sie trafen kaum auf Widerstand.

Die Konterrevolution hatte gewonnen. Die Wenigen verdienten jetzt mehr als je zuvor und die Vielen lebten noch elender als zuvor und nun auch ohne Hoffnung.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Adam Whitlock (Unsplash.com)

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