Die Falken und die Nachrichten

Wer wählt die Sprache aus, wer setzt die Bilder? Bei dem, was in der Regel als ein Neutrum der Informationsübermittlung angesehen wird, handelt es sich um den gezielten Versuch, Beeinflussung vorzunehmen, wenn nicht Sprache und Bilder das Gegenteil belegen.

Man kann von einer militärischen Konfrontation in einer mittelöstlichen Wüste sprechen, und versuchen, die jeweiligen Interessen zu beschreiben.

Da steht ein Nationalstaat, der im eigenen Land deshalb Probleme hat, weil sich eine große, ethnisch differente Minderheit nicht so mir nichts dir nichts assimilieren lässt. Diese Minderheit verfügt in einem im Bürgerkrieg befindlichen Nachbarland ebenfalls über militärische Verbände. Diese wiederum sind jetzt Ziel eines Nationalstaates, der jetzt auf das Territorium des Nachbarstaats militärisch vorgedrungen ist, um die Verbände anzugreifen, die ethnisch zur eigenen nationalen Minderheit gehören.

Das Beschreiben, nicht das sofortige Bewerten, fördert oft bereits Erkenntnisse zutage, die bei der überschnellen Analyse verloren gehen.

In dem hier angeführten Fall deutet die Beschreibung bereits an, wie hirnrissig die Operationen der Türkei in Syrien sind, und verfolgte man die Geschichte in der Logik der Beschreibung weiter, dann käme man zu dem Ergebnis, dass die Komplexität des Konfliktes sehr viel mit archaischen Mordfantasien auf allen Seiten zu tun hat als mit einer rationalen Politik, die bereit ist, in Lösungskonzepte die unterschiedlichen Interessenlagen vieler einzubinden. Stattdessen herrschen die Messer und der Kuhhandel.

Um das zu beflügeln, kommen dann in die obige Beschreibung sehr gezielt die nötigen, bewertenden Beiworte, die das Gift in die Köpfe transportieren.

Da sind dann schnell irgendwelche Heckenschützen zu Freiheitskämpfern erkoren, während andere Terroristen sind, da sind die Opfer der „anderen“ Seite in solider Regelmäßigkeit anonym, während die auf der „eigenen“ Seite ausschließlich aus Kindern, Frauen und Alten bestehen. Das ist alles so schön einfach: hier die reine Demokratie, dort der Despot. Und wer diese schlichte, allzu schlichte Dichotomie hinterfragt, der ist sehr schnell ein Sympathisant. Oder ein Putinversteher oder ein Europahasser.

Dass sich der Journalismus auch in unserem Land in starkem Maße dieser Entwicklung untergeordnet hat, ist ein beklagenswerter Umstand, der noch besonders dramatisch wird, weil große Teile der Berichterstattung aus den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sich dieser Tendenz ebenfalls verschrieben haben. Das ist, in Bezug auf unsere Geschichte und die Rolle, die dort die Propaganda eingenommen hat, unverzeihlich.

So, wie es aussieht, wird sich an diesen Verhältnissen nichts ändern. Was sich bereits geändert hat, ist eine kleine, nicht feine, aber zunehmend respektable Gegenwelt „im Netz“. Verbessern wird diese Gegenwelt die Verhältnisse alleine nicht, denn auch hier herrscht die Einsicht, dass nichts als die Politik die politischen Verhältnisse wird ändern können.

Das, was als Weltbild in vielen Journalen und Medien momentan produziert wird, stimmt in auffälliger Weise mit dem Bild überein, das in vielen, aus den USA herausoperierenden Think Tanks vorherrscht.

Es ist bekannt, dass ein Gros der hiesigen Journalisten in den erwähnten Think Tanks auf den Mitgliederlisten stehen. Und es ist ein Fakt, dass letztendlich als Produkt dieser Mitgliedschaften eine Berichterstattung steht, die dem Weltbild amerikanischer Falken entspricht. Inklusive aller Feindbilder und Ressentiments.

Das Wissen um diesen Zusammenhang muss dazu führen, darüber aufzuklären und zumindest in öffentlich-rechtlichen Medien die gleichzeitige Arbeit für diese und eine Mitgliedschaft in einer dieser ideologischen Kriegswerkstätten anzuzweifeln.


Foto: Sam Wheeler (Unsplash.com).

Politologe, Literaturwissenschaftler und Trainer | Webseite

Dr. Gerhard Mersmann ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen. Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen.

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