Hey, Du. Ich bin’s, Dein Artikel!

Jeder kann sich einsortieren und zur Tagesordnung übergehen: Arbeiten, Einkaufen, etwas Bewegung hier, chillen dort, aufregen, protestieren, eine Petition unterschreiben … Hör auf damit!

Liebes Du,

ich grüße Dich! Ich duz Dich einfach, weil es mir nämlich völlig wurscht ist, ob Du Herr, Dame, Kaiser, Königin, Frau oder Mann bist. Ich bin einfach so frech, denn ich bin nur ein giftiger Artikel. Du kannst mir nicht viel anhaben, außer, dass Du mich ignorierst. Das ist aber auch egal. Ich hab ohnehin nur ein kurzes Leben. Du wirst mich konsumieren oder auch nicht, und wirst mich vergessen.

Du brauchst mich noch nicht einmal zerreißen. Das kann sowieso niemand in Zeiten des Internets: die schlimmen Bücher, die deutliche Sprache, die klaren Gedanken usw. einsammeln und verbrennen.

Keine Sorge. Ich verschwinde irgendwann im Wust der vielen Worte, die heute gesagt und geschrieben werden. Aber vielleicht kann ich ja mein Erbgut weitergeben, so wie es die Bakterien tun, die ein kurzes Leben führen, das aber lange genug ist, um ihre Information auszubreiten wie einen Teppich.

Wahrscheinlich hast Du schon geschaut, welcher „Autor“ so ein komisches Zeug schreibt. Du brauchst Dich um ihn nicht zu kümmern. Ich hab ihn einfach befallen, wie ein Virus den Wirt befällt, und habe ihn nicht mehr losgelassen, bis er begann, in die Tastatur zu hämmern und mich zu Papier brachte – mich mit Leben füllte.

Bei manchen Teilen wehrte er sich heftig, aber er ließ es letztlich zu, weil ich ihn so plagte, dass er lieber den Widerstand aufgab, damit ich ihn in Frieden ließ.

Vielleicht denkst Du jetzt: „Die Masche kenn ich schon!“

Ja, aber welche Masche kennst Du denn noch nicht? Warum liest Du mich und meinesgleichen überhaupt noch? Es ist doch längst fast alles breitgetreten.

Ich kann es für Dich schnell einsortieren: Die Welt rast in den Untergang oder in einen Krieg hinein. Die Politik wird an den Menschen vorbei gemacht. Die Medien manipulieren den Geist oder lullen ihn mit Scheinwelten aus den Werbefabriken ein. Die Menschen haben sich in ihren Ego-Interessen verschanzt. Die Parteien haben keinen Bezug mehr zur Basis. Die Politiker spielen nur Theater. Alles gehorcht den internationalen Großkonzernen und dem Geld.

Einige meiner Kollegen, diese anderen Artikel, sie regen sich über Lappalien auf.

Ich geb ihnen in vielen Punkten oder vielleicht sogar in allen Recht.

Manchmal ist auch noch Recherche in ihnen – aber nur manchmal. Es wiederholt sich schließlich alles in allen möglichen Varianten. Aus A wird B, aus B wird C und C ist wie A.

Überblickst Du noch, wo nicht Lug und Trug herrscht? Und was machst Du aus diesem Wissen? Was solltest Du schon machen, außer misstrauisch, pessimistisch und desillusioniert zu sein? Vielleicht klatschen an der einen oder anderen Stelle, Dich aufregen – auf jeden Fall ziehst Du weiter.

Dabei schreien Dich ein paar meiner Kollegen sogar an, dass Du Dir Zeit für emanzipatorische Konzepte nehmen sollst. Du sollst sie attraktiv machen. Du sollst Lust auf Teilnahme haben oder bei anderen diese Lust wecken. Sie schreien, Du bräuchtest Strategien, die Dich jetzt und hier handlungsfähig machen. Sie fordern Dich auf, sie betteln Dich an, aber sie sagen Dir nicht, wie Du das anstellen sollst. Oder: Du sollst mühsam kämpfen, Du sollst dich austauschen und verständigen, Du sollst dich organisieren und ins Bestehende einsortieren.

Ja, jeder kann sich einsortieren und dann zur Tagesordnung übergehen: Arbeiten, was zum Essen einkaufen, ein bisschen Bewegung hier, chillen dort, schlafen. Vielleicht noch protestieren, auf die nächste Demo gehen, eine Petition unterschreiben …

Liest du mich immer noch?

Fein. Denn Du meinst bestimmt, da käme noch etwas, was du nicht schon weißt. Du hast mich noch nicht endgültig einsortiert. Das ist gut. Dann mache ich noch ein wenig weiter. Du bist schließlich selbst schuld, wenn du es dir gefallen lässt.

Okay. Du kannst was tun. Aber bitte geh nicht die ausgetretenen Wege! Du weißt es ganz genau, da dreht sich nur alles im Kreis. Parteien, NGOs, Portale, Bewegungen und wieder Parteien. Da wurden schon viele wie Du verbraucht und verschlissen.

Fang klein an! Schau Dir mal folgenden Kollegen von mir an:

„Graswurzelräte: Machen wir Politik doch selbst!“

Der ist eigentlich nur die Textfassung von einem Filmchen.

Vielleicht denkst Du jetzt: „Niemand muss von Null anfangen, weil es schon viele gute Ansätze gibt.“ Da muss doch etwas Brauchbares dabei sein.

Doch! Du musst klein anfangen, wenn auch nicht von Null. Dich mit anderen zusammentun, die auch klein anfangen. Denn das ist die Zukunft: Nicht die großen Vereinigungen, in die sich alle eingliedern, sondern die kleinen Gruppen, die sich zusammenschließen und vernetzen.

Sich mächtigen Gruppen anzuschließen dient dem alten Herrschaftsprinzip. Nur mit anderen Herrschern. Genug davon!

Akzeptiere, dass Du nur einer von Milliarden von Menschen bist. Du siegst nicht, wenn deine Favoriten siegen. Du bewirkst aber etwas, wenn du in einer überschaubaren Gruppe dran bleibst, die sich eingliedert und vernetzt, ohne den alten Richtungen zu gehorchen.

Also: Jetzt lasse ich Dich alleine, wenn du mich nicht schon auf die Seite gelegt hast. Ich habe meine Bestimmung erfüllt, wie ein Bakterium. Ich wollte nichts weiter, als den Teppich ausbreiten. Jetzt musst Du weitermachen.


Foto: Jake Davies by Sasha Samusevich (Unsplash.com)


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  1. Toller Blogpost  😊💜

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