Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft (Teil 4)

Landwirtschaft und Industrie sind von der Automatisierung bereits durchdrungen. Im Dienstleistungssektor setzt sich die Industrie 4.0 mit zunehmender Geschwindigkeit durch. Auf die Automatisierung der Produktionsabläufe und Vertriebsketten folgt die technische Optimierung von Beratungs-, Service- und Denkleistungen. Wo in der Vergangenheit menschliche Entscheidungen und Kreativität gefragt waren, übernehmen Algorithmen immer mehr Aufgaben. In der Sphäre des Digitalen wird selbst das Denken ersetzbar.

Ein für alle Menschen leicht ersichtliches Beispiel ist der Bankensektor. Wo es früher noch unzählige Filialen mit ebenso unzähligen Mitarbeitern gab, ist heute der Großteil aller Finanztransaktionen, Kreditaufnahmen, Geldabhebungen und Einzahlungen digital.

Die Filialmitarbeiter sind heute hauptsächlich damit beauftragt, Fonds, Anleihen oder Wertpapiere bei Kunden zu bewerben und an sie zu verkaufen. Bei dem Gewähren von Krediten folgen sie aber beispielsweise nur noch den Empfehlungen eines Algorithmus, der die Kreditwürdigkeit eines Kunden errechnet.

Diese Entwicklung vollzog sich, weil zum einen Roboter (also Geldautomaten) einen großen Teil der Aufgaben des Filialmitarbeiters automatisiert haben (nämlich das Geldabheben, den Kontostand überprüfen, Kontoauszüge drucken und mittlerweile auch das Geldeinzahlen) und zum anderen Algorithmen die Kreditwürdigkeitsprüfung eines Kunden übernahmen. Diese Algorithmen können in Hochgeschwindigkeit die gesamte Finanzhistorie des Kunden einsehen und daraus eine Benotung erstellen.

Ein weiterer, enorm wichtiger Schritt war das Verlagern vielerlei Finanztransaktionen in die Sphäre des Digitalen, sprich, dem Onlinebanking. Und genauso funktioniert die Automatisierung geistiger Tätigkeiten an vielen Stellen: Bauchgefühl und Berufserfahrung werden ersetzt durch Rechenleistung, Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen.[1]

Algorithmen als Entscheidungsträger

Auch in anderen Berufsfeldern wird bereits heute einiges den Algorithmen überlassen, wie zum Beispiel in der Logistik und im Transportwesen. Dort ist Software sogar der direkte Entscheidungsträger über Transportrouten, Lagerbestandsmanagement und den Ankauf von Waren, die Preisbildung und das Erstellen von Sonderangeboten und trifft diese Entscheidung anhand verarbeiteter Daten, die das Fassungsvermögen eines menschlichen Geistes bei weitem übersteigen.

Ein Mensch überprüft nur noch gelegentlich die errechneten Daten, um auftauchende Voraussagefehler und Ähnliches schrittweise auszubügeln, was die Algorithmen aber gleichzeitig auch verbessert und den benötigten menschlichen Arbeitsaufwand im Prozess weiter senkt.[2]

In modernen Großkonzernen sind typischerweise schon seit langer Zeit Funktionen des Unternehmens wie Materialeinkauf, Inventar, Budgetplanung, Personalverwaltung, Produktionsplanung, Kundenbeziehungsmanagement und Orderverwaltung das Metier von Algorithmen, ohne die diese Konzerne nicht mehr funktionieren könnten. Abteilungen, die früher Tausende von Angestellten beschäftigten, wurden so halbiert oder zum Teil sogar noch weiter reduziert.[3]

Die Automatisierung des Denkens

Als „Industrie 4.0“ bezeichnet man den Plan, die Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen nur noch über den Austausch von standardisierten Daten zu vollziehen, der vollkommen automatisiert abläuft. In der Autoindustrie findet dies bereits zwischen Monteuren und Zulieferern statt. Einzig im Aushandeln der Verträge für diesen automatisierten Datenaustausch wird noch auf menschliche Interaktion gesetzt.[4]

All diese Entwicklungen zeigen, dass Automatisierung schon lange nicht mehr das bloße Ersetzen von menschlicher Muskelkraft durch maschinellen Kraftaufwand bedeutet, sondern sich die Automatisierung nun auch in früher genuin menschliche Arbeitsbereiche drängt, nämlich die des Denkens.

Mit dem Eindringen der Automatisierung in die Bereiche des Denkens und der Ersetzung menschlicher Denkleistung durch maschinelle Denkzeuge[5] schrumpft der Bereich, in dem Menschen Arbeit finden können, immer weiter.

Aber selbst bei der Automatisierung von Körperkraft ist das Maximum der möglichen Entwicklungen noch lange nicht erreicht. Um zu verstehen, warum uns die Automatisierung vor gewaltige gesellschaftliche, sozioökonomische Herausforderungen stellt, wird in den weiteren Teilen der Beitragsserie aufgezeigt, wie umfassend die kommenden Entwicklungen sein werden.


Weitere Beiträge der Serie

Link zu Teil 1: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Über Cotton Gin, Spinning Jenny und Sklaverei

Link zu Teil 2: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Eine Bestandsaufnahme in der Landwirtschaft

Link zu Teil 3: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Eine Bestandsaufnahme in der Industrie

Link zu Teil 5: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Wo die Automatisierung Fuß fasst

Link zu Teil 6: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Autonome Fahrzeuge und Roboter in der Medizin und beim Militär

Link zu Teil 7: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Der Blick in die Vergangenheit

Link zu Teil 8: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Glänzende Zukunft oder Mad Max Land

Link zu Teil 9: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Der Weg ins Paradies

Link zu Teil 10: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Die Utopie


Über den Autor: Thilo Rösch (23) verfasste unter dem Titel „Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ an der Universität Erfurt im Fachbereich Staats- und Sozialwissenschaften seine Bachelorarbeit. Gegenwärtig studiert er im Master Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück. Das Werk, das Neue Debatte mit Zustimmung des Autors veröffentlicht, wurde journalistisch angepasst und erscheint als Beitragsserie.


[1] Kurz, Constanze/Rieger, Frank: Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, München 2015, S. 242–245.

[2] Ebd., S. 245.

[3] Ebd., S. 245f.

[4] Ebd., S. 247f.

[5] Begriff in seiner Bedeutung übernommen von Wirtschaftslexikon.co, verfügbar unter www.wirtschaftslexikon.co [03.07.2016].


Foto: Carlos Muza (Unsplash.com)


 

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  1. Algorithmen werden überbewertet. Gerade bei Kreditvergaben wird eine vernünftige Zukunftplanung nicht! berücksichtigt. Daten aus der Vergangenheit könne veraltet sein. Banken, die sich nur auf Computer verlassen, werden Kunden verlieren. Und bei einem Wechsel der Bank stehen der neuen Bank keine Daten zur Verfügung wegen Bankgeheimnis.l

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