Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft (Teil 5)

Landwirtschaft und industrielle Produktion werden von der Automatisierung durchdrungen. Das Maximum der möglichen Entwicklungen ist noch nicht erreicht. Algorithmen und smarte Systeme übernehmen im Dienstleistungssektor Schritt für Schritt immer mehr Denkaufgaben. Sie erobern den Einzelhandel, die Fast-Food-Ketten, Callcenter, aber auch Rechtsanwaltskanzleien und den Journalismus. Um die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen und sozioökonomischen Herausforderungen zu erkennen, soll die Frage beantwortet werden, wo die Automatisierung in Zukunft noch Fuß fassen wird.

Erwähnt wurden schon einige Elemente der Automatisierung des Denkens. Doch die Entwicklung und der Einsatz von Denkzeugen dehnt sich auf viele Bereiche der Wirtschaft und anderer gesellschaftlicher Domänen aus, wo sie weniger auffällig sind oder in denen man sie nicht erwarten würde.

Ein erstes Beispiel sind Anwaltskanzleien. Hier wurden Anwaltsgehilfen immer weiter von Diktiersoftware und digitalisierten Akten verdrängt. In großen Anwaltskanzleien wird teilweise bereits die Arbeit der Anwälte von Algorithmen erledigt.

Das Durchsuchen der enormen Mengen an Verträgen und Gesetzen nach Präzedenzfällen zum Beispiel oder das wochenlange Durchforsten von Aktenbergen, in der Vergangenheit eine wesentliche Aufgabe des Anwalts oder eines ganzen Teams, übernehmen Algorithmen.[1] [2]

Künstliche Intelligenz als Jurist

Ein Blick in die mögliche Zukunft der Automatisierung im juristischen Bereich bietet die Software „Ross“ der Firma IBM. Ross ist eine Anwaltssoftware·–·und eine Form der künstlichen Intelligenz. Das Programm verfügt über die Fähigkeit, geschriebene und gesprochene Sprache zu verstehen, Hypothesen zu formulieren und auf Fragen zu antworten, wobei das Programm durch den Zugang zu umfänglichen Datenbanken direkt mit Bezügen auf Gesetzestexte und Präzedenzfälle arbeitet.[3]

Die verbale Spracherkennung des Programms ist dabei zwar auf formales Englisch beschränkt, was im Kontext einer Anwaltskanzlei aber ausreichend ist, weil dort ohnehin in sehr formellem Juristenenglisch gesprochen wird. Durch den Zugang zu Datenbanken, die ständig aktualisiert werden, muss Ross außerdem im Gegensatz zu seinen menschlichen Gegenstücken keine Lehrgänge besuchen, sondern bleibt automatisch mit jeder noch so kleinen Gesetzesänderung auf dem neuesten Stand.

Das Programm fand mit Baker·&·Hostetler, einer der größten Anwaltskanzleien der USA, auch seinen ersten Arbeitgeber. Die Kanzlei, zu der eine Insolvenz-Abteilung mit rund 50 Anwälten gehört, beschäftigt Ross seit Mai 2016.[4]

Zwar betonte Baker·&·Hostetler in Interviews, dass Ross eine Ergänzung und kein Ersatz für menschliche Anwälte sei und dass sich Anwälte mithilfe der Software lediglich mehr auf die Interaktion mit Klienten und deren Repräsentation konzentrieren können.[5] Es ist aber auch ersichtlich, dass der Arbeitsaufwand des einzelnen Anwalts durch eine Software wie Ross stark sinkt und dass die Anzahl derjenigen, die als Anwälte Arbeit finden, ebenfalls stark sinken könnte, sollte die Software flächendeckend eingesetzt werden. Dies ist laut Andrew Arruda, Geschäftsführer von ROSS Intelligence das Ziel des Konzerns.[6] Für Anwaltsassistenten, deren Berufsbild in großen Teilen aus dem Recherchieren von (juristischen) Informationen besteht, ist Ross eine ernstzunehmende Konkurrenz um den Arbeitsplatz.

Watson, Pepper und Fast Food

Ein weiterer Bereich, in dem Software menschliche Arbeit verdrängt, ist der Verkauf im Einzelhandel. Ross basiert auf einer weiteren Software des Konzerns IBM: Watson.

Watson ist die Software, auf der die Fähigkeit von Ross zum Verstehen von Sprache und zum Analysieren von Datenbanken beruht.[7] In Japan werden in Cafés der Firma Nestlé seit Beginn des Jahres 2016 Roboter des Telekommunikations- und Medienkonzerns Softbank vom Modell Pepper eingesetzt, die mit der Watson-Software ausgestattet sind. Sie beantworten Kundenfragen über das Angebot der Cafés.

Die humanoiden Roboter kamen etwa ab Sommer 2016 auch in Geschäften in den USA zum Einsatz. Im Winter 2017 tauchte Pepper in einem Stuttgarter Einkaufszentrum auf.[8] Im Rahmen eines Feldversuchs sollten die Chancen für seinen Einsatz ausgelotet werden.

IBM hat in der Vergangenheit betont, dass die Roboter den Angestellten der Geschäfte lediglich entlastend zur Seite stehen sollen.[9] Die Entwicklungen in einem anderen Wirtschaftszweig lassen daran allerdings Zweifel aufkommen. Gemeint ist die Fast-Food-Branche.

Der Fast-Food-Riese McDonalds betreibt in Europa etwa 7.000 Restaurants mit automatisierten Kassiersystemen.[10] In der Europäischen Union befindet sich der Konzern seit 2014 im Veränderungsprozess. Um die progressiven Löhne der EU-Mitglieder zu umgehen, werden menschliche Kassierer durch Automaten mit Touchscreen verdrängt.

Damit beginnt McDonalds nicht nur, den Beruf des Kassierers Schritt für Schritt abzuschaffen, sondern ist auch in der Lage, eine enorme Menge an Daten über die Kunden der Restaurants zu sammeln. Gleichzeitig wird die Position des Bargelds als Zahlungsmittel geschwächt, denn die Automaten in den europäischen Restaurants des Konzerns akzeptieren ausschließlich elektronische Zahlungsmittel.

Auch in den USA beginnen Fast-Food-Konzerne seit der Erhöhung des Mindestlohns für Angestellte der Branche ihre Restaurants von menschlicher Arbeit zu befreien. Wendy‘s beispielsweise plant ihre Restaurants Schritt für Schritt vollständig zu automatisieren, von der Kasse bis in die Küche.[11]

In ungefähr der Hälfte aller vom Fast-Food-Konzern Panera betriebenen Restaurants kann bereits über einen im Tisch integrierten Touchscreen bestellt werden.[12]

Zwar handelt es sich bei den genannten Beispielen um Jobs im Niedriglohnsektor, dennoch ist ein Trend ersichtlich, der sich auch auf andere Branchen übertragen lässt. Denn Lohnkosten machen einen bedeutenden Teil der Ausgaben eines jeden Arbeitgebers aus.

Journalismus aus der Maschine

Ein weiteres Beispiel für einen Bereich, in dem die Automatisierung menschliche Arbeit beinahe unbemerkt verdrängt, ist der Journalismus. Das Technologieunternehmen Narrative Sciences entwickelt Software, die Geschichten erzählt.

Dabei geht es nicht um Märchen, sondern zum Beispiel um das angenehme Präsentieren von Quartalsberichten oder aber von Sportergebnissen. Durch die Analyse von Millionen an Zeitungsartikeln über in den USA beliebte Sportarten wie Baseball oder Basketball lernt das System, wie Menschen über ein Spiel schreiben.

Auf dieser Basis ist die Software in der Lage, selbst Artikel zu generieren. Formulierungen zu gewissen Ereignissen werden verwendet und zu einem eigenen Artikel über ein anderes Spiel umgeformt. Leser sind laut Tests nicht mehr in der Lage, diese Artikel von Beiträgen zu unterscheiden, die von Menschenhand verfasst wurden. Das Programm wird in den USA bereits heute von vielen Zeitungen für die Sportberichterstattung verwendet und hat damit ganze Redaktionen obsolet gemacht.[13]

Für die Generierung von verpflichtenden Quartalsberichten verwendet die Software dasselbe Prinzip. Und da diese meistens ebenfalls von einer anderen Software ausgewertet werden, ist das Ausschmücken des Textes mit literarischen Hochleistungen ohnehin nicht erforderlich.[14]

Künstliche Dialoge als Service

Selbst in Callcentern kann man die Auswirkungen der Automatisierung spüren. Hier dient der Mensch nur noch als Schnittstelle zwischen dem Anrufer und einem Programm, das aufgrund der angeführten Probleme selbst Lösungsvorschläge entwickelt. Das einzige, was diesen Berufsstand bisher vor der vollständigen Verdrängung durch Software rettet, ist, dass Spracherkennungslogarithmen bisher (noch) nicht gut genug sind, um selbstständig ein vollständiges Gespräch mit einem Nutzer zu führen.

Im Gegensatz zur Anwaltssoftware Ross, die mit professionellen Fragen umgehen muss, muss eine Spracherkennungssoftware in einem Callcenter mit verschiedenen Dialekten, Hoch- und Umgangssprache umgehen. Aber auch dieser Bereich der Softwareentwicklung macht rapide Fortschritte, und sobald die Software hinreichend zuverlässig ist, wird der Mitarbeiter der Hotline ebenfalls seinen Job verlieren.

Bereits jetzt wird solche Software verwendet, um den Kunden am anderen Ende des Hörers zu der jeweiligen zuständigen Abteilung weiterzuleiten.[15] Mittlerweile liegt die Trefferquote solcher Spracherkennung bei 95 Prozent. Das ist gut genug, um für Geheimdienste Hunderttausende Telefonate gleichzeitig nach verdächtigen Mustern und Schlagwörtern zu analysieren, aber noch nicht ausreichend für zuverlässigen Kundenservice.[16]

Die Systeme werden aber auch deshalb immer leistungsstärker, weil sie von so vielen Menschen weltweit genutzt werden. Aus jedem Fehler lernt die Software und verbessert sich so durch die flächendeckende Nutzung, beispielweise in Form der Sprachsoftware in den Smartphones, die ein jeder von uns mit sich trägt.[17]

Ein Bereich, in dem der Gesellschaft die Folgen der Automatisierung schon in naher Zukunft sehr deutlich vor Augen geführt werden, ist jedoch das Automobil. Der 6. Teil der Beitragsserie wird sich mit den Auswirkungen einer flächendeckenden Nutzung autonomer Fahrzeuge auseinandersetzen.


Weitere Beiträge der Serie

Link zu Teil 1: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Über Cotton Gin, Spinning Jenny und Sklaverei

Link zu Teil 2: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Eine Bestandsaufnahme in der Landwirtschaft

Link zu Teil 3: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Eine Bestandsaufnahme in der Industrie

Link zu Teil 4: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Eine Bestandsaufnahme im Management

Link zu Teil 6: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Autonome Fahrzeuge und Roboter in der Medizin und beim Militär

Link zu Teil 7: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Der Blick in die Vergangenheit

Link zu Teil 8: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Glänzende Zukunft oder Mad Max Land

Link zu Teil 9: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Der Weg ins Paradies

Link zu Teil 10: Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft – Die Utopie


Über den Autor: Thilo Rösch (23) verfasste unter dem Titel „Die Automatisierung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ an der Universität Erfurt im Fachbereich Staats- und Sozialwissenschaften seine Bachelorarbeit. Gegenwärtig studiert er im Master Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück. Das Werk, das Neue Debatte mit Zustimmung des Autors veröffentlicht, wurde journalistisch angepasst und erscheint als Beitragsserie.


[1] Kurz, Constanze/Rieger, Frank: Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, München 2015, S. 249.

[2] Ebenda, S. 259.

[3] Futurism: Artificially Intelligen Lawyer „Ross“ Has Been Hired By Its First Official Law Firm, 11. May 2016, verfügbar unter: http://futurism.com/artificially-intelligent-lawyer-ross-hired-first-official-law-firm/ [09.03.2018].

[4] Ebd.

[5] Turner, Karen: Meet „Ross“, the newly hired legal robot, in: The Washington Post, 16. Mai 2016, verfügbar unter: https://www.washingtonpost.com/news/innovations/wp/2016/05/16/meet-ross-the-newly-hired-legal-robot/ [09.03.2018].

[6] Ebd.

[7] IBM Watson: What is Watson?, verfügbar unter: http://www.ibm.com/watson/what-is-watson.html [10.03.2018].

[8] Zukunft des Einzelhandels: Dieser Roboter ist ein Publikumsmagnet, in: FAZ, 5. November 2017, verfügbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/stuttgarter-einkaufszentrum-testet-roboter-namens-pepper-15271392.html [09.03.2018].

[9] Futurism: IBM’s Watson-Powered Sales Associate Robots to Be Rolled out into U.S. Retailers by June 2016, 24. Januar 2016, verfügbar unter: http://futurism.com/ibms-watson-powered-sales-associate-robots-to-be-rolled-out-into-u-s-retailers-by-june-2016/ [09.03.2018].

[10] Minimum-Wage Hike: McDonalds Hires 7,000 Touch-Screen Cashiers, in: The Washington Star News, 8. September 2015, verfügbar unter: http://www.washingtonstarnews.com/minimum-wage-hike-mcdonalds-hires-7000-touch-screen-cashiers/ [09.03.2018].

[11] Smith, Kevin: Automation displacing more workers in the fast-food industry, in: Pasadena Star News, 21.05.2016, verfügbar unter: http://www.pasadenastarnews.com/social-affairs/20160521/automation-displacing-more-workers-in-the-fast-food-industry [09.03.2018].

[12] Ebd.

[13] Kurz/Rieger: Arbeitsfrei, S. 250f.

[14] Ebd., S. 251.

[15] Ebd., S. 254ff.

[16] Ebd., S. 256.

[17] Ebd., S. 255.


Foto: © Xavier Caré (Der Roboter Pepper in einem Salon in Lyon 2015. Wikimedia Commons; CC BY-SA 4.0)


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