Yuriko Yushimata – Elektrischer Schnupfen

In der Kurzgeschichte von Yuriko Yushimata sind Waschroboter der letzte Schrei. Alles wird schön sauber. Die nötige Energie beziehen die Roboter aus dem Schmutz. Irgendwann reicht ihnen ihre Rolle aber nicht mehr und sie mutieren. Da helfen nur noch Viren.

Zuerst wurden die Nanowaschmaschinen, sich selbst reproduzierende Waschroboter, die so klein waren, dass sie mit bloßem Auge nicht zu sehen waren und die aus dem aus der Kleidung entfernten Schmutz ihre Energie bezogen, weltweit verbreitet.

Seitdem konnte Karla ihre Sachen zur Reinigung einfach auf den Fußboden fallen lassen und am nächsten Morgen waren sie sauber.
Das war wunderbar.

Irgendwann bemerkte sie aber kleine Löcher im Putz ihrer Schlafzimmerwand. Und sie war nicht die einzige.

Weltweit begannen die Nanowaschroboter elektronisch zu mutieren und sich neue ökologische Nischen zu erobern. In Japan stürzte ein Hochhaus zusammen, weil die Nanowaschroboter Teile der Wände aufgefressen und ausgehöhlt hatten.

Das war die Zeit, als die ersten Antinanoroboterpestizide auf den Markt kamen. Aber insbesondere die schädlichen Mutationen entwickelten schnell Resistenzen. Nur die Waschroboter starben und die Wäsche blieb schmutzig.
Das war ein trauriger Zustand.

Doch dann entwickelte H. P. Wiczenzky programmierbare, sich selbst reproduzierende Nanoschrottpressen, hochbewegliche Schrottpressenroboter, die so klein waren, dass sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren und die speziell auf bestimmte Varianten mutierter Nanowaschroboter angesetzt werden konnten.

Innerhalb kürzester Zeit wurden fast alle mutierten Varianten der Nanowaschroboter zu Schrott gepresst. Nur die funktionierenden Nanowaschroboter blieben übrig.

Karla war glücklich. Wieder konnte sie ihre Wäsche einfach auf den Boden fallen lassen.
Alles war gut.

Doch kurz darauf verschwanden die ersten Handys und bald darauf auch größere Metallgeräte über Nacht. Eines morgens wachte Karla auf und ihr Herd war verschwunden. Auch die Nanoschrottpressenroboter waren nun mutiert. Diesmal halfen nur noch ganz harte Antinanoroboterpestizide. Der elektronische Kammerjäger kostete Karla fast ein Monatsgehalt.

Und wieder blieb ihre Wäsche schmutzig.

Es war mit L. G. Nutzky ein Virologe, der die Lösung fand. Er entwickelte kleine elektronische Viren, die speziell an Nanoroboter angepasst waren. Kurz darauf wurden die ersten elektronischen Virenstämme gezielt zur Bekämpfung von Nanoschadrobotern eingesetzt. Innerhalb kürzester Zeit starben fast alle Nanoschrottpressenroboter an elektronischen Nanoviren. Auf Antinanoroboterpestizide konnte Karla jetzt wieder verzichten. Die Nanowaschroboter vermehrten sich wieder.
Und wieder war ihre Wäsche jeden Morgen wundervoll sauber.

Nur bekam nun ihr Auto einen Schnupfen und ihr Kühlschrank Fieber, die Nanoviren waren mutiert und hatten die elektronische Artgrenze überschritten.

Elektronische Grippewellen, die Haushaltsgeräte, Autos und auch die Elektrizitätswerke befielen, wurden zur Normalität. Bald gab es Bauernkalender mit Tipps für die richtigen Hausmittel zur Behandlung kranker Küchengeräte und anderer computerisierter Großgeräte.

Bei Autos mit elektrischem Schnupfen half am besten, sie eine Woche in ölgetränkte Decken einzuwickeln und mit heißem Öl abzureiben.

Karlas Kühlschrank verstarb allerdings an einer Grippe. Sie hätte ihm fiebersenkende Mittel verabreichen müssen, aber da sie keine Krankenversicherung für ihre Haushaltsgeräte abgeschlossen hatte, hatte sie es auch dort mit Hausmitteln versucht. Sie hatte ihm mehrere Liter Holundertee eingeflößt.
Aber er starb in der dritten Nacht.
Sie beerdigte ihn im Garten.


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Hutomo Abrianto (Unsplash.com)

  1. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    hihihihi …. köstlich ;-)

    Gefällt mir

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