Der innere Raum – Teil 6: „Eine Pause“

Jeder Wanderer macht Pausen; gezwungener Maßen. Entweder von der dämmernden Dunkelheit, der schwindenden Kraft oder der Unwissenheit des weiteren Weges wegen. Aber nicht nur im Unterwegssein liegen die Erfahrungen, sondern auch in den Unterbrechungen dazwischen.

Wie ein Wanderer nach einem langen Tag sitze ich in der Dämmerung meines Seins an meinem inneren Lagerfeuer. Ein Lagerfeuer auf einer kleinen Insel umgeben von leise ans Ufer brandender Seelenessenz. Schaue in die Glut und entschwinde in meinen Gedanken:

„Feuer hat etwas Magisches. Als eines der Urelemente unserer Kulturen beginnt es, den Menschen besinnlich zu betäuben: Erst die räuchernde Luft, dann die wohlige Wärme, die anmutigen Bewegungen und schließlich das helle Glühen.“

-Alex Ross-

Ich sinne darüber nach, was ich bisher auf meiner Reise schon alles erlebt habe: Wie ich meine Reise begann bzw. durch was ich meine Reise angetreten habe. Was es also ausgelöst hat, dass ich mich in mir selber begonnen habe zu suchen.

Dann, wohin mich meine Reise bisher geführt hat. Welchen Ort ich dadurch kennengelernt habe.

Und schließlich, wem ich an diesem Ort begegnet bin.

Ich bezeichne mich selbst als Wanderer, habe aber keine Straße unter meinen Füßen. Ich bin in mir selbst auf den Spuren meines Ichs unterwegs. Ich bin in mein Selbst eingetreten in Form des Verlassens des äußeren umrahmenden Festlandes und habe meinen Seelensee mit kleinen Inseln der Erkenntnisse betreten. Die umschlungen werden von Nebelschwaden, die mir, sich windisch verteilend zum richtigen Zeitpunkt, den Blicke auf die nächste Insel freigeben.

Das Laufen auf Wasser scheint möglich, aber nur zu bestimmter Zeit und in bestimmter Richtung. Zu bestimmten Inseln. Zu bestimmten Erkenntnissen.

Es erscheint wie ein Rätsel in alten indigen Tempeln von untergegangenen Zivilisationen zu sein: Die geheimen Grabkammern lassen sich nur durch eine bestimmte Reihenfolge des Betretens der Fußbodenplatten öffnen. Einige Stellen lassen meine Füße im Wasser versinken und versperren mir so den Weg bzw. lassen mich untergehen. Im Tempel würde es so sein, dass spitze Pfeile aus den Wänden schießen, um den möglichen Kulturräuber, der die geheimen Rituale zum Erreichen der kulturellen Heiligtümer nicht kennt, am Entweihen dieser zu hindern.

Andere, in richtiger Richtung, führen mich weiter. In Richtung meines Weges trägt mich das Wasser und der Nebel teilt sich. Schwänzelt in der Nähe meiner Füße, aber verdeckt mir meine nächsten Schritte zur nächsten Erkenntnis nicht. Ich kam bisher immer an und wusste, zu welcher Insel „es“ mich weitertragen wird. Bin von Insel zu Insel gelangt.

Einige waren sogar schon miteinander verbunden. Zwei Erkenntnisse auf zwei Inseln; verbunden mit flachen Sandbänken, auf denen ich, die Füße in meiner Seelenessenz badend, entspannt entlang spazieren konnte. Aber hier stockt es nun. Eine unfreiwillige aber natürliche Qual des Schriftstellers und Wanderers, nicht mehr voranzukommen.

Ich kam hier an und wollte gleich weiter, aber es passierte nichts. Ich stand am Ufer und habe nur Nebel gesehen. In einiger Entfernung sah ich zwar deutlich eine meiner nächsten Inseln, aber der Nebel teilte sich nicht. Ich konnte nur durch dieses Loch zu der Insel sehen, aber das Weitergehen blieb mir versperrt. Das Wasser trug mich nicht. Was für mich bedeutet: Ich harre meiner hier.

„Schlage hier dein Lager auf, Wanderer. Bette deine Seele hier zu einer Rast.“

-Alex Ross-

Es ist nicht so, dass ich vor einer Kreuzung stünde und nicht wisse, für welchen Weg ich mich entscheiden sollte. Dieses Problem habe ich nicht. Es ist eher das Gefühl, das ich mich auf diese Reise begeben habe, ohne einem Ziel überhaupt bewusst zu sein. Ich war nur mit dem Wissen über einige Inseln, wenigen Ideen von festen Zwischenstationen – ausgedrückt in meiner Literatur – ausgestattet gewesen.

Also wenn ich nichts anderes tun kann als Warten, warum nicht darüber schreiben.


Foto: Robert Oh (Unsplash.com)


 

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  1. Jürgen Elsen 18. März 2018 um 12:24

    Pause, Verharren, Starre, Tod, Feuer, Phönix.
    Der Schlaf, eine Pause hier, ein Wiederaufnehmen des Pfades im Jenseits, dort Kraft und Struktur finden, dort wieder einschlafen und morgens hier im diesseits die Augen öffnen: und siehe, wozu mir gestern noch hier die Fähigkeiten oder Einsichten gefehlt haben, über Nacht sind sie heute in mir.

    Schlafen, Wachen, Tod, Leben – ein Feuerprozeß: Starre Materie entzündet zur Flamme transformiert ins Unsichtbare – eine Kerze eben noch da, durch die Flamme im nächsten Moment aus dem Feld der Materie verschwunden.

    Geburten des Feuers: geistige Kraft schafft Materie, der Gedanke von heute kreiert die Form von morgen.

    Ja, ich weiß, woher ich stamme:
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle, alles, was ich lasse
    – Flamme bin ich sicherlich.
    Friedrich Nietzsche

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    1. Eine schöne Beschreibung der veränderlichen Prozesse in uns und um uns. Ihre Worte kommen dem, was ich in mir gefunden habe, sehr nahe. Vielen Dank für diese Erweiterung!

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      1. Jürgen Elsen 19. März 2018 um 8:05

        prima, danke für´s Feedback. Wir könnten uns auch duzen ;-)
        Ich habe noch ein paar Exemplare von diesem Buch:
        https://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/Wilfried-Hacheney-Feuer-Geheimnis-der-Geburten/hnum/8039137
        Könnte ich an eine Postadresse schicken gegen freiwillige Spende oder auch geschenkt.
        Mich findet man ja schnell im Internet ;-)
        (wir finden auch einen Weg, daß jetzt nicht auf einmal 100 »Alex Jones« ein Buch haben wollen ;-)
        Gute Zeit und herzlicher Gruß

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        1. das duzen klingt gut ;-) Danke für das Angebot, vielleicht bist du bei einer unserer Veranstaltungen in Hamburg oder Berlin dabei und dann kannst du das Buch gern mitbringen und ich die Spende :-)

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  2. Hallo, Alex,

    ich habe etwas für Dich gefunden / wieder hervorgeholt:

    » Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein!
    Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen,
    und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat,
    dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauss machen wollen.
    Sie halten sich manchmal für sonderbar,
    Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten.
    Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer,
    blicken Sie in die Wolken,
    und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen,
    dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst,
    ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa
    oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei!
    Damit verdirbt man sich!

    (Hermann Hesse, Demian)«

    [den »Demian« habe ich das erste Mal 1989 gelesen; später folgte eine Hausarbeit in der Religionswissenschaft. -]

    Herzliche Grüße,

    Christian

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    1. vielen Dank für diese Worte. Passt sehr gut, ein großer Denker :-)

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