Das ist doch irre: Kann man im System noch psychisch gesund sein?

Psychische Gesundheit ist mehr als das Fehlen eines psychopathologischen Etiketts.

Die Feststellung einer psychischen Erkrankung ist in der aufgeklärten Gesellschaft sozial-, arbeits- und strafrechtlich ein Fortschritt gegenüber der in der Vergangenheit üblichen pauschalen Ächtung oder gar Wegsperrung der „Unnormalen“. Doch genügt das?

Medizin und Psychotherapie beziehen heute die Diagnose einer psychischen Erkrankung in die gesellschaftlich unterstützte Versorgung ein. Die betroffenen Menschen werden, zumindest sollte es so sein, aufwendig unterstützt und vom Geruch der Selbstverschuldung weitestgehend befreit. Das ist gut.

Doch die psychische Erkrankung wird im Gegensatz zu einer körperlichen Erkrankung ungleich schneller zum Etikett, weil eine Chronifizierung, also der Übergang von der vorübergehenden zur dauerhaften Präsenz einer Erkrankung oft vorausgesagt wird.

Lax ausgedrückt: Irre bleibt irgendwie irre, verrückt bleibt wohl verrückt, gestört bleibt gestört.

Misstrauen bezüglich dieser Etiketten muss spätestens dann wach werden, wenn sich Krankheitszuschreibungen und Diagnosen im Laufe von soziokulturellen Veränderungen wandeln:

Wenn der Homosexuelle nicht mehr krank ist, sondern normal. Wenn die Diagnose einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung bei Kindern und Jugendlichen keine Besonderheit mehr darstellt, sondern als Erscheinung förmlich explodiert. Wenn die Zunahme an Depressionen und Angstzuständen nicht als Belanglosigkeit abgetan, sondern als Warnsignal für eine sich krankhaft überschleunigende Gesellschaft akzeptiert wird. Aber auch, wenn Menschen, denen einmal eine psychische Störung zugeschrieben wurde, dieses Label kaum noch ablegen können.

Solche Veränderungen – ob sie nun zu begrüßen sind oder nicht – zeigen, wie die Krankheitszuschreibung soziokulturell geprägt ist und wie Etiketten ein Eigenleben bekommen. Dies wirft wichtige Fragen auf:

Wozu braucht die Gesellschaft den Krankheitsbegriff für die psychische Seite des Menschen?

Was ist oder was sind die Funktionen unserer gängigen Psychopathologie?

Wofür sind sie funktional und wozu dienen sie?

Wie profitieren Betroffene, wie profitiert die Gesellschaft und wie profitieren die mit Diagnostik und Behandlung befassten Berufsgruppen?

Psychische Störung als Endlosschleife

Ich beginne bei letzterer Fragestellung und greife den einschlägigen Prospekt eines Fachverlages heraus. Dort scheint das Angebot an Büchern, die die Wörtchen „Störung“ und „Pathologisch“ direkt oder indirekt im Titel tragen, fast endlos:

Persönlichkeitsstörungen, selbstverletzendes Verhalten, sexueller Missbrauch, Flugphobie, pathologisches Grübeln, körperdysmorphe Störung, Bulimia nervosa, Pathologisches Kaufen, Spielsucht, Internetsucht, Pathologisches Horten, Sexuelle Funktionsstörungen, Psychosen, Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung, Sexuelle Sucht, Binge-Eating-Störung, Burnout, Adipositas, Ärgerbezogene Störungen, Suizidalität, Depression, Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie, Prüfungsangst, Zahnbehandlungsphobie, Hypochondrie und Krankheitsangst, Zwangsgedanken, Trichotillomanie, Stottern, Tabakabhängigkeit, Stimmenhören und Wahn, soziale Angststörung, Chronisches Erschöpfungs-Syndrom, Dissoziative Störungen …

Diese Gebiete sind für Fachverlage thematisch ein großes und kommerziell ein lukratives Feld, unter anderem wegen der Spezialisierung der Therapeuten und durch die Vielzahl an Fortbildungsveranstaltungen.

Aber die Anerkennung solcher Störungen als Krankheiten entzieht sich schon weitgehend der öffentlichen Diskussion. Die Politik stellt nicht mehr infrage, dass die Therapie der psychischen Störungen in den Finanzierungsbereich der Krankenkassen fällt. Damit ist die Existenz anerkannter Psychotherapeuten gesichert, die noch viel mehr zu tun hätten, würde das Feld der Störungen ausgeweitet.

Warum gibt es eigentlich keine Massen-Mitlauf-Störung oder das Krankheitsbild Werbe-Verführbarkeit? Eine TV-Sucht ließe sich mit etwas Mühe und Argumentationsgeschick in den Klassifikationen des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Anm.: Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen; DSM) unterbringen oder mithilfe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten in die psychischen und Verhaltensstörungen einordnen.

Aber wie steht es mit den Massenphänomenen Entwurzelung oder Vereinzelung aus? Wo gehören die hin? Was ist mit der Neigung vieler Menschen zum raschen Abbruch von zum Beispiel Beziehungen? Die verbreitete Bindungsunfähigkeit ist nicht zu übersehen. Sind diese Störungen zu häufig, um noch aufzufallen oder gar therapierbar zu sein?

Die Menschheit unter Generalverdacht

Der Respekt vor psychischen Erkrankungen beziehungsweise den Menschen, die betroffen sind, hat Begrüßenswertes an sich. Es zeigt sich aber auch eine wenigstens problematische Tendenz: Die Fixierung auf die Möglichkeiten des „Versagens“ der betroffenen Menschen, also auf ihre „Störungen“, wirkt umfassend auf die gegenseitige Wahrnehmung. Aber auch auf die Selbstwahrnehmung und auf die Therapie, die eine Hilfe zur Veränderung darstellen soll.

Allein die Fragestellung entscheidet bereits über die Suche nach dem Ist- und vor allem nach dem Sollzustand. Wenn ich kranke, „abweichende“, also verdächtige Symptome suche, werde ich möglicherweise bei vielen, wenn nicht bei allen Menschen fündig. Das kann sich jeder etwa so vorstellen:

Die tägliche Putzerei meines Nachbarn scheint mir an der Grenze zur Zwanghaftigkeit, seine passiven Stunden wecken bereits den Verdacht einer chronischen Depressivität, und sein aktueller Rückzug in die Einsamkeit sieht mir schon nach einer schizoiden Persönlichkeitsstörung aus.

Wenn er meinen prüfenden Blick oder meine entsprechenden Fragen mitkriegt, versucht er sich diesbezüglich zu verstecken, was mich noch misstrauischer macht. Oder er bietet mir seine Merkwürdigkeiten fast an, um in einer Ecke (nämlich der Krankheit) Schutz zu suchen, weil er Überforderungen aus dem Weg gehen will. Letzteres ist ja auch schon wieder verdächtig.

Die ideologische Ablenkung vom unzureichenden Miteinander

Symptome sind durchaus oft Hilferufe. Sie drängen oder erzwingen vom Betroffenen, sich Unterstützung zu suchen. Aber sie sind selten der Kern der Problematik. Die alten „Innen-Sucher“, also jene Experten, die die wahren Ursachen tief in der Psyche des Menschen suchen, freuen sich allerdings zu früh, wenn sie solche Sätze lesen. Denn der Kern der Problematik ist nicht „tief“ in den Menschen selbst zu finden, sondern eher dicht um sie herum.

Es ist die fehlende Hilfe im natürlichen sozialen Umfeld, die Gegenseitigkeit, das fehlende Vertrauen der Menschen untereinander. Aber auch die beständige Überforderung, in die sich hineinmanövriert wurde oder in die die betroffenen Menschen hineinmanövriert worden sind.

Es sind oft genug langfristige Entwicklungen, die zum Beispiel aus unsinnigen Haltungen, etwa aus übertriebener Selbstständigkeit oder Selbstüberforderung in der „beruflichen“ Karriere, resultieren.

Die soziokulturell inzwischen weit entwickelte Individualisierung, diese völlig übertriebene Vereinzelung, verdammt die Menschen dazu, alles mit sich selbst auszumachen und zwingend sie förmlich, Schwächen zu überdecken. Nicht nur vor anderen, sondern, und hier liegt eine Dramatik, auch vor sich selbst. Dies geschieht oft bis zum Zusammenbruch. Das dann unterstellte „Tief-Drinnen“ ist eine optimale weil gelungene ideologische Ablenkung vom unzureichenden Miteinander.

Mauern aus Blech und die Unterwerfung als Normalität

Die Vereinzelung und Isolation ist schon lange auch im Städtebau verfestigt und quasi materialisiert. Nachbarschaften sind durch Straßen zerschnitten, Straßen voller Blechlawinen, und bieten keine echten Nachbarschaften mehr.

SUV-förmige Autos, diese Geländelimousinen, die gar nicht ins Stadtbild passen, haben die Pufferzone zwischen den Menschen vergrößert. Sie bieten nicht nur Schutz im verkehrstechnischen Sinne, sondern vor allem Schutz vor anderen Menschen. Man braucht ihn auch, diesen Schutzwall aus Blech, da man ja ständig von potenziellen Gegnern umgeben ist: Konkurrenz statt Kooperation, Isolation statt Gemeinschaft.

Oft besteht die individuelle Konsequenz des Zusammenbruchs – und des in der Folge erteilten Etiketts – in einer weiteren Verschärfung der Vereinzelung. Man hat sich abgestempelt und man ist abgestempelt.

Manchmal wenden sich andere Menschen mitleidig zu. Und die Fachleute, sie zerlegen alles. Sie rücken mit ihren speziellen Methoden an, finden noch mehr Sonderlichkeiten und drücken weitere Stempel auf.

Vergleichen, verstecken, abtauchen

Ein weiterer Aspekt der Frage nach der Verbreitung psychischer Störungen ist der Anspruch auf ein durchgängiges Glücksgefühl bei vielen Menschen und auf durchgängige Funktionstüchtigkeit vonseiten der Gesellschaft. Abweichungen müssen rasch „behandelt“ werden, weil sie den angepassten Ablauf beeinträchtigen. Je früher, desto besser. Es könnte ja noch schlimmer werden. Erwartungen und Ansprüche der Gesellschaft und des Individuums passen dabei perfekt zueinander.

Menschen müssen mit etwas zurechtkommen, was bei Tieren noch kein Problem ist: Sie nehmen nicht nur wahr, was gerade ist, sondern auch, was kommen könnte und was in vergleichbarer Lage war.

Diese Fähigkeit des Vorausschauens, das Antizipieren macht sie oft unglücklich. In der Freude können sie an deren Ende denken. In der elenden Lage vergleichen sie sich mit den Glücklichen. Sie tendieren dazu, künstlich das glückliche Gefühl zu verlängern, obwohl es nur ein Zeichen ist. Sie lösen es von der dienenden, der Signal gebenden Funktion in Richtung einer Verselbstständigung, als wäre es erstrebenswert, ein für alle Mal satt zu sein.

Die Zerreißproben, in die Menschen gestellt sind, führt bei vielen dazu, lieber in den Tag hineinzuleben. Das Planen wird den Mächtigen und Reichen überlassen. Der Verbrauchermarkt funktioniert nach diesen Gesetzen. Nur im Feld der Karriere wird das Unerträgliche ausgehalten.

Entsprechend wird der Mensch manipulierbar und auch manipuliert. Je nach Stellung in der Gesellschaft ist diese Unterwerfung „normal“. Ecken und Kanten werden abgelegt, Widerspruch bleibt aus, es wird sich eingeordnet – es wird sich versteckt. Dieses Verhalten will und muss gelernt sein. Wer es nicht lernt, hat oder bekommt Probleme, die leicht in Richtung Diagnose rutschen.

Gerade auch im sozialen Kontext ist immer und überall das Vergleichen und Verstecken anzutreffen: Andere Menschen scheinen glücklicher, obwohl sie oft nur die glückliche Seite zeigen. Andere machen und können es besser, auch wenn diese es nur besser verstehen, ihre Fehler und Schwächen zu verdecken.

In dem System der gegenseitigen Bewertung materialisiert sich der Vergleich. Er nimmt in seiner Ausprägung die Form eines unnatürlichen Anpassungsmechanismus an und führt dabei das Subjekt teilweise bis zur völligen Selbstverleugnung.

Der Besser-Darsteller, der seinen Lebenslauf bis zur Unkenntlichkeit frisiert, bekommt den Job, der authentische Charakter, der seine Schwächen benennt, bleibt vor der Tür.

In der Politik verblasst der ruhige und fachlich geeignete Kandidat in der hinteren Reihe, während der polternde Selbstdarsteller ohne Qualifikation, der in jede Kamera lächelt, Karriere macht. Ob er die Interessen der Wähler umsetzt oder nicht, fällt kaum auf, weil echte Veränderungen vielleicht erst weit nach seiner Amtszeit spürbar werden.

Der Aktienkurs der Gesellschaft steigt, die die geschicktere Öffentlichkeitsarbeit an den Tag legt, selbst wenn sie die Verbraucher betrügt oder belügt. Das eine wird zur Cleverness umgedeutet, das andere zur Flunkerei verharmlost.

Er fährt das edlere Auto, also muss er besser sein als ich. Ich will das Auto auch, damit ich besser werde. Steig immer auf, steig niemals ab, sonst verlierst du als Mensch an Wert. Diese Botschaft wird ausgesendet auf allen Ebenen des Daseins. Dabei ist sie banal und vor allem völlig falsch.

Soziale Einbettung und Vereinzelung

Wenn wir das Problem und dessen Kern in den tiefen Abgründen des Individuums suchen, isolieren wir es noch mehr, statt durch Hilfestellungen Wege aus der Isolation aufzuzeigen.

Dem Individuum herauszuhelfen gelingt oft nicht mehr. Zu sehr und zu tief stecken viele Menschen in dieser Grube, in der sie sich geschützt glauben. Dabei haben sie sich lediglich verschanzt, nehmen aber noch nicht einmal mehr diese Verschanzung als solche wahr.

Auch viele Therapeuten und auch die Therapieansätze sehen den diagnostischen und dann den therapeutischen Ansatz „innen“. Entweder weit drinnen, wie bei der Psychoanalyse, im kaputten interaktionellen „System“ um den Einzelnen herum (systemische Therapie) oder in den Gesetzen der entglittenen Verhaltensweisen, an die erst mal herankommen werden muss. Auf jeden Fall wird beim Einzelnen, beim Individuum angesetzt. Wo sonst sollten Veränderungsversuche auch ansetzen?

Die bevorzugte Form der Veränderung ist die Einzeltherapie. Patient und Therapeut ziehen sich zurück, analysieren und suchen wenigstens in den meisten Therapierichtungen Veränderungsmöglichkeiten, die der Einzelne selbst in Angriff nehmen kann. Nur in den verschiedenen Präventionsstufen werden weitere Helfer einbezogen.

Der Kern der meisten psychischen Problematiken ist die fehlende soziale Einbettung der Menschen im Privat- und im Arbeitsleben. Viele sind gar nicht mehr eingebettet, haben keinen oder keinen festen Arbeitsplatz, kein stabiles Zuhause. Und vielen fehlt diese echte Einbettung.

Sie ist nicht an einem Arbeitsplatz zu finden, an dem sich jeder voreinander verstecken muss, weil die unausgesprochene Konkurrenzsituation für Misstrauen und Entfremdung sorgt.

Auch die eigene Wohnung bietet kaum Einbettung ohne tiefere Verbindung mit den Nachbarn, wenn außer dem flüchtigen Gruß bei der zufälligen Begegnung im Treppenhaus nichts Gemeinsames existiert.

Mit sozialer Einbettung ist auch nicht die ununterbrochene Verfügbarkeit mittels sozialer Netzwerke gemeint, die die Menschen im physischen Nahbereich zu abwesenden Subjekten verformt.

Einbettung hieße Vertrauen, erfahrene Verlässlichkeit und Ansprechbarkeit über automatisierte Reaktionen hinaus zu erleben. Und das Riskieren von Offenheit und von Streit, wo er nötig ist. Doch wo ist der Streit? Streiten ist in unserer Gesellschaft wohl auch deshalb so riskant, weil in seinem Fahrwasser häufig die Einsamkeit offensichtlich wird, in der sich der einzelne Mensch befindet oder in die er leicht noch weiter geraten kann, etwa wenn er den Streit wagt und sich andere von ihm in der Folge abwenden.

Subtile Täuschung und individualisierte Verantwortlichkeit

Ergänzt und gefestigt wird die Vereinzelung durch die Verbreitung von Täuschungen. Menschen konnten schon immer das eine sagen und das andere tun. Doch die heutige Unübersichtlichkeit der Bezüge zwischen Wort und Tat verzögert und verhindert die Überprüfung weit mehr als in früheren Zeiten. Täuschungen sind raffinierter und lassen sich in der Masse besser verbergen, als in Zeiten übersichtlicher Dorfgemeinschaften. Die Werbung zeigt es uns. Sie ist voll von subtiler Täuschung.

Das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, erzeugt überall Gegner. Zusammenwirken dient letztlich wieder dem angestrebten Stärkerwerden gegenüber anderen. Und die Zurückgelassenen sind meistens so ausgepowert, dass sie die Wendung zum Zusammen auch nicht mehr schaffen. Sie kämpfen um ihr isoliertes Überleben, ums Durchhalten bis zum nächsten Geldeingang auf ihrem Konto oder um den Platz an der Tafel.

Die Verantwortlichkeit dafür wird von der Gemeinschaft auf das Individuum abgewälzt. Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es dann. Jeder, der in Schwierigkeiten kommt, ist selbst schuld. Wer beim Gott des Erfolges in Ungnade gefallen ist, wird von ihm bestraft. Das Drohen mit und bedroht sein durch solche „natürlichen“ Strafen, die in sozialen Gemeinschaften völlig unnatürlich sind, durchzieht die Gesellschaft: Jobverlust, Schulden, eine Justiz, die auf Strafen aufbaut. Und dann gibt es halt noch psychische Erkrankungen.

Sind wir also mehrheitlich psychisch krank, schon allein durch unsere Vereinzelung?

Die Bedeutung des Fragens oder Suchens nach Lösungen besteht darin, was sie für Konsequenzen haben. Jedes Identifizieren einer psychischen Krankheit fixiert auf das Fehlen von etwas, auf das Defizit. Aber macht es Sinn, dass wir uns alle etikettieren?

Etikett, Mitleid oder Zuwendung

Wenn Menschen, die sich psychisch in einer Krise befinden oder längere Zeit leiden, entfernt vom Beobachter sind, ist immer weniger eine helfende Befassung mit ihnen möglich.

Ohne Etikett werden solche Menschen nicht mehr versorgt, wenn sie nicht nahe Menschen um sich haben. Der Staat braucht daher Etikette, wenn er Aufgaben übernimmt oder übernehmen will, die von gewachsenen menschlichen Umgebungen nicht mehr getragen werden.

Selbst wenn es einen Menschen gibt, der einem Betroffenen nahesteht und ihm helfen möchte, läuft er Gefahr, selbst in den Strudel von Destruktivität zu geraten, in dem sich der Betroffene befindet.

Es ist, als wollte man einem Menschen helfen, der sich an einem Hang auf Glatteis befindet: Man rutscht selbst mit ab. Der dem Süchtigen Helfende wird selbst abhängig. Derjenige, der einem „Schizophrenen“ helfen will, überfordert sich in Richtung eigener „Störung“. Um beim Vergleich zu bleiben: Als Einzelner ist man mit der Aufgabe überfordert. Nur eine Menschenkette hätte eine reelle Chance den Entglittenen vom Eis zu holen.

Es werden Spezialisten gebraucht, weil Störungen, die nicht vom sozialen Umfeld aufzufangen sind, noch weniger nur intuitiv verstanden und „behandelt“ werden können. Sie wirken „absonderlich“. Sie werden zum gesellschaftlichen Anliegen, weil sie den reibungslosen Ablauf stören und Ausfälle in der Produktion verursachen.

Die „Instrumente“, die Techniken der Behandlung sind aber durch die professionelle Distanz ständig in Gefahr, sich zu verselbstständigen, künstlich und somit unecht zu werden.

Wenn nach Krankheiten und davon betroffenen Personen gesucht wird, werden diese ausgesondert und andere im Bereich der Normalität belassen. Wenn aber gefragt wird, wo die Möglichkeiten und Perspektiven derjenigen zu finden sind, die den Menschen „gesund“ erhalten oder Betroffene wieder gesund machen, beziehen sich alle mit ein. Dadurch können Betroffene gar nicht mehr ausgesondert werden.

Wenn wir andersherum fragen, gehen wir grundsätzlich einen anderen Weg: Was bietet Menschen eine erstrebenswerte Aussicht? Was macht Menschen reich, fähig, meinetwegen auch resilient beziehungsweise belastbar? Was hilft ihnen beim Aufbau von Werten? Was ermutigt sie, ihr Leben und ihre Welt zu gestalten, statt alles nur laufen zu lassen?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sehe ich folgende Hilfen beziehungsweise Voraussetzungen:

(1) Einbindung in stabile soziale Bindungen mit gegenseitiger Zuverlässigkeit.

(2) Bedeutung eines Menschen durch Beiträge zur Gemeinschaft, materiell und/oder ideell.

(3) Ermöglichung von Eigensinnigkeit, von Anders-Sein.

(4) Gegenseitiges Infragestellen, Kritik, Streiten und Versöhnen.

(5) Selbst-Infragestellung, Zulassen von Ratlosigkeit, Korrektur des eigenen Weges.

(6) Die Fähigkeit, die Zerreißproben unseres Vergegenwärtigens auszuhalten. Oder gerade auch in ihnen unsere Nähe und Geborgenheit in der Gemeinschaft mit ähnlich empfindenden und betroffenen Menschen zu suchen.

Erfahrungswissen und ein Fazit

Ich höre und lese schon jetzt die Antworten auf diese Ausführungen. Nämlich dass das ja alles recht und gut für normale Menschen sei, aber nicht für wirklich gestörte Personen. Dagegen wende ich schon vor der Entgegnung ein: Ich habe alle meine Therapien so aufgebaut, auch mit Betroffenen, die Stimmen hören, extrem depressiven Menschen oder Süchtigen.

In die sogenannten Tiefen von Störungen gingen vor allem psychoanalytisch ausgerichtete Therapeuten. Aber es geht weniger um die Tiefe, sondern um konzentrierte Befassung. Angebracht ist die Konzentration auf ein Leben mit Perspektive, auf Werte und auf die persönlich möglichen Mittel in dieser Richtung.

Auch in meinen Therapien habe ich versucht, dem Einzelnen die Verantwortung zu verdeutlichen, die er selbst hatte: Nur er konnte seine Lebenslage anders zu leben versuchen.

Doch es ist ein Unterschied, ob man dem Verfolgten sagt: „Ich hätte leicht auch in deine Lage kommen können. Ich traue dir folgende Umgangsweisen zu, um ihr zu entkommen oder deine Freiheit wieder auszubauen!“ Oder: „Du hast dich ziemlich ungeschickt in diese Lage manövriert! Diesen Mist müssen wir dir nehmen, damit du nicht immer wieder in diese missliche Lage kommst.“

Mein Vorgehen ist nicht originell, aber es war das bevorzugte Vorgehen in der frühen Verhaltenstherapie (und zum Teil auch in der Sozialpsychiatrie). Im Zuge der Etablierung im anerkannten Gesundheitswesen scheint es aber in den Hintergrund getreten zu sein.

Wenn wir psychische Gesundheit aufbauen wollen, statt psychische Krankheit zu beseitigen, müssen wir gesellschaftliche Strukturen errichten, die der Vereinzelung menschliche Beziehungen entgegenstellen, die in einem modernen Sinn „natürlich“ wachsen:

Die Menschen verbinden und vernetzen sich freiwillig, nicht erzwungen durch verwandtschaftliche Verhältnisse. Sie „bewerten“ und schätzen einander nicht über Geld oder den gesellschaftlichen Status. Sie machen vielfältige Erfahrungen miteinander, erleben, wo man sich auf- und beieinander verlassen kann und wo nicht.

Sie erfahren, wie die einzelnen Menschen Bedürftigkeit ausdrücken und wo sie in Ruhe gelassen werden möchten. Sie bauen wieder gemeinsame Werte auf statt nur individuelle. Sie unterstützen sich gegenseitig in einer solidarischen Lebensweise.[1]

Sie verlieren das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der weltweiten Entwicklungen, weil sie andere Menschen nicht mehr wie Geldscheine zählen, sondern als Subjekt wertschätzen. Sie spüren, dass sie sich aufeinander verlassen können. Und das ist mächtiger als eine Militärmaschinerie oder finanzieller Reichtum. Eben auch mächtiger als die institutionalisierte Aggression, weil es eine soziale Macht ist.

Vor dem Hintergrund stützender sozialer Beziehungen finden Menschen wieder den Mut, ihre Lebenswelt aktiv zu gestalten, statt von den falschen Anreizen und unnatürlichen Bedrohungen getrieben zu werden. Sie können wieder Schwerpunkte setzen, auch gemeinsame. Sie leben wieder ein werteorientiertes Leben.

Störungen sind dann nicht mehr Anlässe zur Aussonderung, sondern Gelegenheiten, sich den Widrigkeiten zu widmen. Sie fast zu begrüßen, weil sie auf die Komplexität des Lebens hinweisen. Im Hintergrund stützt die Gemeinschaft.

Das wichtigste Element der Prävention und Behandlung psychischer Krisen oder Störungen ist also gemeinschaftliches Gestalten. Gemeinschaftlichkeit erweitert die Gestaltungsmöglichkeit und Gestalten verlangt geradezu nach Gemeinschaftlichkeit, da wir auf den Erfolgen der kulturellen Evolution aufbauen.

Kleine Gemeinschaften, wie ich sie etwa hier vorschlage, könnten geeignet sein, die Orientierung auf psychische Gesundheit statt auf Krankheit ins Zentrum zu rücken.


Gerhard Kugler ist Psychologischer Psychotherapeut. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.Über den Autor: Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.


[1] Brand U., Wissen M., Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom-Verlag. München 2017.

 


Foto: Artem Beliaikin (Unsplash.com) und Gerhard Kugler.


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  1. Sehr geehrter Herr Kugler!

    Bitterer Tacheles – Ein Rundumschlag… –

    So würde ich Ihren Artikel überschreiben, zu dem ich Sie herzlich beglückwünsche. Sie sprechen Dinge an und aus, die nicht nur als Mahnung, sondern auch als grundsätzliche Gesellschaftskritik gelesen werden können. –
    Die einschlägigen Bücher von Erich Fromm und Arno Gruen sind Ihnen sicherlich bekannt. In der Frage nach der Pathologisierung bestimmter Eigenheiten von Menschen gebe ich Ihnen recht: Was »krank« zu nennen ist, scheint ziemlich klar, doch nur Wenige entwerfen ein Bild von einem »gesunden Menschen«. Dies indes haben Sie versucht. Auch wenn Ihr Artikel in meinen Augen etwas überladen daherkommt, kann ich Ihnen in fast allen Punkten zustimmen.

    Gruß aus Berlin,

    Christian Ferch

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    1. Gerhard Kugler 26. März 2018 um 17:12

      Danke, Herr Dr. Ferch, für das positive Feedback. Die Überladenheit muss ich eingestehen. Ich hoffe, sie hindert nicht, die Anliegen im weiteren Diskurs hier zu verfolgen.
      G.K.

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  2. Eine treffende Analyse, die Mut macht.

    Die derzeitigen gesellschaftlichen Zustände sind aber gewollt. Der Kapitalismus kennt lediglich den Vergleich. Ein Miteinader schadet ihm. Er nährt sich von Konkurrenz. Deshalb bekämpft er die Gemeinsamkeit auf allen Ebenen. Offensichtlich steht ihm dabei – schon seit langem – hochkarätige Wissenschaft zur Verfügung, gegen die nicht anzukommen ist.

    Je mehr eine Gesellschaft zerstückelt ist, um so leichter wird es, Macht auszuüben. Es kann keine Heilung geben, es sei denn, man heilt das System selbst, in dem man es abschafft und durch ein geordnetes, machtfreies ersetzt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin

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    1. Hallo, Martin,

      Sie treffen den Nagel auf den Kopf!
      Vor etwa einem Jahr habe ich über das Thema einen Artikel verfasst:

      https://neue-debatte.com/2017/03/25/ueber-die-spaltung-der-gleichgesinnten/

      Passend dazu auch:

      https://neue-debatte.com/2017/03/14/meinungsfreiheit-und-der-zwang-zur-hyperindividualitaet/

      Ich hoffe, diese Artikel können Ihnen ebenso Mut machen. Den Mut, mit Ihrem Denken nicht allein da zu stehen.

      Freundliche Grüße,

      Dr. Christian Ferch

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    2. Jürgen Elsen 26. März 2018 um 16:02

      Hallo Martin,
      vom Kapitalismus schreibst Du im Nominativ, also als Handelnder. Demnach könnte der Kapitalismus ein „Geistwesen“ sein, welches die Menschen dazu bringt, soundso zu handeln ?
      Auch wenn der Kapitalismus nur eine Idee wäre, so würde diese doch, um wirksam zu werden, in vielen Menschenköpfen ihrem Wesen nach Verhalten beeinflussen, kanalisieren…

      Demnach könnte eine Lösung sein, von einem anderen Bewußtseinszustand aus das zu betrachten, was sich auf der Bühne meines Bewußtseins so tummelt an Ideen oder Fremdintelligenzen ? (siehe eventuell Droschkenparabel).

      Es gibt also ein Denken, welches sich dem Denken gegenüber so verhält, wie das Aufwachen gegenüber dem Schlaf.
      Es ist also das Denken selbst, welches diese Qualität entwickeln kann.

      Vielleicht liegt hierin auch des Rätsels Lösung – sprich das Heilwerden: der Menschengeist hat die Fähigkeit das Hervorgebrachte immer wieder neu zu überprüfen, nämlich – was könnte der Maßstab anderes sein – als auf Kompatibilität zum Ganzen (siehe auch voriger Beitrag „Bild“).

      Nun, der Mensch, der dies nicht geübt hat (das Bildungssystem tut alles andere, als das zu üben – hier fehlt nahezu jedes große „Bild“), wird weiter zerstückeln.

      Und bei dieser Gelegenheit: der Kapitalismus – mit seinem Fokus auf „Haben“ – muß zwingend dadurch (Weg)Nehmen und so ein Mangelsystem erzeugen (die Umsetzung dazu ist das Geldsystem). Auch deshalb lehrt er uns, Konkurrenz sei das Gegenteil von Kooperation, baut damit eine Polarität auf.

      Kooperation ist jedoch überhaupt nicht auf dieser Ebene anzusiedeln. Konkurrenz ist nur eine (von vielen) Methoden der Kooperation !
      Die „Kooperation“ benutzt diese Methode beispielsweise, um die Kooperationspartner dazu anzuspornen, die Kooperation zu vereinfachen: die ineinanderzufügenden Puzzleteilchen (z.B. Schnittstellen), müssen nicht unnötig kompliziert werden.

      Betrachtet man nun die Konkurrenz auf einer Ebene mit der Kooperation, dann muß ich sogar gewisse „Komplikationen“ einbauen (z.B. Spezialwerkzeuge), um mich vor der „Konkurrenz“ zu schützen …

      Das wir Menschen in Deutschland nicht zu einer Gemeinschaft – im Sinne, daß ganz neue Strukturen (Bildungs-, Staats-, Wirtschafts-, Rechts- und Finanzsystem usw.) erschaffen werden – finden, liegt m.E. an diesem mangelnden Geisterleben.

      Aufwachen – und das impliziert selbstverständlich auch das Handeln – kann jeder nur selbst. Wir sind letztendlich Selbsterreger, so wie es das Geistprinzip in sich selbst auch ist (siehe gegebenenfalls das philosoph. Problem des „Absoluten Anfanges“) MENS(ch) – GEIST

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    3. Gerhard Kugler 26. März 2018 um 17:18

      Danke fürs Feedback. Mir geht es immer darum, nicht nur zu zerlegen, sondern wenigstens Richtungen vorzuschlagen, in denen Auswege möglich sind. Wenigstens im bescheidenen Rahmen.
      G.K.

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  3. Jürgen Elsen 26. März 2018 um 10:22

    Danke, hervorragender Text zu einem komplexen Thema!
    Denn die Frage: »was ist eigentlich krank und was ist gesund ?« kann ja nur im Einzelnen selbst und da dieser ja wiederum in einer Beziehung zur Umwelt steht auf Grundlage dieser Beziehung (Gestaltung) Beantwortung finden.

    So mag ein Mörder sich selbst als gesund bezeichnen – würde aber das Umfeld dies auch tun, so würde ja etwas Destruktives, Fragmentierendes und Lebenauslöschendes als gesund bezeichnet werden.

    Aber das sind ja gerade die Kriterien für »Krankheit« ! Krankheit ist also etwas, was sowohl das einzelne Leben, wie auch das Leben als solches bis hin zur Zerstörung einschränkt. Im Falle der Zerstörung wird es offensichtlich.

    Aber was ist mit allen anderen Fällen der Einschränkung ?
    Das bedingt ja, daß ich ein BILD vom gesunden Zustand habe, so daß ich also die Abweichung und Einschränkung dadurch erst wahrnehmen kann !

    Also, die Frage, die sich ja auch hier in dem Artikel stellt, ist u.a. auch die: Wo ist die Quelle des gesunden Bildes, besonders auch dann, wenn ich in einem Umfeld lebe, welches in Relation zu diesem Gesundbild nur noch als krank bezeichnet werden muß – bzw. wo der Normalzustand einem Krankenzustand entspricht ?

    Nehmen wir einmal an, dieses Gesundbild wäre die Blume des Lebens.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Blume_des_Lebens#/media/File:Flower-of-Life-small.svg
    Mit der Verwirklichung dieses Bildes, würde dann ja auch das Potenzial (individuell und gesellschaftlich) bestmöglichst ausgeschöpft werden können bis hin zu neuen Gestaltungen.

    Möge ich mich selbst einmal als Zentrum dieser Lebensblume auffassen, dann habe ich 6 Blütenblätter als Fähigkeiten/Potenzialarme usw.. Das wäre also der wirklich gesunde Zustand bzw. wo IST und POTENZIAL übereinkommen.

    Lebe ich aber jetzt in einem Umfeld, welches mir 2 oder 3 der Arme abschneidet, die ich also gar nicht mehr leben oder entwickeln kann, dann wird anhand diesem Lebensblumenbild gut ersichtlich, daß ja nicht nur mir die Arme abgeschnitten sind, sondern den Nachbarblumen auch !
    Und wenn man das jetzt auf das GANZE sieht, dann ergibt sich als IST-Zustand unter Umständen eine zerfetzte Blume, die als solche auch gar nicht mehr auszumachen bzw. nicht mehr wirksam wäre !

    Aber die Menschen, die in dieser zerfetzen Struktur leben, die würden dies doch nur bemerken und verbessern können, wenn sie in sich noch das Bild der heilen Struktur schauen könnten …

    Will man das Kranke als das Gesunde haben, muß man also erst den Menschen dieses Bild rauben – bzw. ersetzen durch ein anderes …

    Und dies ist nur möglich, wenn der Mensch seinen Bewußtseinsfokus nicht mehr auf das Herz richten kann, sondern ständig in der „Birne“ gehalten wird – wozu z.B. die Medien einen großen Teil zu beitragen …

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    1. Gerhard Kugler 26. März 2018 um 17:23

      Bilder und Symbole können beitragen. Doch am ermutigsten sind Erfahrungen mit Menschen, die zeigen, was menschlich alles möglich ist. Es gibt im Alltag immer wieder Ansätze, aus der bloßen Betrachtung ins Zusammenwirken zu kommen.
      G.K.

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      1. Jürgen Elsen 26. März 2018 um 19:00

        Herr Kugler, Sie leiten mit der vorangestellten adversativen Konjunktion „Doch“ eine Aussage im Gegensatz zur vorhergehenden Aussage ein.
        Also Ihre Aussage: »Doch am ermutigsten sind Erfahrungen mit Menschen, die zeigen, was menschlich alles möglich ist« würde ich, statt in einen Gegensatz zu stellen, eher integrieren, da das »Zeigen« sich ja gerade auf ein »Vor-Bild« beziehen kann.

        Viele Menschen empfinden Bilder wirkmächtiger als intellektuell hochstehende Texte. Nicht nur deshalb habe ich hier ein Bild benutzt, sondern auch textimmanent, da ich von Bild im Sinne der GestaltBILDung (ob jetzt als Physische, Psychische oder Soziale) geschrieben hatte: wie könnte eine Gestalt gesund wachsen, wenn sie nicht in sich tragen würde das Bild des Gesunden ?

        Und genau dieses Bild des Gesunden kann man z.B. auch sehr gut darin finden, wenn wir Erfahrungen mit Menschen machen, die zeigen, was alles möglich ist – also: was alles GeBILDET werden kann!

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  4. …wesentlich wären m.E. die Grundübel unserer reduzierten-materialistischer Weltperspektive zu nennen – die fatalen Ursachen des Ellenbogenverhaltens fängt im Kiga an und zieht sich durch bis in das Studium. Selektion des „besseren“. Darwin läßt grüßen…
    Auch ein paar Sätze zur Digitalisierung habe ich vermisst. Immer mehr Kinder/Jugendliche werden allein gelassen mit der Droge Smartphone/PC und TV. Und anstatt Freiräume und Urvertrauen in der Erziehung zu schaffen, kommen die Kleinsten schon in die Kita-Verwahranstalten – um sie dorten systemkonform zu formatieren… Gelder für den Rüstungswahnsinn sind vorhanden – und was ist mit der sog.Familienpolitik? Um einigermaßen heute über die Runden zu kommen, fordert das System vollen Arbeitseinsatz beider Elternteile, um tls. mit Minijobs über die Runden zu kommen…
    Würden sich mal unsere Politkasper mit Prof.Spitzer/Prof.Hüther auseinandersetzen und dem Lobbyismus der Digitalisierungsmafiosis ein klares „Nein, so nicht“ entgegen setzen, sähe die Welt schon ganz anders aus.

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    1. Gerhard Kugler 26. März 2018 um 19:48

      Natürlich fehlt im Artikel jede Menge. Auf Probleme mit den neuen Medien bin ich nur mit der Andeutung von den abwesenden Menschen eingegangen.
      Zutreffend finde ich auch den Hinweis auf die mangelnde Zeit am Beispiel der berufstätigen Eltern. Die Menschen sind teilweise zugedeckt von Verpflichtungen, andere lassen sich zumüllen. Ich habe nicht den Anspruch, alle menschlichen Fehlentwicklungen im System zu erfassen.
      Allerdings geht es darum, den Ansatz zur Veränderung zu finden. Ich sehe ihn im interaktiven Handeln vor Ort. Aber im echten. Ich verweise ja auf weitere Artikel. Hier noch einer: https://neue-debatte.com/2017/11/20/aus-psychologischer-perspektive-gegen-die-ratlosigkeit-in-der-demokratie/
      G.K.

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  5. Uwe leonhardt 27. März 2018 um 19:27

    Hallo Ihr Lieben,
    Man könnte es auch kurz fassen. Bedenket, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. In unserer WfbM sind wirklich körperlich und geistig Kranke, sowie psychisch Kranke, die täglich in Gemeinschaft Tolles leisten. JEDER Tag fordert von uns allen jede Menge an Geduld und Verständnis. Aber wir bekommen durch uns alle auch sehr viel zurück. Das echte Leben ( Überleben ) bedeutet Balancieren auf einem Hochseil. FREUNDE und liebevolle Mitmenschen sind das Netz und der doppelte Boden. Eine intakte Gesellschaft benötigt intakte Familien oder ähnliche verantwortungsvolle Lebensgemeinschaften. Aus diesen nur kann wieder ein Geländer der Aufrichtigkeit, der guten Sitten hervorgehen ( Ausnahmen mit eingeschlossen ). Der pervertierte Finanzkapitalismus und dessen Helfeshelfer jedoch untergraben mit genialer Methode all das Friedfertige mittels Verblödungsstrategien. NUN LIEGT ES wieder an uns, geniale Strategien für die Völker der Welt zu entwickeln und dem schon genannten Zerstückeln eine wundervolle Breitseite zu verpassen. Alle auf Gefechtsstation……. Wir sollten tatsächlich unkonventionell und unberechenbar werden. Und wir müssen uns endlich einmal begegnen.
    L.G.
    Uwe Leonhardt

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    1. Gerhard Kugler 28. März 2018 um 8:01

      Wie ist der letzte Satz gemeint?
      G.K.

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  6. Uwe leonhardt 28. März 2018 um 21:35

    So, wie er da steht. Wir sollten uns in die Augen schauen, dann sehen wir weiter…!
    U.L.

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  7. Im Text steht:
    „Das dann unterstellte „Tief-Drinnen“ ist eine optimale weil gelungene ideologische Ablenkung vom unzureichenden Miteinander.“
    Dem vorangehenden Rest des Absatzes wie auch fast dem gesamten Text stimme ich zu; dieser Passage — gleichwohl sie die/eine Kernaussage des Textes ist — allerdings nicht.
    Ich als mehrfach traumatisierter, andauernd missbrauchter* und aus sehr psychopathologischen Familienverhältnissen stammender Mensch, der beides allerdings erst in einem sehr mühseligen, langen und v.a. am Ende extrem schmerzhaften Heilungsprozess nach und nach in seinem annähernd ganzen Ausmaß — ebenso wie dasjenige der kollektiven transgenerationalen/“erbsündigen“ innerstrukturellen Traumawirksamkeit resp. Gewalt — erkennen konnte, sage: Wirkliche Gesundung von wirklich in psychopathologischen Strukturen Aufgewachsenen geht letztlich nur über das „Tief-Drinnen“ (wie der Autor es nennt). Denn die ganze Vereinzelung hat ihre Ursachen ja in der (Selbst-)Entfremdung und Bindungsgestörtheit; und diese wiederum hat ihre Ursachen im Sich-nicht-öffnen-Können, in Verpanzerung; und dieses wiederum im Sich-(seelisch-)schützen-Müssen; und dieses wiederum in vorhandenen, ins Unbewusste ver-damm-ten/abgekapselten Verletzungen, die (emotional) nicht verarbeitet werden konnten, weil die äußeren und inneren Bedingungen und Möglichkeiten (wie z.B. Schutzzeit- & -raum oder Schmerzertragungsfähigkeit) dies bisher nicht zuließen, auch bspw. deshalb weil andere Menschen, die ebenfalls solche vom Thema her gleichen unverarbeiteten (abgekapselten) Verletzungen in sich tragen, aggressiv und potentiell retraumatisierend reagieren, wenn man diese durchs eigene Verhalten (bewusst oder unbewusst) daran erinnert/berührt, da (auch) sie zum Schutze und zur Stabilität den Schmerz unterdrückt/abgekapselt halten müssen. Das funktioniert, als ob die Seelen im Unbewussten einander wahrnehmen und miteinander interagieren. Allerdings suchen wir uns Menschen und ziehen solche an, die eben genau ähnlich strukturiert sind wie wir selbst. Das ist — aus spiritueller Sicht — (auch) deshalb so, um immer wieder auf diese blinden Flecken hingewiesen zu werden. Dabei entsteht dann übrigens auch das, was wir als Projektion bezeichnen. Ein bekannter Gruppenseelentherapeut sagte diesbezüglich einmal: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge erkennst du nicht.“ Das Wärmende und Erhellende des Lichtes kann, wenn es zu stark ist, den Menschen mit den Vereisungen an seinem(/-r) See(le) überfordern, sodass er sich immer mehr verdunkelt/verdammt, bis nichts mehr geht, denn dann fließt auch die Lebensenergie nicht mehr ausreichend: sie ist gebunden in den Vereisungen — ein Teufels!kreis (Abwärtsspirale).

    „Oft besteht die individuelle Konsequenz des Zusammenbruchs – und des in der Folge erteilten Etiketts – in einer weiteren Verschärfung der Vereinzelung. Man hat sich abgestempelt und man ist abgestempelt.
    Manchmal wenden sich andere Menschen mitleidig zu. Und die Fachleute, sie zerlegen alles. Sie rücken mit ihren speziellen Methoden an, finden noch mehr Sonderlichkeiten und drücken weitere Stempel auf.“

    Als Einundzwanzigjähriger habe (d.h.: musste — es ging g a r nichts mehr –) ich die Schule das zweite und letzte mal abgebrochen. Verschiedenste Diagnosen/Etikettierungen folgten (nicht alle auf einmal, sondern auch entsprechend der dann in der Folgezeit bei mir auftretenden Phänomene und Symptomverschiebungen) — die schwerwiegendsten/essentiellsten darunter: schwere Depression (Verdacht auf Dysthymie), gemischte Persönlichkeitsstörung (Borderliner-, narzisstische, schizoide, unsicher-vermeidende, zwanghafte Anteile), schizoaffektive Psychose und auch noch ein dem ganzen evtl. mit zugrunde liegender leichter Asperger-Autismus (kombiniert übrigens mit Hochsensibiltät) …

    Abgesehen von zwei, drei Psychotherapieversuchen, alle entweder frühzeitig endeten (einmal von meiner, zweimal von Therapeutenseite aus), habe ich keine professionelle Psychotherapie gemacht. Ich war so dermaßen (ziel)willen- oder orientierungslos (resp. mir meines Willens und meiner dementsprechenden Orientierung nicht bewusst), so dermaßen bindungs- und wahrnehmungsgestört, so gut mit „Intellektualität“ und (Selbst-)Täuschungsfähigkeit eingerichtet und gepanzert, dass im Prinzip nichts (von großer Bedeutsamkeit, außer Reflexionsmaterial für spätere Zeiten) erreicht wurde. Ich wurde sodann, die meiste Zeit ein wenig so wie ein eremitischer Mönch lebend, Experte in eigener Sache — autodidaktische Psychotherapie sozusagen, mit dem Weg (Voranschreiten/Wollen), der Wahrheit (Wahrhaftigkeitsstreben/Gewahrwerdung) und dem Leben (Wundersame Wendungen und Fügungen durch die Dialektik des Daseins) als strenger und wohlwollender Lehrmeister.

    Heute, als sechsundzwanzigjähriger Ex-Zombie bin ich heil-froh — wie ein neuer Mensch, von den Toten auferstanden, Phönix aus der Asche! Mir kommt es heute so vor, als ob ich annähernd 21 Jahre meines Lebens wie eine Hypnotisierter oder Wachträumender durchs Leben getaumelt bin und dann fünf Jahre zum Aufwachen in die Wahrheit gebraucht habe, wobei mir mit 22 ein kurzer gnadenvoller Moment des Einblickes in diesen seelisch-geistigen „Garten Eden“ der Klarheit und Freiheit durch Selbst-Verbundenheit, in dem ich nun seit Kurzem immer wieder wandeln darf, wenn ich mich darauf besinne, gewährt worden war, um die Motivation zu bekommen, dieses (Er)Leben als dauerhaften Zustand zu erreichen. Dieses mein wahres Leben geht gerade erst los — und im Gepäck Erfahrungswissen (also eigentliches „Wissen“) über menschliches Seelisch-Geistiges, das ich in vier Jahren fast ununterbrochener täglicher Selbsterforschung gesammelt habe. Das ist nun m e i n „Kapital“; einen Schulabschluss oder eine herkömmliche Ausbildung habe ich nicht … genauso wenig wie noch irgendeine psychopathologische Diagnose. :-)

    Danke für die Aufmerksamkeit, lieber Leser! :-)

    * = Das, was heutzutage i.d.R. unter E r z i e h u n g verstanden wird, ist — wenn es sich nicht zu gesunder B e z i e h u n g rechnen lässt — Manipulation und anderer Missbrauch (eben der nicht angeborene, sondern durch Prägung „abgegebene“ resp. „abbekommene“ Teil der Erbsünde, wenn man’s so sehen will).

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    1. Jürgen Elsen 19. Mai 2018 um 14:46

      Wie heute „Erziehung“ praktiziert wird ist entweder eine extreme Übergriffigkeit (seelische Folter) oder aber ein Links-Liegen-Lassen.

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  8. Wer behauptet in diesem System noch psychisch gesund zu sein, ist mit Sicherheit selbst gestört. ;-)
    Kapitalismus im Endstadium lautet die Diagnose, auch ein lohnendes Geschäft für Psychiater, Psychologen und so genannten Heilanstalten.

    Psychologische Störungen fangen damit an, die eigenen Kinder an ein krankes und widersprüchliches System anzupassen. Die Folgen sind nicht mehr heilbar, weil so gut wie alle davon betroffen sind. Und es von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Auch Therapeuten sind infiziert und versuchen eigentlich nur einen „kranken Menschen“ wieder „unauffällig“ in das System zu integrieren.

    Der erneute Amoklauf in einer Schule in Texas zeigt leider allzu deutlich, wie kaputt unsere Gesellschaft ist.
    Wer bei Google mal Amoklauf und Schule eingibt erhält über 600.000 Treffer und das sind nur die „auffälligen Kinder/Menschen“…

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    1. Jürgen Elsen 19. Mai 2018 um 17:51

      >Wer behauptet in diesem System noch psychisch gesund zu sein, ist mit Sicherheit selbst gestört

      Scheint aber schon lange ein Problem in der Menschheit zu sein: wenn ein Verbrecher vom Volk begnadigt, während Christus (könnte ja auch sagen: ein Menschenretter) von denen, die er rettet, für das Kreuz bestimmt wird – das macht doch eine Aussage !!! Da habe ich schon als Kind drüber nachgedacht: was ist das mit den Menschen ?

      Ich könnte auch fragen: was liegt da für eine Störung vor ?
      Warum geben die Menschen in ein verbrecherisches, gegen sie selbst gerichtetes System (in der Bibel veranschaulicht durch Barnabas) Energien hinein, während rettende Initiativen und Menschen verhöhnt oder „schadlos“ gemacht werden ?

      Heute kann ich mir viele Antworten darauf geben, aber ehrlich gesagt, begriffen habe ich das immer noch nicht: warum so viele ???

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      1. Es ist der tiefe Zwiespalt, die Widersprüchlichkeiten, der Zweifel, welche seit Kindertagen in uns gesät werden. So wie du bist kannst du nicht bleiben, aus dir muss noch was werden. Lieber Schein als Sein. Wir wissen alle, es gibt irgendwo eine bessere Welt da draussen, aber die ist so weit weg und eigentlich Utopie.

        Friedenstruppen, soziale Marktwirtschaft, pädophile Priester, Krankenhaus, saubere Atomkraft, Wohlstand durch Wachstum, Arbeit macht frei, korrupte Politiker und Richter, Pflanzenschutzmittel, Luftfilter, Jugend(um)erziehungsanstalt, Bildungsfern(sehen), Fremdschämen, andersdenkende, Dritte Welt(wo soll die denn sein?), gesunder Egoismus…

        Oder wer kennt das nicht, zum Schmunzeln komisch, aber so funktioniert unsere Welt:

        „Dunkel war’s, der Mond schien helle,
        schneebedeckt die grüne Flur,
        als ein Wagen blitzesschnelle,
        langsam um die Ecke fuhr.
        Drinnen saßen stehend Leute,
        schweigend ins Gespräch vertieft,
        als ein totgeschossner Hase
        auf der Sandbank Schlittschuh lief.
        Und ein blondgelockter Jüngling
        mit kohlrabenschwarzem Haar
        saß auf einer grünen Kiste,
        die rot angestrichen war.
        Neben ihm ne alte Schrulle,
        zählte kaum erst sechzehn Jahr,
        in der Hand ne Butterstulle,
        die mit Schmalz bestrichen war.“

        Und wie viele Widersprüche liefert die Bibel, der Koran, die Thora…?! Kein Wunder, dass Jesus gekreuzigt wurde. ;-)

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  9. Finde den Text super 👍 das Thema sehr aktuell. Es gibt Themen die sind klar und doch kann man durch zu viel Analyse alles kompliziert machen
    👍😍

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  10. Hallo Herr Kugler.

    Mit einigem Interesse las ich Ihren Artikel und fand ihn auch recht gut. Bei weiten Teilen kann ich sogar zustimmen, will aber nun nicht all zu viel Kritik äußern, sondern nur zu ein paar Punkten meinen Senf dazu geben.

    Sie stellen eingangs verschiedene Fragen, auf die ich nun kurz antworten möchte:

    […]Wozu braucht die Gesellschaft den Krankheitsbegriff für die psychische Seite des Menschen?[…]

    Die Gesellschaft braucht den Krankheitsbegriff insofern nur, da der Mensch immer eine Erklärung braucht bzw. haben will, auch und insbesondere für Dinge die für den „Durchschnittsmensch“ weitgehend unerklärlich sind – Erklärung muss sein und so bietet sich die Psychopathologie förmlich an, Erklärungen für etwas zu liefern, das sie selbst gar nicht versteht bzw. verstanden hat – Jahrhundert lange Forschung in dem Bereich zeugen davon, zeugen von einem Scherbenhaufen. Daraus resultiert eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die Pschopathologen erfinden die Bezeichnungen für angebliche Krankheiten. Die Medien, sowie die Ärzte und Therapeuten übernehmen und verbreiten diese und in folge beschreiben sich die Menschen selbst und ihre Gemütszustände damit, als wären sie so Krank – ein hervorragendes Beispiel ist die so genannte Depression, die immer weiter ausgedehnt wird. Viele Menschen beschreiben schon gar nicht mehr wie sie sich fühlen, z.B. traurig, niedergeschlagen, antriebslos usw., sie benutzen einfach den zusammenfassenden Begriff, den sie zuvor durch die Medien, oder von ihrem Arzt gelernt hatten – sie nennen sich selbst Depressiv.

    […]Was ist oder was sind die Funktionen unserer gängigen Psychopathologie?[…]

    Kurz und knapp – soziale Kontrolle!

    […]Wofür sind sie funktional und wozu dienen sie?[…]

    Menschen, Individuen zu normen und quasi zu Maschinen zu degradieren. Der Begriff „Einstellung“ zeigt das nur zu deutlich. Nicht nur die so genannte „persönliche Einstellung“ beschreibt weitgehend etwas fremd- von außen gesteuertes, was aber als selbstgesteuert angenommen wird. Auch im medizinischen Alltag ist immer wieder von einer Einstellung die rede, z.B. bei der Gabe von Medikamenten um einen gewissen Wirkstoffpegel einzustellen, aber auch bei der Verhaltenstherapie – als wenn Menschen Maschinen wären, an deren Stellschrauben man nur ein wenig hier und da drehen, einstellen muss, damit sie (wieder) wie gewünscht funktionieren.
    Erich Fromm hatte bezüglich des „Normalen“ dies schon in seinem Werk „Die Pathologie der Normalität“ recht gut ausgearbeitet und Hans-Joachim Maaz spricht sogar von einer „Normopathie“ unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt sind sie auch für den Profit der Pharmaindustrie äußerst funktional.

    […]Wie profitieren Betroffene, wie profitiert die Gesellschaft und wie profitieren die mit Diagnostik und Behandlung befassten Berufsgruppen?[…]

    Die Menschen der Berufsgruppe profitieren mit Geld, mit Ansehen und Reputation in der Gesellschaft (oft sogar das wichtigste dabei) – was wiederum nicht zuletzt auch positiv auf deren Psyche zurückwirkt.
    Die Gesellschaft profitiert dadurch, sich nicht mit sich selbst und dem zugrunde liegenden System auseinandersetzen zu müssen – störende, unangenehme Menschen werden einfach als Krank etikettiert und somit ausgesondert.
    Betroffene profitieren, in dem sie die Rolle des Kranken einnehmen können. Wie sie schon erwähnten gilt heute überwiegend im Marktradikalismus „jeder ist seines Glückes eigener Schmied“ und somit ist jeder für den Erfolg, aber auch für das Versagen selbst verantwortlich (in einem hoch komplexen Gesellschaftssystem eine sehr absurde Annahme). Krankheit ist aber in der regel etwas, das nicht selbst verschuldet ist und so kennt der Organismus, im speziellen die Psyche, Wege eben solche Zustände hervorzurufen um sich als krank darzustellen (in den meisten fällen weitgehend unbewusst) um die Last der eigenen Verantwortung ablegen zu können. Die „Kriegszitterer“ im WW I wäre dazu ein gutes Beispiel, wie Ausweglosigkeit den Organismus und seine Psyche zu solchen Blüten treibt. Es gab damals für Betroffene Menschen nur drei Möglichkeiten. Entweder zurück an die Front und in das Grauen des Krieges, oder als Deserteur hingerichtet zu werden. Oder eben auf krank umzuschalten. Wie man diese Menschen dann mit Hilfe der Psychiatrie wieder „gesund“ und „tauglich“ für die Front folterte, das sollte ihnen geläufig sein.

    Zu den so genannten psychischen Krankheiten und die dazu ausgedachten Etiketten im DSM (bzw. ICD-F) schrieb 2013 der damalige Direktor des NIMH in den USA (also der weltweit größten Forschungseinrichtung in dem Bereich), Thomas Insel, psychiatrische Diagnosen sind nicht valide! Und daran hat sich bisher und bis heute auch nichts geändert. Auch wenn immer wieder, auch vom Nachfolger von Thomas Insel, Joshua A. Gordon, der ein Anhänger der Schaltkreistheorie ist (die auch schon zuvor bei Thomas Insel im Gespräch war), wie üblich verkündet wird, dass man schon auf dem richtigen Weg sei, kann das nicht über den Scherbenhaufen vor dem die Psychiatrie steht und dem Versagen auf ganzer Linie, schon seit Jahrhunderten hinwegtäuschen.

    Eine Verhaltenstherapie ist auch nur insofern und unmittelbar (beim betroffenen Individuum) nützlich, wenn man das zugrundeliegende marktradikale Gesellschaftssystem und noch genauer das alles beherrschende Geld- und Finanzsystem nicht ändert und abschafft (wobei nachweislich die üblichen Psychotherapien, sowie auch die gängigen Psychopharmaka, bei Lichte betrachtet kaum wirksamer als der Placeboeffekt sind).
    Aber um darauf nun auch noch einzugehen, würde wohl den Rahmen eines Kommentars sprengen – nur soviel noch dazu. Silvio Gesell hatte schon mit seiner NWO (neue Wirtschaftsordnung) dargelegt wie es funktionieren kann und was zu tun ist damit es funktioniert – dies bedeutet aber auch eine Echte Gefahr für die Bonzen und (deren) Eliten.

    Insofern möchte ich hiermit verbleiben, aber Ihnen noch zustimmen, wenn ich Sie richtig verstehe und die Ursachen im soziokulturellen Umfeld auszumachen wären.

    Grüße

    Bio

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  11. Ist nicht unsere Regierung psychisch gestört, wenn sie immer sich noch für mehr Beschäftigung bemüht und wenn sie Angst hat, dass wir bei der Digitalisierung nicht den ersten Patz belegen. Dass schon heute eine Klimakatastrophe die nächste jagt, findet keine Beachtung. Nicht einmal an unsere nächsten Nachkommen wird noch gedacht. Ein wenig gestört müssen wir uns wohl alle fühlen, weil wir so etwas zulassen.

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    1. Realitätsverweigerung kann man so etwas nennen. Es hat mit der objektiven und subjektiven Entfernung zu tun. Man sieht bis zum Gartenzaun und noch auf den Kontostand. Die politisch Verantwortlichen sehen einander, die Darstellung in den Medien und die Meinung der Lobbyisten. Überfordert.
      G.K.

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  12. Artet nicht alles in Einseitigkeit aus, wenn wir nicht beide Seiten berücksichtigen? D. h. für den vorgestellten Fall: Sich auf die gesundheitsfördernde Aspekte zu besinnen ist schön und gut und sicherlich auch eine berechtigte Kritik am derzeitigen System. Aber schütten wir doch nicht das Kind mit dem Bade aus und beziehen uns nur noch auf die positiven Aspekte! Sollten wir als gebildete Leute, der Autor schneidet das Thema der Bildung an, nicht auf beides schauen: auf die krankheitsfördernden wie auch die gesundheitsfördernden Aspekte, um eine Einseitigkeit dieser oder jener Art zu vermeiden, für alle Fälle gut vorbereitet zu sein und damit die einen von den anderen lernen können?
    Erst dann scheint mir der Reduktionismus überwunden, der abstrahiert, auf Elemente verzichtet, die im Prozess aber ausschlaggebend wären, das ‚phallische‘ Eine überhöht?
    So z. B. E. Bloch (als guter alter Dialektiker in seiner Kritik am Westen), P. Bourdieu (der Lenin, dem Autodidakten, Einseitigkeit vorwirft) oder auch D. Becker (der die Kritische Theorie insgesamt als zu unausgewogen empfindet).
    Steckt die Krankheit in der Gesundheit drinnen oder nicht beides ein wenig in beidem?

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    1. Gerhard Kugler 25. August 2018 um 18:20

      Begriffe kann man verschieden benutzen (z.B. Krankheit, Gesundheit). Zum Beispiel zur Klassifizierung. Ich wollte im Artikel betonen, dass wir bei der Fixierung auf Krankheitsbegriffe unser Augenmerk auf das Abartige und dann seine Ausgrenzung lenken. Mir geht es stattdessen um das Anliegen, das Gesunde, Weiterführende ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Klassifizierung als Anliegen ist mir verdächtig. Suche nach Gesundem ist mein Anliegen.
      Von mir aus bin ich dann einseitig. Ich will ja gar nicht neutral beurteilen. Neutralität ist auch eine Haltung. Und die weist für mich nicht in eine erstrebenswerte Zukunft. Ich bin „parteiisch“ in Richtung Stärkung der Menschen statt sie mit ihren psychischen Krankheiten zu identifizieren.
      G.K

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      1. Vielen Dank für Ihre ernst gemeinte Antwort. Ich bin mir selber nicht sicher, deswegen frage ich. Aber etwas beschleicht mich doch (?), und zwar folgendes:
        In der Sache, die Dinge positiv zu sehen, stehen Sie schließlich nicht alleine da. Michel Serres will ein für alle Mal die Negativität, die uns so ungefähr seit Hegel wie ein Klotz am Bein hängt, verabschieden. In der Positivität sieht er einen Vorteil, den ich hier auch als Einwand formuliert hätte: Wechselt man nur die Seite (einer Unterscheidung), um eine Sache womöglich jetzt nur anders zu betonen, dann enthebt man sich nicht des grundsätzlichen Fehlers, den Sie, wenn ich Sie richtig verstehe, im Visier haben. Nämlich den krank machenden Fehler des Systems zu beseitigen und der läge, wenn man z. B. Bourdieus Buch über Minderheiten, Männliche Herrschaft, hinzuzieht, gerade in der Dichotomisierung der Welt: krank/gesund, männlich/weiblich, deutsch/Migrant… D. h. die eine Seite durch die andere auszutauschen bringt’s nicht wirklich. Ein Feminismus, der nun nur das Weibliche „männlich“ interpretiert, ist kein echter „Systemwechsel“.
        U. Beck hat das zugespitzt, indem er das produktive „Und“, statt des dichotomisierenden Entweder-oders favorisiert. Oder um es einer der Psychiatrie wahrscheinlich näheren Sprache zu sagen (weil sie auf den Analysen von Deleuez/Guattari, einem Psychiater, beruhen): Es geht um Konnektivität, im Sinne einer ‚guten‘ Verbindung (im Gegensatz – sic!? – zu einer schlechten Verbindung) zwischen zwei Dingen, Sachen, Verhältnissen. Und das Entweder-oder wird als das Prinzip des Tyrannen verstanden, der die Sachen teilt, um sie (besser) zu beherrschen…
        Aber das Positive ist eine eigene Qualität mit dem sich vielleicht doch mehr erreichen lässt, als eine bis Unendliche gestrickte Negativität PLUS (und hier muss man vorsichtig sein, und aufpassen, wovon man redet?!) einer wie auch immer, vielleicht eben SCHLECHT angedockten Positivität.
        Wenn es stimmt, dass man, wenn man sich auf das Positive besinnt (und die schlechten Verbindungen dabei vermeidet) und es gleich strahlen lässt wie eine Idee durchaus das Ganze trifft, beinhaltet, umfasst, dann, ok, besinnen wir uns darauf! Und Sie haben, wie ich persönlich finde, keine schlechten Karten, wenn Sie sich auf das Positive als der Gesundheit kaprizieren, schließlich hat Platon die Gesundheit als den obersten Wert eingeordnet. Nur – ist dann nicht alles Gesundheit?! Wir haben es dann (vielleicht) mit einer Art Theodizeeproblem zu tun, wie kommt das andere in die Welt?
        Und – um es noch einmal ganz krass zu sagen: In unserem heilig-unheiligen Westen herrscht ja doch gerade die Lüge vor, wir müssten es positiv sehen, wir müssten uns auf das Positive konzentrieren und blenden dabei alles Negative: die Verlierer, das Unglück, die Naturzerstörung weitestgehend aus. Wäre von einem solchen Fehler Ihr Konzept, klar und zu Ende gedacht, mit M. Serres ausgenommen? Kann man, könnte man das riskieren?
        Und – stolpern Sie nicht in Wirklichkeit über einen ganz anderen strukturellen Fehler, der Ihnen, um es böse zu sagen, noch nicht einmal vorschwebt, d. h. in dem Artikel, der sicherlich voll guter Ideen und neuen Ansätzen ist, gar nicht Erwähnung findet? Nämlich den, dass wir es mit einer Zwei-Klassen-Medizin zu tun haben, in dem Sinne, dass die Mediziner… dafür bezahlt werden, dass es Kranke gibt? D. h. sie werden immer dann bezahlt, wenn Krankheiten auftauchen und nicht wenn es nur Gesunde gibt! Ist es nicht vielleicht das, was Sie letztendlich ankreiden: dass es hie die Doktoren… gibt, die nur dann etwas verdienen, wenn es Kranke gibt; und dort die Kranken, dessen Leben (z. B.) über Pillen- und Gerätemedizin bis weit über einen Punkt hin verlängert wird, wo sie schon lange nicht mehr wollen? Dass dieses System auf diese Art künstlich Kranke produziert oder wenigstens, strukturell gesehen, das Interesse daran hat?
        Oder (!) – oder und? – Sie bleiben auf der Linie Serres und Sie definieren auf eine Art das Böse (Negative), so dass Sie über die Klassengrenzen hinweg, das Böse allüberall finden (können), nicht nur bei der strukturelle bevorteiligten Klasse, z. B. (wie Serres) als Parasit. Dann fehlt mir „nur noch“ die Ausbuchstabierung, das ganze wirkt ein wenig unkonkret… Ich würde gerne wissen, wie Sie sich das vorstellen. Können Sie ein Beispiel geben? Und – wo liegt das vorteilhaft Neue Ihres Ansatzes durch die Psy-Wissenschaften? Wie drücken sich diese dann spezifisch aus in Bezug auf die Gesundheit? Können Sie das vertiefen? Ein bisschen unverschämt, nachdem Sie so viel anschauliches Material liefern… Hm.
        Oder um es systematischer zu formulieren: Was ist für Sie dann Krankheit? Und hat Klassifizierung nicht auch etwas gesundes? Das Böse benennen – und es dadurch beherrschbar machen… Liegt darin nicht auch eine Chance?
        Wie Sie aus dem vorhergehenden hoffentlich ersehen, bin ich mir darüber nicht im Klaren gewesen, aber ich glaube, ich habe Sie jetzt verstanden…

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        1. In dem Satz „… Nämlich den, dass wir es mit einer Zwei-Klassen-Medizin zu tun haben, in dem Sinne, dass die Mediziner… dafür bezahlt werden, dass es Kranke gibt?“ schwinkt die wichtige Systemkritik mit. Der Kapitalismus zwingt zur Verwertung in allen Bereichen, auch in Medizin und Psychologie. Je mehr „Kranke“ desto mehr „Umsatz“. Es ist nur logisch, dass damit sichergestellt ist, dass jedes kleine Zipperlein und jeder Tick kategorisiert und als krank, krankhaft, abnorm oder behandlunsgwürdig eingestuft wird. Man stelle sich vor, Naturvölker, die spirituell besonders verbunden sind zu ihren Ahnen, der Natur und Geisterwesen, mit denen sie „reden“, bekämen überraschend Besuch vom medizinisch-technischen Dienst und einem Vertreter der Krankenversicherungen. Anschließend würde eine Lobbytruppe dem hohlen Politkörper im „Gesundheitsministerium“ verklickern, dass das alles abweichendes Verhalten sei und mit Pille und Couch behandelt werden muss. Das kommt in den Leistungskatalog als „Geisterpsychose“ die „vermutlich“ ganz gefährlich ist (was sonst) und wird deshalb mit Aufschlag abgerechnet. Die Natives landen selbstredend früher oder später in der Klapse, weil die Psychodoktoren überfordert sind „mit dem Problem“. Die Wissenschaft und die Giftmischer der Pharma bekommen ganz viel Fordschungsgeld, um das „Phänomen“ einzugrenzen. Und um die Menschheit vor dem Untergang zu retten, in dem sie die „richtige“ Pille entwickeln für die „kranken Natives“, damit die nicht mehr so oft in Kontakt treten mit dem Jenseits. Sind die dann auf Linie gebracht, Tabletten süchtig und ihre Spiritualität und „Macken“ beseitigt, schlägt die Stunde der Suchtberater, Ethnologen und Aktivisten. Die wollen schließlich auch leben, sprechen vom Unrecht und schicken ihre Lobbyisten zu den Psychos in der Regierung. Die entschuldigen sich in einem Dreizeiler für die Gemeinheiten und pumpen etwas Steuergeld zur Reanimation in die ausgebrannte Kultur der Natives, die sich leicht erholen. Sobald sie wieder „fit sind“ für den Verwertungszyklus, findet sich ein Professor der einen ganz wichtigen Aufsatz verfasst, in dem er „lückenlos“ nachweist, dass die Natives verrückt sind und die hohle Nuss im „Gesundheitsministerium“ unbedingt die Pharma, die Couch, die Pille, die Zwangsjacke aktivieren müsste, sonst droht der Untergang.

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          1. Tatsächlich ist der Zwei-Klassen-Begriff an dieser Stelle von Marx (Das Kapital, Bd. 1) gelernt. Aber, wenn ich nicht irre, dann zielt der Artikel von Hrn. Kugler noch darüber hinaus. Denn im Marxismus haben wir das Begründungsproblem innerhalb der Dialektik, wie warum was aufhebt. Das hat Hegel, das hat Marx nicht genügend eruiert. Mit dem Gedanken, sich auf das Positive zu beziehen wird dieses Begründungsproblem gelöst. Denn nur das Positive ist willens, das Negative miteinzubeziehen und zwar in einer Form, die das Negative mit dem Positiven ‚gut‘ verlinkt. Anders herum kommt es zu der oben apostrophierten schlechten ‚Konnexion‘ (Deleuze/Guattari). Wie aber, so bleibt die Frage, kommen beide Seiten ins Spiel? Und da handelt es sich einfach um eine Bildungsfrage. Wie wird Einseitigkeit vermieden? Einseitigkeit, also Autodidaktik (Bourdieu), wird dadurch vermieden, dass es ein Lehrer-Schüler-Verhältnis gibt (so z. B. Foucualt, Die Regierung des Selbst). Insofern bleibt Hr. Kugler seiner Linie treu, wenn er, was eher ungewöhnlich ist, die Kommentare selbst wieder kommentiert.

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            1. Gerhard Kugler 27. August 2018 um 15:08

              Mein Hintergrund ist eine pragmatistische Erkenntnistheorie: Begriffe haben keine essenzialistische Bedeutung. Sie sind Teil einer Handlungsvorbereitung oder eines Handlungsablaufs. Die („positiven“) Schönredner mag ich nicht, lasse sie halt reden. Wenn ich mich aufs Positive beziehe, dann greife ich das auf, was mir lohnenswert fürs Weiterkommen vorkommt. So habe ich es auch mit meinen Patienten gehalten. Es gab immer auch konstruktive Teile ihrer Lebensweise und Auffassung. Auf sie wollte ich mich stützen, ohne ihre Klagen und Beschwerden zu missachten. Die sollten darin einfach mitgenommen werden.
              So ist für mich das Positive deshalb das Wichtigere, weil es Teil meines eingreifenden Handelns ist oder sein kann. Insofern ist ihm das Negative tatsächlich untergeordnet.
              G.K.

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              1. Aber noch mal naiv gefragt: Wie stellen Sie sich das vor? Soweit ich das überblicke, sind die Klassifikationssysteme DSM und ICD ERRUNGENSCHAFTEN, weil sie es ermöglichen, Personen, die an der einen oder anderen psychischen Krankheit leiden, auch an ganz anderen Orten, von einem ganz anderen Arzt, in ihrer Krankheit (wieder) erkennen zu können! Hier wird etwas standardisiert und damit wiederholbar gemacht, was nicht nur die Kommunikation unter den Ärzten gewaltig verbessert. Und das Schöne daran ist: der Wiedererkennungseffekt macht auch vor nationalen Grenzen nicht halt!
                Wie wollen Sie diese kommunikative Stärke des Systems überbieten? Theoretisch ist mir das, was Sie sagen, nach der Diskussion soweit „klar“, da stehe ich voll zu Ihnen. Aber praktisch…? Liegt in der Institutionalisierung nicht auch eine Stärke, gerade gegenüber denjenigen, die ohne die Institution verloren wären: Untergebutterte, Arme, Sieche? „Natürlich“ ist es immer eine Frage der Ausgewogenheit von zu viel und zu wenig Institution. Aber die Ettiketierung (wohlgemerkt: nicht die Vulgärettiketierung) gibt dem Kranken doch auch eine Chance, und zwar die, mit dem bisherigen Wissen der Medizin konfrontiert und dadurch vielleicht (sogar) geheilt zu werden!
                (Dass das mit den Klassifikationssystemen nicht so klappt, wie man sich das vorstellt, spielt für das Argument, wie ich glaube, keine Rolle. Entscheidend ist die Institutionalisierung, die es den Kranken ein wenig ‚bequemer‘ einrichtet.
                Auch bei Seite lassen wir die hier formulierte Vorstellung eines „Fortschritts“ des Wissens, was aus offensichtlichen Gründen angezweifelt werden kann; der Mensch geht nach der Mode und nicht die Mode nach dem Menschen.
                Auch „geheilt“ ist in dem Zusammenhang vielleicht ein zweifelhafter Begriff, aber wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende mit…)
                Das ist doch auch eine ‚Positivierung‘, die Ihrer Anschauung nach vor unserem System nicht halt machen dürfte. Und Schönrednerei ist es nicht, ich betreibe hier keine PR. Schlussendlich muss man doch, wenn man Ihrer Argumentation folgt, letzten Endes auch das zugeben: Dass der Kapitalismus, egal wie *sch* das System ist, auch etwas Gutes an sich hat: Denn, es ginge alles noch schlimmer!

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                1. Gerhard Kugler 28. August 2018 um 7:34

                  Ich habe doch im Text geschrieben: „Die Feststellung einer psychischen Erkrankung ist in der aufgeklärten Gesellschaft sozial-, arbeits- und strafrechtlich ein Fortschritt gegenüber der in der Vergangenheit üblichen pauschalen Ächtung oder gar Wegsperrung der „Unnormalen“.“ Doch die Einsortierung einer psychopathologischen Störung durch die Fachleute ist oft verschieden, so dass schon da die Verständigung leidet. Ich habe dazu ein anderes System vorgeschlagen, das m.E. ganzheitlicher den Leidenden in sein Lebensfeld stellt. Wen’s interessiert, der kann sich gerne an mich wenden.
                  Mit Schönreden habe ich nicht Sie gemeint.
                  G.K.

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        2. Jürgen Elsen 27. August 2018 um 13:43

          Das ist doch irre: Kann man im System noch psychisch gesund sein?
          … ist die Ausgangsfrage … in der aus meiner Erkenntnis auch schon die Antwort implizit ist:

          Solange wir Menschen von Systemen sprechen und denken ist das ziemlich irre, dies auf das Leben und die „Psyche“ zu beziehen. Denn wenn man etwas Wesensfremdes in das Wesen (z.B. Erde) kolportiert und es dort wirksam werden läßt, dann kann das eben nur eines tun: der Gesundheit des Wesens schaden … (ich unterscheide also zwischen Wesen und System!!!)

          Heute haben doch die meisten Menschen immer noch Angst davor, ein Elephant, eine Sau oder ein Stock zu sein.
          Sie haben kein Vertrauen, sich selbst aufzugeben, ganz in ein Wesen einzusteigen…

          Diese Angst ist darin begründet, nie das eigene Wesen bewußt gewesen zu SEIN, sondern immer das FREMDE „sein“ zu müssen (Gruß an die BILDung).

          Immer braucht es eine extrapolierte Instanz, eine „Außenstelle“ und damit konsolidiert sich immer weiter der Sturz in Entzweiung (Bifurkation, „Gabel des Teufels“), ins wesenslose Aufdröseln des Aufdröselns…

          Klar, ist eben in erster Linie Männersache, wie man(n) hier wieder bemerken kann ;-)

          VonSeiten: danke für die amüsante Beschreibung, die eigentlich nur dazu anregen kann, wieder neu Natives zu werden :-)

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  13. Ich möchte noch einmal ins Detail gehen, das zu den unsinnigsten Vorgängen gehört. Da benutzen wir ein Geldsystem, das zu Kriegen führt, das es zuläßt, dass wesentlich Arbeiten für die Gemeinschaft nicht durchgeführt werden können, weil Geld fehlt. Da müssen ganze Völker hungern, weil Geld fehlt. So könnte man noch viele Schwierigkeiten anführen, die wegen Geldmangel nicht gelöst werden können, obwohl Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Dabei ist Geld nichts Anderes als Zahlen in einem Computer. Und nicht in einem Land gibt es so viel Verstand, eine andere Art Umgang zu pflegen. Da gibt aber die Geldbesitzenden, die sich täglich freuen, dass ihnen Geld zufließt, ohne einen Finger zu rühren. Da muss es sich wohl um eine große psychische Störung handeln.

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    1. Für diese Störung gibt es viele Namen: kognitive Dissoziation, Sündenfall usw…. summa summarum sind da zwei Treiber: Bequemlichkeit (Komfortzone) und Angst (vor Veränderung bzw. Verlust).

      Bequemlichkeit:
      kaum jemand steht vom Tisch auf, solange auch nur ein paar Krümel dort liegt auch wenn es absehbar ist, daß demnächst ganz Ebbe ist. Die Menschen starren auf den Krümel und beschwören die wundersame Brotvermehrung.
      Dann kommt die Katastophe, die krasse Ebbe und nimmt das ganze Denken und Handeln ein und ein Organisieren, Strukturieren ist wieder nicht möglich (bleibt also bei den „Alten“).

      Angst:
      vor Krümelverlust …

      So sieht es bei den meisten aus, sie zittern vor einer „Staatsgewalt“, die sie eigentlich selbst sind, und hetzten sich selbst gegenseitig auf den Hals…

      Da war doch kürzlich jemand vor dem BGH und hat es hinbekommen, daß die BaFin einen Riegel vor ihre Aktionen geschoben bekommt und nun in Regress gekommen werden kann. Dafür hat der Mann fast zwei Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen. Und jetzt hätten wir die Möglichkeit das ganze Geldsystem zu kippen ..

      Oh … wo sind denn die, die da mitmachen, die das Zinses-Zins-Sklavensystem so schlimm finden und jaulen, wenn da nur ein Bruchteil von denen mitmachen würde, die da jaulen ???

      Angst – Bequemlichkeit …

      Naja, also: wenn das die Ursache ist, dann folgt bald darauf die Wirkung (= Quittung) nämlich noch mehr Leid …
      Is halt so wie es is ;-)

      Ich bin übrigen jetzt am Wochenende dort auf der Messe … könnte jeder hin …nee, lieber nicht, da gibt es bestimmt eine sehr gute Ausrede ;-)

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