Der innere Raum – Teil 8: „Wahn und Wirklichkeit“

Was sehen wir im anderen, wenn unser Gehirn verliebt ist? Wenn uns die Liebe gefunden hat und uns einen anderen Blick schenkt? Ja, dieser Blick erweitert, lässt uns in Welten sehen, die weit ab dieser Wirklichkeit über uns schweben und zu denen wir nur Zugang erlangen, wenn wir uns bedingungslos in sie fallen lassen. Aber dieser Blick vernebelt auch. Verfälscht und kann mit den falschen Hoffnungen und notgestopften Wünschen tödlich für alles wirken.

Ich will küssen, aber ich will „etwas“ küssen. Nicht jemanden. Auch nicht dich.

Ich will liebkosen, aber ich will das Gefühl selbst liebkosen. Ich will „es“, was aber nicht materiell ist. Nicht im Sinne eines physikalischen, auf messbaren Atomen basierenden Körpers mit biologischem, mehrzelligem Charakter.

Wenn ich „es“ in eine Gestalt packen müsste, dann würde es eine weiß strahlende Person ergeben. Von einigen Menschen vielleicht als Engel bezeichnet, hätte sie für mich nur eine sehr unscharfe, namenlose Form. Nicht weil sie dem menschlichen Auge zu hell erschiene, sondern weil sie aus den positiven Konstellationen von Gefühlen und Menschen, zur Erschaffung von Situationen, genannt Erfahrungen, zusammengekommen, bestünde. Diese Konstellationen, über kurze oder sehr lange Zeiträume entstanden, ergäben einen verschwommenen Umriss aus Lebensfäden.

Du bist der Träger, der Bote, der Überbringer. Nicht die Gestalt dessen selbst. Aber durch das Tragen des Botengewandes, was die Insignien dieser Gestalt trägt, entsteht der illusorische Wahn, du seist diese Person. Aber so will ich es nicht. Ich will es als wahrheitlich; zwischen uns. Ich will die Rosa-Rote-Brille in unserer Beziehung nicht. Denn sie verfälscht meinen Blick. Verfälscht das Bild, was der Menschheit Beziehungen zeigen will.

Ich will die Wirklichkeit in der Beziehung und dadurch ein wirkliches Sehen der Dinge und kein subjektiv gefiltertes rosa Einhorn, was Regenbögen pupst. Und sich bei jeglicher Realitätskonfrontation in den bösen Drachen von Rapunzel verwandelt und wild Feuer spuckend alles zum schmelzen bringt, weil ich mich von meinem eigenen Gehirn habe übertölpeln lassen. Ich will keine betäubte kurze Nacht, in der ich mich der manipulativen Macht des nach Liebe dürstenden Wahns ergeben habe. Aus der sich nur ein nüchternes, schmerzendes, nur nach dem betäubenden Nochmal gierendes Suchen ergibt. Ich will nicht in fremdem Bett erwachen und mich erkennen. Ich will das natürliche Wachsen nicht durch die Übereuphorie einer kurzen Affäre ersticken. Ich will das bodenlose Entschwinden der Gefühle aus diesem kurzen, einmaligen, euphorischen, höhepunktuellen, orgastischen Fallen heraus nicht. Denn das ist es nicht. „Es“ kann weit tragen. Aber es steckt die zerbrechliche Vielleichtheit in uns. Wir kennen uns noch nicht lange und doch erschien, fast sichtbar, eine starke und alte Verbindung zwischen uns. Das bekannte Gefühl, sich gerade erst kennengelernt zu haben und doch zu spüren, man kenne sich schon ein Leben lang.


Foto: Sergey Pesterev (Unsplash.com)


 

 

 

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  1. Uwe leonhardt 5. April 2018 um 17:42

    Ja, Alex,
    so ein „Es“ gibt tatsächlich – ist so ziemlich das Schönste, was einem passieren kann. Vielleicht sollten Sie es nicht gleich in ein Gedankenkorsett pressen. Das Es ist zu allem fähig und macht wie eine Katze, nur das, zu was es gerade Lust hat. Wir gehen hier auch die idealisierte Gefahr ein, das so wunderschöne Gefühl der Reinheit zu überhöhen. Macht aber nichts – wenn Sie es fühlen können, ist es richtig, jedenfalls im Jetzt.

    L.G.
    Uwe Leonhardt

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    1. Nein, ein Gedankenkorsett ist es nicht. So sehe ich es nicht. Es sind die tapsigen, unsicheren, ersten Schritte eines unschuldigen Kindes. Es sind unbeholfene Handschläge, die die Größe vom „es“ nur ankratzen können. Ich versuch es für mich und andere verstehbar zu gestalten, aber bisher ist die schiere Größe nicht beschrieben. Und besser ist es glaube ich nur schwer möglich. Daran haben schon viele Künstler gearbeitet und ihren Teil der Beschreibung dessen der Welt gegeben.

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  2. „Ich will…“ – gestaltet/erschafft Leben/Materie, was das „es“ ermöglicht.
    „Nicht wollen“ ist Liebe – alles ist („gut“) so wie „es“ ist.
    Man kann „es“ nicht wollen, weil man „es“ immer ist und es sonst nichts gibt.

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  3. Uwe leonhardt 6. April 2018 um 5:52

    Vertrauen wagen, damit wir leben können…… DAS ES findet nur den, der auch zum Gefunden werden bereit ist. Bei kleinen Kindern gibt es oft das Urvertrauen, was im Heranwachsen schnell verloren gehen kann. Die grosse Schwester Vergebung kann dem Es die Türe öffnen, doch dazu bedarf es auch liebevolle Eltern, Grosseltern und FREUNDE. Eine intakte Gesellschaft lässt dem Es freien Lauf – ja wirklich freie Hand.

    Euch allen einen sonnigen und herzlichen Tag!

    Uwe L.

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