Yuriko Yushimata – Angst

Frauen ekeln sich mittlerweile vor Körperhaaren. Sie finden sie widerlich, unhygienisch und scheuen keine Kosten für die Entfernung. Warum? Mit der nötigen Angst funktioniert jedes Business! Yuriko Yushimata lüftet in ihrer Kurzgeschichte das Geheimnis einer erfolgreichen Marketingkampagne.

Sie konnte sich gerade noch an das Brett anklammern, bevor der Strudel sie ergriff. Doch es half nichts. Immer schneller drehte sich alles, sie sah die Gesichter zu sich herabschauen, Alltagsgesichter, fühllos. Dann wachte sie auf. Wieder eine Nacht, in der sie keinen Schlaf fand. Es war das vierte oder fünfte Mal, dass sie hochfuhr. Sie stand auf und ging ins Bad. Kaltes Wasser half, dann Kaffee und Morgengymnastik. Vier Stunden Schlaf mussten reichen.

Auf der Sitzung sah man ihr nichts an. Sie hatte sorgsam darauf geachtet alle Spuren der Nacht zu verwischen.

Der Wirkstoff ‚Synam‘, das neue Produkt, schlug nicht an, es wurde nicht gekauft. Dabei war viel investiert worden. Der Konzern war einer der größten am Markt für Beauty- und Healthprodukte.

Sie war als Feuerwehr hierher geschickt worden. Der Leiter des Marketing erläuterte gerade die bisherige Kampagne. Sie hörte nur halb zu und dachte an die Nacht und an das Gefühl zu ertrinken. Der Mann hörte auf zu sprechen. Alle am Tisch sahen zu ihr.

Sie nickte, dann blätterte sie in den verteilten Unterlagen, sah die Herren und die eine Frau außer ihr in der Runde an und ließ ein bisschen Zeit verstreichen. Sie sorgte dafür, dass ihr die Skepsis deutlich anzusehen war und fing an, als sie sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher war.

„Eine Positivkampagne, Positivkampagnen bringen in einem umkämpften Marktsegment kaum etwas. Sehen Sie, es geht nicht darum, Ihnen Fehler nachzuweisen, sondern Perspektiven zu entwickeln. Die Verknüpfung eines Produktes mit einem positiven Assoziationsraum ist nicht falsch, führt aber alleine heute nicht zum gewünschten Ergebnis. Wir brauchen etwas Zwingenderes. Eine Kampagne, die der Kundin einflüstert, das kannst Du kaufen und damit tust Du dir etwas Gutes, reicht heute nicht hin, wir brauchen eine Kampagne, die ihr vermittelt, das musst Du kaufen, um zu überleben in dieser Welt.

Nehmen Sie das Beispiel der Produkte zur Körperhaarentfernung.

Frauen haben inzwischen Angst vor Körperhaaren. Sie finden sie widerlich, unhygienisch. Sie scheuen keine Kosten für die Entfernung. Das ist unser Erfolg. Sicher nicht nur von unserem Konzern allein, aber auch unser Erfolg. Wir haben systematisch daran gearbeitet.

Und wir arbeiten weiter daran.

In den eigentlichen Kampagnen zu Enthaarungsmitteln wird das Thema nur am Rand berührt. Wir betonen eher das angenehme Hautgefühl, das Gefühl der Reinheit und die Attraktivität. Aber gleichzeitig liefern wir den Redaktionen der unterschiedlichen Magazine, den Jugendzeitschriften, den Beratungsseiten im Internet, den medizinischen Ratgeberseiten maßgeschneiderte Artikel darüber, wie Mädchen und Frauen mit Körperhaaren leiden, weil sie als unattraktiv und schmutzig wahrgenommen werden und was sie dagegen tun können. Wir geben Tipps für den Bikinisommer am Strand und wir geben implizit, immer nur implizit, denen, die sich nicht die Körperhaare entfernen, die Schuld an ihrer eigenen Ausgrenzung. Dabei ist die Lösung immer nur einen Klick entfernt. Und wir verknüpfen das Thema Körperbehaarung kaum merklich mit den sexuellen Ängsten und den Versagensängsten.

So wird eine erfolgreiche Kampagne gemacht.“

Sie machte eine kurze Pause, sie hatte jetzt die volle Aufmerksamkeit, dann fuhr sie fort.

„Die Menschen sind voller Ängste. Die Welt wird als immer unsicherer wahrgenommen. Das ist unser Kapital, das Kapital, auf dem eine gute Produktkampagne aufbauen sollte und das wir ausbauen müssen. Geben Sie den Kundinnen einen Fokus für ihre Ängste, etwas, auf das sie all ihre Verunsicherung projizieren können, und dann weisen Sie ganz nebenbei auf das Produkt als Lösung hin.“

Sie sah in die Runde.

„Ich warte auf Vorschläge.“

Natürlich kam erst mal nichts Sinnvolles. Aber zumindest ein jüngerer Mitarbeiter schien begriffen zu haben, was sie gesagt hatte. Nachdem sie kurz mit dem Leiter der Abteilung gesprochen hatte, sprach sie ihn an. Sie nahm ihn mit zu einer Unterredung. Die Blicke, die ihnen folgten, als sie die Abteilung verließ, kannte sie schon. Solange sie Erfolg hatte, konnte ihr das egal sein.

Sie gingen in eine nahe gelegene Bar und plauderten. Er war intelligent und hatte tatsächlich begriffen, was sie gesagt hatte. Sie sprachen einige Ideen durch. Er war charmant. Sie kannte das.

Für Männer, die ein paar Jahre jünger waren, ging eine unwiderstehliche Anziehungskraft von Frauen aus, die ihnen überlegen waren, eine höhere Position hatten.

Sie blieb distanziert und war doch eindeutig. Für eine Nacht ohne Angstschweiß würde es reichen.

Zur Sitzung am nächsten Morgen kamen sie getrennt an. Er begriff, was die Professionalität von ihm verlangte. Sie hatte das nicht anders erwartet.
Beim Frühstück hatten sie noch eine Idee entwickelt. Sie überließ es ihm, sie vorzustellen.

Zuerst war er etwas unsicher, aber dann machte er seine Sache gut. Er stand auf und hielt eine aktuelle Tageszeitung hoch.

Die Schlagzeile warnte vor der Pferdegrippe.

„Wovor haben die Menschen heute am meisten Angst? Lesen wir dazu die Schlagzeilen, schauen wir uns Filme im Kino an oder schauen wir, welche Bücher Bestseller werden.
Viren, Viren und Infektionen, das Fremde, das unerkannt in uns eindringt, uns von innen aushöhlt und unseren Körper übernimmt, gegen uns arbeiten lässt, das sind die zentralen Bilder der Angst der Moderne.

Wie können wir uns das zunutze machen?“

Der junge Mann sah im Kreis die anderen Teilnehmer der Sitzung an, pausierte einen kurzen Augenblick, dann fuhr er fort.

„Der Wirkstoff ‚Synam‘ hilft gegen keinen bekannten Virus. Ich weiß das so gut wie Sie.

Aber was hindert uns daran, einen unbekannten Virus zu postulieren, gegen den nur ‚Synam‘ hilft, als einziger verlässlicher Wirkstoff. Einen Virus, der mit den bekannten Methoden nicht nachgewiesen werden kann und der deshalb um so gefährlicher ist. Kann doch niemand davor sicher sein, bereits zu den Infizierten zu gehören. Ein Virus, der im Verdacht steht verantwortlich zu sein für viele Erkrankungen und Todesfälle, die bisher keiner Ursache eindeutig zugeordnet werden konnten.

Und umfangreiche Schadenersatzprozesse sind ausgeschlossen. Selbst wenn die Unwirksamkeit von ‚Synam‘ nachgewiesen werden würde, wäre es doch nur die Unwirksamkeit bezogen auf einen nichtexistenten Virus. Ein Schaden entsteht dadurch nicht.

Ich denke, dies ist die Lösung unseres Problems.“

Die Diskussion verlor sich dann schnell in den Details.

Das war nicht ihre Aufgabe.

Nach der Sitzung hörte sie, wie die junge Kollegin, die einzige andere Frau in der Sitzung, den jungen Mann fragte, ob dies nicht unmoralisch wäre.

Er schüttelte den Kopf.

„Wir geben der Angst der Menschen doch nur ein Gefäß, darin können sie sie sicher verwahren und wir liefern ihnen mit ‚Synam‘ gleich eine Möglichkeit, etwas gegen die Angst zu tun.

Im gewissen Sinn helfen wir den Menschen, mit ihren Ängsten klar zu kommen. Natürlich nicht uneigennützig. Aber auch ein Psychotherapeut lässt sich bezahlen.

Und die katholische Kirche hat sich früher auch die Ablassbriefe bezahlen lassen. Ich finde nichts Unmoralisches daran, den Menschen Erleichterung zu verschaffen.“

Sie sah aus dem Fenster, der junge Mann begriff schnell. Er würde sicher bald weiter aufsteigen in der Hierarchie.

Die Informationen über den Virus verbreiteten sich schnell, nachdem sie die ersten Texte verbreitet hatten. Gerade die Nichtnachweisbarkeit des Virus beunruhigte, da keine wissen konnte, ob sie nicht schon infiziert war. Und Todesfälle und Erkrankungen, bei denen die Ursachen nicht wirklich geklärt waren, gab es reichlich. Die Menschen griffen dies begierig auf. Der Konzern unterstützte auch eine Selbsthilfegruppe von Opfern des Virus und ihren Angehörigen, die sich in kurzer Zeit bildete. Immer neue Texte tauchten auf, längst stand hinter den wenigsten der Konzern, ein Selbstläufer.

Der Wirkstoff ‚Synam‘ war nun eines der Topprodukte des Konzerns.

Einige Monate lief alles gut, doch dann kam es in einigen Städten zu Unruhen, da kurzfristig ein Lieferengpass aufgetreten war. Es gab zwei Tote. Langsam wurde die Angst der Menschen vor dem Virus immer irrationaler. Sie vermuteten ihn überall, schließlich war er nicht messbar.

Dann wurde der Wirkstoff ‚Synam‘ von einem angesehenen Fachwissenschaftler in einer Fernsehenthüllungssendung als völlig unnütz bezeichnet. Im Internet machten Berichte die Runde über Menschen, die trotz ‚Synam‘ an unbekannten Ursachen gestorben waren. In einschlägigen Medien wurden die ersten Verdächtigungen laut über eine geheime Verschwörung im Hintergrund, die den Virus absichtlich freigesetzt hätte.

Der Name des Konzerns fiel dabei immer wieder und die Vermutung, dass er zusammen mit dem Wirkstoff ‚Synam‘ entwickelt worden wäre.

Die Panik richtete sich nun zunehmend auf den Konzern. Die Verschwörungstheorien, dass der Konzern den Virus in geheimen Biolaboren entwickelt hätte, um den Wirkstoff ‚Synam‘ besser verkaufen zu können, ergriff immer weitere Kreise und wurde auch in seriösen Medien diskutiert. Die Marketingabteilung versuchte umzusteuern und Beweise für die Nichtexistenz des Virus zu verbreiten. Als dies bekannt wurde, führte dies erst recht dazu, dass die Menschen davon ausgingen, dass der Konzern diesen gefährlichen Virus auf die Menschheit losgelassen hätte und nun alles verharmlosen wollte.

Wie sollten sie beweisen, dass es einen Virus, der nicht existierte, nicht gab?

Dann entführte eine terroristische Gruppe den Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerns.

Der alte Mann saß zitternd vor seinen Entführern auf einem Stuhl. Er war mit Handschellen hinten an die Stuhlbeine gefesselt. Die junge maskierte Frau vor ihm glaubte ihm kein Wort. Ihr kleiner Bruder war aufgrund unbekannter Ursachen erkrankt und dann an einer Gehirnblutung verstorben. Sie schlug den alten Mann mit der Waffe. Sie wollten ein Geständnis. Doch der alte Mann begann nur zu wimmern.

Er wurde von ihnen zum Tode verurteilt. Die Leiche schickten sie in Einzelteilen mit der Post an den Konzern.

Die Panik in der Bevölkerung nahm weiter zu, obwohl Wissenschaftler im Fernsehen darstellten, dass die Anzahl der Todesfälle aufgrund unbekannter Ursachen in den letzten zehn Jahren sogar leicht gefallen war. Die Menschen sahen darin nur den Versuch, die Wahrheit zu vertuschen.

Das Parlament setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Mehrere hohe Manager des Konzerns wurden festgenommen.

Die Frau war inzwischen bei einem anderen Konzern beschäftigt. Ihre Rolle bei der Vermarktung des Wirkstoffs ‚Synam‘ hatte sie schon fast vergessen, als der Mord am Aufsichtsratsvorsitzenden über die Bildschirme lief.

Die Menschen waren vollständig wahnsinnig. Wie konnten Menschen so etwas tun?

Ihre Alpträume waren in der letzten Zeit immer schlimmer geworden. Und es hatte sich lange keine Affäre mehr zur Ablenkung ergeben.

Sie nahm an diesem Abend die ganze Röhre Schlaftabletten. Sie konnte die Alpträume nicht mehr ertragen, sie wollte schlafen, einfach schlafen, ohne Angst.

Auch Sie?

Sie halten dies hier für unterhaltsam. Aber wieso hatten Sie dieses koddrige Gefühl vor einigen Tagen? Und die Kopfschmerzen? Und was ist mit den Menschen, die Ihnen nahe sind?

Viren sind überall. Sie nutzen jede Chance.

Morgen vielleicht schon.

Vielleicht hat dieses Buch vorher ein Todkranker berührt, nicht aus Böswilligkeit, nur Zufall.

Ein dummer Zufall.

Vielleicht sind sie schon so gut wie tot.

Das passiert.

Glauben Sie mir.

FIN


Der Ausgangspunkt für die Science (Social) Fiction Short Stories von Yuriko Yushimata bildet die menschliche Angst vor Viren und Seuchen. Die Realität wird in absurden, aber pointierten Zuspitzungen literarisch ausgeleuchtet. Yuriko Yushimata wurde als Distanzsetzung zur Realität entworfen. Es handelt sich um eine fiktionale und bewusst entfremdete Autorinnenposition, die über die Realität schreibt. Die Sammlung der Science Fiction Kurzgeschichten erschien im Herbst 2014 unter dem Titel „Virus Mutant“ und befindet sich im Archiv der HerausgeberInnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche.


Foto: Joshua Coleman (Unsplash.com)


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