Was uns verbindet: Piero Giorgi über Empathie, Solidarität und Kooperation

Wir haben die menschlichen Charakteristiken immer weiter verloren und stattdessen Gewalt kulturell angenommen, weil das der Minderheit dient, die die modernen in Schichten aufgeteilten Gesellschaften regieren.

Im Zuge der Vorbereitungen für das Europäische Humanistische Forum 2018 wurden teilnehmende Rednerinnen und Redner zu den Ideen befragt, die hinter dem Forum stehen. Der italienische Neurologe Piero P. Giorgi wird in Madrid über humanistische und gewaltfreie Erziehung sprechen. Seine Ausbildung führte ihn zuerst nach Bologna, dann ins Vereinigte Königreich, weiter in die Schweiz und schließlich nach Australien. An der Universität of Queensland in Brisbane rief er den Studiengang „Peace Studies“ (Friedensstudien) ins Leben. 2005 ging er in den Ruhestand. Reto Thumiger hat mit Piero P. Giorgi über das gesprochen, was uns alle verbindet: Empathie, Solidarität, Kooperation, Gewaltfreiheit, Spiritualität und Respekt gegenüber der Natur.

Reto Thumiger: Piero, was hat damals Dein Interesse für Frieden und Gewaltfreiheit geweckt?

Piero P. Giorgi: 1986 wurde mir während eines Palmsonntag-Friedensmarsches bewusst, dass Frieden eigentlich studiert gehört und nicht auf der Straße gefordert. Dann dachte ich mir, dass ich meine Kenntnisse über das menschliche Gehirn und unsere Verhaltensmuster nutzen sollte, um die Ursache von Gewalt zu recherchieren.

Dreißig Jahre und viele Publikationen später kann ich voller Zuversicht die neue Hypothese der gewaltfreien menschlichen Natur – das hat nichts mit Jean-Jacques Rousseau zu tun – präsentieren, die von sechs multidisziplinären wissenschaftlichen Beweisen unterstützt wird. Der Begriff „menschliche Natur“ bezieht sich dabei auf unsere biologisch-kulturelle – nicht nur biologische – Evolution. [1]

Es gibt viele, die die Menschheit durch eine „darwinistische Brille“ sehen, also als Produkt des Überlebenskampfes, dem sogenannten „Survival of the Fittest“, dem Überleben des Stärkeren. Manche glauben, die Gewalt sei von Natur aus Teil des Menschen. Wie siehst Du das?

Als kurze Einführung ist es notwendig zu wissen, dass erstens die Begriffe „Evolution“ und „Survival of the Fittest“, beide inkorrekt, nie von Charles Darwin verwendet wurden, sondern von Herbert Spencer, der kein Wissenschaftler, sondern schon fast ein Scharlatan war, und zweitens, dass die Transmutation der Spezies erstmals von Jean B. Lamarck 1809 [2] vorgeschlagen wurde, wohingegen Darwin die natürliche Selektion 1859 [3] „nur“ als Mechanismus zur Erklärung der Transmutation der Spezies verwendete.

Warum erwähnen die Medien und die Lehrpläne in den Schulen immer nur Darwin, wenn es um die „Evolution“ geht, und nicht Lamarck oder modernere Autoren wie Julian Huxley, George G. Simpson, Francisco J. Ayala etc., die eine korrekte, aktualisierte Sichtweise dieser so wichtigen Theorie der Biologie anbieten? Warum wird die falsche Terminologie von H. Spencer immer Darwin zugeschrieben und warum wurde dies so erfolgreich in der öffentlichen Meinung verankert? Leider ist auch die Wissenschaft nicht frei von politischem Einfluss.

Darüber hinaus wird die falsche Idee, dass der Mensch „von Natur aus“ gewalttätig sei, und die bereits vor Jahrzehnten widerlegt wurde, immer noch von Regierungen, die sich gerne selber aus der Verpflichtung entlassen, radikale soziale Veränderungen einzuführen, um Gewalt zu verhindern, von höheren Klassen der Gesellschaft, die sich „von Natur aus“ dazu berufen fühlen, die Geschicke der Menschheit zu leiten, sowie auch von Mittelschichten der Gesellschaft, die sich von der Aussicht, ihren eigenen Lebensstil und konservative Haltung ändern zu müssen, bedrängt fühlen, unterstützt.

Nichtsdestotrotz liefert jetzt eine steigende Anzahl von Wissenschaftlern, besonders Neurologen und Anthropologen, aussagekräftige Beweise, die die neue Idee unterstützen, dass unsere Spezies, Homo sapiens, von Natur aus gewaltfrei ist – im Bezug auf die biologisch-kulturelle, nicht die genetische Entwicklung –, und dass Gewalt erst relativ spät, vor ca. 5.000 bis 6.000 Jahren, durch einen „rapiden“ kulturellen Prozess erstmals auftrat. [4]

Diese Tragödie in der Geschichte der Menschheit erschien nach der Erfindung der Produktion von Lebensmitteln und dem damit verbundenen Entstehen von großen, nach Schichten aufgeteilten menschliche Siedlungen, wobei wir schrittweise unsere Menschlichkeit durch die Einführung von struktureller Gewalt, direkter Gewalt und von Kriegen verloren haben.

Jetzt, da wir wissen, wer wir sind, und dass wir von Natur aus gewaltfrei sind, können wir damit beginnen, das hohe Maß der verschiedenen Formen von Gewalt gegen Menschen und gegen die Umwelt zu reduzieren.

Du wirst im Arbeitsbereich Humanistische und gewaltfreie Erziehung sprechen. Kannst Du uns etwas zu den Themen sagen, die Deiner Ansicht nach in diesem Arbeitsbereich weiter entwickelt werden sollten?

Erziehung geschieht auf vielfältige Weise, nicht nur in der formalen Schulbildung. Die effektivste „Erziehung“ könnte nonverbal in den ersten 5 Jahren passieren: die Beziehungen zwischen Müttern und ihren Babys könnten komplett anders sein, als sie es momentan sind; die sozialen Modelle, die Kleinkindern vorgelebt werden (und die auf natürliche Weise von ihnen imitiert werden) könnten komplett anders sein, als sie es momentan sind. Während der ersten fünf Lebensjahre haben wir die Möglichkeit, gewaltfreie Menschen zu bilden, aber wir tun es nicht.

Während einer weiteren wichtigen Lebensphase, zwischen fünf und fünfzehn Jahren, könnten wir die formale Schuldbildung dann dazu nutzen, um selbst denkende Bürger zu bilden, also kreative und sozialisierte junge Menschen, aber momentan bilden wir lieber gehorsame Schüler und zukünftige konservative Konsumenten aus, wobei konservativ in diesem Fall strukturell gewalttätig bedeutet.

Heranwachsende Menschen behalten sich immer noch einen gewissen Idealismus – der interessanterweise nicht gewollt ist –, der sowohl in eine destruktive als auch in eine konstruktive Richtung münden kann. Nochmals, konstruktive soziale Modelle könnten diese Wahl beeinflussen, aber momentan sind sie sehr rar und werden von den Massenmedien ignoriert.

Junge Menschen sind in der Regel viel zu sehr damit beschäftigt, in den Konkurrenzkampf des Konsums einzusteigen, als dass ein so unkonventioneller Lebensstil wie die Gewaltfreiheit gepflegt werden könnte. Die wenigen Fälle, in denen das gelingt, sind zu selten, um die dringend notwendige Wandlung zur gewaltfreien Gesellschaft zu schaffen – wir sind eine Spezies, die von der Auslöschung bedroht ist.

Hohes Alter könnte mit verspäteten weisen Einsichten überraschen, aber dann ist es zu spät, um eine effektive Rolle zu spielen.

Die Idee hinter dem Forum ist es, Menschen aus verschiedensten Fachgebieten zusammenzubringen und gemeinsam das zu entdecken, „was uns verbindet“. Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, dass dieses Forum stattfindet und was ist es Deiner Meinung nach, was uns verbindet?

Als Wissenschaftler, der die menschliche Natur studiert, habe ich schon immer nach Gemeinsamkeiten zwischen Menschen gesucht. Philosophen, Soziologen und klassische Anthropologen haben sich dagegen auf die Unterschiede der ca. 6.000 bis 7.000 menschlichen Kulturen konzentriert, die auf der Erde existieren, und folgerten daraus, dass es unmöglich sei, die menschliche Natur zu definieren.

Ich folge hingegen modernen Ideen von evolutionären Biologen und entdeckte mehrere Beweise dafür, dass der Homo sapiens des Paläolithikums, also vor mindestens 50.000 Jahren oder noch früher, gewaltfrei war. Interessanterweise sind auch alle heute noch existierenden Nomadenvölker, die nach dem Jäger-Sammler-Prinzip leben (an die 20 Völker), ebenfalls gewaltfrei. Diese beiden von unserer Gesellschaft weit entfernten Modelle stellen die wahre Natur des Menschen dar und können dazu dienen, die menschliche Natur zu definieren – Achtung: J.J. Rousseau hat damit nichts zu tun.

Das ist es, was uns verbinden könnte: Empathie, Solidarität, Kooperation, Gewaltfreiheit, Spiritualität – nicht Religion – und Respekt gegenüber der Natur. Aber wir haben all diese menschlichen Charakteristiken immer weiter verloren und stattdessen Gewalt kulturell angenommen, indem wir Kinder äußerst effektiv dazu erziehen, Gewalt zu akzeptieren und auszuüben, weil das der Minderheit dient, die die modernen in Schichten aufgeteilten Gesellschaften regieren.


Weiterführende Informationen

Humanistisches Forum 2018 in Madrid

Freitag bis Sonntag, 11. – 13. Mai 2018, Madrid

Vorträge, Workshops, Diskussionen und Vernetzung mit Aktivisten und Vertretern sozialer Organisationen und Initiativen sowie Teilnehmern u.a. aus Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien und dem Irak. Themenfelder u.a.:

Eröffnungsplenum

Freitag, 11. Mai von 17.00 – 20.30 Uhr

Auditorium der Fakultät der Bildungswissenschaften der UNED

Facultad de Educación – UNED
C/ Juan del Rosal, 14
28040 Madrid

Veranstaltungen und Workshops

Samstag und Sonntag, 12./13. Mai 2018

Centro Cultural El Pozo del Tio Raimundo

Eintritt frei / freiwillige Unterstützung möglich

Es ist noch Zeit, sich zu registrieren!

Die Registrierung für das Forum ist noch offen, und du hast noch Zeit deine Freunde einzuladen! Schicke den Einlandungsbanner an deine Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen in deiner Organisation und ermutige sie am Humanistischen Forum 2018 teilzunehmen. Je mehr Standpunkte vertreten sind, desto reicher werden die Schlussfolgerungen sein.

Mehr Details …

Was uns verbindet Humanistisches Forum 2018


[1] Essential references on Peace Studies. Auf: http://www.pierogiorgi.org/detailed-academic-cv-and-publications/peace-studies/ [abgerufen: 23.04.2018]

[2] Jean-Baptiste Chevalier de Lamarck (1744-1829) war ein französischer Botaniker, Zoologe und Entwicklungsbiologe. Lamarck ist der Begründer der modernen Zoologie der wirbellosen Tiere. Er legte als erster eine ausformulierte Evolutionstheorie vor. Diese umfasst als Hauptprinzip eine gerichtete Höherentwicklung durch wiederholte Urzeugung entstandener Lebewesen, durch die die einzelnen Klassen entstehen; und als Nebenprinzip die seiner Ansicht nach mögliche Vererbung erworbener Eigenschaften, Mehr Informationen auf Wikipedia. [abgerufen: 23.04.2018]

[3] Charles Robert Darwin (1809-1882) war ein britischer Naturforscher, der wegen seiner Beiträge zur Evolutionstheorie als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler überhaupt angesehen wird. Darwin entwarf 1838 seine Theorie der Anpassung an den Lebensraum durch Variation und natürliche Selektion und erklärte so die phylogenetische Entwicklung aller Organismen und ihre Aufspaltung in verschiedene Arten. Mehr Informationen auf Wikipedia. [abgerufen: 23.04.2018]

[4] New ideas of human nature: Anthropology – The invention of violence. Auf: http://www.pierogiorgi.org/detailed-academic-cv-and-publications/peace-studies/ [abgerufen: 23.04.2018]


Foto/Banner: Humanistisches Forum


Frau zeigt das Peace Zeichen in einem VW Käfer. (Foto: Jeremy Bishop, Unsplash.com)

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  1. Gerhard Kugler 24. April 2018 um 8:04

    Von der amerikanischen Evolutionsforscherin Lynn Margulis habe ich erst in neuerer Zeit erfahren. Die zeigt ja den Gegenpol zur Durchsetzung des Stärkeren auf. Und mein laienhafter Überblick über die kulturelle Evolution stimmt mit Piero Giorgis Sicht überein, dass die Aggression erst über die letzten vielleicht 5 Jahrtausende so gewuchert ist.
    Unsere jetzige Wirtschafts-Gesellschafts-Form züchtet die Aggression ja geradezu. Bis in die Details. Damit das nicht sofort ins Bodenlose führt, müssen die staatlichen Sicherungs-Kräfte ausgebaut werden. Dabei unterstützen schon die Herrschaftsgläubigen die Seite der Aggression. Sie identifizieren sich ja mit den Herrschenden, und die fühlen die Mehrheit hinter sich, um immer wieder loszuschlagen.
    Hebel gegen die Wucherungen der Aggression muss man wohl an vielen Stellen ansetzen. Vor allem aber in der Praxis des Gegenteils: einer flexiblen Streitkultur, die sich wirklich mit dem Anderen immer wieder zusammen- und auseinandersetzt.
    G.K.

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  2. Jürgen Elsen 24. April 2018 um 9:19

    >Wir haben die … Gewalt kulturell angenommen, weil das der Minderheit dient …

    Das Ausmaß der Gewalt, sowohl intrapersonal wie auch menschheitsübergreifend, korreliert mit der Total-Identifikation des Menschen-Ichs mit dem Verstand.
    Der Verstand ist der Generator von Trennung also Zersplitterung. HIerdurch ruft er gleichzeitig die Notwendigkeit hervor, daß das Teil (z.B. nur ein Gedankensplitter, mit dem sich dann der Mensch identifiziert), um eben dieser Zersplitterungstendenz nicht weiter zu verfallen, auf Teufel komm raus verteidigt werden muß (was aber wiederum die Zersplitterung vorantreibt)!

    Der Verstand kann nicht anders, als den Fokus auf das „Teil“ zu legen – und damit muß sich ein „Teil“ gegen den anderen behaupten. Das ist das Herrsche.

    Wir haben die Gewalt also angenommen, weil wir, der Einzelne, sich dem Verstandesdenken unterworfen hat.
    Und genau daheraus werden „Darwins Dichtungen“ hervorgenommen. Der Verstand propagiert und erzeugt genau die „Theorien“, die seinem gewaltsamen, zersplitterndem Wesen entsprechen …

    Gerade das Deutsche aber trägt in sich die Überwindung dieses Denkens. Das zeigt nicht nur der deutsche Idealismus, Menschen wie Goethe, Rudolf Steiner oder die Begründer der „neuen Physik“ (auch alles Deutsche). Aber auch z.B. eine Endosymbionten-Theorie, wie sie der Russe Konstantin Sergejewitsch Mereschkowski aufstellte, zeigt, daß eben die Natur selbst völlig anders funktioniert, wie es uns der Verstand weiß machen will.

    Ja, man kann von Konkurrenz (= gewaltsame Behauptung) sprechen. Man könnte aber auch sehen, daß Konkurrenz und Kooperation NICHT auf einer Achse liegen, keine Polarität bilden, sondern: die Kooperation benutze die Konkurrenz als ihr Mittel.
    Eingebettet in der Kooperation ist die Konkurrenz ein sportliches Mittel der Qualitätssicherung nämlich im Sinne der Kooperation …

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  3. „Die effektivste „Erziehung“ könnte nonverbal in den ersten 5 Jahren passieren…“

    Unsere Kinder sind unsere Zukunft und eine nonverbale „Erziehung“ würde die Aufmerksamkeit auf sich selbst (Ursache) und seine Mitmenschen/Umwelt (Wirkung)
    mehr hervorheben, anstatt das „Sein“ und die Kausalität im Äusseren zu suchen.
    Dies würde nachhaltig unsere Gesellschaft im Einklang mit sich selbst verändern.
    Mensch und Natur im Mittelpunkt. Spiritualität als Lebensführung.

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