Einfach mutmaßlich: Neutrale Medien, neutrale Konsumenten?!

Können Mediennutzer tatsächlich Neutralität bei der Berichterstattung erwarten oder müssen sie bei jedem Medium von Parteilichkeit ausgehen?

Ich schreibe im Folgenden nicht von Naturwissenschaft, sondern über einen Teil von Gesellschaftswissenschaft. Wie funktioniert die Informationsübermittlung über Entfernungen hinweg oder wie sollte sie funktionieren?

Wenn wir Fernsehen, Radio oder Zeitungen nutzen, nutzen wir sie, um über interessante Dinge zu erfahren, die oft weit von uns weg passieren. Zur Verbesserung der Zuverlässigkeit benutzen wir manchmal auch mehrere Medien. Wir wollen uns ja nichts vorgaukeln lassen. Können wir bei Berichten – also nicht Kommentaren – Neutralität erwarten oder müssen wir bei jedem Medium von Parteilichkeit ausgehen?

Mutmaßlich nicht neutral

Die Berichte der Medien tun oft neutral, sachlich. Und schon das ist verdächtig. Hier täuschen sie uns etwas vor. Sie können nicht neutral sein. Wenn sie sich dessen selbst nicht bewusst sind, ist es noch schlimmer. Dann sollen wir uns auf Naivlinge verlassen, wo es um hochbrisante Dinge geht wie etwa den Frieden auf der Welt.

Die Qualität jedes Berichts hängt von Eingriffen auf seine Gestaltung ab. Es beginnt mit der Auswahl von Ort, Geschehnissen und Menschen. Hinzu kommt die Auswahl der Bilder, der Fragen an Menschen dort. Und verpackt werden kann auch alles sehr unterschiedlich. Man kann ständig von „mutmaßlich“ schreiben oder reden, bis es der Aufnehmende für erwiesen oder wenigstens wahrscheinlich hält. Auch wenn nichts dran ist. Soll ich einmal einen Artikel über die mutmaßlichen Medien-Lügner schreiben? In jedem Satz „mutmaßlich“? Nein, diese Suggestions-Mittel übernehme ich nicht.

Vor Ort passiert noch ein wichtiger Eingriff: Wie wirken die Reporter auf den Beobachteten und Befragten? Verschließen sich die Menschen, reden sie, wie es der Reporter erwartet? Haben sie Konsequenzen ihrer gesellschaftlichen Umgebung zu erwarten? Überall ist angebliche Neutralität nicht möglich.

Wer vorgibt, neutral zu sein, verdient von vorneweg unser Misstrauen. Medien sollten ihre Positionen deutlich machen, so differenziert wie sie können. Ein Schritt weiter wären Sichtweisen aus gegensätzlichen Positionen. Doch wenn ihnen das mal ansatzweise beziehungsweise unabsichtlich gelingt, wie der ZDF-Heute-Sendung, sind sie ganz bestürzt und rudern zurück. [1]

Die andere Position einnehmen

Sollen wir dann nur das glauben, was uns das Medium vermittelt, dessen Position wir teilen? Und wie steht es denn mit unserer eigenen Neutralität? Wir wählen Medien und Themen aus. Schon da geht sie verloren, unsere Neutralität. Und dann kommen Begriffe vor, die bei uns emotional besetzt sind. Donald Trump kann es angeblich nicht ertragen, wenn Kinder gequält werden. Da setzt dann jede Vernunft aus. Wir lesen vom tiefen Staat in den USA und wissen schon alles.

Uns bleibt nichts anderes, als auch mal innerlich die Gegenposition einzunehmen, obgleich es mir schwerfällt, die des Juristen Heiko Maas einzunehmen, der im Fall Skripal die Strafe verhängt oder billigt, wo die Ermittlungen kaum angelaufen sind. Soll ich annehmen, er denkt nur in „Gut“ und „Böse? Und Amerika ist immer gut, sonst wäre es nicht so mächtig? Oder: Wladimir Putin kann nur hinterhältig sein! Er sieht schon so aus? Kann Maas so simpel denken? Oder denkt er einfach, dass er den USA immer zustimmen muss. Die Transatlantiker-Elite hat ihn doch nach vorn gebracht. Ach, jetzt bin ich schon wieder in der Gegenposition zu ihm gelandet! Sein Wirken und Auftreten hat bei mir so viel Abneigung hinterlassen. Ich kann bei ihm aus diesem Betrachtungswinkel nicht mehr raus.

„Ich will nicht neutral sein!“

Muss ich denn überall verständnisvoll sein? Ganz und gar nicht. Denn ich will nicht neutral sein. Ich will mich einmischen. Möglichst besonnen, aber auch entschieden. „Neutral Sein“ greift auch ein: indem es alles so lässt, wie es ist.

Noch mehr als bisher halte ich mich nicht mehr zurück: Trump, Theresa May und Emmanuel Macron haben völkerrechtlich das Verbrechen der Aggression begangen, sind also Verbrecher. Angela Merkel ist damit Unterstützerin krimineller Vereinigungen. Viele Medien zeigen ihre Parteilichkeit in Richtung Kriegsbefürwortung.

Und sie tun immer wieder, als seien sie unparteiisch. Oder sie müssten doch ganz selbstverständlich die Position der USA unterstützen, da diese Freiheit und Demokratie verteidigen. Angesichts der Lügen und Grausamkeiten der USA in den letzten Jahrzehnten in Vietnam, Irak, Libyen oder Jemen kommt das der Unterstützung der Mafia gleich. Ähnlich drückt es Ullrich Mies in seinem Beitrag „Demokratie als Fassade“ aus.

Meine Parteilichkeit ziehe ich nicht mit Scheuklappen durch. Ich bin doch ein lebendiger Mensch und kann immer wieder die Stimmigkeit überprüfen, auch wenn ich nicht am Ort des Geschehens bin.

„Mir geht es nicht gut, wenn es nur mir gut geht.“

In den jüngsten Konflikten ist für mich vieles deutlicher geworden als jemals zuvor. Vor allem der Unterschied zwischen Wort und Tat. Der ist wenigstens ab und zu überprüfbar. Auch über weite Entfernungen. Wer von Werten labert, es aber in der Tat daran fehlen lässt, hat meine Achtung verloren.

Aber ich muss natürlich bedenken, dass ich in gewissem Maße mit den Verbrechern kooperiere: Ich nutze die Vorteile der ersten Welt, weil diese den Postkolonialismus aufrechterhalten. Vielleicht verstehe ich Merkel, Maas und Co. jetzt. Die wollen doch nur, dass es mir gut geht! Dabei scheinen sie lediglich ans Heute zu denken, nicht ans Morgen. Auf jeden Fall denken sie nur an einen bestimmten Teil der Menschen, denen es gut gehen soll. Mir geht es aber nicht gut, wenn es nur mir gut geht.

Ja, ich praktiziere immer noch wenigstens teilweise eine imperiale Lebensweise. Noch bediene ich mich zu oft an den ökologischen und sozialen Ressourcen andernorts. [2] Das kann ich nicht von heute auf morgen ändern. Aber ich bin dran: In Richtung einer solidarischen Lebensweise.

In diesem Prozess leiste ich mir immer mehr Absetzung von der herrschenden Öffentlichkeit, die von Medien wie der ARD bestimmt wird. Mir reicht nicht die verbale Distanz. Die juckt die Herrscher nicht, solange ich nicht zur Tat schreite: Zur nachhaltigen und gemeinschaftlichen.


Gerhard Kugler ist Psychologischer Psychotherapeut. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie.Über den Autor: Gerhard Kugler (Jahrgang 1946) ist Psychologischer Psychotherapeut im Ruhestand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und der Gesellschaft für kontextuelle Verhaltenswissenschaften (DGKV), deren Therapieansatz die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist. Auf seiner Homepage www.erlebnisoffen.de finden sich weitere Informationen und Blog-Einträge.


[1] Vorsicht, Realität! Auf https://www.rubikon.news/artikel/vorsicht-realitat [abgerufen: 26.04.2018]

[2] Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom-Verlag. München 2017.


Foto: Adam Whitlock (Unsplash.com) und Gerhard Kugler.


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  1. Uwe leonhardt 26. April 2018 um 19:40

    Mir geht es auch nicht gut, wenn es nur mir und dir gut geht!
    Wie hoch wollen wir die Latte legen, damit es uns allen auf der Welt so gut geht, dass Leben lebenswert bleibt respektive wird?
    Wir müssen für den sozialen Flächenbrand kontrollierte kleine Feuer anzünden, die keine Angst machen, die die Menschen anziehen, die uns im Herzen füreinander erwärmen und an denen wir uns schöne Lieder vorsingen – zum Mitsingen. Wo man singt, da lass dich ruhig nieder – böse Menschen kennen keine Lieder! Meistens.

    L.G. an Sie Herr Kugler und an alle, die frohen und reinen Herzens sind!

    U.L.

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