Arbeit – Gemeinschaft – Politik – Krieg

„Alle werden nach ihrer Meinung über alle Einzelheiten gefragt, um sie davon abzuhalten, eine Meinung über die Gesamtheit zu haben.“ (Raoul Vaneigem)

Um uns herum sehen wir eine Welt, die außerhalb unserer Kontrolle liegt. Unser täglicher Überlebenskampf richtet sich gegen eine immense und sich ständig verändernde Kulisse …

… von der Naturkatastrophe zum Terroranschlag hinüberwechseln … von der neusten Diät zur neusten Hungersnot … vom Promi-Sexskandal zur politischen Korruptionsaffäre … vom Religionskrieg zum Wirtschaftswunder … von aufmerksamkeitsheischender Werbung zu Klischee-TV-Propaganda gegen die Regierung … von Ratschlägen, wie man zum perfekten Liebhaber wird, zu Vorschlägen, wie man Sportfans vom Randalieren abhalten kann … von neuen Polizeiübergriffen zu aktuellen Gesundheitsproblemen …

Überall laufen die gleichen Prozesse ab … in demokratischen und in totalitären Regierungen … in Unternehmen und in Familienbetrieben … in Cheeseburgern und in Tofu … in Opern, Volksmusik und Hip-Hop … in jedem Land und in jeder Sprache … in Gefängnissen, in Schulen, in Spitälern, in Fabriken, in Bürotürmen, in Kriegsgebieten und in Lebensmittelgeschäften. Etwas frisst unser Leben auf und spuckt Bilder daraus zurück in unser Gesicht.

Dieses Etwas ist das Produkt unserer eigenen Aktivität, unseres täglichen Arbeitslebens, das verkauft wird, Stunde für Stunde, Woche für Woche, Generation für Generation. Wir haben kein Vermögen und kein Geschäft, mit dem wir Geld verdienen können. Also sind wir gezwungen, unsere Zeit und Kraft jemand anderem zu verkaufen. Wir sind die moderne Arbeiterklasse, die Proletinnen.

Arbeit

„Das Kapital ist tote Arbeit, die, vampirgleich, nur durch das Einsaugen lebendiger Arbeit lebt und die um so mehr lebt, je mehr lebendige Arbeit sie einsaugt.“ (Karl Marx)

Wir arbeiten nicht, weil wir wollen. Wir arbeiten, weil es keinen anderen Weg gibt, um Geld zu verdienen.

Wir verkaufen unsere Zeit und unsere Kraft einem Boss, um die Dinge kaufen zu können, die wir brauchen, um zu überleben.

Wir sind mit anderen Arbeiterinnen zusammengebracht worden. Uns sind unterschiedliche Aufgaben zugeteilt. Wir sind spezialisiert auf verschiedene Aspekte der Arbeit und wiederholen diese Abläufe immer wieder und wieder.

Unsere Zeit auf der Arbeit ist nicht wirklich ein Teil unserer Leben. Es ist tote Zeit, kontrolliert von unseren Vorgesetzten und Managern.

Während unserer Arbeitszeit produzieren wir Dinge, die unsere Bosse verkaufen können. Diese Dinge sind Objekte wie Baumwollleibchen, Computer und Wolkenkratzer oder Qualitäten wie saubere Böden oder gesunde Patienten oder Dienstleistungen wie einen Bus, der dich dort hinbringt, wo du hin willst, ein Kellner, der deine Bestellung entgegennimmt oder jemand, der dich zu Hause anruft und versucht, dich dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die du nicht brauchst.

Die Arbeit wird nicht wegen dem, was sie produziert, getan. Wir tun sie, um bezahlt zu werden, und die Bosse bezahlen uns dafür, um Gewinn zu machen.

Am Ende des Tages tätigen die Bosse mit dem Geld, das wir für sie erarbeitet haben, Neuanschaffungen und vergrößern ihr Geschäft. Unsere Arbeit ist gespeichert in den Dingen, die unsere Bosse besitzen und verkaufen, sie ist Kapital.

Sie sind immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten unsere Aktivität in Dingen zu speichern, nach neuen Märkten, um diese zu verkaufen und nach neuen Menschen, die nichts zu verkaufen haben außer ihrer Zeit und Energie, um für „sie“ zu arbeiten.

Was wir durch unsere Arbeit bekommen, ist genug Geld, um Miete, Kleider, Essen und Bier bezahlen zu können, genug, damit wir wieder zurück zur Arbeit gehen. Wenn wir nicht arbeiten, verbringen wir die Zeit damit zur Arbeit hin- oder zurückzufahren, uns auf die Arbeit vorzubereiten, uns auszuruhen, weil wir erschöpft sind von der Arbeit, oder uns zu betrinken, um die Arbeit zu vergessen.

Das Einzige, das schlimmer ist als Arbeit, ist sie nicht zu haben. Dann vergeuden wir Wochen damit, nach Arbeit zu suchen, ohne dafür bezahlt zu werden. Wenn es Sozialgeld gibt, dann ist es eine nervenaufreibende Anstrengung, um es zu bekommen und es ist niemals so viel, wie mit Arbeiten verdient werden kann. Die andauernde Gefahr der Arbeitslosigkeit ist es, was uns dazu bringt, jeden Tag wieder zur Arbeit zu gehen.

Und unsere Arbeit ist die Grundlage dieser Gesellschaft. Die Macht unserer Bosse, die sie daraus ziehen, wird jedes Mal, wenn wir arbeiten, größer. Sie ist die dominante Macht in jedem Land der Welt.

Während der Arbeit sind wir unter Kontrolle unserer Bosse und der Märkte, auf denen sie verkaufen. Aber eine unsichtbare Hand zwingt auch dem Rest unserer Leben eine arbeitsähnliche Disziplin und Sinnlosigkeit auf. Das Leben erscheint als eine Art Show, die wir von außen betrachten, aber keine Kontrolle darüber haben.

Alle möglichen anderen Aktivitäten verändern sich immer mehr in der Weise, dass sie ebenso entfremdend, langweilig und stressig werden wie Arbeit: Hausarbeit, Schule, Freizeit. Das ist Kapitalismus.

Anti-Arbeit

„Selbstverständlich sind die Kapitalistinnen sehr zufrieden mit dem kapitalistischen System. Warum sollten sie nicht? Sie werden ja reich damit.“ (Alexander Berkman)

Arbeit wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Es kommt darauf an, auf welcher Seite man ist.

Für unsere Bosse ist Arbeit der Weg, um aus ihrem Geld mehr Geld zu machen.

Für uns ist Arbeit ein mühsamer Weg, um zu überleben. Je weniger sie uns zahlen, umso weniger bekommen wir. Je schneller das Arbeitstempo ist, das sie uns auferlegen, desto härter müssen wir arbeiten.

Unsere Interessen sind gegensätzlich. Es gibt einen immerwährenden Kampf zwischen Bossen und Arbeitern, während der Arbeit und im Rest der Gesellschaft, die auf Arbeit basiert. Je mehr wir für die Miete oder das Busbillett bezahlen müssen, umso mehr müssen wir arbeiten, um unsere Miete oder unser Busbillett bezahlen zu können.

Der aktuelle Stand der Löhne, Profite, Länge des Arbeitstages, Arbeitsbedingungen und ebenso der Politik, Kunst und Technologie sind Ausdruck des aktuellen Standes dieses Klassenkampfs. Wenn wir in diesem Kampf ganz einfach für unsere eigenen Interessen einstehen, ist dies der Anfangspunkt, um den Kapitalismus auszuhöhlen.

Gemeinschaft

„Nun, es ist Zeit, dass jede Rebellin die Tatsache begreift, dass ‚das Volk‘ und die Arbeiterklasse nichts miteinander gemein haben.“ (Joe Hill)

Die Zivilisation ist tief gespalten. Die meisten von uns verbringen die meiste Zeit mit Arbeit und sind meist arm, während die Besitzenden, die meistens reich sind, unsere Arbeit organisieren und damit Profit machen.

Sämtliche Gemeinschaften und Einrichtungen dieser Gesellschaft sind rund um diese grundlegende Spaltung herum aufgebaut.

Es gibt ethnische, kulturelle und sprachliche Gemeinschaften und Abgrenzungen. Es gibt Abgrenzungen und Gemeinschaften aufgrund von Geschlecht und Alter. Es gibt die Gemeinschaft von Nation und Staatsbürgerschaft, aber auch die Abgrenzung zwischen Nationen und diejenige zwischen Menschen mit einer Staatsangehörigkeit und solchen ohne. Wir sind getrennt und vereint durch Religion und Ideologie. Wir werden zusammengebracht, um auf dem Markt zu kaufen und zu verkaufen.

Manche dieser Identitäten gibt es schon seit Jahrtausenden. Manche sind ein direkter Ausdruck dessen, wie wir heute arbeiten. Doch alle sind rund um das Kapital organisiert. Sie alle werden dazu benutzt, unsere Bosse darin zu unterstützen, noch mehr unserer toten Zeit anzuhäufen und in Dingen zu speichern. Sie dienen auch dazu, dass die grundlegende Spaltung in dieser Gesellschaft nicht dazu führt, dass die Gesellschaft auseinandergerissen wird.

Arme Menschen eines Landes können dazu gebracht werden, sich mit ihren Bossen aus demselben Land zu identifizieren und können dazu gebracht werden, arme Menschen aus anderen Ländern zu bekämpfen.

Arbeiterinnen haben mehr Mühe einen Streik zusammen mit Arbeiterinnen zu organisieren, die anders aussehen und eine andere Sprache sprechen, vor allem wenn eine Gruppe denkt, sie sei besser als die andere.

Diese Abgrenzungen und Gemeinsamkeiten sind ein Abbild der Arbeitsteilung in der Arbeitswelt.

Während einige dieser Abgrenzungen und einander ausschließenden Gemeinschaften uns aufgezwängt werden, so wird uns andererseits eine alles umfassende menschliche Gemeinschaft verkauft. Diese Gemeinschaft ist nur eine Einbildung und gibt es nicht. Sie verdeckt die grundlegende Spaltung in dieser Gesellschaft.

Geschäftsleute kontrollieren die Regierung und die Medien, die Schulen und die Gefängnisse, die Sozialämter und die Polizei. Unser Leben wird von ihnen bestimmt.

Die Zeitungen und das Fernsehen verbreiten ihre Sicht der Welt.

Die Schulen lehren über die großartige oder unglückliche Geschichte ihrer Gesellschaft und schaffen eine Vielzahl von Ausgebildeten und Durchgefallenen, zurechtgemacht für unterschiedliche Arten von Arbeit.

Die Regierung stellt Dienstleistungen zur Verfügung, damit die Gesellschaft reibungslos funktioniert.

Und wenn alles Andere misslingt, haben sie die Polizei, die Gefängnisse und die Armee.

Dies ist nicht unsere Gemeinschaft.

Anti-Gemeinschaft

„Die Macht, die die Bourgeoisie in der jetzigen Periode noch besitzt, ist durch den Mangel an geistiger Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Proletariats begründet.“ (Anton Pannekoek)

Sie organisieren uns gegeneinander, aber wir können uns gegen sie organisieren.

Wenn über Klasse und „die Proleten“ geredet wird, geht es letztlich darum, daran festzuhalten, dass Leute aus unterschiedlichen „Gemeinschaften“ im Grunde ähnliche Erfahrungen teilen und dass Leute aus denselben „Gemeinschaften“ einander eigentlich hassen sollten. Das ist der Anfang vom Kampf gegen die bestehenden Gemeinschaften. Wenn wir damit beginnen, für unsere eigenen Interessen zu kämpfen, erkennen wir, dass andere das Gleiche tun. Vorurteile verblassen und unsere Wut richtet sich nach dort, wo sie hingehört.

Wir sind nicht schwach, weil wir gespalten sind. Wir sind gespalten, weil wir schwach sind.

Die bestehenden Gemeinschaften werden unwichtig, wenn sie angegriffen werden, und sie werden angegriffen, indem sie unwichtig werden.

Rassismus und Sexismus verlieren ihre Anziehungskraft, wenn arbeitende Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft Seite an Seite ihre Klassenfeinde bekämpfen. Und der Kampf wird umso effektiver, wenn Leute aus unterschiedlichen „Gemeinschaften“ mit eingeschlossen sind.

Es wird nicht mehr nötig sein, für alles, was gekauft und verkauft werden kann, einen Gegenwert, d.h. Geld, zu haben. Denn es wird nicht mehr nötig sein, die Arbeitszeit, die in diesen Dingen gespeichert ist, zu messen. Doch dies kann nur geschehen, wenn wir Dinge tun und herstellen, weil wir sie brauchen, und nicht um sie zu tauschen.

Es wird keine Regierung mehr nötig sein, um die Gesellschaft zu verwalten, wenn die Gesellschaft nicht zwischen Management und Arbeitskraft gespalten ist, wenn die Leute ihr Leben selbst organisieren. Es werden keine nationalen oder ethnischen Gemeinschaften mehr nötig sein, und es könnte eine menschliche Gemeinschaft geben, wenn die Gesellschaft nicht mehr in Reich und Arm gespalten ist.

Der Weg um diese Umstände zu erschaffen, liegt im Kampf gegen die bestehenden Umstände.

Diese Idee, eine Gemeinschaft zu erschaffen, indem gegen unsere Lebensbedingungen gekämpft wird, und deshalb auch gegen Arbeit, Geld, Tausch, Grenzen, Nationen, Regierungen, Polizei, Religion und Rasse, wurde einmal „Kommunismus“ genannt.

Politik

„Je mehr wir regiert werden, desto weniger sind wir frei.“ (The Alarm)

Die Regierung ist das Modell für politische Betätigung. Politikerinnen vertreten verschiedene Länder, Regionen oder „Gemeinschaften“, die sich untereinander streiten. Wir werden dazu aufgerufen, diejenigen Führer zu unterstützen, mit denen wir die geringsten Meinungsverschiedenheiten haben, und wir sind nie wirklich überrascht, wenn sie uns bescheißen.

Seine Herkunft aus der Arbeiterklasse oder seine radikalen Ideen werden wertlos, sobald ein Politiker zu regieren beginnt.

Egal, wer in der Regierung ist, die Regierung hat ihre eigene Logik.

Der Umstand, dass diese Gesellschaft in Klassen mit gegensätzlichen Interessen gespalten ist, bringt ein andauerndes Risiko des Auseinanderreißens eben dieser Gesellschaft mit sich. Die Regierung kümmert sich darum, dass dies nicht geschieht.

Egal ob die Regierung eine Diktatur oder eine Demokratie ist, sie besitzt alle Gewehre und wird diese gegen die eigene Bevölkerung einsetzen, um sicher zu sein, dass wir weiterhin zur Arbeit gehen.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte eine extrem angespannte Situation in einem Land stabilisiert werden, indem sämtliche Industriezweige des Landes verstaatlicht wurden, ein Polizeistaat aufgebaut, und das Ganze „Kommunismus“ genannt wurde.

Diese Art von Kapitalismus stellte sich als weniger effizient und flexibel heraus als der gute, alte Kapitalismus des freien Marktes. Seit dem Fall der Sowjetunion gibt es keine Rote Armee mehr, die einmarschieren und Länder auf diese Weise stabilisieren kann, und die weltweit existierenden Kommunistischen Parteien wandeln sich zu normalen Sozialdemokratien.

Eine Arbeiterpartei ist ein Widerspruch in sich selbst, und zwar nicht deshalb, weil es für eine Partei unmöglich wäre, größtenteils Arbeiterinnen als Parteimitglieder zu haben, sondern weil das Möglichste, das sie tun kann, darin besteht, der Arbeiterklasse in der Politik eine Stimme zu geben. Unsere Vertreterinnen bringen Ideen vor, wie unsere Bosse diese Gesellschaft organisieren sollen, wie sie Geld machen und uns unter Kontrolle halten können. Egal ob sie sich für Verstaatlichung oder Privatisierung aussprechen, für mehr Sozialstaat oder mehr Polizei (oder für beides), die Programme politischer Parteien sind unterschiedliche Strategien zur Verwaltung des Kapitalismus.

Leider existiert die Politik auch außerhalb der Regierung. Führer von Gemeinschaften, professionelle Aktivistinnen und Gewerkschaften wollen sich zwischen Arbeiterinnen und Bosse stellen, um Vermittler, Unterhändlerinnen, Kommunikationsmittel, Vertreterinnen und schließlich Friedenstifter zu sein. Sie kämpfen darum, diese Position zu behalten. Um dies zu erreichen, müssen sie die Arbeiterklasse auf kontrollierte Weise mobilisieren, um Druck auf wirtschaftsorientierte Politiker auszuüben und gleichzeitig der Wirtschaft eine Arbeitskraft präsentieren, die bereit ist zu arbeiten. Das bedeutet, dass sie uns stoppen müssen, wenn wir beginnen zurückzuschlagen. Manchmal tun sie dies, indem sie Zugeständnisse aushandeln, manchmal, indem sie uns verraten.

Politikerinnen rufen uns immer zur Abstimmung, sagen uns, dass wir uns zurücklehnen sollen und den Organisator verhandeln lassen sollen. Auf diese Weise passen wir uns den Führern und Spezialistinnen an und stellen uns mit einer Art passiven Beteiligung hinter sie. Diese Nicht-Regierungs-Politiker geben der Regierung die Möglichkeit, den Status quo auf friedliche Weise aufrechtzuerhalten, und im Gegenzug erhalten sie Jobs, um unsere Misere zu verwalten.

Politische Gruppen sind bürokratisch. Sie gleichen den Strukturen der Arbeitswelt, in der Aktivität von außen kontrolliert wird. Sie schaffen Spezialisten für Politik. Sie stützen sich auf eine Spaltung zwischen Führern und Geführten, zwischen Vertreterinnen und Vertretenen, zwischen Organisatoren und Organisierten. Dies hat seine Gründe nicht in einem falschen Aufbau dieser Organisationen, welche dann im Nachhinein mit einer großen Portion direkter Demokratie zurechtgebogen werden müssen. Es ist ein unmittelbarer Ausdruck davon, was politische Gruppen und Aktivitäten versuchen zu tun, nämlich einen Teil vom Kapitalismus zu verwalten.

Das Einzige, was uns an der Politik interessiert, ist deren Zerstörung.

Anti-Politik

„Der Anarchismus ist kein schönes Phantasiegebilde und keine abstrakte philosophische Idee, sondern eine soziale Bewegung der arbeitenden Massen.“ (Dielo Truda Gruppe)

Wenn wir damit beginnen, gegen unsere Lebensbedingungen zu kämpfen, entsteht eine völlig andere Art von Aktivität. Wir warten nicht auf einen Politiker, der die Dinge für uns ändern soll. Wir tun es selbst, zusammen mit anderen Arbeiterinnen und Arbeitern. Immer wenn es zu dieser Art von Arbeiterinnenwiderstand kommt, versuchen ihn Politiker in einer Flut von Petitionen, Lobbying und Wahlkampagnen zu ersticken. Doch wenn wir für uns selber kämpfen, dann sehen unsere Aktivitäten völlig anders aus als ihre. Wir nehmen den Vermietern ihren Besitz weg und brauchen ihn für uns selber. Wir benützen militante Methoden gegen unsere Bosse und beginnen, uns mit der Polizei zu prügeln. Wir bilden Gruppen, in denen alle an den Aktivitäten teilnehmen, und es gibt keine Spaltung zwischen Anführern und Gefolgsleuten. Wir kämpfen weder für unsere Führer noch für unsere Bosse oder für unser Land. Wir kämpfen für uns selber.

Dies ist nicht die vollkommene Form von Demokratie. Wir setzen unsere Bedürfnisse ohne Diskussion gegen die Gesellschaft durch, Bedürfnisse, die überall in unmittelbarem Gegensatz stehen zu den Interessen und Wünschen der reichen Leute. Es gibt keine Möglichkeit für uns, mit dieser Gesellschaft auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren.

Diese Idee von Arbeiterklassenkämpfen, aus der Regierung und Politik hinauszugehen und dagegen anzukämpfen und neue Formen der Organisation zu erschaffen, die unseren Glauben an nichts anderes knüpfen als an unsere eigenen Möglichkeiten, wurde einmal „Anarchismus“ genannt.

Krieg

„Lasst uns die Straßen, in denen die Wohlhabenden leben, verwüsten.“ (Lucy Parsons)

Also befinden wir uns in einem Krieg, einem Klassenkrieg. Es gibt keine Zusammensetzung von Ideen, Vorschlägen und Organisationsstrategien, die den Sieg herbeiführen können. Es gibt keine andere Lösung, als den Krieg zu gewinnen.

Solange die Initiative bei ihnen liegt, bleiben wir getrennt und passiv. Unsere Antwort auf unsere Lebensbedingungen ist individuell: Den Job hinschmeißen, in ein Quartier mit tieferen Mieten ziehen, sich Subkulturen und Gangs anschließen, Selbstmord begehen, Lottozettel kaufen, Drogenmissbrauch und Alkoholismus verfallen, in die Kirche gehen. Es scheint, als sei ihre Welt die einzig mögliche. Jede Hoffnung auf Veränderung wird auf einer imaginären Ebene ausgelebt, abgetrennt von unserem alltäglichen Leben. Dieses ist so wie immer, mit all den Krisen und Zerstörungen, die es hervorruft.

Wenn wir in die Offensive gehen, beginnen wir, uns selbst zu erkennen und gemeinsam zu kämpfen. Wir nutzen die Umstände, durch welche die Gesellschaft von uns abhängig ist, um diese zu stören. Wir streiken, sabotieren, randalieren, desertieren, meutern und übernehmen Eigentum. Wir gründen Organisationen, um unsere Aktivitäten zu verstärken und zu koordinieren. Es eröffnen sich uns allerhand neue Möglichkeiten.

Wir werden wagemutiger und aggressiver im Verfolgen unserer eigenen Klasseninteressen. Diese liegen nicht im Aufbau einer neuen Regierung oder darin, der neue Boss zu werden. Unsere Interessen liegen darin, dass wir mit unserer Art zu leben aufhören, und deshalb auch mit dieser Gesellschaft, die auf dieser Art zu leben basiert.

Wir sind die Arbeiterklasse, die Arbeit und Klasse abschaffen will. Wir sind die Gemeinschaft von Menschen, die die bestehende Gemeinschaft niederreißen will. Unser politisches Programm ist die Zerstörung der Politik. Um dies zu erreichen, müssen wir die subversiven Tendenzen, die schon jetzt existieren, voranbringen, bis wir überall die Gesellschaft verändert haben. Dies wurde einmal „Revolution“ genannt.


Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag, ein Gemeinschaftswerk eines anonymen Autorenkollektivs aus den USA, erschien unter dem Titel „Work – Community – Politics – War“ auf prole.info in englischer Sprache und u.a. in deutscher Übersetzung. Er bildet die Grundlage für eine im Jahr 2005/2006 im Comic-Stil illustrierte Einführung in die kapitalistische Gesellschaft, die aus der Position der Arbeiterklasse beschrieben wird. Die anarchistisch geprägte Analyse ist als fundamentale Kritik am Kapitalismus und der Klassengesellschaft anzusehen, die auch Gewerkschaften, Parteien und den Kommunismus nicht verschohnt. Das Werk ist im Handel erhältlich. Wir danken prole.info für die Zustimmung zur Veröffentlichung auf Neue Debatte.

Anmerkung: „Prole“ ist die Abkürzung für „proletarisch“. Der Philosoph und Ökonom Karl Marx verwendete das Wort Proletariat, um die Arbeiterklasse im Kapitalismus zu beschreiben. Gemeint sind alle Menschen in der Gesellschaft, die kein Eigentum und keine eigenen Produktionsmittel besitzen, durch die sie Geld zum Lebensunterhalt verdienen könnten. Sie sind gezwungen zu arbeiten und müssen ihre Kraft und Lebenszeit an die besitzende Klasse verkaufen. Die Arbeit bildet somit die Grundlage der Gesellschaft, die geteilt ist in wenige besitzende Menschen und in viele Besitzlose – die Arbeiterklasse.


Namensregister

Raoul Vaneigem (Jahrgang 1934) ist ein belgischer Künstler, Autor und Kulturphilosoph.

Karl Marx (1818-1883) war ein deutscher Philosoph, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker und Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Er ist der einflussreichste Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus.

Alexander Berkman (1870-1936) war ein Anarchist, Schriftsteller und ein führender Aktivist der anarchistischen Bewegung in den USA. Dort organisierte er Kampagnen für Menschenrechte und gegen den Krieg. Sein Werk „ABC des Anarchismus“ wird bis heute verlegt.

Joe Hill (1879-1915) war ein in Schweden geborener US-amerikanischer Hobo (Wanderarbeiter), Arbeiterführer, Gewerkschaftsaktivist, Sänger und Liedermacher. In einem Mordfall wurde er trotz magelhafter Beweise als möglicher Täter angeklagt. In dem Verfahren, das als Justizskandal in die US-Geschichte einging, wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Anton Pannekoek (1873-1960) war ein niederländischer Astronom, Astrophysiker und Theoretiker des Rätekommunismus.

Dielo Truda (auch Djelo Truda) war ein anarchistisches und plattformorientiertes Journal. Es wurde, je nach Quelle, erstmals 1925 oder 1926 von einer Gruppierung namens „Group of Russian Anarchists Abroad“ veröffentlicht. Ein anarchistisches Organisationsmodell, die synthetische Organisation oder auch Synthetizismus, wurde vorgeschlagen, um die wichtigsten Strömungen, den Anarchosyndikalismus, den Anarchistischen Kollektivismus und Anarchokommunismus sowie den Individualistischen Anarchismus zu verbinden.

Lucy Parsons (1853-1942) war eine radikale Aktivistin, Sozialistin und Anarchokommunistin sowie eine führende Persönlichkeit der US-amerikanischen Arbeiterbewegung. In Chicago beteiligte sie sich an der Zeitung The Alarm. Sie war Gründerin der Industrial Workers of the World.


Foto: prole.info


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  1. Jürgen Elsen 22. Mai 2018 um 7:34

    >Unsere Antwort auf unsere Lebensbedingungen ist individuell: Den Job hinschmeißen, in ein Quartier mit tieferen Mieten ziehen, sich Subkulturen und Gangs anschließen, Selbstmord begehen, Lottozettel kaufen, Drogenmissbrauch und Alkoholismus verfallen, in die Kirche gehen. Es scheint, als sei ihre [Anm.: die der Wohlhabenden, Geschäftsleute] Welt die einzig mögliche.

    Krieg, Offensive und Revolution ist in uns selbst angesagt: Schaffe ich (SELBST) die Desidentifikation der „Tausend Dinge“ (Alle werden über ihre Meinung der EINZELHEITEN gefragt). Das ist gleichbedeutend: schaffe ich die Desidentifikation mit meinem Verstand = ich bin nicht mein Verstand.

    Zweiter Punkt: gelingt mir der Weg in mein Herz = Wahrheit erkennen, Mut zum Handeln, bedingungslose Liebe.

    Das ist die wirkliche „Revolution“.
    Und im Übrigen gibt es seit 2012 eine gelebte Alternative. Niemand muß nur mehr in seinem „privaten Bereich“ etwas ändern oder REAGIEREN
    [Unsere Antwort auf unsere Lebensbedingungen ist individuell: Den Job hinschmeißen…]
    sondern könnte sich an dieser Initiative beteiligen. Würden dies nur 0,07% von 30 000 000 Millionen BRD´lern tun, hätten wir binnen 6 Monaten ein Schlaraffenland.
    Die Vision, welche teilweise schon umgesetzt ist findet sich hier:
    [HINWEIS ADMIN: Link nicht abrufbar. Link gelöscht.]

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  2. Gerhard Kugler 22. Mai 2018 um 7:59

    “ … stören … streiken, sabotieren, randalieren, desertieren, meutern …“ Der Tenor des Artikels strotzt vor Wissen, wie es gehen soll und weiß doch nur Destruktives. Klärungen werden in der Zweiteilung der Welt gesucht. Und sind angeblich schon gefunden. Der Artikel scheint mir nur wenige Menschen mitzunehmen, wohin es in eine bessere Welt geht. Diese wenigen eint er vielleicht, aber mit ihrer Ausgrenzung macht er sie eher hilfloser.
    Mir scheint es konstruktiver, wenn wir uns als Viren oder Bakterien begreifen, die schon überall drin sind, das Vorhandene nutzen und doch in eine andere Richtung gehen als die herrschende. Wir gestalten um statt zu zerstören. Wir nutzen den Teil in uns, der noch unbestochen ist. wir respektieren alle Unterschiede unter uns statt uns in eine randalierende Masse zu verwandeln.
    Insofern befruchten mich solche Artikel wieder. Weil sie mir zeigen, wo es nicht lang geht.
    G.K.

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    1. ich wollte diesen artikel einem jungen menschen schicken, der sich nicht wirklich für politik (und seine intrigen, spiele und hintergründe) interessiert – weil er super ausgebildet einfach keine arbeit findet – und er daran nicht verzweifeln soll … er hat keine ahnung/keinen plan, wie er sein leben gestalten soll, um nicht daran kaputt zu gehen …

      wenn ich jetzt ihren kommentar lese, so kann ich ihnen nur recht geben, weil der anarchistische ansatz nicht das gesamte fundament einer veränderung sein kann – ich möchte ihn nicht radikalisieren – es geht für mich nur differenzierter und dabei ist die anrachistische facette eine theoretische, die möglichweise zu überzeugungskraft führen kann – niemals jedoch in einer fundamentalen praxis

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      1. Gerhard Kugler 22. Mai 2018 um 11:50

        Den Anarchismus will ich keineswegs grundsätzlich schlecht machen. Er stellt staatliche Herrschaft in Frage. Mir ist er allerdings in den Artikeln, die ich dazu gelesen habe, zu individualistisch ausgerichtet.
        G.K.

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    2. streiken, desertieren, meutern … Wenn Arbeiter für ihre Rechte kämpfen und Soldaten ihre Waffe in den Graben werfen und nach Hause gehen, ist das höchst konstruktiv. „Wir gestalten um statt zu zerstören.“ Das Übernehmen von Eigentum, die Besetzung von leerstehenden Wohnungen und Häusern, die vergammeln, weil sie nicht genutzt werden, ist konstruktiv u. gestaltend. Eigentum verpflichtet, steht im GG. Wer die Verpflichtung ignoriert, dem muss das Eigentum weggenommen werden. Sabotage vor allem wegen schlechten Arbeitsbedingungen u. weil Leute mies behandelt werden (GründerSzene: https://www.gruenderszene.de/allgemein/jedes-zweite-deutsche-unternehmen-wird-sabotiert-und-bestohlen). Wird das geändert, wird weniger sabotiert. Randale bleibt als Argument für „Destruktives“.

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      1. Gerhard Kugler 22. Mai 2018 um 20:14

        Die Entgegnung gefällt mir.
        G.K.

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  3. Claus Meyer 1. Juli 2018 um 20:57

    Wann endlich lernen wir, dass wir so viele sind, jedoch nur über die direkte Demokratie könnten wir uns frei machen, müssen dafür aber viel Interesse und Einsatz aufbringen. Wollen wir das?

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